Der Prediger (8)
Prediger 8

Henri Louis Rossier

© RM Hückeswagen, online seit: 12.03.2006, aktualisiert: 06.08.2016

Leitverse:  Prediger 8

Vers 1

Pred 8,1: Wer ist wie der Weise, und wer versteht die Deutung der Dinge? Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht, und der Trotz seines Angesichts wird verwandelt.

Die für den Prediger so demütigende Erfahrung, von der er soeben sprach, vermindert durchaus nicht den Wert der Weisheit. „Wer ist wie der Weise? und wer versteht die Deutung der Dinge? Die Weisheit des Menschen erleuchtet sein Angesicht, und der Trotz seines Angesichts wird verwandelt.“ Sie ist für den Menschen von unermesslichem Vorteil, weil er durch sie die Deutung der Dinge besitzt, die unter der Sonne geschehen. Sie gibt ihm einen äußeren Schein, der Vertrauen erweckt und auch einflößt, denn die Weisheit macht demütig, und die Demut spiegelt sich in den Gesichtszügen wieder.

Verse 2-4

Pred 8,2-4: Ich sage: Habe acht auf den Befehl des Königs, und zwar wegen des Eides Gottes. Übereile dich nicht, von ihm wegzugehen, lass dich nicht ein in eine böse Sache, denn er tut alles, was er will; weil des Königs Wort eine Macht ist, und wer will zu ihm sagen: Was tust du?

So war es auch mit Salomo. Seine Autorität wurde durch seine Weisheit liebenswert, aber um so notwendiger war es, sich ihr zu unterwerfen und ihr zu gehorchen. Der König ist der Träger der Autorität Gottes, um das Böse zu bestrafen und das Gute zu belohnen. Es ist gut, mit ihm in ständiger Verbindung zu bleiben, um im Guten zu verharren und am Bösestun verhindert zu werden, denn Gott hat ihm die Macht anvertraut, damit er nach seinem Wohlgefallen handele, ohne jemand Rechenschaft schuldig zu sein.

Verse 5-7

Pred 8,5-7: Wer das Gebot hält, wird nichts Böses erfahren, und eines Weisen Herz kennt Zeit und richterliche Entscheidung. Denn für jede Sache gibt es eine Zeit und eine richterliche Entscheidung; denn das Unglück des Menschen lastet schwer auf ihm; denn er weiß nicht, was werden wird; denn wer sollte ihm kundtun, wie es werden wird?

Diese Unterwerfung unter die Befehle der Obrigkeit schützt den Menschen vor allem Bösen. Hier ist von der der Obrigkeit anvertrauten Regierung Gottes die Rede, die in ihren Grundsätzen wie in Römer 13,1-5 betrachtet wird. Der Weise selbst geht jedoch noch weiter. Er „kennt Zeit und richterliche Entscheidung. Denn für jede Sache gibt es eine Zeit und eine richterliche Entscheidung“. Er weiß, dass er ihr gehorchen muss und es für die Ausübung der Autorität eine Zeit gibt und dass der, der sie ausübt, Gott verantwortlich ist und dass alle ins Gericht kommen werden (Pred 3,16.17).

Bis dahin wird der Mensch jedoch infolge seines sündigen Zustandes in Unwissenheit gehalten über das, was kommen und wie es geschehen wird, denn das Jenseits ist ihm verborgen, wie wir schon so oft sagten.

Verse 8-10

Pred 8,8-10: Kein Mensch hat Macht über den Wind, den Wind zurückzuhalten; und niemand hat Macht über den Tag des Todes; und keine Entlassung gibt es im Kriege; und die Gesetzlosigkeit wird den nicht retten, der sie übt. Das alles habe ich gesehen, und habe mein Herz auf alles Tun gerichtet, welches unter der Sonne geschieht, zur Zeit, wo der Mensch über die Menschen herrscht zu ihrem Unglück. Und alsdann habe ich Gesetzlose gesehen, die begraben wurden und zur Ruhe eingingen; diejenigen aber, welche recht gehandelt hatten, mussten von der heiligen Stätte wegziehen und wurden in der Stadt vergessen. Auch das ist Eitelkeit. 

Indessen hat die dem König anvertraute Macht eine Grenze; sie hat keine Gewalt über den Geist, weder über den Geist des Menschen noch über den Geist Gottes. Der Geist ist frei. Ebenso wenig hat der Mensch Gewalt über das Leben des Leibes. Gott ist es, der den Tag des Todes bestimmt, wenn dem auch manches entgegenzustehen scheint. Wer glaubt, sich durch seine Gesetzlosigkeit darüber hinwegsetzen zu können, wird sein Schicksal erleiden, dem er nicht entrinnen kann. 

