Der Brief des Paulus an die Philipper (0)
Einleitung

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 12.12.2020, aktualisiert: 04.02.2021

Einleitung

Der Anlass des Briefes

Dieser Brief ist ein Dankesbrief des Apostels Paulus an die Philipper für ihre praktische Unterstützung (dass sie ihn versorgt und ihm vielleicht eine finanzielle Gabe hatten zukommen lassen; vgl. Phil 4,18), die sie ihm geschickt hatten, als er in Rom in Gefangenschaft war. In seinem Brief an die Gläubigen in Philippi nutzte Paulus die Gelegenheit, sie über seine persönlichen Umstände auf dem Laufenden zu halten und darüber zu berichten, wie das Werk des Herrn in Rom voranschritt. Da er sich auch der Verfolgung bewusst war, der die Philipper sich täglich gegenübersahen, fügte er ein ermutigendes Wort hinzu: Sie sollten in ihrem Zeugnis festbleiben und auf dem Weg des Glaubens trotz der Widrigkeiten vorangehen. Er gab ihnen auch einige praktische Ratschläge, wie die Versammlung bewahrt bleiben konnte vor den Bemühungen des Feindes, sie durch interne Streitigkeiten zu zerstören.

Die Philipper waren die ersten Bekehrten des Paulus in Europa. Wir wissen aus der Apostelgeschichte, dass er diesen Ort mindestens dreimal besuchte (Apg 16,12-40; 20,1.3-6) – und jedes Mal, wenn er danach an sie dachte, brachte es Freude in sein Herz (Phil 1,4). Aus seinen Bemerkungen im Brief geht klar hervor, dass zwischen ihm und den Philippern große Zuneigung bestand (Phil 1,7). Es ist der bei weitem persönlichste und innigste Brief, den Paulus an eine Versammlung schrieb.

Es ist interessant, dass Paulus in seinem Brief an die Philipper nicht aus den alttestamentlichen Schriften zitiert. Das lag vielleicht daran, dass sie zumeist bekehrte Heiden waren, die mit diesen Schriften nicht vertraut waren. Bemerkenswert ist auch, dass der Brief, wenn überhaupt, nur sehr wenig Lehre enthält. Er berührt auch nicht das Thema Sünde und Sühnung. Vielmehr schreibt Paulus – tief bewegt von ihrer Liebe und Fürsorge, 1300 Kilometer von ihnen entfernt und mit einer Kette gefesselt – aus der Fülle seines Herzens, um ihnen für ihre Gabe zu danken und sie in praktischen Fragen, wie sie mit dem Herrn wandeln konnten, zu ermutigen. Wir sehen daraus: Obwohl Paulus in Gefangenschaft und nicht mehr frei war, sein apostolisches Amt unter den Versammlungen auszuüben, nutzte er jede Gelegenheit, um seinen Brüdern per Brief zu dienen. Die Ankunft des Epaphroditus mit der Gabe der Philipper bot ihm eine solche Gelegenheit. Er gab Epaphroditus diesen Brief mit, den dieser auf seiner Rückreise nach Philippi mitnehmen sollte.

Dieser sogenannte „Gefängnisbrief“ ergänzt zwei andere „Gefängnisbriefe“ (nämlich den an die Epheser und den an die Kolosser), die Paulus unter göttlicher Inspiration schrieb, während er in Rom eingekerkert war. In unseren Bibeln steht der Philipperbrief zwischen dem Epheserbrief und dem Kolosserbrief. Diese beiden Briefe entfalten die Wahrheit des Geheimnisses in seinem gegenwärtigen und in seinem zukünftigen Aspekt. Im Gegensatz dazu sehen wir im Philipperbrief einen Menschen, der im Licht der Wahrheit des Geheimnisses wandelt und aus seiner persönlichen Freude darüber spricht. Folglich gibt uns der Philipperbrief ein Bild des Seelenzustandes, der jemand kennzeichnen sollte, der die Wahrheit des Geheimnisses kennt und im Einklang mit dem Geheimnis lebt.

Paulus’ Seelenleben zeigt uns, wie eine normale christliche Erfahrung aussehen sollte

Dieser Brief ist insofern einzigartig, als er uns einen außergewöhnlichen Einblick in das Seelenleben des Paulus gewährt, wie es kein anderer Brief tut. In vier kurzen Kapiteln bezieht Paulus sich etwa neunzigmal auf sich selbst! Daraus sehen wir, dass er sich frei fühlte, zu den Philippern in einer Weise von sich selbst zu reden, wie man es nur mit denen tut, die einem am nächsten stehen. Er wusste, dass sie ihn in ihren Herzen (Phil 1,7) und in ihren Gebeten (Phil 1,19) hatten und dass sie ihre Liebe zu ihm bewiesen hatten, indem sie ihm aus ihrer tiefen Not heraus gaben – und das mehr als einmal (2Kor 8,1.2; Phil 4,15.16). Da Paulus dieses enge Band zu den Philippern hatte, fühlte er sich frei, seine inneren Empfindungen und sein sehnliches Verlangen in einer äußerst offenen Art und Weise zu offenbaren, wie er es mit keiner anderen Schar von Gläubigen tat. Er schreibt freimütig und zwanglos – wie ein Freund, der denen, die ihn lieben, sein Herz ausschüttet. Wir sehen darin die Erfahrung eines Menschen in Christus, der in Gemeinschaft mit Gott und in der Freude an seinen himmlischen Segnungen lebt.

