Der Prediger (9)
Prediger 9

Henri Louis Rossier

© RM Hückeswagen, online seit: 12.03.2006, aktualisiert: 12.01.2018

Leitverse:  Prediger 9

Die Verse 1-12 dieses Kapitels bilden das entmutigende Ergebnis des im vorhergehenden Gesagten.

Verse 1-6

Pred 9,1-6: Denn dies alles habe ich mir zu Herzen genommen, und zwar um dies alles zu prüfen: dass die Gerechten und die Weisen und ihre Werke in der Hand Gottes sind; weder Liebe noch Hass kennt der Mensch im voraus: alles ist vor ihnen. Alles ist gleicher weise für alle: einerlei Geschick für den Gerechten und den Gesetzlosen, für den Guten und den Reinen und den Unreinen, und für den, der opfert, und den, der nicht opfert: wie der Gute, so der Sünder, der, welcher schwört, wie der, welcher den Eid fürchtet. Das ist ein Übel in allem, was unter der Sonne geschieht, dass einerlei Geschick allen zuteilwird; und auch ist das Herz der Menschenkinder voll Bosheit, und Narrheit ist in ihrem Herzen während ihres Lebens; und danach geht’s zu den Toten. Denn für einen jeden, der all den Lebenden zugesellt wird, gibt es Hoffnung; denn selbst ein lebendiger Hund ist besser daran als ein toter Löwe. Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden; die Toten aber wissen gar nichts, und sie haben keinen Lohn mehr, denn ihr Gedächtnis ist vergessen. Sowohl ihre Liebe als auch ihr Hass und ihr Eifern sind längst verschwunden; und sie haben ewiglich kein Teil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht.

Die Seele ermüdet, den Forschungen der Weisheit in den Dingen dieser Welt zu folgen, und sie wird des Lebens überdrüssig. Der Gerechte und der Ungerechte, der Reine und der Unreine haben dasselbe Schicksal, sie müssen sterben. „Auch ist das Herz der Menschenkinder voll Bosheit, und Narrheit ist in ihren Herzen während ihres Lebens, und danach geht’s zu den Toten. … Weder Liebe noch Hass kennt der Mensch im voraus. … Sowohl ihre Liebe als auch ihr Hass und ihr Eifern sind längst verschwunden; und sie haben ewiglich kein Teil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht“ (Pred 9,1.6). Das Schweigen der Nacht umgibt sie. In dieses dem menschlichen Geist völlig verschlossene Gebiet kann die Weisheit nicht eindringen. Daher auch die Folgerung, dass es besser sei, in diesem Elend noch zu leben, als zu sterben. Ein lebendiger Hund, das verächtlichste Geschöpf, gilt mehr als ein toter Löwe, das im höchsten Grade edle und starke Tier. Der Lebende weiß wenigstens, dass er sterben muss; das ist wenigstens eine Gewissheit, wenn auch eine bittere, denn „die Toten aber wissen gar nichts“. Zu solchen Schlussfolgerungen führt die größte menschliche Erkenntnis. Die Wissenschaft ohne die Offenbarung wird immer unglaubwürdig bleiben, weil sie nicht über den Tod hinaussehen kann. Was nützen also Tätigkeit, Arbeit, Liebe, Hass, Erkenntnis und Weisheit? Indessen bleiben für den Weisen, der in Verbindung mit Gott, dem Schöpfer, steht, noch zwei Dinge bestehen: die Furcht Gottes und die Gewissheit des Gerichts. Das Ende des Buches wird dies noch mehr bestätigen als der Anfang.

Verse 7-10

Pred 9,7-10: Geh, iss dein Brot mit Freude und trinke deinen Wein mit frohem Herzen; denn längst hat Gott Wohlgefallen an deinem Tun. Deine Kleider seien weiß zu aller Zeit, und das Öl mangle nicht auf deinem Haupte! Genieße das Leben mit dem Weibe, das du liebst, alle Tage deines eitlen Lebens, welches er dir unter der Sonne gegeben hat, alle deine eitlen Tage hindurch; denn das ist dein Teil am Leben und an deiner Mühe, womit du dich abmühst unter der Sonne. Alles, was du zu tun vermagst mit deiner Kraft, das tue; denn es gibt weder Tun noch Überlegung noch Kenntnis noch Weisheit im Scheol, wohin du gehst.

