Satan – der „schirmende Cherub“ (3)
Hesekiel 28

Frederick Charles Jennings

© EPV, online seit: 27.01.2005, aktualisiert: 12.01.2018

Leitverse: Hesekiel 28

Wir wenden uns nun einer Schriftstelle zu, die für unsere Betrachtung von hervorragender Bedeutung ist. Es handelt sich um das 28. Kapitel des Propheten Hesekiel. Es ist bereits sehr bedeutsam, dass sich ein einziges Kapitel des Buches mit den Völkerschaften Ammon, Moab, Edom und Philistäa befasst (Hes 25), während die nächsten drei Kapitel nicht einmal einem Volk, sondern nur einer einzelnen Stadt gewidmet sind. Es handelt sich um Tyrus, eine Stadt, die zu keiner Zeit in der Geschichte einen Platz von überwältigender Größe oder Prominenz eingenommen hat. Bereits dieses scheinbare Missverhältnis im Worte Gottes deutet darauf hin, dass sich hinter der irdischen Stadt etwas weit Überragenderes verbirgt.

Wir dürfen nicht übersehen, dass Tyrus, vom inspirierten Schreiber ausgewählt, sich hervorragend als Vorbild für den Fürsten dieser Welt eignet. Wenn wir Hesekiel 27 lesen, fällt uns auf, dass Tyrus als die Handelsstadt des Alten Testamentes herausgestellt wird. Sie ist ein Abbild der Pracht der Handel treibenden Welt, ihres Reichtums und des damit verbundenen Hochmuts. Der König von Tyrus ist somit ein vortreffliches Bild des Fürsten dieser Welt, der unser Zeitalter des Jagens nach Reichtum und Ehre regiert. Er redet der Jugend ein, derjenige sei „erfolgreich“, der hier möglichst viel zusammengerafft hat, in den „ewigen Hütten“ aber nichts besitzt, während derjenige versagt habe, der hier um Christi willen allem entsagt, droben aber ein reiches Erbe antritt. Es ist der Geist, der „jetzt wirksam ist in den Söhnen des Ungehorsams“. Tyrus, das „an den Zugängen des Meeres“ wohnte und mit allen Völkern Handel trieb, wurde bei seinem endgültigen Sturz bitterlich beklagt und beweint (Hes 27). Das erinnert uns an „die große Babylon“, die „auf den vielen Wassern sitzt“ (Off 17,1), bei deren Sturz ebenfalls lautes Klagen und Wehgeschrei durch die Kaufleute, Seefahrer usw. erhoben wird. Beide zeichnen sich durch weltweiten Handel, Reichtum und Überheblichkeit aus. Zweifellos sehen wir sowohl hinter dem König von Tyrus wie auch hinter dem König von Babylon (Jes 14) verborgen die gleiche Person: den Fürsten der finsteren Mächte, Satan.

Beachten wir, dass das Wort Jahwes in Hesekiel zunächst an den „Fürsten“ von Tyrus gerichtet wird (Hes 28,2), sodann an den „König“ von Tyrus (Hes 28,12). Der Unterschied zwischen den Bezeichnungen „Fürst“ und „König“ geht sehr klar aus den Kapiteln 7 und 8 des Buches der Richter hervor. Gideon schlägt das Heer der Midianiter, dabei fallen die beiden Fürsten Oreb und Seeb in seine Hände. Der Sieg ist damit noch nicht vollständig, denn die beiden midianitischen Könige Sebach und Zalmunna waren noch „zu Karkor, und ihre Heere mit ihnen, bei fünfzehntausend Mann“. Gideon und seine dreihundert Mann mussten nun noch diesen nachjagen, obwohl sie selber ermattet waren. Erst mit der Tötung auch der beiden Könige war der Widerstand der feindlichen Midianiter völlig gebrochen. In der biblischen Symbolik sehen wir wohl in diesen „Fürsten“ die Verkörperung des Bösen, das sich im Menschen befindet und ihn beherrscht. Die „Könige“ dagegen stellen mehr die übergeordnete böse Macht dar, die sich dahinter verbirgt und ihre Knechte nach eigenem Gutdünken benutzt und einsetzt. Diese Macht deutet auf Satan hin, der nur deswegen „Fürst“ dieser Welt genannt wird, damit seine Unterordnung unter einen noch Höheren zum Ausdruck kommt. Wie die beiden Könige durch Gideon zu Fall kamen, so ist diese finstere Macht durch den Sieg des Herrn Jesus am Kreuz zunichtegemacht.

