Kritisches zur Postmoderne

Jochen Klein

© J. Klein, online seit: 05.05.2022, aktualisiert: 06.05.2022

Einführung

Im Artikel „Kritisches zur Philosophie der Aufklärung[1] sahen wir u.a.,

  • dass im Laufe der abendländischen Geschichte der Verstand des Menschen immer mehr in den Vordergrund rückte,
  • dass auch die vermeintliche Gegensätzlichkeit von Glaube und Wissen auf diesem Denkschema beruht.

Weiter sahen wir, dass das Denken der Moderne stark von der Aufklärung beeinflusst ist. Dazu schreibt Timothy Keller [*1950]:

Erst in modernen Zeiten meinen wir, die Sicherheit zu haben, dass wir alles berücksichtigt haben, um über Gott richten zu können.

Die Zeit, in der wir heute leben, bezeichnet man aber oft nicht mehr als Moderne, sondern als Postmoderne, was so viel bedeutet wie „Zeit nach der Moderne“. Die Moderne geriet nämlich im 20. Jahrhundert in eine Krise, weil sich die Fortschrittsversprechen und Fortschrittshoffnungen nicht in erwarteter Weise erfüllten. Es wurde immer deutlicher, dass Vernunft und Wissenschaft nicht so leistungsfähig waren, wie es die Vertreter der Moderne gehofft bzw. vorausgesagt hatten. Trotz mancher Erfolge sah sich die Moderne im 20. Jahrhundert einer erschreckenden Bilanz gegenüber: zwei Weltkriege, Umweltzerstörung, Hungerkatastrophen, soziale Ungleichheit, Wirtschaftskrisen usw. Besonders deutlich wurde die Sinnkrise der Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg. Deshalb datieren manche Historiker den Beginn der Postmoderne auf das Jahr 1945.

Die Postmoderne

Die Postmoderne ist, kurz gefasst, eine Sammelbezeichnung für eine Geisteshaltung oder Denkrichtung, die sich als Gegen‑ oder Ablösungsbewegung zur Moderne versteht. Der auf rationale Durchdringung und Ordnung gerichteten Moderne stellt die Postmoderne eine prinzipielle Offenheit, Vielfalt und Suche nach Neuem entgegen, die oft als Beliebigkeit kritisiert wird. Der Philosoph Paul Feyerabend  [1924–1994] brachte diese Überzeugung auf die berühmt gewordene Kurzformel „Anything goes“ – alles ist möglich. Dies bedeutet, dass die unterschiedlichen Sichtweisen alle gleich gut und gleichberechtigt sind – alle besonderen Geltungsansprüche und Wahrheitsansprüche sind dagegen tabu. Erlaubt sind lediglich „subjektive Wahrheitsbekenntnisse“, unerwünscht sind Wahrheitsbehauptungen mit objektivem Anspruch.

Ein anderer Begriff, unter dem man einige Entwicklungen zusammenzufassen versucht, ist „Neue Toleranz“. Traditionell bedeutet Toleranz, dass man Glaubensüberzeugungen oder Verhaltensweisen anderer respektiert oder duldet, auch wenn man sie nicht mag oder teilt. Sie setzt somit eine eigene Überzeugung voraus. Bei der „Neuen Toleranz“ wird jedoch davon ausgegangen, dass es keine allgemeingültige Wahrheit gebe. Folglich seien alle Werte und Glaubensauffassungen gleich wahr und richtig. Alle Lebensstile seien ebenfalls gleich richtig und alle (subjektiven) Wahrheitsansprüche gleichwertig. Es genüge daher nicht, andere Glaubensauffassungen und Verhaltensweisen zu respektieren. Man müsse sie gutheißen, ihnen zustimmen und sie unterstützen. So kann man auch besser verstehen, warum z.B. die Homosexuellen- und Genderlobby mit einem Anspruch auftritt, der keine andere Position gelten lässt.

Der Soziologe Zygmunt Bauman [1925–2017] charakterisiert die Postmoderne folgendermaßen:

Postmoderne ist ein Freibrief, zu tun, wozu man Lust hat, und eine Empfehlung, nichts von dem, was man selbst tut oder was andere tun, allzu ernst zu nehmen. Sie ist die Aufmerksamkeit, die gleichzeitig in alle Richtungen gelenkt wird, so dass sie sich auf nichts länger konzentrieren kann und nichts wirklich eingehend betrachtet wird. Postmoderne ist die erregende Freiheit, jedes beliebige Ziel zu verfolgen, und die verwirrende Unsicherheit darüber, welche Ziele es wert sind, verfolgt zu werden, und in wessen Namen man sie verfolgen sollte. Die Postmoderne ist all das und vieles mehr. Aber sie ist auch – vielleicht mehr als alles andere – ein Geisteszustand.

