Das Markusevangelium (1)
Kapitel 1

William Kelly

© J. Das, online seit: 29.11.2002, aktualisiert: 03.10.2016

Leitverse:  Markus 1

Einleitung und Berufung der Jünger (Mk 1,1-20)

Im ersten Abschnitt oder der Einleitung (Mk 1,1-13) finden wir also kein Geschlechtsregister, sondern nur kurz die Ankündigung Johannes des Täufers. Wir sehen dann, wie unser Herr in Seinen öffentlichen Dienst eingeführt wurde, und zwar zuerst in Seine Arbeit in Galiläa. Als Er am See wandelte, erblickte Er Simon und Andreas, seinen Bruder, wie sie ein Netz in den See warfen. Diese berief Er in Seine Nachfolge. Es war nicht das erste Mal, dass der Herr Jesus diesen beiden Aposteln begegnete. Es mag auf dem ersten Blick seltsam erscheinen, dass ein Wort, selbst wenn es sich um das Wort des Herrn handelt, die beiden Männer von ihrem Vater und aus ihrem Beruf wegrufen konnte. Aber niemand kann das als beispiellos bezeichnen, wie die Berufung Levis, auf die wir schon hingewiesen haben, klarmacht. Nichtsdestoweniger waren Andreas und Simon sowie die Söhne des Zebedäus, die ungefähr zur gleichen Zeit berufen wurden, schon vorher mit dem Heiland bekannt geworden. Zwei Jünger des Täufers, einer von ihnen Andreas, machten vor dessen Bruder Simon die Bekanntschaft des Herrn Jesus, wie wir aus Johannes 1 erfahren. Aber hier handelt es sich nicht um die gleiche Zeit oder die gleiche Begebenheit, die in jenem Evangelium beschrieben wird. Ich zögere nicht, zu sagen, dass Andreas und Simon vor Johannes und Jakobus in das Werk berufen wurden. Aber hinsichtlich der persönlichen Bekanntschaft mit dem Heiland, die wir im Johannesevangelium finden, ist es für mich klar, dass ein ungenannter Jünger – ich denke, Johannes – dem Simon voraus war. Beide Berichte sind wahr. Wenn man die Schrift richtig versteht, gibt es keine Spur von Widerspruch. Jeder Bericht steht genau an seinem richtigen Platz. Hier in unserem Evangelium haben wir den Dienst Christi. Das ist nicht das Thema des Johannesevangeliums. Johannes schildert einen viel tieferen und persönlicheren Gegenstand, nämlich die Offenbarung des Vaters in dem Sohn an die Menschen auf der Erde. Es ist das ewige Leben, das – natürlich in dem Sohn Gottes – von den Seelen gefunden wird. Deshalb zeichnet der Heilige Geist im Johannesevangelium die erste Begegnung mit dem Herrn für uns auf. Warum wird das alles im Markusevangelium weggelassen? Offensichtlich deshalb, weil das nicht sein Thema ist. Er soll nicht schildern, wie eine Seele zum ersten Mal mit Jesus und der Entfaltung der wunderbaren Wahrheit des ewigen Lebens in Ihm bekannt gemacht wird. Ein anderer Gegenstand liegt hier vor. Wir finden selbstverständlich in allen Evangelien die Gnade des Heilandes. Aber das große Thema im Markusevangelium ist Sein Dienst. Deshalb wird hier nicht die persönliche, sondern vielmehr die amtliche Berufung vorgestellt. Im Johannesevangelium dagegen, wo der Sohn durch den Glauben unter der Wirksamkeit des Heiligen Geistes den Menschen bekannt gemacht wird, finden wir nicht die amtliche, sondern die vorausgegangene persönliche Berufung der Gnade zur Erkenntnis des Sohnes und des ewigen Lebens in Ihm.