Betrachten wir nun unter diesem Gesichtspunkt nochmals Hesekiel 28, so erblicken wir in den Versen 1-10 einen sehr stolzen, sehr bösen Mann in einer erhabenen Stellung, aber eben einen Menschen. Ab Vers 11 ist dieser Mensch verschwunden. In dem König, über den Hesekiel ein Klagelied anstimmen soll, sehen wir jemand anders: den Geist, der hinter und über dem bösen Fürsten steht, Satan selbst.

In der Anrede an den Fürsten fällt uns die verblüffende Ähnlichkeit zwischen seinen Wesenszügen und denen des „Menschen der Sünde, des Sohnes des Verderbens“ in 2. Thessalonicher 2,3 auf. Von dem Fürsten von Tyrus wird gesagt: „Weil dein Herz sich erhebt, und du sprichst: Ich bin ein Gott, ich sitze auf einem Gottessitze.“ Von dem Menschen der Sünde lesen wir: „Welcher widersteht und sich selbst erhöht über alles, was Gott heißt oder ein Gegenstand der Verehrung ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei.“ Aus dieser Gegenüberstellung kann wohl ohne Weiteres abgeleitet werden, dass der Fürst von Tyrus im Vorbild auf den Menschen der Sünde, auf den Antichristen, hinweist.

Hesekiel wird von Jehova beauftragt, über den König von Tyrus ein „Klagelied“ anzustimmen. Es ist der gleiche Ausdruck, der für die Klage Davids über den erschlagenen König Saul benutzt wird (den wir schon als Vorbild von Satan gesehen haben). Derjenige, der über das abgefallene, Ihn verwerfende Jerusalem Tränen vergoss, empfindet auch Trauer über das Verderben und die Vernichtung Seines einst als „Bild der Vollendung“ bereiteten Geschöpfes.

Was haben wir nun unter der Bezeichnung „schirmender Cherub“ (Hes 28,14) zu verstehen? Eine Hilfe bietet uns die Stelle in 2. Mose 25,18-20: „Und mache zwei Cherubim von Gold … Und die Cherubim sollen die Flügel nach oben ausbreiten, den Deckel mit ihren Flügeln überdeckend.“ Der Sühnedeckel stellte damals den Thron Gottes auf der Erde dar: „Der du thronst zwischen den Cherubim“ (Ps 80,1). Die beiden Cherubim mussten gleichsam schützend ihre Flügel über den „Thron Gottes“ halten. Konnte er denn erschüttert werden? „Gerechtigkeit und Gericht sind deines Thrones Grundfeste“, sagt uns Gottes Wort (Ps 89,14). Die Grundfesten des Thrones Gottes könnten also durch die geringste Abweichung von der Gerechtigkeit, sei es in der Ausübung des Gerichts oder in der Zuwendung von Gnade Schuldigen gegenüber, erschüttert werden. Vor jeder derartigen Verletzung göttlicher Grundsätze wurde der Thron symbolisch durch die schirmenden Flügel der Cherubim geschützt. Die Cherubim mussten mit dem Sühnedeckel zusammen aus einem Stück gearbeitet sein (2Mo 25,19, s. Fußnote). Sehen wir darin nicht eine fundamentale Wahrheit des gesamten Universums? Die Ausübung der Gnade darf nie auf Kosten der Gerechtigkeit gehen, Gerechtigkeit und Gnade müssen miteinander in Harmonie sein, ohne einer der beiden Seiten Abbruch zu tun, wie das dann in dem Werk des Herrn Jesus in vollkommener Weise geschehen ist.

