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Leitvers: 1. Mose 2,9
1Mo
2,9: Und Gott der HERR ließ
aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, lieblich anzusehen und gut zur Speise;
und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis
des Guten und Bösen.
Von allem, was uns in der Bibel über den Garten Eden mitgeteilt wird,
scheint kaum eine Tatsache weniger verstanden zu werden als die in der zweiten
Hälfte des angeführten Verses berichtete; viele halten diese Mitteilung
lediglich für einen frühen Mythos oder eine Fabel. Und doch waren die beiden
Bäume, die vor allen übrigen erwähnt werden, als eine ausdrückliche Tatsache
jenen Tagen der ursprünglichen Unschuld und nur diesen völlig angepasst. Sie
verkörpern göttliche Grundsätze von tiefem und bleibendem Wert für alle
Zeiten. Dabei braucht man keinem von beiden Gewalt anzutun noch sich in Phantasien
zu ergehen, sondern sich nur den Hinweisen des inspirierten Berichts zu
unterwerfen. Und die Wahrheit, die uns hier mitgeteilt wird, ist für jeden
Menschen von großer Bedeutung.
Als Erstes ist zu beachten, dass der „Baum des Lebens“ in der Mitte des
Gartens von jenem „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ unbedingt
verschieden ist. Von Letzterem zu essen war bei unausweichlicher Todesstrafe
verboten (V. 17). Und erst als der Mensch dennoch von dem verbotenen Baum aß,
traf Gott Vorsorge, dass er nicht auch von dem Baum des Lebens nahm (1Mo 3,22).
Das hätte nämlich ein ins Endlose verlängertes Leben des sündigen Menschen
bedeutet, und das wäre kein Segen gewesen, sondern eine Katastrophe, eine
Verletzung aller Ordnung. Abgesehen von jener Übertretung jedoch war der Baum
des Lebens dem Menschen zugänglich und ausdrücklich von dem Baum der
Erkenntnis unterschieden.
Der erste Baum macht somit klar, dass dem nicht gefallenen Menschen der Weg
zum Leben offenstand. Gott hatte das für Adam im Paradies so vorgesehen, und
zwar aus freiem Herzen und völlig unabhängig von dem zweiten Baum. So war es
wirklich, und deshalb verlor der Mensch sein Anrecht auf den ersten Baum, als er
von dem zweiten aß. Der Mensch war verantwortlich, nicht von dem Baum der
Erkenntnis zu essen; hätte er sich enthalten, so wäre er frei gewesen, von dem
Baum des Lebens zu essen. Nachdem er aber schuldig geworden und gefallen war,
wurde er davon ausgeschlossen und hinausgetrieben, und die Flamme des kreisenden
Schwertes verwehrte jeden Zugang zum Baum des Lebens (1Mo 3,24).
Nun geht das beständige Bemühen des Menschen, insbesondere des religiösen
Menschen, dahin, die beiden Bäume einander gleichzusetzen, d.h. das Leben von
der Erfüllung der Verantwortlichkeit abhängig zu machen: eine Vorstellung, die
angesichts der Tatsachen zur Zeit der Unschuld des Menschen nicht bestehen kann,
und die sich noch offensichtlicher als falsch erweist, nachdem der Mensch ein
Sünder geworden und vom Baum des Lebens ausgeschlossen ist. Sein
ursprüngliches Verhältnis ging durch Übertretung verloren. Die einzige
natürliche Religion, die jemals Realität hatte oder haben konnte, fand damit
ihr Ende. Fortan hing nun alles davon ab, was Gott ist, und zwar in rettender
Barmherzigkeit dem Menschen gegenüber. Der Mensch hatte unter den günstigsten
Umständen Gott gegenüber gänzlich versagt. Die Sünde zwang Gott in
moralischer Hinsicht, als Richter aufzutreten. Doch Liebe und göttliche Gnade
machten Ihn zu einem Heiland. So hing alles ab von seinem Sohn, von seiner
Erniedrigung, Mensch zu werden und für die Schuldigen in Tod und Gericht zu
gehen. Der Vater hat den Sohn gesandt als Heiland der Welt (1Joh 4,14); der Sohn
kam, zu suchen und zu erretten, was verloren war (Lk 19,10).