Diese Worte mögen dazu dienen, uns zu zeigen, welche wichtigen Lehren da verborgen liegen, wo ein nachlässiges Auge einen vergleichsweise unbedeutenden Unterschied in diesen Evangelien sieht. Nun, wir wissen, dass in Gottes Wort nichts ohne Bedeutung ist. Doch das, was auf dem ersten Blick bedeutungslos erscheint, ist reich an Wahrheit und steht außerdem in unmittelbarer Verbindung mit dem Ziel Gottes in jedem Buch der Bibel, in dem diese Besonderheiten gefunden werden.

Aufgrund des Rufes des Herrn verließen die vier Jünger jetzt alles. Es handelt sich hier nicht einfach um eine Frage des ewigen Lebens. Dieser Grundsatz gilt natürlich immer. Aber wir finden normalerweise nicht, dass man dazu alles in dieser Weise verlassen muss. Das ewige Leben wird den Seelen in dem Christus, der sie anzieht, mitgeteilt; und sie werden befähigt, Gott da zu verherrlichen, wo sie sich befinden. Hier wurde alles aufgegeben, um Christus nachzufolgen.

Ein unreiner Geist in der Synagoge ( Mk 1,21-28)

Der nächste Schauplatz war die Synagoge von Kapernaum. Dort zeigte unser Herr den Zweck Seines Dienstes hienieden in zwei Einzelheiten. Zuerst finden wir das Lehren: „Er lehrte sie“, wird gesagt, „wie einer, der Gewalt hat, und nicht wie die Schriftgelehrten.“ Er lehrte keine Überlieferungen, keine Vernunftschlüsse, keine menschlichen Ideen oder die überredenden Worte menschlicher Weisheit. Es war die Kraft Gottes. Seine Worte waren einfach, aber voll Bestimmtheit. Das gab natürlich der Ausdrucksweise Dessen Autorität, der in einer Welt der Unsicherheit und Verführung die Gedanken Gottes mit absoluter Sicherheit aussprach. Es verunehrt Gott und Sein Wort, wenn man nur zögernd die Wahrheit Gottes verkündet, obwohl man sie persönlich recht gut kennt. Es ist Unglaube, zu sagen: „Ich denke“, wenn ich mir ganz sicher bin. Ja, die offenbarte Wahrheit ist nicht nur das, was ich weiß, sondern das, was Gott mir kundgemacht hat. Es verdunkelt und schwächt die Wahrheit, es ist ein Unrecht an den Seelen, und es setzt Gott herab, wenn wir da nicht mit Autorität sprechen, wo wir nicht den geringsten Zweifel bezüglich Seines Wortes haben. Aber es ist natürlich klar, dass wir von Gott belehrt sein müssen, bevor wir die Freiheit haben, mit solcher Überzeugung zu sprechen.

Zudem müssen wir beachten, dass dieses die erste Eigenschaft ist, die von der Lehrweise unseres Herrn erwähnt wird. Ich brauche nicht darauf hinzuweisen, dass das auch uns etwas zu sagen hat. Wo wir nicht mit Autorität sprechen können, sollten wir besser gar nicht reden. Das ist eine ganz einfache und überaus kurze Regel. Aber es bedeutet auch, dass ihre Beherzigung zu einem viel tieferen Erforschen des eigenen Herzens führt. Andererseits bin ich nicht wenig davon überzeugt, dass dieses von unermesslichem Gewinn für uns selbst und unsere Zuhörer sein würde.

