Kritisches zur 1968er-Bewegung

Jochen Klein

© J. Klein, online seit: 07.05.2020, aktualisiert: 21.08.2020

In den 1960er Jahren gingen weltweit tausende Studenten auf die Straße. Protest war angesagt – gegen starre Strukturen, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Sexualmoral, gegen die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus und anderes. Unter der Chiffre „1968“ ist diese Bewegung in die Geschichtsbücher eingegangen. Deshalb erschienen 2018 zum 50-jährigen Jubiläum unterschiedliche Publikationen und Filme darüber; auch Ausstellungen wurden organisiert. Der Tenor dabei ist eindeutig, genau wie in Schulbüchern und anderen Veröffentlichungen: Es dominieren stark die positiven Aspekte, die kritischen sind dagegen kaum – und wenn, dann oft nur in Ansätzen – zu finden.[1] So soll hier einmal die Gelegenheit genutzt werden, vorwiegend kritische Stellungnahmen prominenter, kenntnisreicher Autoren zu referieren, um ein etwas differenzierteres Gesamtbild zu erhalten und besonders auf die unbiblischen Aspekte aufmerksamer zu werden.

Josef Kraus, ehemaliger Präsident des deutschen Lehrerverbandes und Berater in Bundes- und Landespolitik, fasst die Hauptlinien der 1968er-Bewegung folgendermaßen zusammen:

Die 68er pflegten und pflegen einen Eklektizismus aus Kommunismus, Marxismus, Maoismus, Sozialismus, Egalitarismus, Hedonismus, Pazifismus, Feminismus, Internationalismus, Humanitarismus, Kulturrelativismus, Multikulturalismus, neuerdings auch Ökologismus und Genderismus, das Ganze unterlegt mit vielen Anti-Ideologien: Anti-Faschismus, -Kapitalismus, -Amerikanismus, -Kolonialismus, -Klerikalismus, -Sexismus, -Nationalismus, -Patriotismus, -Elitismus, -Rassismus. Verschwiegen wird dabei, welche Schnittmenge es zwischen Sozialismus/Kommunismus/Marxismus und dem Nationalsozialismus gibt – nämlich die Schnittmenge, dass beides totalitär, antikirchlich, kollektivistisch, nihilistisch ist.[2]

In der Bundesrepublik hatte die 1968er-Bewegung einen Sturmlauf auf die Institutionen zum Ziel, z.B. auf Universitäten, Schulen, Gerichte, Parlamente, Verlage und Redaktionen. Die mehr oder weniger spontane Revolte der 60er Jahre, die zum Teil durchaus berechtigte Fragen an die Gesellschaft gestellt hatte, wurde so schließlich zu einer tiefgreifenden Kulturrevolution. Der Politikwissenschaftler und Philosoph Wolfgang Kraushaar, einer der besten Kenner dieser Zeit und Zeitzeuge, konkretisiert dies wie folgt:

Es waren insgesamt fünf verschiedene Sphären, in denen der Angriff der Maximalisten auf die bürgerliche Gesellschaft vorgetragen wurde. Es war:
1. Ein Angriff auf die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft: auf den bürgerlichen Staat als deren politisches Korsett, auf die bürgerliche Klasse als deren soziale und auf das Kapital als deren ökonomische Struktur.
2. Ein Angriff auf die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft: die Parlamente, die Justiz, die Banken, die Wirtschaftsunternehmen und insbesondere die Industriekonzerne.
3. Ein Angriff auf die Sozialisationsagenturen der bürgerlichen Gesellschaft: die Familie als deren Kernzelle, die Kindergärten, die Schulen und die Universitäten.
4. Ein Angriff auf Leistungs- und Reproduktionsmechanismen: die Aushebelung der Leistungsethik, die antiautoritäre Erziehung als Bruch mit dem bürgerlichen Wertekanon, die Sexualität ohne Zwang zur Fortpflanzung.
5. Ein Angriff auf die psychosoziale Charakterstruktur: … die Idee einer allumfassenden Emanzipation des Individuums.[3]

Hier müsste noch ergänzt werden, dass die Legalisierung der Abtreibung einen großen Stellenwert einnahm.

Die Folgen der Bewegung sind erheblich und haben das Erscheinungsbild unserer Gesellschaft nachhaltig verändert. Wolfgang Kraushaar urteilt:

Weder zuvor noch danach ist die Gesellschaft so grundlegend in Frage gestellt worden wie in jenem Jahr: Autorität, Ordnung, Gehorsam, Pflicht, Leistung, Zuverlässigkeit, Sauberkeit sowie Ethik und Moral insgesamt – der gesamte Kanon an sozialen Werten wurde auf den Prüfstand gestellt. Und das neue Schlüsselwort lautete „Emanzipation“ – die Loslösung aus … Herrschaftsverhältnissen.

