Der Prediger (12)
Prediger 12

Henri Louis Rossier

© RM Hückeswagen, online seit: 13.03.2006, aktualisiert: 31.07.2018

Leitverse:  Prediger 12

Nach den ernsten Worten über die Eitelkeit der Jugend erhebt sich die Sprache und wird äußerst feierlich:

Vers 1

Pred 12,1: Und gedenke deines Schöpfers in den Tagen deiner Jugendzeit, ehe die Tage des Übels kommen …

Diese Wahrheit ist von grundlegender Bedeutung wie überhaupt das ganze Buch. Es handelt sich hier nur um die Beziehungen des Menschen zu seinem Schöpfer, nicht um die des Israeliten zu dem HERRN, dem Bundesgott, und noch weniger um die des Kindes Gottes zu seinem Vater. Wir haben hier eine der grundlegendsten Wahrheiten über die Beziehungen des Menschen zu Gott, wie sie uns in Epheser 4,6 dargestellt wird: „Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle.“ Jüngling, der du noch in der Morgenröte der Jugend stehst, vergiss nicht, dass der Zeitpunkt des körperlichen Verfalls kommt, wo dir alles schwer und mühevoll wird und dein Geist, wenn unvermutet der Tod kommt, zu Gott zurückkehrt, um Ihm Rechenschaft über dein Leben zu geben!

Dieser Vers ermahnt den Menschen einerseits, schon in seiner Jugend Gott vor sein Herz zu stellen und sich auf der anderen Seite der überaus großen Hinfälligkeit des unter die Folgen der Sünde geknechteten Menschen bewusst zu sein und an sein schließliches Ende, den Tod und das Gericht, zu denken.

Verse 2-5

Pred 12,2-5: … ehe sich verfinstern die Sonne und das Licht, und der Mond und die Sterne, und die Wolken nach dem Regen wiederkehren; an dem Tage, da die Hüter des Hauses zittern, und sich krümmen die starken Männer, und die Müllerinnen feiern, weil ihrer wenig geworden, und sich verfinstern die durch die Fenster Sehenden, und die Türen nach der Straße geschlossen werden; indem das Geräusch der Mühle dumpf wird, und er aufsteht bei der Stimme des Vogels, und gedämpft werden alle Töchter des Gesanges. Auch fürchten sie sich vor der Höhe, und Schrecknisse sind auf dem Wege; und der Mandelbaum steht in Blüte, und die Heuschrecke schleppt sich hin, und die Kaper ist wirkungslos. Denn der Mensch geht hin zu seinem ewigen Hause, und die Klagenden ziehen umher auf der Straße; …

Die Beschreibung der Beschwernisse eines hohen Alters ist überaus treffend. Es hat Gott gefallen, sich in Seinem Wort aller Ausdrucksarten zu bedienen, die die Literatur der Völker zu besitzen sich rühmt und pflegt. Wir können auf diese Weise den Abstand zwischen den göttlichen Gedanken und dem Einfallsreichtum des Menschen ermessen. Welche dichterische Form der Geist Gottes auch gebrauchen mag (hier ist es die Allegorie, die sinnbildliche Darstellung), Er bleibt stets wahr, selbst in den zartesten Abstufungen Seiner Gedanken. Das vermag der poetische Geist des natürlichen Menschen niemals, weil er von Lügen lebt. Denken wir an die wunderbare lyrische Poesie der Psalmen, an die Poesie Jesajas, die Symbolik der Propheten, die die erhabene Sprache ewiger Poesie gebrauchen. Aber das Wort Gottes überrascht auch auf anderen Gebieten als dem der Lyrik. Ob es sich um die Hirtendichtungen im ersten Buch Mose handelt, ob um das lyrische Drama in Hiob, die Idylle im Buche Ruth, die Kriegslieder Davids oder Deboras, die Wechselgesänge der Liebe im Lied der Lieder oder um die poetischen Sprüche, wo finden wir in der menschlichen Literatur etwas, was diesen Zeugnissen an Erhabenheit, Kraft, Gnade und Wahrheit ähnlich ist? Es ist eine Tatsache, dass das Wort Gottes, durch den Geist Gottes diktiert, selbst in der äußeren Form nicht seinesgleichen hat. Warum aber zieht dieses Wort den Menschen nicht an? Nun, weil die Wahrheit ihn abstößt, weil die Finsternis das Licht nicht erfasst.

