PISA-Panik
Christen und Bildung

Jochen Klein

© Z&S, online seit: 01.07.2004, aktualisiert: 21.07.2016

Einleitung

Nachdem vor drei Jahren die Ergebnisse der PISA-Studie veröffentlicht wurden, ist das Thema Bildung und Schule sehr stark ins öffentliche Bewusstsein gerückt, und die Medien nehmen sich dieses Gebiets wieder vermehrt an. Wenn man die entsprechenden Publikationen oder auch nur manche Überschriften liest, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass sich hier und da eine gewisse Panikstimmung breitmacht. So titelte z.B. Der Spiegel (46/2003): „Klassenkrampf. Warum Lehrer und Schüler versagen“ und überschrieb einen Artikel mit „Horrortrip Schule“. In der Zeit (50/2003) lautete ein Artikel „Die Bilanz des Schreckens“. In einem weiteren Text in der gleichen Ausgabe – mit dem Titel „Marionetten an der Tafel“ – hieß es: „Nicht nur die deutschen Lehrer, sondern unser Bildungssystem als Ganzes wird wohl im internationalen Lehrerexamen durchfallen … Sisyphus, so scheint es, ist im 21. Jahrhundert ein deutscher Lehrer. Er quält sich und andere im Klassenzimmer.“ Und schließlich: „Lehrer wie Schüler hängen an Marionettenfäden. Viel Energie geht damit verloren, das ständig verhedderte Garn zu entwirren. Dabei wäre die Therapie so einfach: Leinen los.“

1. Die PISA-Studie

Rudolf Messner macht in einem Aufsatz mit dem Titel „PISA und Allgemeinbildung“ auf einige problematische Aspekte im Zusammenhang mit der PISA-Studie aufmerksam. So geht PISA von einem grundsätzlich neuen Bildungsverständnis aus, das im englischen Sprachraum unter dem Begriff Literacy bekannt ist. „Wörtlich bedeutet Literacy, zum Lesen und Schreiben fähig zu sein. Als bildungsrelevanter Begriff hat Literacy jedoch eine lebens- und weltbezogene praktische Dimension. Diese drückt aus, dass Schulinhalte so gelehrt werden sollen, dass sie für Bürger in deren Lebenswelt und Beruf Gebrauchswert haben“ (S. 402). Philosophischer Hintergrund dieses Konzepts ist der Pragmatismus, der „die Aufmerksamkeit von den Ideen auf die empirischen Realitäten des Handelns sowie die erfahrbaren Wirkungen in der Praxis“ lenkt (S. 403). Wahr und richtig im Sinne des Pragmatismus ist, was sich im Leben bewährt. „Nützlichkeit, Wert für die Praxis und realer Erfolg sind insofern auch die leitenden Maßstäbe für schulische Bildung“ (S. 404). Der Pragmatismus läuft allerdings Gefahr, „einen platten Begriff von Praxis zu vertreten und in die Fallstricke einer kritiklosen Anpassung an den ökonomischen Bereich zu geraten“ (S. 404).

Obwohl PISA nach seinem Selbstverständnis „keine generellen Aussagen über die Allgemeinbildung von Schülern und die Gesamtqualität von Schulen erlaubt“, wird es in der gegenwärtigen Bildungsdebatte doch als „Programm für das Ganze schulischer Bildung“ (S. 405) verstanden, und die gemessenen Basiskompetenzen werden als universell aufgefasst. Damit steht das PISA-Konzept für eine neue, an den Anforderungen der Wissensgesellschaft orientierte Grundbildung: „Die fortschrittlichsten Industrieländer versuchen mit PISA, eine moderne, für den Übergang von der Industrie- zur ‚Wissensgesellschaft‘ adäquate Bildungskonzeption zu entwickeln“ (S. 405).

2. Christen und Bildung

Was ist Bildung? 1999 hat Dietrich Schwanitz, ehemaliger Anglistikprofessor in Hamburg, ein Buch mit dem Titel „Bildung. Alles, was man wissen muss“ veröffentlicht. Würde man gläubige Christen fragen, was in einem solchen Buch stehen sollte, gäbe es sicher unterschiedliche Meinungen – bis hin zu der Frage, ob Bildung überhaupt notwendig ist oder ob nicht alles, was man wissen muss, in der Bibel steht, sodass sich jegliche weitere Lektüre erübrigt.