Wir können aus dem Gesagten schließen, dass es die erhabene Aufgabe des „schirmenden Cherubs“ war, über den Thron Gottes zu wachen. Der höchste von Gott erschaffene Engelfürst war dazu bestimmt, über die ewige Unantastbarkeit und Beständigkeit des göttlichen Thrones zu wachen. Gleichzeitig war ihm die Erde als sein Reich zugewiesen. Er war verantwortlich für die Aufrechterhaltung der Oberhoheit Jahwes über diese Erde. Die Worte: „Du warst ein schirmender, gesalbter Cherub, und ich hatte dich dazu gemacht“ (oder: „eingesetzt“; Hes 28,14) deuten an, dass Satan sich diese hohe Stellung nicht verdient oder erworben hatte; Gott hatte ihn dazu eingesetzt, ihn dazu „gesalbt“. Er verdankte seine Stellung allein seinem Schöpfer.

„Du warst auf Gottes heiligem Berge“ (Hes 28,14). Es wäre sicher abwegig, hier an einen Berg auf der Erde zu denken, etwa an den Berg Horeb oder Zion. Stellen wie Psalm 2,6: „Habe doch ich meinen König gesalbt auf Zion, meinem heiligen Berge“; Psalm 3,4: „Er antwortet mir von seinem heiligen Berge“; Psalm 121,1: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher meine Hilfe kommen wird“ bestätigen uns, dass Berge in der prophetischen Sprache der Bibel auf „Regierung, Herrschaft“ hindeuten. Der Berg Sinai symbolisiert Gottes Regierung aufgrund des Gesetzes; Zion deutet auf die Herrschaft auf dem Boden der Gnade (Heb 12). Wie der Berg seine Umgebung überragt, so ragt die Regierung über das Volk hinaus, das unter der Regierung steht. Die Stelle in Hesekiel 28 würde demnach etwa bedeuten: „Du hattest einen Platz am Regierungsort Gottes, einen Platz höchster Würde und höchsten Vorrechts.“

„Du wandeltest inmitten feuriger Steine“ (Hes 28,14). Da unser Gott „ein verzehrendes Feuer ist“, so stellen diese kostbaren Steine bildlich Sein heiliges, alles Unreine hassendes Wesen dar. Der hohe Cherub wandelte somit in vollem Einklang mit seiner Umgebung inmitten der Darstellung verzehrender göttlicher Herrlichkeiten. Der Ausdruck „wandelte“ vermittelt dabei den Eindruck, dass er sich dort bestimmungsgemäß befand, dass ihm dieser Platz von seinem Schöpfer angewiesen worden war.

„Vollkommen warst du in deinen Wegen von dem Tage an, da du geschaffen worden, bis Unrecht an dir gefunden wurde.“ Es ist klar, dass diese Aussage niemals auf einen Nachkommen des gefallenen Adam (den König von Tyrus) zutreffen könnte. Sie deutet auf jenen Cherub, der zunächst gehorsam und auf Gott wohlgefällige Weise seinen ihm zugewiesenen Platz ausfüllte. Wir mögen vergleichsweise an die erste glückliche Regierungszeit des Königs Saul denken, ehe auch bei ihm ein Abweichen von dem geraden Weg stattfand. Worin das „Unrecht“, das an Satan gefunden wurde, bestand, wird im nächsten Vers angedeutet: „Durch die Größe deines Handels wurde dein Inneres mit Gewalttat erfüllt, und du sündigtest“ (V. 16). Wie können wir dies aber auf den Engelfürsten anwenden? Sicherlich lag einem Engel in dieser Position nichts an materiellen Besitztümern. Doch das, was die Menschen durch ihren Handel zu erlangen trachten, konnte auch von ihm begehrt werden. Reichtum verleiht Menschen Würde, Macht, Beachtung, eine erhöhte Stellung über ihresgleichen, und etwas von diesen Dingen, allerdings von ganz anderem Charakter als das, was ihm als Geschöpf von Gott anvertraut war, erwarb sich dieser Cherub durch seine Intelligenz und sein geschicktes Handeln. Wir dürfen wohl schließen, dass er andere Engelwesen dazu verführte, sich nicht mehr ihrem Schöpfer zu unterwerfen, sondern ihm selber Gehorsam und Unterwürfigkeit entgegenzubringen. Pember übersetzt den ersten Teil unseres Verses mit: „Durch die Menge deiner Verleumdungen.“ Auch diese Deutung ist aufschlussreich, denn Satan gewann das Gehör des ersten Menschenpaares durch eine Verleumdung Gottes; er mag die gleiche Methode vorher bereits bei anderen Engelwesen angewandt haben. Auch ein Absalom „stahl … das Herz der Männer von Israel“ durch Verleumdung des rechtmäßigen Königs und Hervorhebung seiner eigenen Person (2Sam 15,3.4).