Sie ist ein Geisteszustand, der sich vor allem durch seine alles verspottende, alles aushöhlende, alles zersetzende Destruktivität auszeichnet. Es scheint zuweilen, als sei der postmoderne Geist die Kritik im Augenblick ihres definitiven Triumphes: eine Kritik, der es immer schwerer fällt, kritisch zu sein, weil sie alles, was sie zu kritisieren pflegt, zerstört hat. Dabei verschwand die schiere Notwendigkeit der Kritik. Es ist nichts übriggeblieben, wogegen man sich wenden könnte. In rastlosen, sturen Emanzipationsbemühungen wurde eine Hürde nach der anderen genommen, eine Schranke nach der anderen durchbrochen und eine Plombe nach der andere zerstört. Jeden Augenblick geriet eine bestimmte Einschränkung, ein besonders schmerzhaftes Verbot unter Beschuss. Das Ergebnis war schließlich eine universelle Demontage machtgestützter Strukturen. Unter den Trümmern der alten, ungeliebten Ordnung ist jedoch keine neue, bessere Ordnung aufgetaucht. Die Postmoderne (und in dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von der Moderne, deren rechtmäßige Erbin und Folge sie ist) strebt nicht danach, eine Wahrheit durch die andere, einen Schönheitsmaßstab durch einen anderen, ein Lebensideal durch ein anderes zu ersetzen. Stattdessen teilt sie die Wahrheit, den Maßstab und das Ideal in solche ein, die schon dekonstruiert sind, und solche, die gerade dekonstruiert werden. Sie bereitet sich auf ein Leben ohne Wahrheiten, Maßstäbe und Ideale vor. Der postmoderne Geist scheint alles zu verurteilen und nichts vorzuschlagen. Zerstörung scheint das eigentliche Geschäft zu sein, von dem er etwas versteht, Destruktion die einzige Konstruktion, die er anerkennt.[2]

Und Timothy Keller fasst zusammen:

Weil sie [die Postmoderne] alle Ansprüche angreift und jegliche Bewertungskriterien verwirft, machte sich eine Stimmung von Verwirrung und Ungewissheit breit, bis sie in den letzten Jahren allgegenwärtig wurde.

Sinn in der Postmoderne

Die Suche des Menschen nach Sinn zeigt sich seit jeher z.B. in der Literatur. Bei den Schriftstellern und Denkern des 20. Jahrhunderts kann man dies besonders intensiv feststellen. Ihr Suchen endete aber oft in Hoffnungslosigkeit. In der Postmoderne wurde es dann Mode, Sinn zum verdächtigen Begriff zu erklären und es als Befreiung zu verstehen, nicht mehr an ihn zu glauben. Dass man dem Sinn jedoch nicht so einfach entrinnen kann, zeigen z.B. die Selbstmordraten in postmodernen westlichen Gesellschaften, auch und gerade unter Künstlern, Schriftstellern und Schauspielern.

Freiheit in der Postmoderne

Freiheit wird in der Postmoderne oft so verstanden, dass keine Beschränkungen oder Zwänge mehr existieren. Je weniger Grenzen wir haben, desto freier würden wir uns also demgemäß fühlen. Klar ist, dass bei dieser Haltung Autorität als etwas Verdächtiges angesehen wird und dass sie einen Lebensstil zur Folge hat, der oft kaum noch Grenzen akzeptiert. Für das gesellschaftliche Miteinander und positive Beziehungen ist dies aber der Weg in die Zerstörung.

Identität in der Postmoderne

Postmoderne Denker rufen dazu auf, Muster wie z.B. gut/böse oder normal/unnormal aufzugeben und jedes Werturteil zu vermeiden. Diese Position wird oft so massiv vertreten, dass dadurch neue Gut/Böse-Kategorien geschaffen werden.

Selbstfixierung ist der Schlüssel zur postmodernen Identität. Geradezu widersprüchlich ist aber, dass in den modernen sozialen Medien neue Parallelgesellschaften entstehen, die eigene Gut/Böse-Muster vorgeben und neue Bindungen bis Gebundenheiten schaffen. So wundern uns auch nicht die vielen Identitätskrisen in der Postmoderne.

Moralische Maßstäbe in der Postmoderne

Moralische Maßstäbe können letztlich nicht von innerweltlichen Institutionen garantiert werden. So meinte der deutsche Staats- und Verwaltungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde [1930–2019]:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.

In unserer Kultur ist die Behauptung anerkannt, dass Moral persönlich und sozial konstruiert werde. Damit geht aber oft die paradoxe, geradezu selbstgerechte Behauptung einher, dass dies für jeden zu gelten habe.

Schon der antichristliche Philosoph Friedrich Nietzsche sah voraus, dass viele den Glauben an Gott aufgeben, aber die positiven christlichen Werte beibehalten möchten und dass dies immer mehr zum Problem werden würde, da die Selbstfixierung an Eigendynamik zunehmen werde. Somit seien irgendwann die Menschen nur noch mit Zwang zu steuern. Die wachsende Polarisierung unserer Kultur ist u.a. die Folge davon. Und Dostojewski [1821–1881] hat recht, wenn er in den Brüdern Karamasov schreibt: „Ohne Gott und ein Leben nach dem Tod … ist alles erlaubt.“

Schluss

Das postmoderne Denken ist ein Gegenkonzept zur Bibel. Dort wird deutlich, was richtig und falsch und was zu tun und zu lassen ist. Studieren wir diese intensiver, werden wir auch in schwierigen (Entscheidungs-)Situationen – mit Hilfe des Gebets – in der Lage sein, Richtiges von Falschem zu unterscheiden und dem postmodernen Relativismus zu begegnen.[3]


Quelle: www.jochenklein.de > Allgemeine Artikel > Aktuelle Themen

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Anmerkungen

[1] Siehe auch: www.jochenklein.de > Allgemeine Artikel > Geschichtliche Themen.

[2] Zygmunt Baumann, Ansichten der Postmoderne, Hamburg (Argument) 1995, S. 9.

[3] Zu verschiedenen Aspekten dieses Themas äußert sich Timothy Keller in seinem Buch Glauben wozu? Religion im Zeitalter der Skepsis, Gießen (Brunnen) 2019. Immer noch empfehlenswert ist Wolfgang Nestvogel, Evangelisation in der Postmoderne. Wie Wahrheit den Pluralismus angreift, Bielefeld (CLV) 2004 (antiquarisch oder bei CLV kostenlos herunterladbar).

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