Die theoretische Grundlage für diese Bewegung lieferte die kritische Theorie der Frankfurter Schule, angeführt von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas und vor allem Herbert Marcuse. Sie bestand aus einer Mischung von Ideen: der Aufklärung[4] des 18. Jahrhunderts, des Marxismus des 19. Jahrhunderts und der Psychoanalyse des frühen 20. Jahrhunderts.

Der Geschichtsprofessor Lutz E. von Padberg schreibt dazu:

Schon 1968 gab es erste Anzeichen für den Wandel der berühmt-berüchtigten außerparlamentarischen Opposition (Apo) in eine antiparlamentarische Fundamentalopposition. Diese predigte nicht nur den Klassenkampf, sondern setzte ihn in ihren Kommunen um und zielte durch ihr Programm der Emanzipation auf die Abschaffung des demokratischen Staates. Dieser wurde mit dem Etikett „faschistisch“ gebrandmarkt und zum Abschuss freigegeben. Durch gezielte Aktionen „zivilen Ungehorsams“ gegen die „strukturelle Gewalt des Staates“, die als legitimer Widerstand gerechtfertigt wurden, meinte man eine revolutionäre Situation herbeiführen zu können. Dann, so glaubten zumindest die Intellektuellen, werde die Arbeiterschaft sich in Scharen mit ihnen solidarisieren, den Umsturz herbeiführen und so das Paradies von Sozialismus und Kommunismus ermöglichen. Das trat nicht ein, und so mussten die 68er ihre Strategie ändern. Nach dem neugefundenen Konzept des Neomarxismus sollte nun zuerst das Bewusstsein der Massen verändert werden. Wenn die Leute nicht einsehen wollten, dass es ihnen im Prinzip schlecht gehe und sie vom Staat ausgebeutet würden, dann müsse man es ihnen eben auf dem Weg über die Erziehungsdiktatur beibringen. Der Leitbegriff dafür lautete Emanzipation. Kaschiert als Demokratisierung aller Lebensbereiche, bedeutete dies nichts anderes als eine Politisierung auch des privaten Lebens. Gezielt auf verschiedenen Ebenen ansetzend, wurden zunächst die Universitäten erobert als Brückenköpfe für den Kampf gegen Staat und Gesellschaft. Es folgte der Versuch der Zerstörung der Familie als Kernzelle der bürgerlichen Gesellschaft mittels der sexuellen Revolution, der Schürung des Generationenkonfliktes und der antiautoritären Erziehung. Hinzu kam der „Marsch durch die Institutionen“, verstärkt durch die Umwandlung von 68er Gruppen in die Bewegungen des Feminismus und der Grün-Alternativen sowie deren erfolgreiche politische Etablierung. Die ganze Geschichte gipfelt in der höchst erfolgreichen Zerschlagung des herkömmlichen Wertekanons der Gesellschaft, dem wohl augenfälligsten Beleg für den Siegeszug der Emanzipationsbewegung.[5]

Weiter stellt Padberg fest:

Die jüngere Generation verketzerte plötzlich die wertorientierte Demokratie als autoritär, der Sturm auf die traditionellen Strukturen begann. Folgen dieser Phase der Reideologisierung, die durch das Stichwort Emanzipation charakterisiert ist, sind Misstrauen jeder Autorität gegenüber, Streben nach absoluter Selbstbestimmung ohne Rücksicht auf die Solidargemeinschaft und das Vertrauen in visionäre Utopien sowie schließlich eine allmähliche Umwertung der Werte. Parallel dazu verlief eine erhebliche Veränderung der Gesellschaft durch die … Neustrukturierung der Öffentlichkeit durch das laufende Bild als Medium. Der gesamte Bereich von Ehe und Familie, von Erziehung und Bildung sowie die Beziehung der Geschlechter und Generationen zueinander haben sich seitdem erheblich verändert und die kulturellen Momente verlagert. Für alle in der Gesellschaft gleichermaßen verbindliche Verhaltensmuster gibt es nicht mehr, der individuellen Lebensgestaltung steht alles offen, mag es nach den herkömmlichen Vorstellungen auch noch so pervers erscheinen. Diese Situation hat sich selbst nach dem erneuten Klimaumschwung seit den 80er Jahren gehalten, der geprägt ist von der Ablösung der politischen Nüchternheit durch die Emotionalität und den Irrationalismus. Diese Tendenz hat sich in der sogenannten Postmoderne der 90er Jahre eher noch verstärkt.

