Der Prophet Hosea (5)
Kapitel 5

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 01.09.2020, aktualisiert: 03.09.2020

Ich werde mich verbergen

Dieses Kapitel zeugt davon, wie Gott die Gewissen der Menschen zu allen Zeiten zu erreichen versucht, was wir auch in unserer gegenwärtigen liberalen Zeit zu Herzen nehmen sollten. Es kann sein, dass das Kapitel Teil einer einzigen Abhandlung ist, zu der das vorherige Kapitel die Einleitung und der restliche Teil des Buches die Fortsetzung bildet. Oder die verschiedenen Abschnitte wurden zu verschiedenen Zeitspannen verfasst, je nachdem wie der Prophet von Gott geleitet wurde, sie niederzuschreiben. In jedem Fall ist der moralische Wert derselbe und das Ziel ist durchweg das gleiche, nämlich die abtrünnigen Menschen wieder in die Gegenwart Gottes zu bringen, damit sie in ihrer Seele wiederhergestellt werden und sie die Süße der Gemeinschaft mit dem Ewigen schmecken.

Verse 1-4

Hos 5,1-4: 1 Hört dies, ihr Priester, und hört zu, Haus Israel! Und ihr, Haus des Königs, nehmt zu Ohren! Denn euch gilt das Gericht; denn ihr seid eine Schlinge in Mizpa geworden und ein ausgebreitetes Netz auf dem Tabor; 2 und das Verderben haben die Abtrünnigen weit getrieben. Ich aber werde sie alle züchtigen. 3 Ich kenne Ephraim wohl, und Israel ist nicht vor mir verborgen; denn nun hast du Hurerei getrieben, Ephraim, Israel hat sich verunreinigt. 4 Ihre Handlungen gestatten ihnen nicht, zu ihrem Gott umzukehren; denn der Geist der Hurerei ist in ihrem Innern, und den HERRN kennen sie nicht.

Priester, Volk und das Haus des Königs werden gleichermaßen in Vers 1 angesprochen, und ihnen wird gesagt, dass Gericht bevorsteht. Es hatte noch nicht begonnen, aber ein Engel des Zorns hatte sich ihnen mit gezogenem Schwert zugewandt. Nur Buße allein würde bewirken, dass das Schwert wieder in die Scheide gesteckt werden würde.

Vergebens waren sie von Ihm getadelt worden, für dessen Augen alles bloß und aufgedeckt ist. Ihre Schuld stand immer vor Ihm. Aber obwohl Er so lange versucht hatte, sie wiederherzustellen, weigerten sie sich beständig, so dass ihr „ganzes Tun“ ihnen nicht gestattete, zu Gott umzukehren (Hos 5,4 Menge). Ein bösartiger „Geist der Hurerei“ schien sie zu besitzen und sie erkennen den HERRN nicht.

Vers 5

Hos 5,5: Und der Stolz Israels zeugt ihm ins Angesicht, und Israel und Ephraim werden fallen durch ihre Ungerechtigkeit; auch Juda fällt mit ihnen.

Das war jedoch nicht das Schlimmste. Trotz ihres elenden Zustandes waren sie aufgeblasen vor Stolz: „Der Stolz Israels zeugt ihm ins Angesicht.“ Deshalb mussten sie erniedrigt werden: „Israel und Ephraim werden fallen durch ihre Ungerechtigkeit; auch Juda fällt mit ihnen,“ Unfähig, von der Sünde ihrer Schwester Israel zu lernen, musste Juda den gleichen Weg gehen. So musste auch Juda von Gott durch Gericht aus dem Land vertrieben werden.

Vers 6

Hos 5,6: Mit ihrem Kleinvieh und mit ihren Rindern werden sie hingehen, um den HERRN zu suchen, und werden ihn nicht finden: Er hat sich ihnen entzogen.

Das Urteil „Lo-Ammi“ [Nicht-mein-Volk], das auf das erste Kapitel verweist, kann nicht zurückgenommen werden. Selbst wenn es so scheinen sollte, dass sie ein Verlangen nach Gott haben sollten, sie werden Ihn nicht finden. Denn sie hatten Erkenntnis gehasst und all seinen Tadel missachtet.

