Satan – das Motiv seiner Handlungsweise mit Menschen (5)
Hiob 1,6; Sacharja 3; Daniel 6; Sprüche 16,12; 20,28; Johannes 8

Frederick Charles Jennings

© EPV, online seit: 04.02.2005, aktualisiert: 26.07.2016

Leitverse: Hiob 1,6; Sacharja 3; Daniel 6; Sprüche 16,12; 20,28; Johannes 8

Wir haben gesehen, dass das „Unrecht“ Satans in seinem Hochmut, seiner Selbstüberhebung bestand. Konnte es sich um eine Überhebung über andere Engelfürsten handeln? Unmöglich, da ja selbst der Erzengel Michael den übergeordneten Rang Satans anerkannte (Jud 9). Das, was er als „Raub“ (Phil 2) zu erlangen trachtete, musste über ihm stehen und ihm als Geschöpf verwehrt sein. Denken wir dann auch noch an den Weg, auf den Satan die Menschheit stets zu locken versucht, so kommen wir zu dem Schluss, dass er in ungeheuerlicher Auflehnung gegen Gott den Thron des Höchsten begehrte, dessen Obhut ihm, dem „schirmenden Cherub“, einst anvertraut worden war (vgl. Jes 19,13.14). Diese grenzenlose Überhebung führte zum Sturz seines Reiches und zu dessen chaotischem Zustand, wie er in 1. Mose 1,2 beschrieben ist. Aber Gott handelte in Güte. Obwohl der Fall Satans endgültig war, stellte Gott die Bewohnbarkeit der Erde für ein neues Geschlecht her, welches „ein wenig unter die Engel erniedrigt“, aus dem Staub der Erde gebildet werden sollte, um es vor Überheblichkeit zu bewahren.

Der gefallene Fürst war Zeuge der Einsetzung Adams als Herrscher über das ganze Reich, das einst ihm unterstanden hatte. War dies nun das Ende seiner überheblichen Pläne? Durchaus nicht. Seine „Weisheit“, sein von „Gewalttat erfülltes Inneres“ (Hes 28) benutzen gerade dieses von Gott so bevorzugte und geliebte Geschöpf, um sein Ziel weiter zu verfolgen: den Griff nach dem Thron Gottes! In einschlägigen Betrachtungen lesen wir meist nur von Satans Versuch, den Menschen durch Sünde zur Teilhaberschaft an seinem eigenen Los im Feuersee zu verführen. Das Motiv, durch den neu geschaffenen Menschen doch noch sein Ziel zu erreichen und seine Pläne verwirklichen zu können, wird kaum erwähnt. Zur Erhärtung unserer Annahme über Satans Beweggrund wollen wir noch einige Bibelstellen zu uns reden lassen.

Hiob

Im Buch Hiob wird uns berichtet: „Da kamen die Söhne Gottes, um sich vor den HERRN zu stellen“ (Hiob 1,6). Es besteht wohl kaum ein Zweifel, dass es sich bei diesen Söhnen Gottes um Engel handelt, da der Ausdruck wiederholt im gleichen Sinn angewandt wird (vgl. Hiob 38,7, zu einer Zeit also, als der Mensch noch nicht erschaffen war; Dan 3,25; 1Mo 6,2 u.a.). Satan, der ebenfalls zu den „Söhnen Gottes“ gehörte, „kam in ihre Mitte“. Ohne seinen Namen zu nennen, redet der Herr ihn an mit den Worten: „Wo kommst du her?“ Diese Frage hätte der Herr nicht gestellt, wenn Satan in Seinem Auftrag unterwegs gewesen wäre. Satan antwortet: „Vom Durchstreifen der Erde und vom Umherwandeln auf ihr.“ Im Lichte dessen, was wir bereits über seine bisherige Stellung wissen, scheint dies anzudeuten, dass Satan seine Absetzung durchaus nicht anerkannt hat. Er sagt gewissermaßen: „Gemäß dem mir übertragenen Amt habe ich mein Reich gründlich durchforscht, um Ordnung und Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten.“ Der HERR antwortet ihm, dem Boden entsprechend, den er einzunehmen behauptet (wie der Herr es stets tut). Er sagt mit anderen Worten: „Wenn das so ist, hast du dann auch achtgehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn seinesgleichen ist kein Mann auf Erden, vollkommen und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend.“ Er stellt ihm das beste Glied jenes Geschlechts vor Augen, das von Gott berufen war, den Herrscherplatz an Satans Stelle einzunehmen.

