Der Prediger (1)
Prediger 1

Henri Louis Rossier

© RM Hückeswagen, online seit: 12.03.2006, aktualisiert: 31.01.2018

Leitverse:  Prediger 1

Verse 1.2

Pred 1,1.2: Worte des Predigers, des Sohnes Davids, des Königs in Jerusalem. Eitelkeit der Eitelkeiten! spricht der Prediger; Eitelkeit der Eitelkeiten! Alles ist Eitelkeit.

Wie wir zu Beginn sagten (Einführung zum Buch des Predigers), nimmt Salomo in diesem Buch den Charakter eines Predigers an. Er will seine Zuhörer aus den Erfahrungen, die er durch die ihm von Gott gegebene Weisheit machte, Nutzen ziehen lassen. Er begnügt sich nicht damit, seine Weisheit auf die Regierung des Volkes zu beschränken, wozu er sie ja von Gott erbeten hatte (2Chr 1,9-12), sondern „Gott gab Salomo Weisheit und sehr große Einsicht und Weite des Herzens wie der Sand, der am Ufer des Meeres ist. Und die Weisheit Salomos war größer als die Weisheit aller Söhne des Ostens und als alle Weisheit Ägyptens. Und er war weiser als alle Menschen, als Ethan, der Esrachiter, und Heman und Kalkol und Darda, die Söhne Machols. Und sein Name war unter allen Nationen ringsum. Und er redete dreitausend Sprüche, und seiner Lieder waren tausend und fünf. Und er redete über die Bäume, von der Zeder, die auf dem Libanon ist, bis zum Ysop, der an der Mauer herauswächst; und er redete über das Vieh und über die Vögel und über das Gewürm und über die Fische. Und man kam aus allen Völkern, um die Weisheit Salomos zu hören, von allen Königen der Erde her, die von seiner Weisheit gehört hatten“ (1Kön 4,29-34). Das hatte aus ihm den Prediger gemacht. 

Außerdem standen ihm alle Dinge zur Verfügung, die man sich durch Reichtum, Macht und Weisheit erwerben und aneignen konnte. Er hatte alle Genüsse gekostet, alle Werke Gottes untersucht und die Gesetze erforscht, durch die das Leben der Menschen und die Ordnung im Weltall geregelt ist. Er hatte also gar keinen Grund, sich über die Welt zu beklagen (2Chr 9,22-24). Gleich zu Beginn gibt der Prediger, wie es bei solchen üblich ist, den Gegenstand an, den er behandeln will: „Eitelkeit der Eitelkeiten! spricht der Prediger; Eitelkeit der Eitelkeiten! alles ist Eitelkeit.“ Im Verlauf des Buches behandelt er diesen Gegenstand dann im Einzelnen, um zu dem Schluss, der Summe aller seiner gemachten Erfahrungen, zu kommen: „Eitelkeit der Eitelkeiten! spricht der Prediger; alles ist Eitelkeit“ (Pred 12,8). Eitelkeit! Ein Hauch, ein Schatten, der vergeht, ein Dasein ohne ein Morgen, das Leben eines geflügelten Insektes, das kaum einen Tag währt!

Vers 3

Pred 1,3: Welchen Gewinn hat der Mensch bei all seiner Mühe, womit er sich abmüht unter der Sonne?

Das ist die Frage, die im Verlauf des Buches von allen Seiten behandelt wird, und die sich dem mit den Dingen dieses Lebens oftmals in geradezu verzehrender Weise beschäftigten Menschen aufdrängt.

Verse 4-11

Pred 1,4-11: Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt; aber die Erde besteht ewiglich. Und die Sonne geht auf und die Sonne geht unter; und sie eilt ihrem Orte zu, wo sie aufgeht. Der Wind geht nach Süden, und wendet sich nach Norden; sich wendend und wendend geht er, und zu seinen Wendungen kehrt der Wind zurück. Alle Flüsse gehen in das Meer, und das Meer wird nicht voll; an den Ort, wohin die Flüsse gehen, dorthin gehen sie immer wieder. Alle Dinge mühen sich ab: niemand vermag es auszusprechen; das Auge wird des Sehens nicht satt, und das Ohr nicht voll vom Hören. Das, was gewesen, ist das, was sein wird; und das, was geschehen, ist das, was geschehen wird. Und es ist gar nichts Neues unter der Sonne. Gibt es ein Ding, von dem man sagt: Siehe, das ist neu, längst ist es gewesen in den Zeitaltern, die vor uns gewesen sind. Da ist kein Andenken an die Früheren; und für die Nachfolgenden, die sein werden, für sie wird es auch kein Andenken bei denen geben, welche später sein werden.

