Der Prediger (2)
Prediger 2

Henri Louis Rossier

© RM Hückeswagen, online seit: 12.03.2006, aktualisiert: 06.08.2016

Leitverse:  Prediger 2

Bevor wir die Betrachtung fortsetzen, sei daran erinnert, dass das Jenseits und das Unsichtbare dem Prediger ganz fremd sind und hier als ihm unbekannt dargestellt werden. Sie können nur durch eine göttliche Offenbarung erkannt werden, und der Zweck des Geistes Gottes in diesem Buche ist es gerade, uns das, „was unter der Sonne“ ist, außerhalb einer solchen Offenbarung betrachten zu lassen. Abgesehen also von der Erkenntnis Gottes, des Höchsten, die jeder Mensch besitzt, der sich nicht der Abgötterei hingegeben hat, kann der Weise hier nur die sichtbaren Dinge betrachten.

Verse 1-3

Pred 2,1-3: Ich sprach in meinem Herzen: Wohlan denn, ich will dich prüfen durch Freude und genieße das Gute! Aber siehe, auch das ist Eitelkeit. Zum Lachen sprach ich, es sei unsinnig; und zur Freude, was sie denn schaffe! Ich beschloss in meinem Herzen, meinen Leib durch Wein zu pflegen, während mein Herz sich mit Weisheit benähme, und es mit der Torheit zu halten, bis ich sähe, was den Menschenkindern gut wäre, unter dem Himmel zu tun die Zahl ihrer Lebenstage.

Um Erkenntnis zu erwerben, von der der Prediger im ersten Kapitel gesprochen hat, gab er sich der Freude und Behaglichkeit des Lebens hin. Aber das Leben erwies sich für den Weisen als unsinnig, und zur Freude sagte er, „was sie denn schaffe!“. Sie war ohne Zweck und Ziel. Vielleicht müsste er das Gute in der Torheit suchen? Wird nicht in den Sprüchen gesagt: „Gebt starkes Getränk dem Umkommenden und Wein denen, die betrübter Seele sind: er trinke, und vergesse seine Armut und gedenke seiner Mühsal nicht mehr“ (Spr 31,6.7)? Er versuchte auch das zu tun, soweit seine ihm von Gott gegebene Weisheit unbefleckt blieb, aber auch das erwies sich als Eitelkeit, Nichtigkeit, ohne Dauer und Nutzen für die Menschen.

Verse 4-11

Pred 2,4-11: Ich unternahm große Werke: Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge; ich machte mir Gärten und Parkanlagen, und pflanzte darin Bäume von allerlei Frucht; ich machte mir Wasserteiche, um daraus den mit Bäumen sprossenden Wald zu bewässern. Ich kaufte Knechte und Mägde und hatte Hausgeborene; auch hatte ich ein großes Besitztum an Rind- und Kleinvieh, mehr als alle, die vor mir in Jerusalem waren. Ich sammelte mir auch Silber und Gold und Reichtum der Könige und Landschaften; ich schaffte mir Sänger und Sängerinnen, und die Wonnen der Menschenkinder: Frau und Frauen. Und ich wurde groß und größer, mehr als alle, die vor mir in Jerusalem waren. Auch meine Weisheit verblieb mir. Und was irgend meine Augen begehrten, entzog ich ihnen nicht; ich versagte meinem Herzen keine Freude, denn mein Herz hatte Freude von all meiner Mühe, und das war mein Teil von all meiner Mühe. Und ich wandte mich hin zu allen meinen Werken, die meine Hände gemacht, und zu der Mühe, womit ich wirkend mich abgemüht hatte: und siehe, das alles war Eitelkeit und ein Haschen nach Wind; und es gibt keinen Gewinn unter der Sonne.

Dann untersucht der Prediger alles, was königliche Macht und Glück ihm geben konnten. Er hatte große Dinge unternommen. Was seine Augen begehrten, Besitzungen, Paläste und Gärten, Verschönerungen der Natur, Pflanzungen, große Herden, Ackerbau und seine Erzeugnisse, ein Heer von Dienern und Mägden, Silber und Gold in Überfluss, alle Reichtümer der Provinzen, die in seine Schatzkästen flossen, Musik und Gesang, die die Seele erheben, Befriedigung der Sinne in der irdischen Liebe, Vergrößerung seiner Macht, kurz, alles, was Salomo wünschen konnte, hatte seine königliche Macht ihm verschafft. „Auch meine Weisheit verblieb mir“, sagt er, aber er muss hinzufügen: „Und ich wandte mich hin zu allen meinen Werken, die meine Hände gemacht, und zu der Mühe, womit ich wirkend mich abgemüht hatte: und siehe, das alles war Eitelkeit und ein Haschen nach Wind; und es gibt keinen Gewinn unter der Sonne.“

