Der Prophet Hosea (6)
Kapitel 6

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 01.10.2020

Was soll ich dir tun?

Die einleitenden Verse 1 bis 3 schließen direkt an das an, was wir am Ende von Kapitel 5 betrachtet haben. Der restliche Teil des Kapitels ist ein weiterer Appell an das Gewissen von Ephraim und Juda.

Verse 1-3

Es gibt wohl nichts Passenderes als die Aussage der ersten drei Verse auf den Lippen des wiederhergestellten Überrestes an dem kommenden Tag der Macht dessen, dessen Angesicht sich so lange vor ihnen verborgen hatte:

Hos 6,1-3: 1 Kommt und lasst uns zu dem HERRN umkehren; denn er hat zerrissen und wird uns heilen, er hat geschlagen und wird uns verbinden. 2 Er wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten Tag uns aufrichten; und so werden wir vor seinem Angesicht leben. 3 So lasst uns den HERRN erkennen, ja, lasst uns nach seiner Erkenntnis trachten! Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt.

Es ist der Ruf des zurückgekehrten Überrestes, der den HERRN im rauchenden Schmelztiegel der Drangsalszeit kennengelernt hat.  Nun fragt er nach dem Weg nach Zion und kehrt mit geläutertem Geist zu dem Einen zurückkehrt, den er so lange verschmäht hatte. Die Erweckung in Sacharja 12 steht in enger Verbindung mit dem, was wir hier vor uns haben. Wie Naomi [im Buch Ruth] stellen sie fest, dass Er es ist, der sie zerrissen und geschlagen hatte; aber der Glaube rechnet mit Ihm, dass Er heilen und wiederaufrichten wird. Nach zwei Tagen des ernsthaften Appells an ihr Gewissen, der zu offensichtlicher Buße führt, erneuert Er sie am dritten Tag; das entspricht dem Tag, an dem das Wasser der Absonderung auf den unreinen Mann gesprengt wurde, damit er am siebten Tag für rein erklärt wurde (vgl. 4Mo 19,16-19). Folglich werden die, die einst von den Toten abgelehnt worden waren, vor seinem Angesicht leben. Wenn Er – wie Regen auf das Gras – in Herrlichkeit herabkommt, werden sie Belebung und Segen erfahren und in dem kommenden Zeitalter in seinem Königreich täglich in seiner Erkenntnis wachsen.

Dann werden sie „voller Willigkeit sein am Tag seiner Macht“ [Ps 110,3]. Doch von diesem glücklichen Zustand  waren sie noch sehr weit entfernt, als der Prophet Hosea zu ihnen gesandt wurde. Das wunderbare Bild vom Tausendjährigen Reich wird ihnen nur für einen kurzen Augenblick vorgestellt, bevor der Geist Gottes sich wegen des erbärmlichen Zustandes, in den sie gefallen waren, weiter mit ihnen beschäftigt und sie liebevoll anfleht, von ihren bösen Wegen abzulassen.

Verse 4-6

Hos 6,4-6: 4 Was soll ich dir tun, Ephraim, was soll ich dir tun, Juda, da eure Frömmigkeit wie die Morgenwolke ist und wie der Tau, der früh verschwindet? 5 Darum habe ich sie behauen durch die Propheten, habe sie getötet durch die Worte meines Mundes; und deine Gerichte sind wie das Licht, das hervorgeht. 6 Denn an Frömmigkeit habe ich Gefallen und nicht am Schlachtopfer, und an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern.

Einst schien es tatsächlich so gewesen zu sein, dass sie den Wunsch hatten, Ihm gegenüber aufrichtig zu sein. Jedoch hatte sich das als ein flüchtiger Wunsch herausgestellt. „Was soll ich dir tun, Ephraim“, ruft Gott, „was soll ich dir tun, Juda, da eure Frömmigkeit wie die Morgenwolke ist und wie der Tau, der früh verschwindet“ (Hos 6,4)? Wie Ephesus in späteren Zeiten klammerten sie sich nur für eine kurze Zeit an ihre erste Liebe [vgl. Off 2,4]. Diese Zuneigung der Anfangszeit, als Israel Ihm in der Wüste nachfolgte, hatte sich gewissermaßen verflüchtigt und war nun entschwunden wie der Tau, wenn die Sonne in ihrer Kraft aufsteigt. Aus diesem Grund musste Er, anstatt Propheten zu senden, um ihre Seelen zu erfreuen, den Propheten einen Dienst übertragen wie den, Er später Johannes dem Täufer gab, der die Axt an die Wurzel der Bäume legte, die sich in ihrem Stolz in solcher Überheblichkeit erhoben hatten (Hos 6,5). Der Unterschied zwischen den alttestamentlichen Propheten und Johannes war folgender: Die AT-Propheten waren eher Männer, die ausgesandt waren, um zu beschneiden sowie Auswucherungen abzuschlagen, und sich auf diese Weise darum bemühten, die Bäume zu beschneiden und zu reinigen in der Absicht, dass sie Frucht brachten. Jedoch waren alle ihre Bemühungen vergebens. Und so kam Johannes, um die Axt an die Wurzel der Bäume zu legen [vgl. Mt 3,10]. Alles musste abgeschlagen werden. Wiederherstellung war zwecklos. Der erste Mensch konnte aus sich heraus Gott nichts bringen. Er musste durch den zweiten Menschen ersetzt werden! Das ist der große Unterschied zwischen den letzten Büchern des Alten Testamentes und der Botschaft zu Beginn des Neuen Testamentes. Bloße äußerliche Korrektheit und Beachtung von Formen und Zeremonien würden bei Gott nichts bewirken. Er sagt: „An Frömmigkeit habe ich Gefallen und nicht am Schlachtopfer und an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern“ (Hos 6,6). Jesaja beschreibt in ähnlicher Weise die Unvereinbarkeit, wenn zwar Rituale beachtet werden, aber das Herz nicht beim Herrn ist. Siehe dazu Jesaja 58 u.a. Wir müssen wahrhaftig sein vor Gott. Alles andere ist hohler Spott vor dem Angesicht dessen, dessen Augen zu rein sind, um Missetaten anzuschauen [Hab 1,13].