Die Antwort auf diese Frage lautet: „Ein Geschlecht geht, und ein Geschlecht kommt; aber die Erde besteht ewiglich.“ Der Mensch, das einzige verständige Wesen, hat keinen Bestand, während die Erde von Dauer und der Lauf der Natur aufgrund der unwandelbaren und sich unaufhörlich erneuernden festen Gesetze unveränderlich ist. Der Geist ermüdet, ständig diesem unausgesetzten Vorgang zu folgen, zu sehen, zu hören und zu erkennen; er kommt immer wieder auf den einen Punkt zurück: „Es ist nichts Neues unter der Sonne“, und selbst die Erinnerung an die vergangenen Dinge verwischt sich unabänderlich.

Verse 12-15

Pred 1,12-15: Ich, Prediger, war König über Israel, in Jerusalem. Und ich richtete mein Herz darauf, alles mit Weisheit zu erforschen und zu erkunden, was unter dem Himmel geschieht: ein übles Geschäft, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, sich damit abzuplagen. Ich habe alle die Taten gesehen, welche unter der Sonne geschehen; und siehe, alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind. Das Krumme kann nicht gerade werden, und das Fehlende kann nicht gezählt werden.

Der Prediger hat sich bemüht, diese Dinge zu ergründen und zu verstehen. Zwei Mittel standen ihm zur Verfügung, alles Geschehen unter dem Himmel zu erforschen: eine königliche Macht, die vor ihm ohnegleichen war, und eine alles überragende Weisheit göttlichen Ursprungs. Alle Ereignisse unter der Sonne sind an seinen Augen vorübergezogen, und sein Verstand hat sich Rechenschaft darüber gegeben mit dem Ergebnis, dass alles Eitelkeit ist und ein Haschen, das niemals erlangt, was es zu ergreifen sucht. Finde ein Mittel, den Wind zu greifen! „Das Krumme kann nicht gerade werden, und das Fehlende kann nicht gezählt werden.“ Das Hindernis einer fruchtbaren Erkenntnis ist das Vorhandensein des Bösen, das alle Dinge entstellt hat. Die Sünde hat die Glieder der Kette aller Dinge zerstreut, überall sind Lücken ohne jede Möglichkeit, sie zu schließen.

So wird schon von vornherein die Tatsache, dass die Welt trotz der Regelmäßigkeit ihrer Gesetze ein Trümmerhaufen ist, das Hindernis jeder Erkenntnis und jeden wahren Genusses.

Verse 16-18

Pred 1,16-18: Ich sprach in meinem Herzen und sagte: Siehe, ich habe Weisheit vergrößert und vermehrt über alle hinaus, die vor mir über Jerusalem waren, und mein Herz hat Fülle von Weisheit und Erkenntnis gesehen; und ich habe mein Herz darauf gerichtet, Weisheit zu erkennen, und Unsinn und Torheit zu erkennen: ich habe erkannt, dass auch das ein Haschen nach Wind ist. Denn bei viel Weisheit ist viel Verdruss: und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer.

Da nun einerseits die in der Schöpfung festgelegte Ordnung und anderseits die durch die Sünde verursachte Unordnung vorhanden ist, bemühte sich der Prediger, sowohl das, was mit der Weisheit in Übereinstimmung ist, als auch den Unsinn und die Torheit zu erforschen, die diese Ordnung zerstört haben, jedoch musste er erkennen, dass auch das „ein Haschen nach Wind“ ist. Auch das Glück, das er durch diese Erkenntnis zu erlangen hoffte, fand er in Verdruss und Kummer verwandelt. „Denn bei viel Weisheit ist viel Verdruss; und wer Erkenntnis mehrt, mehrt Kummer.“ Wie könnte der Weise sich auch freuen, wenn er, trotz des von der wunderbaren Schöpfung Gottes noch Bestehenden, alle materiellen und moralischen Dinge von der Sünde verdorben sieht? Inmitten des Schiffsbruchs, den die Sünde verschuldet hat, existiert der Mensch nur noch als ein trauriges Strandgut seiner einstigen Segnungen. So ist in der Natur alles, trotz der Regelmäßigkeit ihrer Gesetze, in fortwährender Bewegung. Es gibt für den Menschen keine Ruhe, und, um das Bild seines Zustandes zu vervollständigen, die Eitelkeit aller Dinge und die Vergesslichkeit in Bezug auf alles Vergangene charakterisieren ihn. Er ist überdies unfähig, es zu ändern, denn er kann das Krumme nicht gerade machen.

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Aus einer vergriffenen Betrachtung, die von Richard Mohncke, Hückeswagen, herausgeben wurde


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