So gibt uns der Brief Gelegenheit, die inneren Gedanken und Empfindungen des Paulus zu erforschen und aus erster Hand zu sehen, was das normale christliche Leben kennzeichnen sollte. Indem wir durch diesen Brief in seine Seele blicken dürfen, stellen wir fest, dass es dort nur eine Sache gibt: Christus! Christus und seine Interessen waren die Summe und der Inhalt seines Lebens, wie er so treffend in Philipper 1,21 sagt: „Das Leben ist für mich Christus und das Sterben Gewinn.“ J.N. Darby sagt:

[In diesem Brief] wird der Christ betrachtet als jemand, der in einem Lauf steht, und in diesem Lauf steht er ganz unter der Kraft des Geistes Gottes; das Fleisch wird nicht als handelnd betrachtet.[1]

Der Brief an die Philipper ist ein Muster dafür, wie christliche Erfahrung sein sollte.[2]

Der Brief ist also der Ausdruck eines Herzens, das Christus als „alles“ erkannt hat (Kol 3,11).

Christus – Gottes „Prüfstein“

Christus in der Herrlichkeit ist der Prüfstein Gottes; Gott betrachtet alles von diesem einen Standpunkt aus. Er misst, bewertet und erprobt alles, was wir auf der Erde tun, wie es in Beziehung zu seinem Sohn steht. Gott prüft sozusagen täglich unser Leben. Er sucht nach einer Sache: nach dem Maß, wie wir die Dinge in Beziehung zu Christus tun. Wenn die Dinge, die wir tun, für Ihn und zu seiner Ehre sind (1Kor 10,31; Kol 3,17.23), werden sie von Gott anerkannt und an einem kommenden Tag belohnt werden (2Kor 5,9.10). Aber wenn die Dinge, die wir tun, nicht seine Zustimmung finden, werden sie abgelehnt und verbrannt werden und der Gläubige wird Verlust erleiden (1Kor 3,12-15). Die große Lektion, die uns der Richterstuhl Christi lehrt, ist: Alles, was für Ihn getan wird, ist für Gott kostbar und alles andere ist wertlos – und das reicht bis in die Ewigkeit. Dies zu wissen, sollte jeden nüchternen Christen dazu veranlassen, sich ernsthaft darin zu üben, seine Zeit und Kraft richtig einzusetzen und dementsprechend zu beten: „So lehre uns denn zählen unsere Tage, damit wir ein weises Herz erlangen!“ (Ps 90,12). In diesem Brief sehen wir einen Mann, der genau dies getan hat: Er hat die Dinge in Bezug auf Gottes Prüfstein abgewogen und lebt folglich mit den richtigen Prioritäten.

Ein Brief der Freude

Mit einer so einzigartigen und herrlichen Beschäftigung, die Paulus’ Herz und Verstand in Anspruch nimmt, sehen wir ihn im Geist jubeln – obwohl er unter sehr ungünstigen Bedingungen lebte! Obwohl er sich in einem solchen Seelenzustand befindet, beklagt er sich weder über sein Los noch bittet er um eine Änderung seiner Lebensumstände. Vielmehr sieht man ihn mit Gott über allem stehen. Und da er in seinen Gegenstand vertieft ist, ist er voller Freude. Ein kurzer Überblick über den Brief zeigt, dass Freude durchgehend das Grundthema ist. Tatsächlich werden die Worte „Freude“ und „sich freuen“ achtzehnmal erwähnt! Daher wurde dieser Brief zu Recht „der Brief der christlichen Hingabe und Freude“ genannt.

Daraus lernen wir: Das Geheimnis eines glücklichen, fruchtbaren christlichen Lebens besteht darin, dass wir Christus zu unserem einzigen Ziel machen und seine Interessen auf der Erde fördern. Es ist traurig, aber offenbar haben relativ wenige Christen dieses Geheimnis entdeckt. (Wir meinen damit nicht, dass der Mensch, der Christus zu seinem Ein und Alles macht, niemals Schwierigkeiten oder Kummer haben wird, sondern dass er Ihn als seinen liebsten Freund hat, mit dem er durch die Höhen und Tiefen des Lebens geht – so dass der Gläubige auch inmitten der Prüfung Freude haben kann.) Der Brief ist daher eine praktische Darstellung des christlichen Weges, der vom Heiligen Geist angetrieben wird. Wenn wir erkennen, dass diese Schriften die Erfahrung eines Gefangenen waren, der unter ungünstigen Bedingungen lebte, macht das den Brief umso überzeugender.

