Kritisches zur Philosophie der Aufklärung

Jochen Klein

© J. Klein, online seit: 25.08.2018

Die sogenannte Aufklärung war eine gesamteuropäische Bewegung, die im 17. Jahrhundert begann, alle Lebensbereiche beeinflusste und den Prozess der Säkularisierung[1] einleitete. Sie wollte die Menschheit von Überlieferungen, Einrichtungen, Vereinbarungen und Normen befreien, die sich nicht vernunftmäßig begründen ließen. Die Aufklärer glaubten an die Unabhängigkeit der menschlichen Vernunft. Sie sei die einzige und letzte Instanz, die über Methoden, Wahrheit und Irrtum jeder Erkenntnis entscheide. Das Motto der Aufklärung stammt von dem bekannten Philosophen Immanuel Kant (1724–1804): „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

In Büchern, Zeitschriftenartikeln, Filmen, Unterrichtsmaterialien usw. wird die Aufklärung oft sehr positiv dargestellt. Das Muster ist – vereinfacht ausgedrückt – folgendes: Zuvor war das Denken von der Kirche und den Mächtigen bestimmt, von nun an geht der Weg in die selbstbestimmte Freiheit, als Beginn einer positiven Zukunft. Ein ähnliches Muster finden wir auch schon in der Renaissance (um 1450 n.Chr.). Deren Hauptvertreter proklamierten, dass die Zeit (ca. 1000 Jahre) zwischen ihnen und der Antike finster gewesen und mit ihnen die Erleuchtung gekommen sei. Noch heute ist es gang und gäbe, vom „finsteren Mittelalter“ zu sprechen.

Versucht man, in populären Medien eine kritische Reflexion der beiden Epochen zu finden, wird man in der Regel enttäuscht: Die meisten stimmen stereotyp in den aufgezeigten Tenor ein. An sich könnte dies Christen egal sein – wenn darauf nicht so manche heute noch aktuellen Argumentationsmuster basierten. So behaupten z.B. Theologen bis heute, nach der Aufklärung könne man nicht mehr an Wunder glauben, und auch die vermeintliche Gegensätzlichkeit von Glaube und Wissen beruht auf diesem Denkschema.

Der Philosophieprofessor Daniel von Wachter nimmt dies zum Anlass, um in seinem Aufsatz „Mythos der Aufklärung“[2] eine kritische Gegenposition zu entfalten. Er fasst sie selbst folgendermaßen zusammen:

Der Begriff „Aufklärung“ wurde von Gegnern des Christentums erfunden, um den Eindruck zu erwecken, die Christen seien naiv und intolerant, und im 18. Jahrhundert sei dagegen schließlich langsam die Vernunft zur Geltung gebracht worden, was zur Entstehung der Naturwissenschaft, zu Fortschritten in der Philosophie und zur Religions- und Meinungsfreiheit geführt habe. Die sich selbst als „Aufklärer“ Bezeichnenden wollten sich als epochemachend stilisieren. Die angeblichen Errungenschaften der Aufklärung wurden größtenteils von anderen errungen.

Konkret wirft von Wachter den Aufklärern zunächst mangelnde Argumentation vor. So habe es z.B. eine Reihe von Gelehrten gegeben, die von der Propaganda pauschal vereinnahmt worden seien, aber zentrale Inhalte der Aufklärung nicht teilten. Weiterhin bemängelt er, dass christentumskritische Positionen nicht so bezeichnet, sondern mit dem Namen „Aufklärung“ belegt wurden. So könne man mit diesem Begriff ohne Argumente den Eindruck verbreiten, es bestehe eine Verbindung zwischen Vernunft und Christentumskritik, das Christentum sei also widervernünftig. Weiterhin suggeriere die Rhetorik vom „Zeitalter“ der Aufklärung, es hätte zu dieser Zeit keine andersdenkenden Gelehrten gegeben oder diese verdienten keine Aufmerksamkeit. Auch lege diese Rhetorik nahe, es habe zu dieser Zeit einen Geist und eine Entwicklungsrichtung dieses Geistes gegeben. Damit werde versucht, abweichende Meinungen durch einen Meinungsdruck zu beeinflussen. Es gebe zwar durchaus weltanschauliche Moden und Bewegungen, aber in vielen Gesellschaften existierten zu jeder Zeit ganz verschiedene, einander widersprechende weltanschauliche Meinungen. Der Hinweis schließlich, dass eine Auffassung der Zeit entspreche oder dass man die andere Auffassung – wie oft gesagt werde – „seit der Aufklärung“ nicht mehr annehmen könne, sollte einen rationalen Menschen völlig unbeeindruckt lassen.

Seine Behauptung, die Aufklärung sei eine antichristliche Bewegung, untermauert von Wachter durch den Nachweis, dass die sich selbst als „Aufklärer“ bezeichnenden und die vorherigen Jahrhunderte als dunkel und abergläubisch darstellenden Autoren antichristlich gesinnt waren. Einige in der Fachliteratur fälschlich zur Aufklärung gezählten Philosophen seien dagegen christentumsfreundlich gewesen. Es sei somit falsch, die Aufklärung als Epoche zu bezeichnen und zu behaupten, sie habe Vernunft in eine dunkle Zeit gebracht. Die Zeit vorher sei nicht dunkel gewesen, und die Aufklärung habe eher Verwirrung gebracht.