Oh, wie notwendig ist es, seines Schöpfers zu gedenken, ehe „die Jahre herannahen, von welchen du sagen wirst: Ich habe kein Gefallen an ihnen, – ehe sich verfinstern die Sonne und das Licht und der Mond und die Sterne, und die Wolken nach dem Regen wiederkehren“ (Pred 12,1.2)! Das heißt, ehe die aus Gottes Händen hervorgegangene Schöpfung, deren wunderbare Schönheit so überwältigend ist, dem Greise gleichgültig geworden ist und alle Dinge in der Natur eine trübe, glanzlose Farbe angenommen haben, den Wolken gleich, die nach dem Regen wiederkehren. Dann werden die Hände zittern, der Rücken ist gebeugt, der zahnlose Mund kann die Nahrung nicht mehr kauen, und die Augen werden die Gegenstände nicht mehr klar unterscheiden können. „Die Türen werden nach der Straße geschlossen“, das heißt, das Bedürfnis, die Lippen zum Sprechen zu gebrauchen, um sich außerhalb des Familienkreises hören zu lassen, wird abnehmen. Das Ohr wird schwerfällig und vermag nicht mehr die das Haus erfüllenden Geräusche wahrzunehmen. (Der Mühlstein zum Mahlen des Kornes, der von zwei Mägden betätigt wurde, war im Hause und gehörte zu den Haushaltsgegenständen.) Der Schlaf flieht unser Lager, das wir bei dem geringsten Vorwand verlassen, alle Worte werden schwach und undeutlich, und das Ersteigen eines Abhanges wird zur Anstrengung, weil der Atem fehlt. Alle diese Gebrechen zusammen machen das Gehen beschwerlich und verursachen Furcht; weißes Haar krönt das Haupt „und die Heuschrecke schleppt sich hin“, es fehlt an Spannkraft, um sich erheben oder hinzusetzen. „Die Kaper ist wirkungslos“ geworden, das heißt, nichts kann mehr den Appetit oder die Sinne anregen. „Denn der Mensch geht hin zu seinem ewigen Hause, und die Klagenden ziehen umher auf der Straße.“ Alle diese Anzeichen verraten das nahe Ende.

Verse 6.7

Pred 12,6.7: … ehe zerrissen wird die silberne Schnur und zerschlagen die goldene Schale und zerbrochen der Eimer am Quell und zerschlagen die Schöpfwelle an der Zisterne; und der Staub zur Erde zurückkehrt, so wie er gewesen, und der Geist zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.

Alle diese Merkmale des Verfalls zeigen, dass, wenn auch die Lebensquellen selbst, „Quelle“ und„Zisterne“, unverändert bleiben, so doch die Mittel, sie zur Aufrechterhaltung des Lebens zu benutzen, nunmehr fehlen. Für den Menschen endet alles mit der Auflösung des Kostbarsten auf dieser Erde, jede Regung des menschlichen Lebens hört auf. „Der Staub kehrt zur Erde zurück“; das ist der Tod, die Folge der Sünde (Pred 3,20; 1Mo 3,19). „Der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.“ Dieser Gedanke ist ganz verschieden von dem in Prediger 3,21 ausgesprochenen und bedeutet hier einfach, dass der Geist, vom Leibe getrennt, von jetzt ab mit Gott allein zu tun hat.

Wie bereits im Anfang (Pred 1,2), so mündet auch hier alles in die Worte:

Vers 8

Pred 12,8: Eitelkeit der Eitelkeiten! spricht der Prediger; alles ist Eitelkeit.

Das ist das Schlussurteil über alles, was den Menschen und die Erde betrifft. Aber jetzt bleibt noch die Frage offen: Was ist das Ergebnis aller bis hierher getroffenen Feststellungen in Bezug auf Gott? Hierauf antworten die letzten Verse dieses Kapitels.

Verse 9.10

Pred 12,9.10: Und überdem, dass der Prediger weise war, lehrte er noch das Volk Erkenntnis und erwog und forschte, verfasste viele Sprüche. Der Prediger suchte angenehme Worte zu finden; und das Geschriebene ist richtig, Worte der Wahrheit.

Zunächst beschreibt der Prediger sich selbst in der dritten Person: „Der Prediger war weise.“ Das war er in der Tat, denn „er lehrte … das Volk Erkenntnis“; er redete nicht leichtfertig, sondern „er erwog und forschte“. Seine Sprüche sind „richtig“. Sie bilden eine bestimmte Gedankenfolge und auch einzelne Gruppen, wie wir es auch im Buch der Sprüche beobachten können. So ist es auch hier. Er suchte „angenehme Worte zu finden“, womit aber, wie ich glaube, nicht die äußere Form der Rede gemeint ist, obwohl gerade in diesem Kapitel die sinnbildliche Darstellung überwältigend schön ist und Beachtung verdient. Diese Worte sind, werden sie in das Herz aufgenommen, dem Gaumen süß wie Honig, weil es die Worte Gottes sind, so bitter sie auch für den Menschen sein mögen. Ja, noch mehr, es sind „richtige“ Worte, „Worte der Wahrheit“, die für uns die Gedanken Gottes enthalten, im Gegensatz zu den „krummen“ Dingen dieser Welt (Pred 1,15).