Es gibt Zeiten, in denen die Autorität über die Menschen zu ihrem Schlechten ausgeübt wird, im Gegensatz zu dem im Anfang dieses Kapitels Gesagten. Denn dieses Buch hebt immer den Kontrast hervor zwischen dem, was Gott einst eingesetzt, und dem, was der Mensch daraus gemacht hat. Ebenso sieht man Gesetzlose, die mit allen Ehren begraben werden, während solche, die das Gute getan und vor Gott an „heiliger Stätte“ gelebt haben, plötzlich diese Erde verlassen und aus dem Gedächtnis ihrer Mitmenschen verschwinden. Beachten wir, dass hier, wie überall in diesem Buche, die Gegenwart Gottes sich auf die Erde beschränkt und zwischen dem Tode und dem, was nach ihm sein wird, ein Vorhang gezogen ist. Vergessenheit schwebt über den Toten, und der Prediger kann ausrufen: „Auch das ist Eitelkeit.“ Er verbindet hier seine Gedanken sozusagen mit seinem anfangs aufgestellten Leitsatz: „Alles ist Eitelkeit.“

Verse 11-14

Pred 8,11-14: Weil das Urteil über böse Taten nicht schnell vollzogen wird, darum ist das Herz der Menschenkinder in ihnen voll, Böses zu tun; weil ein Sünder hundertmal Böses tut und doch seine Tage verlängert obgleich ich weiß, dass es denen, die Gott fürchten, wohl gehen wird, weil sie sich vor ihm fürchten; aber dem Gesetzlosen wird es nicht wohl gehen, und er wird, dem Schatten gleich, seine Tage nicht verlängern, weil er sich vor Gott nicht fürchtet. Es ist eine Eitelkeit, die auf Erden geschieht: dass es Gerechte gibt, welchen nach dem Tun der Gesetzlosen widerfährt, und dass es Gesetzlose gibt, welchen nach dem Tun der Gerechten widerfährt. Ich sagte, dass auch das Eitelkeit sei.

Das Gericht über die Bösen kommt nicht sofort – die Wahrheit vom Gericht wird im Prediger stets aufrechterhalten –, weshalb die Menschen diese Straflosigkeit benutzen, um dem Bösen nachzusinnen und es auszuüben, und indem sie sich darauf verlassen, verlängern sie ihre Tage (vgl. Pred 7,15). Aber wenn später Rechenschaft abgelegt werden muss, wird es denen wohl gehen, die Gott fürchten (vgl. Pred 7,18), während das Unglück des Bösen und sein schließliches Verderben dem Fehlen dieser Furcht zuzuschreiben ist .„Er wird, dem Schatten gleich, seine Tage nicht verlängern.“ Das scheint dem 12. Vers zu widersprechen, aber Gott widerspricht sich niemals. Im ersten Fall handelt es sich um den Anschein, als werde das Gericht an dem Bösen nicht unverzüglich vollzogen, im zweiten Fall ist es Gott, der dem Leben des Gesetzlosen ein Ende macht, sobald die Stunde des Gerichts für ihn gekommen ist. Er hat sich nicht vor Gott gefürchtet.

Je mehr man in dem Studium dieses Buches fortschreitet, desto deutlicher sieht man, dass die Furcht Gottes der einzige lichte Punkt in all den rätselvollen Fragen dieser Welt ist, die die Weisheit vergeblich zu ergründen sucht. Die Eitelkeit besteht hier darin, „dass es Gerechte gibt, welchen nach dem Tun der Gesetzlosen widerfährt, und dass es Gesetzlose gibt, welchen nach dem Tun der Gerechten widerfährt“. Sich selbst überlassen, vermag die Weisheit den Grund dieser Tatsache nicht zu entdecken, weil sie auf den Kreis der sichtbaren Dinge beschränkt ist. Auch das ist Eitelkeit.

Verse 15-17

Pred 8,15-17: Und ich pries die Freude, weil es für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne gibt, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen; und dies wird ihn begleiten bei seiner Mühe, die Tage seines Lebens hindurch, welche Gott ihm unter der Sonne gegeben hat. Als ich mein Herz darauf richtete, Weisheit zu erkennen, und das Treiben zu besehen, welches auf Erden geschieht (denn weder bei Tage noch bei Nacht sieht er den Schlaf mit seinen Augen), da habe ich bezüglich des ganzen Werkes Gottes gesehen, dass der Mensch das Werk nicht zu erfassen vermag, welches unter der Sonne geschieht, indem der Mensch sich abmüht es zu suchen, aber es nicht erfasst. Und selbst wenn der Weise es zu erkennen meint, vermag er es doch nicht zu erfassen.

Es bleibt also „für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen“ (vgl. Pred 2,24; 3,12.13; 5,18; 6,7). Ein trauriger Schluss, denn wo soll das enden? Das ist alles, was dem Menschen von seiner Arbeit bleibt. Der Mensch ist, trotz all seiner Mühe, unfähig, das Werk zu erfassen, welches unter der Sonne geschieht ; er muss es also Gott überlassen. Der Mensch kann es nicht verstehen, und selbst der Weise ist gezwungen, seine Unwissenheit einzugestehen.

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Aus einer vergriffenen Betrachtung, die von Richard Mohncke Hückeswagen herausgeben wurde

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