Feststehen dürfte – auch für Christen –, dass in unserer Gesellschaft ein gewisses Maß an Bildung (wie man sie auch immer genau definieren mag) unabdingbar ist. Ohne sie kann man weder lesen noch schreiben, und ein Schulabschluss ist unmöglich. Neben den äußeren Umständen, die Bildung nötig machen, gibt es Bereiche, wo es vom Einzelnen abhängt, inwiefern Bildung nützlich oder notwendig ist. So sind z.B. für einen angehenden Englisch-, Französisch-, Deutsch- oder Geschichtslehrer andere Lektüren und Formen von Bildung notwendig als für einen Handwerker. Dass für manche ein Weg richtig sein kann, der mit viel „weltlicher Bildung“ konfrontiert, zeigt das Beispiel Daniel. Er musste sich wegen der von Gott für ihn vorgesehenen Aufgabe mit dem Gedankengut der Chaldäer beschäftigen, was sicher auch deren (okkulte) Philosophien beinhaltete. Hier gilt es aber vorsichtig zu sein. Während das Lesen mancher Bücher unumgänglich ist, da sie z.B. von den Kultusministerien als Pflichtlektüre vorgeschrieben sind (so in Hessen für die Klasse 13 Goethes „Faust I“), sollte manche andere, freiwillige Lektüre vielleicht bewusst vermieden werden, und falls ein Lehrer okkulte oder unmoralische Bücher als Lektüre für den Unterricht festlegt, sollte dagegen angegangen werden, was im Rahmen der Vorschriften durchaus möglich ist.

Die ideologische Basis der Erziehungswissenschaft, mancher Bereiche der Geisteswissenschaften, aber auch einiger Teilgebiete der Naturwissenschaften (Evolution) hat direkte Auswirkungen darauf, wie den Schülern Inhalte vermittelt werden. So ist es z.B. ein Unterschied, ob ein Lehrer im Deutsch- oder Geschichtsunterricht die Philosophie der Aufklärung behandelt und dann ihre bedenklichen Aspekte mit ihren Konsequenzen bis heute aus biblischer Sicht kritisch hinterfragt oder ob er sie als Anfang auf dem Weg ins Zeitalter des Lichts darstellt.

Manche neueren Entwicklungen in den 1960er- und 1970er-Jahren haben Christen veranlasst, evangelische Bekenntnisschulen zu errichten, in denen u.a. unbiblische Ideologien aus christlicher Perspektive beleuchtet werden sollen. Es muss ausdrücklich betont werden, dass die Gesetze in Deutschland die Gründung von Privatschulen erlauben. Schickt jemand sein Kind dorthin, ordnet er sich nicht mehr und nicht weniger der Regierung unter, als wenn er es zu einer staatlichen Schule gehen lässt. Damit aber alle Kinder und Jugendlichen möglichst gut für die auf sie einströmenden Philosophien u.Ä. sensibilisiert werden, ist es unbedingt zu empfehlen, dass dies in den Versammlungen/Gemeinden und den Elternhäusern – ihrem Alter angemessen – geschieht. Manche Eltern in Deutschland sehen die einzige Konsequenz, um ihre Kinder vor diesen Entwicklungen zu schützen, darin, Heimschulen zu errichten, also ihre Kinder selbst zu unterrichten. Dabei muss aber zum einen bedacht werden, dass dies in Deutschland gegen das Gesetz verstößt, und zum anderen ist zu fragen, ob so eine qualifizierte Ausbildung gewährleistet werden kann.

3. Konsequenzen

Das Verdienst der PISA-Studie liegt darin, dass wieder vermehrt über das Thema Bildung und Schule nachgedacht wird und dass manche guten Reformen angestoßen wurden. Manche geradezu panischen Reaktionen dürften allerdings darauf zurückzuführen sein, dass die Perspektive von Nichtchristen ausschließlich horizontal ausgerichtet ist, d.h. alle ihre Erwartungen im Diesseits liegen. Wenn dann der Eindruck entsteht, dass die Ausbildung der Kinder in Deutschland schlechter ist als in anderen Staaten, befürchtet man schlechtere Zukunftschancen und somit eine schlechtere Lebensperspektive. Christen sollten sich von dieser Stimmung nicht beeinflussen lassen. Sie wissen, dass das, was sie auf der Erde tun, aus einer anderen, nämlich der ewigen Perspektive betrachtet werden muss. Und so relativiert sich die Bedeutung von so manchem. Nehmen Christen persönlich ihren von Gott gegebenen Auftrag ernst, werden sie sich auch im Bereich Bildung verantwortungsvoll einsetzen. Dazu gehört, dass sie ihre Fähigkeiten nicht vernachlässigen, sich so informieren, dass sie anderen fundiert und qualifiziert antworten können, ihren Kindern eine angemessene Bildung zu verschaffen versuchen usw. Für Christen definiert sich auch „Wissen“ anders als bei PISA. Ihre Bildung sollte sicherlich nicht von weltlichen Nutzbarkeitsmaßstäben und der Anpassung an ökonomisches Denken gekennzeichnet sein. Nützlich im Zusammenhang mit Bildung können sie sich aber fast überall machen: in der Elternarbeit an einer christlichen oder staatlichen Schule (auch hier gibt es viel Gestaltungsspielraum, der positiv genutzt werden sollte), in Form von Jugendarbeit, Nachhilfe, Lehramtsstudium usw. Die Perspektive, die auf biblischen Aussagen, Werten und Normen basiert, sollte uns auch vor überzogenen Ansprüchen an uns und andere bewahren – unabhängig davon, ob man selbst bei der PISA-Studie gut oder schlecht abschneiden würde.


Mit freundlicher Genehmigung
www.zs-online.de (Zeit und Schrift)

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