Rezension: Jesus. Eine Weltgeschichte
Ein Buch von Markus Spieker

Jochen Klein

online seit: 15.02.2021

Markus Spieker
Jesus. Eine Weltgeschichte
Basel (Fontis) 2020
Gebunden, 1000 Seiten
ISBN 978-3-03848-188-1
30,00 Euro

So manche weltanschaulich bedingte Theorie gilt heute in der Öffentlichkeit nahezu als Fakt – z.B. dass die Bibeltexte über weite Strecken keine verlässlichen Informationen enthielten, dass die Auferstehung Jesu nicht stattgefunden habe, dass das Mittelalter dunkel gewesen sei, dass der Epoche der Aufklärung viele positive Aspekte der Moderne zu verdanken seien, dass die Französische Revolution Wesentliches zur Demokratisierung beigetragen habe und dass wir der 1968er-Studentenbewegung entscheidende positive gesellschaftliche Impulse zu verdanken hätten. So wird es auch in Schulbüchern in der Regel gelehrt. Dass etliches davon nicht zutrifft oder es gute Gründe gibt, anders darüber zu denken, machen einige christliche Publikationen besonders der letzten Zeit deutlich.[1] – Warum aber sind diese und verwandte Themen überhaupt relevant?

Zugegeben: Unterschiedliche Sichtweisen über den Einfluss historischer Ereignisse müssen nicht zwangsläufig gravierende Folgen haben. Wenn es aber z.B. um Tod und Auferstehung Jesu geht, ist das anders. Und wenn wir im Sinne mancher Philosophen agieren – ob aus früheren Zeiten oder von heute –, die den menschlichen Verstand zum absoluten Maßstab erheben oder objektivierbare Erkenntnis generell leugnen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn sich im Zuge dessen die Ethik der Menschen und auch die Gesellschaft negativ verändern. Wenn dann auch Theologen zentrale biblische Inhalte nicht mehr für wahr halten, da sie z.B. Übernatürliches vollständig rational erklärbar machen wollen, rührt das an dem Kern der biblischen Botschaft. Oder wenn wir dem Relativismus oder Individualismus des postmodernen Denkens verfallen, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die gesellschaftlichen Maßstäbe zunehmend erodieren und das Miteinander immer mehr zum Gegeneinander wird.

Um diese Entwicklungen und den Unterschied zwischen heidnisch-weltlichem und biblisch-christlichem Denken seit der Antike klarer zu verstehen, lohnt sich die Lektüre dieser „Weltgeschichte“ – ist doch, so der Autor, das christliche Abendland „von kultureller Amnesie und Identitätsverlust bedroht“. Seine Absicht und Vorgehensweise formuliert er selbst wie folgt: das Leben Jesu in die Weltgeschichte einbetten. „Ich zoome langsam auf Jesus, den Mittelpunkt und Knotenpunkt allen Seins, verweile einige Kapitel bei ihm, um dann die Perspektive wieder zu öffnen für das, was Jesus in die Welt gebracht hat.“ Wichtig sei das auch deshalb, weil „die Geschichte des Christentums in den letzten Jahrhunderten von vermeintlichen Freigeistern geradezu schlechtgeredet, kriminalisiert oder teilweise verschwiegen“ wurde, so Spieker.

Es gibt aber noch mehr Gründe, diese (ohne Literaturverzeichnis) 967 Seiten zu lesen: Man erfährt viele geschichtliche Hintergründe zu biblischen (und auch gesellschaftlichen) Zusammenhängen von der Antike bis zur Gegenwart, wodurch diese klarer und verständlicher werden. Dass Spieker dies als Historiker qualifiziert tut, steht außer Frage. Manchmal ist die historische Perspektive aber etwas zu viel des Guten, wenn die Formulierungen deutlich machen, dass biblischen Sachverhalten deshalb vertraut werden kann, weil säkulare Quellen oder die Mehrheit der Theologen diese stützen (z.B. sei völlig unzweifelhaft, dass Jesus von Pontius Pilatus zum Kreuzestod verurteilt wurde, weil hier biblische und nichtbiblische Quellen übereinstimmten). Hierhin gehören auch öfter vorkommende Formulierungen, wie z.B. dass der Exodus unter Theologen und Althistorikern umstritten sei (was in der Bibel wird von kritischen „Wissenschaftlern“ und „Theologen“ nicht angezweifelt?), und auch zweifelnde Formulierungen wie z.B. Abraham soll nach Moria gezogen sein, der Psalm werde David zugeschrieben oder Paulus zufolge.