Man kann hinzufügen, dass dies heute z.B. in der Ideologie des Gender Mainstreaming, der Ehe für alle, der Abwertung der Frau als Mutter, der undifferenzierten Glorifizierung von deren Karrierestreben, dem hemmungslosen Ausleben des Individualismus/Egoismus usw. mündet.

Konkrete Missstände in unserer Gesellschaft, die sich mehr oder weniger direkt aus der 68er-Bewegung ergeben haben, sind nach Padberg zunächst

die Schädigung des Bildungssystems, weil man an den Universitäten zugunsten eines ideologischen Gleichheitsgedankens das Anspruchsniveau dramatisch gesenkt hat. Unterschiede der Begabung wurden zu Unterschieden der Sozialisation uminterpretiert und durch längere Studienzeiten wie Absenkung der Ansprüche wettgemacht … Dazu gehören die verschiedenen Spielarten der Alternativkultur mit ihrer Sozialromantik einschließlich des Feminismus, der Naturmystik, des Esoterik-Zaubers und des übertriebenen Ökologismus. Die Vertreter dieser Richtungen treten übrigens meist in unerträglicher Weise mit dem pathetischen Anspruch des Weltgewissens auf und mit einer Empörungsbereitschaft, die bei ausländischen Beobachtern in der Regel nur Kopfschütteln hervorruft. Dazu gehört schließlich eine unübersehbare Sexualisierung des Alltags, bei der Medien wie Presse und Fernsehen eine höchst unselige Rolle spielen.

Es bleibt also festzuhalten, dass die 68er-Ideologie sich weithin durchgesetzt hat. Auch die Kirchen haben sich in etlichen Bereichen diesem Zeitgeist angepasst,[6] und selbst in evangelikalen Gemeinden sind Auswirkungen festzustellen.

Padberg schreibt:

Das Ergebnis dieser Entwicklung ist eine dramatische Orientierungslosigkeit. Sie wird deutlich an drei Aspekten:

Erstens die Wertelosigkeit. Das falsch verstandene aufklärerische Denken hat den Wahrheitsbegriff aufgelöst. Wenn aber Wahrheit nicht an eine außerhalb des Menschen befindliche Norm gebunden ist, wird sie verfügbar und vom jeweiligen Denkstil abhängig.

Zweitens die Gottlosigkeit. Wo einst die Glaubensüberzeugungen der Reformation galten, findet sich heute ein ideologischer Trödelmarkt, auf dem sich jeder nach Belieben versorgen kann. Der Verlust der Gottesorientierung führt indes zur Unsicherheit des Denkens. Daraus sucht der Mensch sich zu befreien, indem er sich selbst zum Gott erklärt. Der moderne Mensch ist der Weltenbaumeister, der sich seine Welt und seine Gesetze nach seiner Vernunft selbst schafft.

Drittens die Ratlosigkeit. Der Mensch wird mit seiner Rolle als Gott nicht fertig … In seiner Ratlosigkeit sucht er nach immer neuen Rezepten, wird dabei aber, weil er seine Grundlage nicht aufgeben will, immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. So entsteht eine unübersehbare Masse an Rhetorik des Zeitgeistes, aber keine wirkliche Hilfe. Da man sich überdies nur allzu gern den modernen Seelenführern anvertraut, konnte vielfach das verknorzte Weltbild der 68er zum Leitfaden der Politik werden. Gefallen tut das den meisten Zeitgenossen eigentlich nicht, aber dagegen aufzustehen wagen sie auch nicht.

Wolfgang Kraushaar meint dazu generell:

Wer begreifen will, wie es in einer Bewegung, die in quantitativer Hinsicht keineswegs zu den stärksten gezählt hat, gelingen konnte, die bundesdeutsche Gesellschaft tatsächlich zu verändern, der muss sich vor allem auf die seinerzeit angestrebte Umorganisierung des Privatlebens konzentrieren und seinen Blick auf die Kernzelle der Gesellschaft werfen – die Familie. Um die alte „unfreie“ in eine neue „befreite“ Gesellschaft transformieren zu können, lautete die damals unter den Protagonisten verbreitete Überzeugung, müsse man sie zuerst einmal in ihrer Grundformation, der als repressiv-neurotischer Zwangsverband angesehenen Familienstruktur, überwinden. Denn hier werde das ausgebrütet, was Theodor W. Adorno als den „autoritären Charakter“ bezeichnet hatte, der sozialpsychologisch betrachtet den Faschismus überhaupt erst möglich gemacht habe. Der „autoritäre Charakter“ war Adorno zufolge dadurch geprägt, dass er kein autonomes Ich auszubilden vermochte.