Betrachten wir aber das Handeln Gottes in der Zwischenzeit bis zur Ankunft seines
Sohnes. Der Brief an die Galater legt großen Nachdruck darauf, dass bereits
vierhundertdreißig Jahre vor dem Gesetz Verheißungen gegeben und ein Bund von
Gott bestätigt worden war. Aufgrund dieser zeitlichen Anordnung konnte das eine
das andere nicht aufheben und noch weniger damit vermengt werden. Die
Verheißungen entsprachen dem Baum des Lebens, das Gesetz dem Baum der
Erkenntnis des Guten und des Bösen. Die Verheißungen waren die bedingungslose,
verbürgte Gnade Gottes, absichtlich lange vor dem Gesetz offenbart und von
diesem absolut unterschieden. Das Gesetz drückte Gottes gerechte Forderung an
den Menschen auf dem Boden seiner Verantwortlichkeit aus. Wenn Israel, wenn
irgendjemand vorgab, auf diesem Boden vor Gott zu stehen, dann waren die Zehn
Gebote Gottes Bedingungen dafür. Aber solche Bedingungen können nur einen
Dienst des Todes und der Verdammnis bedeuten für sündige Geschöpfe, wie
Israel es war und die ganze Menschheit es ist. Es ist somit immer ein
verhängnisvoller Irrtum, das Leben in der Wahrnehmung menschlicher
Verantwortung zu suchen. Israel stellte sich auf diesen Boden und versagte bis
zum Äußersten, und so geht es allen Sündern, wenn sie den gleichen Pfad
verfolgen. Die Schrift berichtet dieses Versagen im Alten Testament und erklärt
es im Neuen Testament, damit Menschen heute aus dieser ernsten Lektion der
Vergangenheit lernen und allein zu der Gnade Gottes in Christus ihre Zuflucht
nehmen.
Christus allein hat das Problem gelöst, und Er hat es dadurch getan, dass Er
die volle Verantwortung des Menschen auf sich nahm und die Folgen der Sünde und
unserer Sünden im Tod, ja im Tod am Kreuz, getragen hat. Und so ist Er, nachdem
Er Gott vollkommen verherrlicht hat, aus den Toten auferstanden, ein Leben
spendender Geist für alle Glaubenden. Deshalb gibt es nun keine Verdammnis für
die, die in Ihm sind, in Dem die beiden Bäume so zu einer segensreichen
Harmonie gebracht worden sind, zu unserem Heil und zur Verherrlichung Gottes.
Als verantwortliche Menschen erweisen wir uns gottlos und kraftlos, wie der
Apostel unbestreitbar feststellt. Selbst die Juden behandelt der Herr als „Verlorene“.
Damit ist die Frage nach jener Verantwortlichkeit erledigt. Was könnte nun
anmaßender sein in dem sündigen Zustand unserer gefallenen Natur, als das
Leben darin zu suchen, dass wir behaupten, unsere Pflicht als Menschen zu
erfüllen? Leben und Verantwortlichkeit waren selbst für den Menschen in
Unschuld, wie 1. Mose 2 lehrt, ausdrücklich und ganz und gar voneinander
getrennt. Aber wie Christus den Glaubenden umsonst Leben gibt in seinem Namen,
so ist Er durch seinen Tod auch die Sühnung für ihre Sünden. Beides war
absolut notwendig, wenn wir zubereitet werden sollten, am Erbe der Heiligen in
dem Licht teilzuhaben; und beides gibt Gott jetzt durch den Glauben jedem
Gläubigen, der in dem Sohn ewiges Leben hat und durch sein Blut die Erlösung,
die Vergebung seiner Übertretungen. Nicht dass es keine neue Verantwortlichkeit
gäbe, aber es ist die Verantwortlichkeit eines Kindes Gottes. Deshalb sagt Er:
„Weil ich lebe, werdet auch ihr leben“ (Joh 14,19); und vorher, dass Er seinen
Schafen ewiges Leben gibt und sie nicht verloren gehen und niemand sie aus seiner
Hand rauben wird (Joh 10,28), ja, auch des Vaters Hand beschirmt sie (V. 29).
Kann man sich eine größere und deutlichere Sicherheit vorstellen?
So haben wir nur in Christus, durch sein Opfer und durch seine souveräne
Gabe des Lebens, den Grundsatz der beiden Bäume, und zwar in einer Fülle des
Segens für alle Glaubenden; hingegen wiederholt der Ungläubige, der das Wort
Gottes verachtet und bei allem Selbstvertrauen schwach und sündig ist, den
Irrtum Adams und Israels zu seinem eigenen Verderben.
Als Christen haben wir den Schatz des Christus in unseren irdenen Gefäßen,
und wir sind verantwortlich, allezeit das Sterben Jesu an unserem Leib
umherzutragen, damit auch das Leben Jesu, die neue Natur, an unserem Leib
offenbar werde.
aus The Bible Treasury, Vol. 19, S. 375,
erschienen in Hilfe und Nahrung, 1984
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