Dass diese Zeit auch nicht so tolerant war, wie oft behauptet wird, zeige sich u.a. darin, dass Friedrich II. (der Große) der Durchsetzung der antichristlichen Bewegung durch entsprechende Stellenbesetzungen nachgeholfen habe, z.B. durch ein Verbot der Lehre des wissenschaftlich und christlich gesinnten Philosophen Crusius.

Diese Tradition habe sich dann fortgesetzt. Mit Kants Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1794 und Friedrich Schleiermachers Buch Über die Religion von 1799 habe die aus der Aufklärung hervorgegangene „liberale“ Theologie die Strategie perfektioniert, die christlichen Lehren nicht offen und mit Argumenten zu kritisieren, sondern ihre Unhaltbarkeit vorauszusetzen (nach dem Motto „Man kann das heute nicht mehr glauben“).

Schleiermacher werde heute als „evangelischer Kirchenvater“ bezeichnet. Diese Bezeichnung sei insofern treffend, als die damals neu erfundene Theologie eben die einer neuen Religion oder Weltanschauung gewesen sei. In praktisch allen schon damals und heute noch existierenden Kirchen des Westens sei diese Veränderung der Lehre im Gange oder schon vollendet.

Manfred Lütz weist in diesem Zusammenhang noch auf andere interessante Aspekte hin.[3] Der Aufklärung wird, wie erwähnt, oft eine Vorbildrolle in Sachen Toleranz unterstellt. Schon der Ausruf Voltaires „Rottet sie aus, die Verruchte“ (= Kirche) spreche aber nicht für milde Gewaltlosigkeit. Auch der aufklärerische Staat sei gefährdet gewesen, in unterschiedlichen Bereichen in Toleranzzwang zu verfallen. In der „Bibel“ der Aufklärer, der französischen Encyclopédie, heiße es unter dem Stichwort Toleranz: „Was hätten wir einem Fürsten in Asien oder in der neuen Welt vorzuwerfen, wenn er den ersten christlichen Missionar, den wir zu ihm schicken, um ihn zu bekehren, aufhängen ließe.“ Und Rousseau habe für alle, die einer aufgeklärten Herrschaft zu folgen nicht bereit gewesen seien, die Todesstrafe gefordert. Voltaire schließlich werfe der neueren Forschung vor, „die Grundzüge einer Rhetorik des säkularen Antisemitismus bereitgestellt“ zu haben.

Auch in Bezug auf die Sklaverei gab es genügend zweifelhafte Aussagen von Aufklärern, so z.B. von Montesquieu, Thomas Hobbes, John Locke, David Hume, Graf Mirabeau und Voltaire. Ebenso war die Haltung etlicher Aufklärer in Bezug auf die Juden nicht gerade von Toleranz geprägt. Was die Aufklärung wollte, nämlich Toleranz und Humanität, habe sie aus eigener Unduldsamkeit, ja aus Fanatismus teilweise selbst wieder verschüttet. Moderne Historiker kämen so zu dem erschreckenden Ergebnis, dass das historische Schreckensregiment der Französischen Revolution von der Aufklärung gezehrt habe.[4]

Aus alledem folgt nun selbstverständlich nicht, dass die Vernunft zwangsläufig etwas Negatives ist. So berief sich Luther z.B. beim Wormser Reichstag 1521 darauf. Er wandte sich aber generell vehement gegen die von Gott losgelöste Vernunft. Auch war die Zeit vor der Aufklärung nicht unvernünftig. Der Unterschied lag jedoch darin, dass die Vernunft noch weitgehend der Offenbarung Gottes in der Bibel unterstand und daher die „Magd der Theologie“ war, während ihr in der Aufklärung sehr viel – auch Grundlegendes – zugetraut wurde. Man darf bei aller Vernunftkritik auch nicht ins Gegenteil verfallen, wie teilweise in der Postmoderne, wo die Vernunft geradezu denunziert wird. Wer aber die Grenzen der gefallenen Vernunft erkennt, widersteht hoffentlich der Versuchung, sie zum Maßstab zu machen, an dem man die Offenbarung misst.

Die Aufklärung hatte durchaus ihre Verdienste, die nicht kleingeredet werden dürfen, aber ihre Bedeutung insgesamt sollte realistisch eingeschätzt werden:[5]

„Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern göttlich mächtig zur Zerstörung von Festungen, indem wir Vernunftschlüsse zerstören und jede Höhe, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und jeden Gedanken gefangen nehmen unter den Gehorsam des Christus“ (2Kor 10,4.5).

 

Anmerkungen

[1] Verweltlichung, Lösung der Verbindung zum Christentum.

[2] Auf www.von-wachter.de herunterladbar.

[3] Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums, Freiburg (Herder) 2018, S. 190ff.

[4] Vergleiche auch Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster (Aschendorff) 2006, S. 67 u. 536.

[5] Vergleiche zu diesem Thema ergänzend auch Jochen Klein: „Das moderne Denken und die Bibelkritik“, Zeit & Schrift 5/2015, S. 29–34. Zum Thema „Das Zeitalter der Vernunft“ und „Lessings Nathan der Weise und der ‚Fragmentenstreit‘“ vgl. Jochen Klein: Christentum und Gesellschaft. Wovon wird unser Denken beeinflusst?, Lychen (Daniel) 2008, S. 23ff. und 46ff. (abrufbar auf www.jochenklein.de).


Quelle: www.jochenklein.de

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