Verse 12-19

Pred 2,12-19: Und ich wandte mich, um Weisheit und Unsinn und Torheit zu betrachten. Denn was wird der Mensch tun, der nach dem Könige kommen wird? Was man schon längst getan hat. Und ich sah, dass die Weisheit den Vorzug hat vor der Torheit, gleich dem Vorzuge des Lichtes vor der Finsternis: der Weise hat seine Augen in seinem Kopfe, der Tor aber wandelt in der Finsternis. Und ich erkannte zugleich, dass einerlei Geschick ihnen allen widerfährt; und ich sprach in meinem Herzen: Gleich dem Geschick des Toren wird auch mir widerfahren, und wozu bin ich dann überaus weise gewesen? Und ich sprach in meinem Herzen, dass auch das Eitelkeit sei. Denn dem Weisen, gleichwie dem Toren, wird kein ewiges Andenken zuteil, weil in den kommenden Tagen alles längst vergessen sein wird. Und wie stirbt der Weise gleich dem Toren hin! Da hasste ich das Leben; denn das Tun, welches unter der Sonne geschieht, missfiel mir; denn alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind. – Und ich hasste alle meine Mühe, womit ich mich abmühte unter der Sonne, weil ich sie dem Menschen hinterlassen muss, der nach mir sein wird. Und wer weiß, ob er weise oder töricht sein wird? Und doch wird er schalten über alle meine Mühe, womit ich mich abgemüht habe, und worin ich weise gewesen bin unter der Sonne. Auch das ist Eitelkeit.

Die Weisheit hat zweifellos, wer wollte das bestreiten, einen Vorzug vor der Torheit. Der Weise ist im Licht und sieht, während der Tor sich in der Finsternis befindet und darin wandelt. Trotzdem ist beider Los gleich; wo ist der Gewinn? Der Tod trifft den Weisen wie den Toren, und der zerstörende Wurm ist in der Wurzel jeden Genusses (Pred 2,16; 3,19.20; 5,15; 6,6; 9,3). Bemerkt sei hier nochmals, dass im Prediger, dem Charakter dieses Buches entsprechend, der Tod nicht in das Jenseits führt, sondern die Gegenwart in dem Augenblick abschneidet, wo der Mensch die Früchte seiner Arbeit zu ernten im Begriff steht. Welches ist dann der Gewinn? Daher ruft der Weise aus: „Da hasste ich das Leben; denn das Tun, welches unter der Sonne geschieht, missfiel mir; denn alles ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind.“ Er hasste sogar „alle seine Mühe“, womit er sich „abmühte unter der Sonne“. Wenn wenigstens sein Erbe einen guten Gebrauch von seiner Hinterlassenschaft machte! Aber nein, die Arbeit des Weisen wird das Erbe des Toren!

Verse 20-23

Pred 2,20-23: Da wandte ich mich zu verzweifeln ob all der Mühe, womit ich mich abgemüht hatte unter der Sonne. Denn da ist ein Mensch, dessen Mühe mit Weisheit und mit Kenntnis und mit Tüchtigkeit geschieht: und doch muss er sie einem Menschen als sein Teil abgeben, der sich nicht darum gemüht hat. Auch das ist Eitelkeit und ein großes Übel. – Denn was wird dem Menschen bei all seiner Mühe und beim Trachten seines Herzens, womit er sich abmüht unter der Sonne? Denn alle seine Tage sind Kummer, und seine Geschäftigkeit ist Verdruss; selbst des Nachts ruht sein Herz nicht. Auch das ist Eitelkeit.

Diese Betrachtungen führen den Prediger dahin, an allem zu verzweifeln. Selbst die angestrengteste und einträglichste Arbeit des Menschen bringt ihm zeitlebens nur Kummer, Verdruss und ruhelose Nächte für sein Herz. So wiederholt sich von Kapitel zu Kapitel diese trostlose Klage, die immer erneute Feststellung der Eitelkeit aller Dinge, bis endlich der Weise die Lösung aller Wege findet, die Gott ihn gehen lässt.

Verse 24-26

Pred 2,24-26: Es gibt nichts Besseres unter den Menschen, als dass man esse und trinke und seine Seele Gutes sehen lasse bei seiner Mühe. Ich habe gesehen, dass auch das von der Hand Gottes abhängt. Denn wer kann essen und wer kann genießen ohne ihn? Denn dem Menschen, der ihm wohlgefällig ist, gibt er Weisheit und Kenntnis und Freude; dem Sünder aber gibt er das Geschäft, einzusammeln und aufzuhäufen, um es dem abzugeben, der Gott wohlgefällig ist. Auch das ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind.

Es gibt indessen noch einen Grundsatz in den Regierungswegen Gottes: Er gibt Weisheit, Erkenntnis und Freude dem, der Ihm angenehm ist, und fügt noch, wie bei Salomo, die materiellen Genüsse dieser Welt, wie essen, trinken und Gewinn von seiner Arbeit, hinzu, während der Sünder gezwungen ist, zu sammeln und aufzuhäufen für den, der Gott angenehm ist. Aber hat diese Ordnung in den Regierungswegen Gottes dauerhafte Folgen für den Menschen? Auch das ist Eitelkeit und ein Haschen nach Wind.

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Aus einer vergriffenen Betrachtung, die von Richard Mohncke, Hückeswagen, herausgeben wurde


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