Der zweite Brief an Timotheus (0)
Einleitung

Stanley Bruce Anstey

© SoundWords, online seit: 08.06.2020

Der Niedergang – ein Tag des Ruins und des Verderbens

Im seinem ersten Brief an Timotheus hat Paulus die Gläubigen über das Verhalten belehrt, das dem Haus Gottes angemessen ist. In seinem zweiten Brief unterweist er uns, wie wir uns verhalten sollen, wenn die Dinge im Haus Gottes in Unordnung geraten sind. In diesem Brief fällt auf, dass es in den letzten Tagen einen weitverbreiteten geistlichen Niedergang im christlichen Zeugnis geben und man Weisheit brauchen würde, um sich in solchen Zeiten richtig zu verhalten.

Dieser Brief wurde geschrieben, um Timotheus zu ermutigen, an einem schwierigen Tag zu dienen, wenn die Massen im christlichen Bekenntnis Paulus und seine Lehre verließen (2Tim 1,15). Der Brief warnt die Gläubigen davor, dass die Verderbtheit im Christentum fortschreiten und in den letzten Tagen ihren Höhepunkt erreichen würde, wenn es eine völlige Abkehr von der Wahrheit Gottes geben würde. Er sieht eine Zeit des völligen Verfalls und Niedergangs des christlichen Zeugnisses voraus (2Tim 3,1-8; 4,3.4). Gleichzeitig steckt er sorgfältig den Weg ab, den die Gläubigen in solchen Zeiten gehen können.

Im ersten Brief wird die Masse der Christen so betrachtet, dass sie ihrer Verantwortung, die Ordnung im Haus Gottes aufrechtzuerhalten, gerecht werden will, auch wenn sich einige wenige als untauglich erweisen (1Tim 1,20; 4,1: „einige“). Im zweiten Brief ist das Gegenteil der Fall: Er sieht die Masse der Christen als untauglich an (2Tim 1,15), und nur wenige Einzelne bleiben ihrem Bekenntnis treu (2Tim 1,16-18; 4,11).

In diesem Brief wird vorausgesehen, was in der Geschichte der Kirche geschehen ist. Paulus vergleicht den Ruin des christlichen Zeugnisses mit „einem großen Haus“, das voller Unordnung und Verunreinigung ist (2Tim 2,20). Tatsächlich war der Beginn dieses Niedergangs bereits spürbar, als Paulus an Timotheus schrieb. Der Herr selbst sagte in den Gleichnissen in Matthäus 13 diese Zeit des Versagens und des öffentlichen Verfalls voraus. Er sagte, dass, wenn in der Zeit seiner Abwesenheit Dinge in die Hände der Menschen gelegt würden, der „Feind“ (Satan) „Unkraut“ (böse Personen), „Vögel“ (böse Geister) und „Sauerteig“ (böse Lehren) einführen würde. Wenn wir die Geschichte des christlichen Bekenntnisses betrachten, sehen wir, dass dies tatsächlich geschehen ist. Die Abgesandten Satans haben durch menschliche Handlanger daran gearbeitet, die Wahrheit Gottes in den Herzen der Menschen zu untergraben. Viel Verderben und Unordnung ist eingeführt worden in das, was den Namen Christi trägt.

Es ist bezeichnend, dass weder im Brief (noch irgendwo in der Schrift) verheißen wird, dass das christliche Zeugnis wiederhergestellt wird, nachdem es in diesen verdorbenen Zustand geraten ist. Stattdessen sagte der Apostel dem Timotheus, dass die Dinge nur noch schlimmer werden würden (2Tim 3,13). Er konnte nicht erwarten, dass die Kirche zu ihrer früheren Herrlichkeit zurückkehren würde, wie sie in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte zu finden ist: Damals waren alle mit dem Geist erfüllt und in glücklicher Einheit beisammen, und es gab Zeichen der Kraft des Geistes. Offenbarung 2 und 3 weisen darauf hin, dass die Geschichte der Kirche auf der Erde mit einer traurigen Haltung grober Gleichgültigkeit gegenüber den Ansprüchen Christi enden wird. Nicht nur würde der Apostel gemieden werden, wie in diesem Brief erwähnt wird (2Tim 1,15), sondern der Herr selbst würde draußen bleiben (Off 3,20)! Dies ist heute allgemein der Fall.

Dieser Zustand der groben Abweichung von der Wahrheit wird so lange andauern, bis der Herr kommt und jeden wahren Gläubigen aus der bekennenden Masse herausnimmt (1Thes 4,15-18). Mit diesem dunklen Bild vor Augen versucht der Apostel, Timotheus dazu zu bewegen, im Dienst des Herrn weiterzumachen. Das Thema des Briefes ist also die individuelle Verantwortung im Dienst in einer Zeit kollektiven Versagens.