Lesen wir das 29. Kapitel des Buches Hiob, so stellen wir fest, dass Satan in der Tat nicht nur auf Hiob „achtgehabt“, sondern offenbar schon einige listige Anläufe gegen ihn unternommen hatte. In seiner Drangsal versucht der schwergeprüfte Mann, sich durch die Erinnerung an seine eigenen guten Eigenschaften zu trösten. „Wenn das Ohr von mir hörte, so pries es mich glücklich, und wenn das Auge mich sah, so legte es Zeugnis von mir ab … Ich kleidete mich in Gerechtigkeit … wie in Oberkleid und Kopfbund in mein Recht“ (Hiob 29,11.4). Hören wir nicht einen gewissen Widerhall von Satans Schmeicheleien in diesen Worten Hiobs? Sicher hatte er ihm eingeflüstert, dass all sein Glück, sein Reichtum und seine Macht nur ein verdienter Lohn seines gerechten Wandels sei; sollten ihm diese genommen werden, so wäre das höchst ungerecht und nur ein Beweis dafür, wie wenig Gott ihn in Wirklichkeit liebte und umsorgte. Ist dies nicht auch heute die Weise Satans mit dem Volke Gottes, wenn es die Züchtigungen des Vaters erdulden muss? Er will uns stets dahin bringen, dass wir eine hohe Meinung von uns selbst haben; durch seine Schmeichelei will er uns das Gefühl nahelegen, wie wenig wir das Schwere verdient haben und wie die Liebe des Vaters in Wirklichkeit sehr gering sein muss, wenn Er etwas Derartiges zulassen kann.

Satan antwortet dem HERRN, dass Hiobs Gottesfurcht nicht sehr tief gegründet sei. Würde Er seinen Reichtum oder seine Gesundheit antasten, so würde sich Hiobs wahrer Herzenszustand offenbaren; er würde sich offen („ins Angesicht“) von Gott lossagen. Satan wagt es, Gott in Bezug auf Hiobs Treue gleichsam vor die Schranken des Gerichts zu ziehen. Gott nimmt die Herausforderung an und lässt es zu, dass Hiob alles dessen beraubt wird, was sein war. Doch nachdem der schreckliche Sturm sich gelegt und der Regen alles reingewaschen hat, kann Hiob bezeugen: „Nun hat mein Auge dich gesehen. Darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche.“ Er hat seine Zuflucht zu seinem Gott genommen, wie es jedes treue Gotteskind nach überstandener Prüfung tun wird. Damit ist die Niederlage Satans offenbar. Wir erkennen jedoch seine Absicht, den „Gerechtesten“ unter den Menschen als einen Abgefallenen vor Gottes Thron zu bringen. Doch er muss erfahren, wie Gott in Gnade und Gerechtigkeit sich mit Seinem geliebten Knecht beschäftigt und ihn auf Seine Weise zurechtbringt.

Der Hohepriester Josua

Ein anderes Beispiel von der Tätigkeit des Feindes finden wir in Sacharja 3. Der Hohepriester Josua (als Stellvertreter des Volkes Israel, doch auch des ganzen Menschengeschlechts), bekleidet mit schmutzigen Kleidern, steht vor dem Engel des HERRN, während Satan zu seiner Rechten steht, um ihm zu widerstehen. Er hat hier also einen Repräsentanten der Menschheit, den er vor Gottes Thron verklagen kann – vor jenem Thron, den er einst vor jeder Annäherung von Unreinem zu beschirmen hatte. Hier könnte Gerechtigkeit nicht einmal vorgetäuscht werden, denn die „schmutzigen Kleider“ reden eine klare Sprache von der Verunreinigung aller menschlichen Handlungen. Wer kann Satans Anschuldigungen zurückweisen, wer vermag den bloßgestellten Sünder zu retten? Es ist nur der Eine, welcher selber „Gott über alles ist, gepriesen in Ewigkeit“. Die Feierkleider und der reine Kopfbund, die dem Hohenpriester gegeben werden, sind ein wundervolles Bild der göttlichen Antwort auf Satans Anschuldigungen. Die Worte: „Ist dieser nicht ein Brandscheit, das aus dem Feuer gerettet ist?“, sind für Josua eine liebliche Musik, für Satan dagegen wie eine Totenglocke, die ihn an sein eigenes furchtbares Schicksal erinnert.