Zu den Folgen der 68er zählt Kraushaar

die Ablösung eines sozialkritisch, zuweilen neomarxistisch geprägten, sich in der Tradition der europäischen Aufklärung begreifenden Denkens durch Theorien der Postmoderne, die ein von Zügen der Pluralisierung, der Virtualität und der Beliebigkeit bestimmtes Zeitalter einer entmoralisierten und verantwortungsarmen Individualisierung heraufbeschworen haben.

Über Dieter Kunzelmann, einen der einflussreichsten Vertreter der 68er, stellt er in diesem Zusammenhang fest:

Sein Programm der Entwurzelung gefiel sich als Aufruf zur persönlichen Selbstbefreiung. In Wirklichkeit jedoch war es die radikale Abkehr von der Welt der bürgerlichen Kleinfamilie. Die Kehrseite bestand darin, dass … die aus ihrem sozialen Netz isolierten und von all ihren Sicherheitsbedürfnissen abgelösten Einzelnen zugleich die geeignetsten Objekte einer neuen Unfreiheit werden konnten, Objekte von Manipulation, Domestizierung und Gehirnwäsche durch einen selbsternannten Gruppen-Guru.

Nach Josef Kraus ist der Linken die mephistophelische Devise eigen: „Alles, was besteht, ist wert, dass es zugrunde geht.“[7] Und:

Von der „Befreiung“ durch die 68er war und ist die Rede, von mehr „Toleranz“ gegenüber anderen Menschen, Völkern, Wertvorstellungen. Aber es war und ist bestenfalls die Toleranz eines „Nihilismus des Geltenlassens von schlechthin allem“ (Arnold Gehlen). Ferner haben viele Andersdenkende die Erfahrung eines „linken Faschismus“ und einer erschreckenden Intoleranz machen müssen, wie sie auch heute wieder von der „Antifa“ praktiziert wird. Die 68er Enkelmentalität der „Political Correctness“ definiert fünfzig Jahre später tagtäglich, was zu tolerieren und was nicht zu tolerieren ist. Dass die 68er Bewegung fünfzig Jahre Umerziehung zu verantworten hat, Bildungsabbau, ja Entgrenzung in allen Lebensbereichen bis hin zu Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit, wird weniger artikuliert.

Der Klassenkampf habe sich für die Linken „zum Geschlechterkampf gewandelt“. Eine der Strukturen, die es zu zerstören gelte, sei

für die 68er die monogame, bürgerliche Ehe. Sie galt es zu zertrümmern. Mit der „Gender“-Ideologie wird die Ehe zwischen Mann und Frau generell in Frage gestellt, ja es wird postuliert, dass jeder/jede/jedes seine geschlechtliche Identität selbst bestimmen könne. Die Einteilung nach Mann/Frau sei willkürlich und mit Gewalt erzwungen … Die Schaffung eines neuen Gender-Menschen ist inzwischen auch in Deutschland Politik nicht nur der Linken. Manche nennen das einen „rosa Sozialismus“, manche einen staatlich und medial oktroyierten Feminismus. Die Bundesregierung steht da nicht zurück. Einen hohen zweistelligen Millionen-Betrag hat sie bereits „vergendert“. … „Wenn es nach der Partei bzw. Fraktion DIE LINKE geht, dann ist jede Kritik an „Gender“ faschistisch … Es ist ein Kulturkampf, der sich hier abzeichnet. Dass das Grundgesetz Ehe und Familie unter den besonderen Schutz des Staates stellt und Erziehung ausdrücklich als das Recht der Eltern benennt, scheint nicht mehr überall zu gelten. Und nur noch mit Einschränkung scheint das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung zu gelten. Jedenfalls kann derjenige nicht mit Toleranz rechnen, der sich gegen das repressive Toleranzverständnis und die Deutungshoheit der Protagonisten der Gender-Theorie stellt.

Weiter erwähnt Kraus noch, dass bei der typischen 68er-Partei „Die Grünen“ die Absicht, Sex mit Kindern zu legalisieren, größer war als lange bekannt. Das grüne Parteiprogramm von 1980 habe hier eine weitgehende Legalisierung vorgesehen.