Als Zweites zeigte unser Herr in Seinem Dienst neben der Autorität in der Lehre Seine Macht in Seinen Handlungen. Und unser Herr beschäftigte sich mit der Wurzel des Unheils im Menschen: der Macht Satans, an die man heute so wenig glaubt – der Macht Satans über den Geist und den Körper des Menschen bzw. über beide gleichzeitig. In der Synagoge, an dem allgemeinen Versammlungsort, wo Jesus sich jetzt aufhielt, befand sich ein Mensch mit einem unreinen Geist. Der Besessene schrie auf; denn unmöglich konnte die Macht Gottes in der Person Jesu dort anwesend sein, ohne den zu entlarven, der unter der Macht Satans stand. Der Zertreter der Schlange war da, der Befreier der gefesselten Söhne Adams. Die Maske wurde heruntergerissen. Der Mensch, der unreine Geist konnte in der Gegenwart Jesu nicht ruhig bleiben. „Er schrie auf und sprach: Lass ab! Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesu, Nazarener?“ In einzigartiger Weise wurde die Wirksamkeit des unreinen Geistes mit der des Menschen vermischt. „Was haben wir mit dir zu schaffen? Bist du gekommen, uns zu verderben? Ich kenne dich, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Jesus bedrohte ihn. Der unreine Geist zerrte ihn; denn es war richtig, dass sich die Wirksamkeit der bösen Macht offenbarte, obwohl sie vor Ihm, der den Versucher besiegt hatte, eingeschränkt wurde. Es war eine nützliche Lehre für die Menschen, damit sie erkannten, wie Satan wirklich wirkt. Wir haben also auf der einen Seite die unheilvolle Wirksamkeit der Macht Satans und auf der anderen die gesegnete, wohltätige Macht des Herrn Jesus Christus, der dem Geist befahl, aus dem Menschen auszufahren. Das erstaunte alle, die es sahen und hörten, dermaßen, dass sie sich untereinander befragten: „Was ist dies? Was ist dies für eine neue Lehre? denn mit Gewalt gebietet er selbst den unreinen Geistern und sie gehorchen ihm.“ Wir sehen also hier die Autorität der Wahrheit und andererseits die Macht, welche in äußeren Zeichen, die die Wahrheit begleiteten, wirkte.

Heilung von Kranken (Mk 1,29-34)

Die nächste Szene zeigt, dass Autorität und Macht sich nicht nur in solch auffälligen Handlungen offenbarten. Es gab unter den Menschen auch Not und Krankheit unabhängig von der direkten Besessenheit durch den Feind. Aber von der Person Jesu ging Kraft aus, wo immer die Not sich an Ihn wandte. Die Schwiegermutter des Petrus wird zuerst vorgestellt, nachdem Er die Synagoge verlassen hatte. Und die wunderbare Gnade und die Macht, die sich bei der Heilung von Petrus’ Schwiegermutter vermengten, zogen Scharen von Kranken mit jedem Leiden an. Zuletzt war, wie wir erfahren, die ganze Stadt an der Tür versammelt. „Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten leidend waren; und er trieb viele Dämonen aus und erlaubte den Dämonen nicht zu reden, weil sie ihn kannten.“

Auf diese Weise hat der Dienst des Herrn Jesus Christus also sein volles Ausmaß erreicht – jedenfalls so, wie Markus ihn beschreibt. Es zeigte sich in Ihm eindeutig die Wahrheit Gottes verbunden mit Autorität. Gott hatte Seine Macht über den Teufel und die Krankheiten einem Menschen übertragen. Das war die Art des Dienstes Jesu. Man braucht kaum zu sagen, dass in dem Dienst natürlich eine Fülle verborgen lag, welche der Person Dessen entsprach, welcher der Anführer des Dienstes sowie das große Muster des Dienstes auf der Erde darstellte. Auch jetzt ist Er von Seinem Platz der Herrlichkeit im Himmel aus die Quelle des Dienstes. Aber noch etwas muss hier beachtet werden, was das einführende Bild von dem Dienst unseres Herrn in seiner praktischen Ausübung vervollständigt. Unser Herr „erlaubte den Dämonen nicht zu reden, weil sie ihn kannten“. Er wies ein Zeugnis, das nicht von Gott kam, ab. Es mochte der Wahrheit entsprechen – Er wollte jedoch kein Zeugnis des Feindes annehmen.