Grundfeste und Stütze

In den Sprüchen werden wir belehrt, dass ein Thron „durch Gerechtigkeit feststeht“ (Spr 16,12). Salomo dachte hier wohl an einen irdischen Königsthron; in den Psalmen wird aber der gleiche Grundsatz auf den Thron Gottes angewandt: „Gerechtigkeit und Gericht sind deines Thrones Grundfeste“ (Ps 89,14). Gottes Thron ist ewig unerschütterlich, weil er auf absolute Gerechtigkeit gegründet ist, und nichts, was der vollkommenen göttlichen Heiligkeit nicht entspricht, ihm nahen kann. Sprüche 20,28 gibt uns aber eine weitere Einzelheit: „Durch Güte stützt er seinen Thron.“ Der Wechsel von „feststehen“ zu „stützen“ ist hier beachtenswert. Der erste Ausdruck spricht von Gründung, von Fundament, der zweite von Halt, von Aufrechterhaltung. Ein Haus ohne Fundament stürzt zusammen. Hat das Fundament aber keinen festen Halt, so ist das Haus ebenfalls gefährdet. Das Wort „stützen“ vermittelt auch den Nebenbegriff von „trösten, aufrichten“. Die Anwendung in Sprüche 20 drückt etwa aus: Wenn der König keine Gnade walten lassen kann, ist sein Thron, seine Macht, in Frage gestellt; die Ausübung seines Willens ist eingeschränkt, er ist nicht mehr souverän in seinem Handlungsvermögen.

Halten wir die beiden Stellen aus den Sprüchen nebeneinander, so sehen wir, dass die Gerechtigkeit die einzige Grundfeste des Thrones ist, die Güte seine einzige Stütze. Dieses gilt sowohl für einen irdischen Thron als in noch höherem Maße für den Thron Gottes. Im Licht dieser Aussagen können wir nun besser erkennen, weshalb Satan stets bemüht ist, seine Opfer als Schuldige vor den Thron Gottes zu stellen. Sollte Gott unfähig sein, denen, die Er liebt und die Er segnen möchte, Gnade zu erweisen, so wäre dies eine Beschränkung in der Ausübung Seines heiligen Willens, Seiner Allmacht. Vergibt Er aber schuldigen, überführten Sündern ihr Unrecht, wo bleibt dann Seine göttliche Gerechtigkeit, die „Grundfeste“ Seines Thrones? Satans listige Bemühungen wollen stets in eine ausweglose Lage führen; und hier ist solch ein Dilemma, durch das er gern die Grundfesten des Thrones erschüttert hätte, wenn dieses möglich gewesen wäre.

Daniel

Wenden wir uns einem anderen Bilde zu. Im Buch Daniel (Kap. 6) wird uns berichtet, dass der persische König Darius einen armen Gefangenen zu einer Vorrangstellung über alle seine Vorsteher und Fürsten erhoben hatte. Diese hochgestellten Männer, deren Würde bisher nicht angetastet worden war, mussten nun erleben, dass ein sozial weit unter ihnen Stehender ihnen übergeordnet wurde. Sehen wir die Parallele zu der Einsetzung des aus dem Staube gebildeten Adam über ein Reich, das bisher von dem höchsten erschaffenen Wesen beherrscht worden war? Die persischen Fürsten hecken einen Plan aus, der gleichzeitig ihre Bosheit gegen den König befriedigen, Daniel ausschalten und ihre eigene Autorität für immer wiederherstellen soll. Das beachtenswerte Merkmal des Planes ist, dass er die aufrichtige Vorliebe des Königs für Daniel treffen soll – so wie Satans Pläne die Liebe Gottes zu dem Menschen, Seinem bevorzugten Geschöpf, durchkreuzen sollten. Wir kennen den listigen Vorschlag der Fürsten, jeden, der „von irgendeinem Gott oder Menschen etwas erbittet, außer von dir, o König, in die Löwengrube“ werfen zu lassen. Da die Fürsten ihre Bitte an den König mit den Worten einleiten: „Alle Vorsteher des Königreichs … sind Rats geworden“, musste der König annehmen, dass auch sein geliebter Daniel diesem Vorschlag zugestimmt hatte. Darüber hinaus war die Versuchung sicher groß für ihn, eine Zeit lang den Platz „aller Götter“ einzunehmen. Der König unterzeichnet und erkennt zu spät, dass er in eine Falle gegangen ist. Er will Gnade und Güte, jene Stütze des Thrones und das Vorrecht eines Königs, in Bezug auf Daniel walten lassen; „bis zum Untergang der Sonne bemühte er sich, ihn zu befreien“. Aber alle seine Mühe ist vergeblich. Er kann nicht ein gerechter König sein, der sich an seine eigenen Gesetze hält, und gleichzeitig ein Retter, der Gnade walten lässt. Er erweist sich in diesem Augenblick als ein hilfloser Regent, ein Bild der Liebe, die dem Gesetz gegenüber machtlos ist.