Augenblicklich bleibt aber nichts. Was sage ich? Das Leben eines Tages mit seinen Genüssen, die es bietet, dieser vergängliche Schatten, ist von Wert: „Geh, iss dein Brot mit Freuden und trinke deinen Wein mit frohem Herzen; denn längst hat Gott Wohlgefallen an deinem Tun. Deine Kleider seien weiß zu aller Zeit, und das öl mangle nicht auf deinem Haupte! Genieße das Leben mit dem Weibe, das du liebst, alle Tage deines eitlen Lebens, welches er dir unter der Sonne gegeben hat, alle deine eitlen Tage hindurch; denn das ist dein Teil am Leben und an deiner Mühe, womit du dich abmühst unter der Sonne.“ Diese Aufforderung, sich zu freuen, ist sie nicht noch bitterer als die Verzweiflung, wenn sie aus dem Munde eines Menschen kommt, dessen Weisheit, obwohl sie stets Gott zu gefallen suchte, die Eitelkeit aller Dinge bis in die verborgensten Winkel hinein untersucht hat?

Verse 11.12

Pred 9,11.12: Ich wandte mich und sah unter der Sonne, dass nicht den Schnellen der Lauf gehört, und nicht den Helden der Krieg, und auch nicht den Weisen das Brot, und auch nicht den Verständigen der Reichtum, und auch nicht den Kenntnisreichen die Gunst; denn Zeit und Schicksal trifft sie alle. Denn der Mensch weiß auch seine Zeit nicht; gleich den Fischen, welche gefangen werden im verderblichen Netze, und gleich den Vögeln, welche in der Schlinge gefangen werden: gleich diesen werden die Menschenkinder verstrickt zur Zeit des Unglücks, wenn dieses sie plötzlich überfällt.

Der Weise wendet sich von neuem (siehe Pred 4,1.7) und sieht, dass alle, selbst die hervorragendsten, Eigenschaften der Weisheit zu keinem Ergebnis führen. Alles endet schließlich mit einer plötzlichen Katastrophe.

Verse 13-18

Pred 9,13-18: Auch dieses habe ich als Weisheit unter der Sonne gesehen, und sie kam mir groß vor: Es war eine kleine Stadt, und wenig Männer waren darin; und wider sie kam ein großer König, und er umzingelte sie und baute große Belagerungswerke wider sie. Und es fand sich darin ein armer weiser Mann, der die Stadt durch seine Weisheit rettete; aber kein Mensch gedachte dieses armen Mannes. Da sprach ich: Weisheit ist besser als Kraft; aber die Weisheit des Armen wird verachtet, und seine Worte werden nicht gehört. – Worte der Weisen, in Ruhe gehört, sind mehr wert als das Geschrei des Herrschers unter den Toren. – Weisheit ist besser als Kriegsgeräte; aber ein Sünder vernichtet viel Gutes.

Endlich hat der Prediger unter der Sonne eine Weisheit gefunden, die ihm groß erscheint: Dank eines einzigen armen, aber weisen Mannes ist es der ganzen Macht und allen Hilfsmitteln eines großen Königs nicht gelungen, eine kleine, hilflose Stadt zu zerstören. Dieser Arme wurde der Retter und Befreier dieser schutzlosen Wesen. „Da sprach ich: Weisheit ist besser als Kraft.“ Aber die Welt verachtete die Weisheit des Armen und hörte nicht auf seine Worte. „Kein Mensch gedachte dieses armen Mannes.“ – Welch unerwartetes Licht strahlt diese Stelle aus! Es gibt nur eine Weisheit, die den hilflosen, den Anschlägen Satans, seines Verderbers, preisgegebenen Menschen befreien kann. Diese Weisheit findet sich in dem, den die Psalmen so oft den „Armen“ nennen. Die Befreiung ist eine vollendete, durch Ihn vollbrachte Tatsache. Wird dieser Ruf gehört werden? Man muss ihn in der „Ruhe“ hören, um das Heil zu finden.

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Aus einer vergriffenen Betrachtung, die von Richard Mohncke Hückeswagen herausgeben wurde


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