„Ich habe dich entweiht vom Berge Gottes hinweg und habe dich, du schirmender Cherub, vertilgt aus der Mitte der feurigen Steine“ (Hes 28,16). Es handelt sich hier um die Verhängung des göttlichen Urteils, noch nicht um seine endgültige Ausführung, (denn wir finden, dass Satan viel später noch Zutritt zum Himmel hat). Doch zum göttlich festgesetzten Zeitpunkt wird auch er „an seinen Ort“ gehen. Er wird vom heiligen Berge und den feurigen Steinen hinweg in den Feuersee geworfen werden.

„Dein Herz hat sich erhoben ob deiner Schönheit, du hast deine Weisheit zunichtegemacht wegen deines Glanzes“ (Hes 28,17). Hier finden wir eine klare Aussage über das „Unrecht“, das an ihm gefunden wurde. Es war der Hochmut, das „Aufblähen“ seiner selbst, von dem wir in 1. Timotheus 3,6 lesen: „Auf dass er nicht, aufgebläht, ins Gericht des Teufels verfalle.“ (Man vergleiche dazu die Fußnote in der Elberfelder Übersetzung.) Das war die erste Sünde, die die Ruhe der Ewigkeit zerstörte und einen Sturm hervorrief, der bis zum heutigen Tage mit wachsender Gewalt tobt. Er wird erst durch das Allmachtswort des Einen zum Stillstand gebracht werden, der einst gebot: „Schweig, verstumme!“

Die Weisheit Satans wurde „zunichtegemacht“ durch seine Auflehnung gegen seinen Schöpfer, denn „die Furcht Jahwes ist der Erkenntnis Anfang“. „Wegen deines Glanzes“ – hier liegt die Ursache zu seinem Fall. Er war mit seiner eigenen Schönheit beschäftigt. Wie erinnert uns das wieder an Absalom (2Sam 14,25): „In ganz Israel war kein Mann wegen seiner Schönheit so sehr zu preisen wie Absalom; von seiner Fußsohle bis zu seinem Scheitel war kein Fehl an ihm.“ Ein besonders hervortretendes Merkmal seiner Schönheit war sein Haar (V. 26), und gerade das wurde ihm schließlich zum Verhängnis.

Wir brauchen der Prophezeiung in Hesekiel 28 nun nicht weiter zu folgen, da sie sich offenbar wieder irdischen Dingen zuwendet. Zusammenfassend können wir sagen, dass die betrachteten Verse folgende Punkte klar herausgestellt haben:

  1. Dieser Abschnitt kann unmöglich auf einen Nachkommen des gefallenen Menschen angewandt werden.
  2. Er kann daher nur auf ein Geist-Wesen oder einen Engel hindeuten.
  3. Dieses Wesen muss den höchsten Platz innerhalb der ursprünglichen Schöpfung bekleidet haben.
  4. Es war mit der Hut des Thrones Gottes betraut, um jeder Annäherung von Ungerechtigkeit und Bösem Einhalt zu gebieten.
  5. „Unrecht“ wurde an ihm gefunden, und dieses Unrecht bestand in seiner Selbstüberhebung.
  6. Das göttliche Urteil der Ausstoßung aus seiner hohen Stellung wird ausgesprochen, aber noch nicht – zumindest nicht endgültig – ausgeführt.

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Originaltitel: „Der ‚schirmende Cherub‘“
aus Hilfe und Nahrung, 1982, Ernst-Paulus-Verlag, S. 12–15, 47–51

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