Sünder in Johannes 8

Wenden wir uns nun einem anderen Bilde zu, das eine ähnliche Szene in noch leuchtenderen Farben zeigt. Wir finden sie im Johannes-Evangelium Kapitel 8. Hier wird kein Heiliger aufgrund eines ungerechten Gesetzes verurteilt. Die Sünderin, die uns vorgestellt wird, ist so hoffnungslos schuldig und überführt, dass sie kein Wort zu ihrer eigenen Entschuldigung hervorbringt. Die Ankläger, die religiösen Führer des Volkes, erinnern den Herrn Jesus an die unmissverständliche Verurteilung der Verfehlung dieser Frau durch das „Gesetz Moses“ und fragen Ihn dann: „Du nun, was sagst du?“ Kann Er, der Sich als der Messias ausgibt, gleichzeitig Gerechtigkeit ausüben und doch ein Heiland, ein Erretter sein? Es geht hier um ein tiefgründigeres Problem als in der Frage nach der Steuer, die dem Kaiser entrichtet werden musste. Es ist das Problem der Jahrtausende, das nur Gott Selbst lösen kann. Deshalb wird es mit so wunderbarer Genauigkeit in dem Evangelium berichtet, das den Herrn in Seiner göttlichen Herrlichkeit darstellt; und Seine Lösung ist ein erneuter Beweis Seiner wahren Göttlichkeit.

Der Herr schrieb mit dem Finger auf die Erde. Dem gefallenen Adam war einst gesagt worden: „Denn Staub bist du …“ Der Finger des Herrn verwies sie alle gleichermaßen auf den Staub, von dem sie genommen waren und zu dem sie zurückkehren mussten, auf ihre gemeinsame Sünde und ihr gemeinsames Urteil. Dann richtet Er sich auf und gibt ihnen die klare Antwort: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe zuerst den Stein auf sie.“ In ihrem Gewissen überführt, ziehen sich alle Ankläger, anfangend von den Ältesten, aus Seiner heiligen Gegenwart zurück. Sie lassen die Angeklagte bei dem zurück, der allein den ersten Stein hätte werfen können. „Er aber sprach zu ihr: So verurteile auch ich dich nicht; gehe hin und sündige nicht mehr.“ Sein Kreuz würde bald die Gerechtigkeit Seiner Worte beweisen; denn die Strafe für das „Hingehenlassen“ der Schuld sollte auf Ihn fallen. Das Gesetz hatte sich der Liebe gegenüber machtlos erwiesen.

Wir stellen uns nun die Frage: Ging es jenen Schriftgelehrten wirklich um eine gerechte Bestrafung der Schuldigen? In diesem Fall hätten sie die Steinigung, die vom Gesetz klar gefordert wurde, ja selber durchführen können; Steine gab es genug, und auch Hände, die willig waren, sie zu werfen. Ging es ihnen nicht vielmehr um die Person des Herrn, den sie zu Fall bringen wollten? Und, so folgern wir weiter, geht es dem großen Erzfeind bei seiner Anklage gegen sündige Menschen vor dem Thron Gottes nicht auch weniger um die Verurteilung des Bösen als um einen Angriff auf den Richter selbst? Es ist wohl nicht von ungefähr, dass der Herr im selben Kapitel die Ankläger von vorhin beschuldigt, die „Werke ihres Vaters“ auszuführen (Joh 8,41). Sie hatten soeben, im kleinen Rahmen, das ausgeführt, was der Teufel ständig in großem Umfang vollführt. Wir sehen hier wieder bestätigt, dass sich seine Angriffe stets gegen den Thron Gottes richten.

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Originaltitel: „Das Motiv seiner Handlungsweise mit Menschen“
aus Hilfe und Nahrung, 1982, Ernst-Paulus-Verlag, S. 140–147


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