Es ist sehr wichtig, dies in Bezug auf den Inhalt dieses Buches festzuhalten, das für die „Toren“ so vielen falschen Auslegungen ausgesetzt ist. Man erzählt, dass die Rabbiner des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, die sich um den göttlichen Charakter des Predigers stritten, gerade durch die soeben betrachteten Verse überzeugt wurden.

Verse 11.12

Pred 12,11.12: Die Worte der Weisen sind wie Treibstacheln, und wie eingeschlagene Nägel die gesammelten Sprüche; sie sind gegeben von einem Hirten. Und überdies, mein Sohn, lass dich warnen: Des vielen Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren ist Ermüdung des Leibes.

„Die Worte der Weisen sind wie Treibstacheln“, die den Gang des Viehes beschleunigen und es dem Ziele zutreiben, „und wie eingeschlagene Nägel die gesammelten Sprüche“, die Lasten zu tragen vermögen (Jes 22,23-25). Welche kostbaren Gedanken sind doch hiermit verbunden! Trotz aller Verschiedenheit sind die in diesem Buch enthaltenen Wahrheiten doch „von einem Hirten gegeben“. Ein Gott hat sie gegeben, ein Geist sie diktiert, und ein Hirte bedient sich ihrer, um seine Schafe „in Pfaden der Gerechtigkeit“ zu leiten. Der Sohn der Weisheit soll diese Sprüche beherzigen, denn sie vermögen ihn zu unterweisen. Alle Bücher der Menschen, alle darauf verwendeten Studien, ermüden und führen nicht zum Ziel. Man „lernt immerdar“, ohne jemals „zur Erkenntnis der Wahrheit“ zu kommen (2Tim 3,7). Ein einziges Werk, das Wort Gottes, ist ewig fest, und nichts ist in der Lage, es zu erschüttern, welche Last und welche Aufgabe man ihm auch anvertrauen mag. Wie wichtig ist es, am Schlüsse dieses verkannten und von den Menschen so schlecht beurteilten Buches seinen göttlichen Ursprung zu bejahen!

Verse 13.14

Pred 12,13.14: Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch. Denn Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in das Gericht über alles Verborgene bringen.

Nun kommt „das Endergebnis des Ganzen“, das Ende von allem, was Gott betrifft: „Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das ist der ganze Mensch.“ Der Mensch braucht nichts anderes als die Furcht Gottes und den Gehorsam gegen Sein Wort. Salomo hat in diesem Buch weit ausführlicher von der Eitelkeit aller Dinge gesprochen als von dem, was er uns hier als „Endergebnis“ seiner Predigt mitteilt. Aber indem er diese Eitelkeit feststellt, bereitet er die Seele zu, auf Gott zu schauen, den alleinigen und für die Menschen zuverlässigen und unwandelbaren Gegenstand. Der einzige Wunsch des Sohnes der Weisheit, der sich in der Gegenwart Gottes befindet, wird sein, Ihm zu gehorchen. Es gibt keine andere Freude, keine andere Hilfe, kein anderes Glück und keine andere Ruhe als nur bei Ihm. 

„Das ist der ganze Mensch. Denn Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in das Gericht über alles Verborgene bringen.“ Zum Schluss endlich öffnet der Prediger die Tür in die Zukunft, aber nicht, wie wir gesehen haben, ohne das Gericht zu erwähnen. Dieser Gedanke ist für den Sohn der Weisheit sehr heilsam. Alles wird offenbar werden, nichts Verborgenes, sei es Gutes oder Böses, wird es mehr geben, das nicht ans Licht käme. Wir werden gleichsam vor den Richterstuhl des Christus in 2. Korinther 5,10 gestellt, wo dieselben Worte gebraucht werden. Die Psalmen sprechen vom jüdischen Standpunkt diesen Gedanken mehr als einmal aus (z.B. Ps 11,5), und auch unser Buch tut es in Prediger 3,17.

Fassen wir zum Schluss noch einmal in kurzen Worten den Inhalt des Predigers zusammen! Absolute Eitelkeit und Zermürbung des Geistes, wenn die Weisheit, die Gabe Gottes, sich um die Würdigung der sichtbaren Dinge bemüht, die bis zum Ende zu ergründen nicht gelingt. Sicherheit und Ruhe in der Erkenntnis Gottes, die in der Furcht Gottes und im Gehorsam zum Ausdruck kommt.

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Aus einer vergriffenen Betrachtung, die von Richard Mohncke, Hückeswagen, herausgeben wurde


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