Was nun? Wir haben gesehen, dass in vielen Zusammenhängen Freiheit eingefordert wird, die Freiheit des Andersdenkenden dabei aber oft völlig ignoriert wird. So verwundert es auch nicht, wenn dies – wie z.B. bei der Rote-Armee-Fraktion – auch radikale Formen annahm. Etliche der hier dargestellten Muster und Tendenzen gibt es in Grundzügen freilich schon seit Beginn der Menschheitsgeschichte immer wieder. Das sieht man z.B. beim Volk Israel, besonders zur Zeit der Richter, als jeder tat, was er wollte (vgl. Ri 21,25), was schlimme Folgen mit sich brachte. Auch auf die Stimme der Propheten wollte man oft nicht hören, mit den bekannten negativen Konsequenzen. Dies sollte uns aber nicht demotivieren, sondern ermutigen, gerade in schwierigen Zeiten an biblischen Maßstäben festzuhalten. Dabei gilt es, zeitgeschichtliche Phänomene wahrzunehmen und in einem größeren Zusammenhang, besonders aber auf biblischer Basis zu bewerten.

Beachten wir die folgenden Mahnungen säkularer Denker:

Warum uns das Plötzliche oft überrascht? Weil uns das Allmähliche entging. (Otto Weiß)

Gute Gesellschaften können Menschen überleben, die unmoralische Dinge tun. Aber eine gute Gesellschaft kann nicht überleben, wenn sie unmoralische Dinge als moralisch bezeichnet. (Dennis Prager)

Wenn ein Unrecht lange genug hingenommen wird, hält man es schließlich für rechtens- (Thomas Paine)

Wo der Liberalismus seine äußersten Grenzen erreicht, schließt er den Mördern die Tür auf. (Ernst Jünger)

Der Historiker Rolf Peter Sieferle schreibt mit Blick auf Europa und Deutschland von einem „gesinnungsethischen Rausch in den Untergang“. Und schon der Apostel Petrus warnte vor denen, die im Irrtum leben: „Freiheit versprechend, während sie selbst Sklaven des Verderbens sind; denn von wem jemand überwältigt ist, diesem ist er auch als Sklave unterworfen“ (2Pet 2,19).

Um es noch einmal zu betonen: Die 68er-Bewegung hat auch berechtigte Fragen an die Gesellschaft gestellt und manches mit Recht kritisiert – es gab vorher, wie in allen Zeiten, vielfältige Missstände und Probleme. Einige Vorstellungen haben sich auch von 1968 bis heute gewandelt oder verlagert. Fest steht aber, dass zentrale Anliegen dieser Bewegung mittlerweile nicht mehr nur bei den linken Parteien zu finden sind, sondern auch bei den meisten anderen. Und weil die Mehrheit der Journalisten und Künstler (ca. 80 Prozent) Ideale der 68er vertreten, werden diese auch in den meisten Medien, Filmen und Romanen proklamiert.

Wenn in der Gesinnung der 1968er biblische Grundsätze skandalisiert, angegriffen oder verächtlich gemacht werden, dann macht Matthäus 18 die Konsequenz dafür deutlich. Dort wird das griechische Wort, aus dem im Deutschen der Begriff Skandal geworden ist, mit „Anstoß“ oder „Ärgernis“ übersetzt, und es wird ein massives Gericht über die angekündigt, die Unsichere negativ beeinflussen oder ihnen zusetzen und den eigentlichen Skandal, nämlich das wirklich Böse, forcieren oder nicht erkennen. Lassen auch wir uns warnen und unser Denken immer wieder von der Bibel in die richtige Richtung lenken (vgl. 2Thes 2,11 und 2Pet 3,17).

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Anmerkungen

[1] Vgl. aber Götz Aly, Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt/Main (S. Fischer) 2008. Jan Fleischhauer, Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde, Reinbek (Rowohlt) 2009, und Wolfgang Kraushaar, Die blinden Flecken der 68er-Bewegung, Stuttgart (Klett-Cotta) 2018.

[2] Josef Kraus, 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften, Lüdingshausen/Berlin (Manuscriptum Verlagsbuchhandlung) 2018. (Leicht lesbar)

[3] Wolfgang Kraushaar, 1968, Ditzingen (Reclam) 2018.

[4] Vgl. dazu Jochen Klein, „Kritisches zur Philosophie der Aufklärung“.

[5] Lutz von Padberg, „1968–1998: Bilanz nach 30 Jahren Emanzipation“ in Bibel und Gemeinde 99 (1999), Heft 1.

[6] Vgl. dazu Josef Kraus: „Die Politisierung der Kirchen hin zu Moralagenturen, vor allem die einseitige politische Positionierung von Kirchenleitungen, entfremdet die Gläubigen mehr und mehr von ihrer Kirche.“ Aus 50 Jahre Umerziehung. Die 68er und ihre Hinterlassenschaften.

[7] So die Teufelsfigur Mephistopheles in Goethes Faust I.


Quelle: www.jochenklein.de

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