Der Herr Jesus im Gebet (Mk 1,35-45)

Zur aktiven Kraft gehört auch die Abhängigkeit von Gott. Deshalb wird uns gesagt: „Und frühmorgens, als es noch sehr dunkel war, stand er auf und ging hinaus und ging hin an einen öden Ort und betete daselbst.“ Wenn einerseits das Zeugnis des Feindes zurückgewiesen wurde, so stützte Er sich andererseits völlig auf die Macht Gottes. Weder Seine persönliche Herrlichkeit, noch das Anrecht auf die Macht, welche zu Ihm gehörte, ließ Ihn im Geringsten in der gänzlichen Unterordnung unter Seinen Vater nachlassen oder das Verlangen nach Seiner Leitung Tag für Tag vernachlässigen. So wartete Er auf Gott, nachdem der Feind in der Wüste besiegt worden war und Er den Wert dieses Sieges durch die Heilung solcher, die vom Teufel geknechtet wurden, bewiesen hatte. Bei dieser Beschäftigung fanden Ihn Simon und die anderen, als sie Ihm folgten. „Und als sie ihn gefunden hatten, sagen sie zu ihm: Alle suchen dich.“

Aber diese öffentliche Aufmerksamkeit war für den Herrn Jesus ein ausreichender Grund, nicht zurückzukehren. Er suchte nicht Beifall von Menschen, sondern von Seiten Gottes. Gleich nachdem er anfing, offenbar zu werden, zog sich der Herr Jesus von diesem Schauplatz zurück. Wenn alle ihn suchten, dann musste Er dahin gehen, wo Er Bedürfnisse vorfand und nicht Ehrungen. Folglich sagte Er: „Lasst uns anderswohin in die nächsten Flecken gehen, auf dass ich auch daselbst predige; denn dazu bin ich ausgegangen.“ Er blieb ständig der vollkommene, demütige und abhängige Knecht Gottes auf der Erde. Was könnte mehr Bewunderung hervorrufen?! Nirgendwo sonst finden wir das vollkommene Ideal des Dienstes eindeutiger verwirklicht.

Sollen wir dennoch annehmen, dass all dieses nur zufällig niedergeschrieben wurde? Wie können wir diese verschiedenen Einzelheiten, und keine anderen, die das Gemälde des Dienstes vergrößern, ohne eine bestimmte Absicht seitens des Schreibers erklären? Überhaupt nicht! Gott hatte Markus inspiriert. Der Geist Gottes wollte diesen Gegenstand durch ihn darstellen. Es sind unterschiedliche Absichten, wenn wir woanders andere Themen vorgestellt bekommen. Kein anderes Evangelium zeigt dieselben Ereignisse in der gleichen Weise; denn kein anderes Evangelium ist so mit dem Dienst des Herrn beschäftigt. Demnach ist der Grund für die Schreibweise klar. Es ist Markus – er allein –, der von Gott dazu angeleitet wurde, die Tatsachen zusammenzustellen, die sich mit dem Dienst Christi beschäftigen. Er hält an der einfachen natürlichen Folge der Ereignisse fest, indem er das weglässt, was sein Thema nicht veranschaulicht. Aber die Ereignisse, die seinem Ziel entsprechen, schildert er so, wie sie einander folgten. Christus wird als der vollkommene Diener erkannt. Er selbst zeigte am Anfang Seines Dienstes, was der Dienst Gottes ist. Er bildete auch andere aus. Er berief Petrus und Jakobus und Andreas und Johannes. Er machte sie zu Menschenfischern, also auch zu Dienern. Und auf diese Weise zeigte Er ihren Augen, ihren Herzen und ihren Gewissen diese vollkommenen Wege der Gnade in Seinem eigenen Weg hienieden. Er formte sie nach Seinem Herzen.

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Aus Lectures Introductory to the Study of the Gospels
Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und übersetzt von J. Das)
Die Zwischenüberschriften stammen von SoundWords


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