Über weite Strecken findet man eine treffende Nacherzählung und Verdichtung biblischer Begebenheiten, gute bis sehr gute gedankliche Verknüpfungen und auch ein gelungenes Wiederaufgreifen von Themen, ferner viele überzeugende Zeit- und Gesellschaftsdiagnosen sowie, manchmal von Personen ausgehend, anregende theoretische Reflexionen, wobei dem Autor hier sicher seine Journalistentätigkeit zugutekommt.

Spieker gelingt es, die Inhalte in einem gut verständlichen Stil zu vermitteln. Negativ fallen aber einige salopp-umgangssprachliche Formulierungen auf. So sollen z.B. seriöse, gestandene Persönlichkeiten „Jesus-Fans“ gewesen sein oder Petrus ein „früherer Dampfplauderer“. Anderes ist nicht nur zu salopp ausgedrückt, sondern geradezu unangemessen dargestellt, z.B. dass sich in den Psalmen „Jubelarien mit Frustattacken“ abwechseln – „Du bist so toll“ mit „Wir müssen reden“, wie Spieker es ausdrückt. Marias Gotteslob, als sie bei Elisabeth war, wird als „zugleich Loblied und Protestsong“ bezeichnet, und als der Herr Jesus Jünger suchte, wird das „Teambuilding“ genannt. Ob die Bibel „gegen einen Schwips in harten Zeiten“ nichts einzuwenden habe und „geradezu dezentes und dosiertes Frusttrinken“ empfehle, darf bezweifelt werden, ebenso dass Jesus im Zusammenhang mit der Hochzeit zu Kana „Feierkompetenz“ bewiesen habe, dass Gott mit Abraham ein unauflösliches Freundschaftsverhältnis eingegangen sei und ihn damit zum Partner befördert habe oder dass David ein „Emporkömmling mit Playboy-Attitüde“ gewesen sei.

Das ansonsten sehr gute Erzählen Spiekers ist leider mit der Schwäche verbunden, dass er manchmal etwas ins spekulative Fabulieren gerät (z.B. bei der Ausgestaltung der Szene bei der Geburtstagsfeier des Herodes, als Johannes der Täufer getötet wird), auch wo die Fakten seine Deutung nicht unbedingt nahelegen (müssen) oder sogar kaum zulassen. In der Mehrzahl der Fälle macht er dies aber durch entsprechende Formulierungen deutlich. Auch bei der einen oder anderen klaren Aussage kommt man ins Stutzen; oft erlebt man jedoch, dass der Aspekt einige hundert Seiten später zufriedenstellend biblisch erklärt wird. So liest man, dass Buddha von einem erleuchteten Menschen zu einer Gottheit geworden sei, die Gebete erhöre; erst später wird deutlich, wie der Autor dies bewertet.

Erfreulich ist weiterhin, dass wir auch unter Künstlern manche Christen kennenlernen, deren Christsein in säkularen Publikationen gerne verschwiegen wird. Ebenso lernen wir Glaubensvorbilder kennen, die bis zum Ende treu waren, so auch manche Märtyrer. Ob allerdings alle, die nominell als Christen bezeichnet werden, tatsächlich solche waren, bleibt dahingestellt. Eine gewisse Pauschalisierungsproblematik zeigt sich auch, wenn Menschen in vom Evangelium geprägten Gegenden als von Gott geschaffene, geliebte und gerettete Mitglieder einer Familie angesehen und somit anders behandelt werden oder wenn die Rede davon ist, dass sich in einem anderen größeren Kontext alle „offen zum Christentum bekannten“.