„Der Mensch Gottes“

Der Ausdruck „der Mensch Gottes“ (1Sam 2,27; 9,10 usw.) kommt in der Heiligen Schrift vor, wenn die Masse des bekennenden Volkes Gottes in ihrer kollektiven Verantwortung versagt. Er bezeichnet einen Menschen, der für Gott steht und für Ihn handelt, wenn diejenigen, die sich zu Gott bekennen, sich als untreu erweisen. Der Begriff wird immer in der Singularform verwendet; die Schrift spricht nie von „Männern Gottes“. Dies zeigt, dass Treue auf individueller Grundlage besteht, wenn es einen öffentlichen Verfall des Zeugnisses des Herrn gibt. Der Ausdruck „der Mann Gottes“ wird in der Heiligen Schrift nicht verwendet, wenn die Bedingungen unter dem Volk des Herrn gut sind, sondern wenn sie jämmerlich und beklagenswert sind. Die zweiten Briefe im Neuen Testament kann man auf solche Zeiten besonders anwenden; sie sehen das öffentliche Versagen des Volkes Gottes voraus und betonen, wie nötig es ist, dass der Einzelne treu ist. Es fällt daher auf, dass Timotheus als „Mensch Gottes“ bezeichnet wird (1Tim 6,11; 2Tim 3,17).

Da Timotheus ein junger Mann war (1Tim 4,12), sind einige auf den Gedanken gekommen, dieser Brief sei für junge Menschen geschrieben worden, die mit den Problemen der Jugend zu kämpfen haben – d.h. mit den Versuchungen der Welt, des Fleisches und des Teufels usw. Er wurde jedoch eindeutig nicht mit dieser Absicht geschrieben. Die Behauptung, Timotheus habe mit der Welt usw. zu kämpfen gehabt, bedeutet, seinen hervorragenden Charakter und seine außerordentliche Hingabe an den Herrn herabzusetzen. Obwohl er verhältnismäßig jung war, war er ein reifer, gottesfürchtiger Christ, der sich ganz dem Willen Gottes und dem Dienst an Gottes Volk verschrieben hatte. Timotheus war also kein leichtsinniger und gleichgültiger junger Christ. Paulus konnte von ihm sagen: „Ich habe keinen Gleichgesinnten, der von Herzen für das Eure besorgt sein wird; denn alle suchen das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist. Ihr kennt aber seine Bewährung, dass er, wie ein Kind dem Vater, mit mir gedient hat an dem Evangelium“ (Phil 2,20-22). Wenn man diesen Brief mit der irrigen Vorstellung liest, dass er sich an weltliche junge Menschen wendet, dann bedeutet das, ihn aus seinem Zusammenhang herauszulösen.

Wir wollen damit nicht sagen, dass wir aus dem Brief keine Anwendungen für leichtfertige und sorglose junge Menschen machen können, aber der Zusammenhang macht klar, wie man ihn hauptsächlich deuten muss: Ein älterer Arbeiter (der kurz davor ist, vom Schauplatz abzutreten) berät und ermutigt einen jüngeren Arbeiter. Der Zweck des Briefes besteht also darin, Timotheus zu ermutigen, die Fackel, die ihm übergeben worden war, treu weiterzutragen. Da es sich um einen Hirtenbrief handelt – d.h. um einen Brief, der nicht an eine Versammlung oder eine Gruppe von Versammlungen, sondern an eine Einzelperson geschrieben ist –, ist er voller göttlicher Ratschläge des Apostels an Timotheus für sein Leben und seinen Dienst für den Herrn. Paulus gibt ihm viele hilfreiche Hinweise, die im Wort Gottes gnädigerweise für uns bewahrt worden sind, so dass jeder, der dem Herrn dienen möchte, diese Leitprinzipien für seinen Dienst hat. Das ist ein sehr notwendiges Wort für die heutige Zeit.

  1. Das erste Kapitel zeigt die moralischen und geistlichen Eigenschaften auf, die der „Mensch Gottes“ an einem Tag des Ruins benötigt.
  2. Das zweite Kapitel legt einige große Grundsätze dar, die für den Dienst in einer solchen Zeit erforderlich sind.
  3. Das dritte Kapitel berichtet von den Hilfsquellen, die dem Diener Gottes zur Verfügung stehen, damit er an einem solchen Tag bewahrt und für nützlich gefunden wird.
  4. Das vierte Kapitel schließt den Brief mit einigen göttlichen Anregungen für den Dienst. Sie zielen darauf ab, den Knecht des Herrn in seinem Werk anzuspornen.

Nächster Teil


Übersetzt aus The First Epistle of Paul to Timothy

Übersetzung: Stephan Isenberg


Hinweis der Redaktion:

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