Ein Wüstenbrief

Dieser Brief ist einer der sogenannten „Wüstenbriefe“ so wie auch die Briefe an die Korinther und an die Hebräer und der erste Petrusbrief. Das heißt, der Gläubige wird als jemand gesehen, der auf der Erde auf die Probe gestellt wird und auf dem Weg des Glaubens wandelt und dabei Christus im Himmel vor sich als sein Ziel hat. Ein charakteristisches Merkmal der „Wüstenbriefe“ ist das Wort „wenn“ im Text. Tatsächlich gibt es in der Schrift zwei Arten von „Wenns“, die recht unterschiedlich sind: das „Wenn der Bedingung“ und das „Wenn des Arguments“. Ein „Wenn“ einer Bedingung setzt voraus, dass auf dem Glaubensweg ein Misserfolg eintreten könnte, der daraus resultiert, dass jemand kein echter Gläubiger ist oder dass der Glaube an die Gerechtigkeit in irgendeiner Weise zerbricht. Ein „Wenn“ des Arguments andererseits hat damit zu tun, dass der Schreiber bestimmte Tatsachen festhält und dann auf diesen Tatsachen aufbaut, um einen bestimmten Punkt hervorzuheben. Wenn dies der Fall ist, könnte das Wort „daher“ durch „wenn“ ersetzt werden.

Es ist oft gesagt worden, dass es im Epheserbrief kein „Wenn“ der Bedingung gibt. In diesem Brief wird der Gläubige nicht angesehen als jemand, der auf der Erde geprüft wird, sondern als mitsitzend in himmlischen Örtern in Christus (Eph 2,6). Im Kolosserbrief hingegen gibt es beides: In Kolosser 1,23 gibt es ein „Wenn der Bedingung“, und in Kolosser 2,20 und 3,1 gibt es ein „Wenn des Arguments“. Auch im Hebräerbrief gibt es beide Arten von „wenn“. Da es sich beim Philipperbrief um einen Wüstenbrief handelt, sieht Paulus sich nicht als jemand, der etwas erreicht hat (Phil 3,12). Er sieht sich selbst auf der Wanderschaft, aber noch nicht am Ziel. Christus hat ihn ergriffen, und er geht auf dem Pfad zu diesem Ziel, das darin besteht, mit und wie Christus zu sein.

Aufgrund bestimmter Ausdrücke im Brief folgert man im Allgemeinen, dass Paulus das Ende seiner zweijährigen Gefangenschaft in Rom erreicht hatte (Apg 28,30). (Davor war er zwei Jahre lang in Cäsarea gefangen gehalten worden, insgesamt war er vier Jahre in Gefangenschaft; vgl. Apg 24,27.) Zu diesem Zeitpunkt gab es nur zwei Möglichkeiten, wie seine Zukunft aussehen konnte: Er konnte von Kaiser Nero freigesprochen und freigelassen werden oder er würde den Märtyrertod erleiden. Gelehrte sagen, dass dies der letzte inspirierte Brief des Paulus war, den er an eine Versammlung schrieb.

Die Themen der Kapitel

Kapitel 1: Christus, das Ziel des christlichen Lebens (Phil 1,21)
Kapitel 2: Christus, das Vorbild für das christliche Leben (Phil 2,5-8)
Kapitel 3: Christus, der Preis des christlichen Lebens (Phil 3,14)
Kapitel 4: Christus, die Kraft des christlichen Lebens (Phil 4,13)[3]

Kapitel 1: Christus, der Beweggrund für das Leben (Phil 1,21)
Kapitel 2: Christus, das Vorbild für das Leben (Phil 2,5-8)
Kapitel 3: Christus, das Ziel für das Leben (Phil 3,14)
Kapitel 4: Christus, die Kraft zum Leben (Phil 4,13)[4]


Übersetzt aus The Epistle of Paul to the Philippians. The Epistle of Christian Devotedness and Joy 
Christian Truth Publishing 2017

Übersetzung: Stephan Isenberg

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Anmerkungen

[1] J.N. Darby, Practical Thoughts on Philippians, S. 21.

[2] J.N. Darby, Miscellaneous Writings, Bd. 4, S. 209.

[3] Anm. d. Red.: Im englischen Original beginnen alle kursiven Wörter mit p: purpose, pattern, prize, power.

[4] Anm. d. Red.: Im englischen Original beginnen alle kursiven Wörter mit m: motive, model, mark, might.


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...

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