Ein Grundproblem ist öfter die zu horizontale Argumentationsweise, z.B. wenn die göttlichen Attribute des Herrn Jesus vernachlässigt werden und Er zu sehr auf das Menschsein reduziert wird oder wenn der Aspekt der Pläne oder der Souveränität Gottes nahezu unbeachtet bleibt: „Aus dem Exil zurückgekehrte Israeliten wollten einen frischen Neustart.“ Oder: Jesus habe in Jerusalem die Chance genutzt, sein theologisches Wissen zu erweitern. Er „weiß damals ganz offensichtlich bereits von seiner übernatürlichen Herkunft“, „kommt ohne herkulische Wunderkräfte zur Welt, hat in seinem Gehirn keine eingebaute Festplatte, auf der das gesamte Weltwissen abrufbar gespeichert ist“. Auch in anderen Bereichen wird Jesus sehr menschlich und wenig göttlich dargestellt, so beispielsweise wenn der Autor fragt, ob Er bei der Berufung des Jüngers Judas den Verrat schon geahnt habe oder ob Er von Judas’ Entwicklung überrascht gewesen sei.

Einige weitere problematische Punkte:

  • Die Aussage, dass es im Alten Testament nicht um das persönliche Seelenheil gehe.
  • Die Relativierung der Inspiration und des damit zusammenhängenden Anspruchs an die Bibel.
  • Die anthropologische Klugheit der Bibel zeige sich darin, dass sie die Welt erzähle und nicht analysiere.
  • Der biblische Schöpfungsbericht wird in erster Linie als Erzählung gesehen, und es wird Philo zitiert, nach dem der Schöpfungsbericht bildlich zu interpretieren sei.
  • Sehr starker Schwerpunkt auf Liebe („Kurzzusammenfassung des Evangeliums ‚Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe‘“), auch mit Belegstellen, die sich nur auf Christen beziehen. Damit einhergehend wird die biblische Botschaft vom Gericht unangemessen verkompliziert (z.B. seien die Aussagen Jesu zu den letzten Dingen – zum „Jüngsten Gericht“, Himmel und Hölle – nicht ganz einfach zu verstehen). Ein angebliches „Happy End“ als eigentliche Pointe des Buches der Offenbarung greift zu kurz, da dies eben nicht für alle gilt.
  • Die Gemeinde sei auf Petrus gebaut.
  • Die Ereignisse in Matthäus 24 werden auf die Zerstörung Jerusalems bezogen (der Text redet jedoch von der „Vollendung des Zeitalters“).
  • Die Offenbarung sei nicht vom Apostel Johannes geschrieben und der zweite Petrusbrief von einem Petrusschüler. Auch hätte Petrus das Markusevangelium selbst verfasst, wenn es ihm nicht an griechischer Schriftkompetenz gemangelt hätte.
  • Jesus denke nicht daran, uns über die künftigen Abläufe zu informieren (vgl. aber Offenbarung 1,1).
  • Wenn Spieker über die Rolle von Frauen schreibt, werden die positiven Aspekte des Christentums in vielfältiger Hinsicht gut betont. Manches wirkt aber etwas zu dick aufgetragen, und klar formulierte biblische Anweisungen werden zu sehr als zeitbedingt relativiert.
  • Nie hätten unsere Vorfahren ausgelassener gefeiert als bei der Eröffnung eines Gotteshauses.
  • Ob die Unmoral in Rom so detailliert und in epischer Breite ausgeführt werden muss, ist fraglich.

Fazit: In einigen Bereichen ist das Buch zweifelsohne interessant, insbesondere für solche Leser, die an biblischen und geschichtlichen Zusammenhängen interessiert sind und auch ein gewisses Basiswissen mitbringen. Sonst könnten die Hintergründe (auch zu den einzelnen Personen) nicht so leicht einzuordnen sein. Dennoch kann ich die Lektüre auch deshalb nicht empfehlen, da der Würde (des Wortes) Gottes und der Ehre des Herrn Jesus Christus zu wenig Rechnung getragen wird und der Text auch zahlreiche (fundamentale) problematische Aussagen enthält.


Quelle: www.jochenklein.de

 

Anmerkungen

[1] Vgl. dazu

Und zwei kurze Taschenbücher:

Rezensionen aller Bücher auf www.jochenklein.de.

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