Vers 7

Hos 6,7: Sie aber haben den Bund übertreten wie Adam, haben dort treulos gegen mich gehandelt.

Wie Adam hatten sie den Bund übertreten. Gott hatte ihnen seinen Willen offenbart, doch sie hatten alle seine Gebote übertreten, indem sie der Lust des Fleisches und der Lust der Augen sowie dem Hochmut des Lebens nachgingen [1Joh 2,16]. Auf diese Weise hatten sie Ihn heimtückisch hintergangen, obwohl sie vorgaben, seine Knechte zu sein.

Verse 8.9

Hos 6,8.9: 8 Gilead ist eine Stadt von Übeltätern, voll Blutspuren. 9 Und wie ein Straßenräuber auflauert, so die Rotte der Priester: Sie morden auf dem Weg nach Sichem, ja, sie verüben Schandtat.

Und Gilead, das so sehr bevorzugt worden war, war zu einer Stadt voller Ungerechtigkeit geworden und hatte sich mit Blut befleckt. Als priesterliche Stadt sollte sie sich heilig für den HERRN halten, aber die gottlosen Priester, die eigentlich Mittler sein sollten zwischen Gott und Mensch waren nichts als eine Schar von Räubern, die solche ausplünderten, die sie eigentlich auf den rechten Weg führen sollten. Auch lebten sie in Unreinheit, statt auf Gottes heiligen Wegen zu wandeln. Die Führer des Volkes führten das Volk in die Irre und weg von dem Weg der Wahrheit.

Wer sieht nicht, dass sich im sogenannten Protestantismus mittlerweile dieselben gottlosen Zustände entwickelt haben? Der offenen Ausschweifung des treffend genannten „finsteren Mittelalters“ wurde durch das Licht einer geöffneten Bibel Einhalt geboten. Es beschämte die Menschen wegen dem, worin sie einst – in der Finsternis und Unwissenheit des Romanismus und des Mittelalters – gewagt hatten zu schwelgen. Aber mittlerweile wendet Satan höchste Anstrengung auf, um das Denken der Menschen durch die unheiligen Spekulationen ungläubiger Kleriker zu vergiften, die der Unreinheit des Geistes freien Lauf lassen und ihre Stellung als „Führer des christlichen Denkens“ benutzen, um sich selbst zu bereichern. Währenddessen lassen sie die wahre Herde Christi verhungern und vergiften solche, denen es an göttlicher Gnade fehlt, während sie vorgeben, Christen zu sein. Schrecklich muss das Ende sein, wenn falsche Religion am Tag des Zorns des Herrn gerichtet wird!

Vers 10

Hos 6,10: Im Haus Israel habe ich Schauderhaftes gesehen: Dort ist Ephraims Hurerei, Israel hat sich verunreinigt.

Vergeblich wurde in früheren Tagen die warnende Stimme erhoben. Und vergeblich wird sie auch heute erhoben. Damals und heute ging die Masse rücksichtslos ihren Weg, ungeachtet des ernsten Tadels Gottes.

Vers 11

Hos 6,11: Auch über dich, Juda, ist eine Ernte verhängt, wenn ich die Gefangenschaft meines Volkes wenden werde.

Beim letzten Vers scheint eine doppelte Interpretation möglich. Für Juda ist eine Ernte bestimmt, wenn ihre Gefangenschaft gewendet wird. Das kann bedeuten, dass – was immer auch das Versagen des Menschen sein mag – Gott seine Ernte bekommt: wenn sie am Ende für Ihn wiederhergestellt werden. Aber da nur Juda erwähnt wird, während die Schuld beider Reiche gerade verkündigt worden war, denke ich, dass die Ernte sich auf das eine schreckliche Gericht bezieht, das hier noch zur Ernte aussteht wegen ihrer Verwerfung des Messias. Wie wir bereits gesehen haben, wird Juda kurz vor ihrer Wiederherstellung und ihrem Segen durch dieses Gericht hindurchgehen müssen. Die zehn Stämme als solche hatten keinen Anteil an der Verwerfung des Herrn Jesus. Nicht sie waren gemeint, als die fanatischen Ältesten den Fluch heraufbeschworen, indem sie riefen: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder“ (Mt 27,25)! Als Konsequenz steht Juda eine schreckliche Ernte bevor: Sie säten den Wind – sie werden den Sturm ernten, wenn die Schale des Zornes Gottes in der Zukunft [während der Drangsalszeit] über die Erde ausgegossen wird [vgl. Off].

Vorheriger Teil


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Hosea“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Samuel Ackermann


Hinweis der Redaktion:

Die SoundWords-Redaktion ist für die Veröffentlichung des obenstehenden Artikels verantwortlich. Sie ist dadurch nicht notwendigerweise mit allen geäußerten Gedanken des Autors einverstanden (ausgenommen natürlich Artikel der Redaktion) noch möchte sie auf alle Gedanken und Praktiken verweisen, die der Autor an anderer Stelle vertritt. „Prüft aber alles, das Gute haltet fest“ (1Thes 5,21). – Siehe auch „In eigener Sache ...