Wenn Menschen das Licht ablehnen, wird das Licht zurückgezogen und die Menschen werden zurückgelassen in strafender Dunkelheit. So lesen wir hier: „Mit ihrem Kleinvieh und mit ihren Rindern werden sie hingehen [um zu opfern][1], um den HERRN zu suchen, und werden ihn nicht finden: Er hat sich ihnen entzogen.“ Dann sollen sich die Worte erfüllen, die viele Jahre zuvor durch Mose gesagt wurden: „Ich will mein Angesicht vor ihnen verbergen, will sehen, was ihr Ende sein wird; denn ein Geschlecht voll Verkehrtheit sind sie, Kinder, in denen keine Treue ist“ (5Mo 32,20).

Beachten wir: Gott würde sie nicht für immer vergessen noch sollten sie endgültig aus seiner Gegenwart vertrieben werden. Aber Er würde sich von ihnen zurückziehen und sie einer geistlichen Hungersnot und Verwüstung überlassen, bis sie ihren wahren Zustand erkennen und vor Ihm anerkennen.

In der gegenwärtigen Haushaltung der Gnade gibt es Beispiele für ein ähnliches Handeln. Der Herr handelt zum Beispiel so mit den Gadarenern. Weil sie ihren eigenen Weg gehen wollten, verließ Er sie für eine Weile [Lk 8,26-37], aber bei seiner Rückkehr hießen sie Ihn willkommen [Lk 8,40]. Und tatsächlich ist dies auch ein Bild davon, wie Er bei seinem ersten Kommen abgelehnt wurde, zeigt aber auch auf den Tag, wenn Er in Herrlichkeit wiederkommen und willkommen geheißen wird mit dem Ausruf: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HERRN“ (Ps 118,26; Mt 23,39). All das geschieht in vollständiger Übereinstimmung mit der Prophezeiung Hoseas.

Vers 7

Hos 5,7: Sie haben treulos gegen den HERRN gehandelt, denn sie haben fremde Kinder gezeugt; nun wird sie der Neumond verzehren mit ihren Erbteilen.

Bis eine vollständige Buße folgt, wird Er sich nicht mehr öffentlich zu ihren Gunsten offenbaren. Sie mögen weiterhin stolz sein, fremde Kinder zeugen und über Fortschritt und Wachstum prahlen. Aber all das sind hohle und leere Worte für den Richter, der vor der Tür steht.

Verse 8-14

Hos 5,8-14: 8 Stoßt in die Posaune in Gibea, in die Trompete in Rama; ruft laut in Beth-Awen: Der Feind ist hinter dir her, Benjamin! 9 Ephraim wird zur Wüste werden am Tag der Strafe; über die Stämme Israels habe ich Gewisses verkündigt. 10 Die Fürsten von Juda sind wie diejenigen geworden, die die Grenze verrücken; über sie werde ich meinen Grimm wie Wasser ausgießen. 11 Ephraim ist bedrückt, zerschlagen vom Gericht; denn willig wandelte es nach Menschengeboten. 12 Und ich werde für Ephraim wie die Motte sein und für das Haus Juda wie der Wurmfraß. 13 Und Ephraim sah seine Krankheit und Juda sein Geschwür; und Ephraim ging nach Assyrien und sandte zum König Jareb; der aber vermag euch nicht zu heilen und wird euer Geschwür nicht vertreiben. 14 Denn ich werde für Ephraim wie ein Löwe sein und für das Haus Juda wie ein junger Löwe. Ich, ich werde zerreißen und davongehen; ich werde wegtragen, und niemand wird erretten.

Es scheint, als habe der Prophet in den Versen 8 bis 14 eine angreifende Armee im Blick. „Der Tag der Strafe“ ist kurz davor, über Israel zu kommen. Vergeblich blasen sie in die Trompete und versuchen sie, sich selbst zu verteidigen. Vergeblich bemühen sie sich um ein Bündnis mit Assyrien. Es ist, als würden sie sich auf ein gebrochenes Rohr stützen. Gott ist ihnen zum Feind geworden, und Er ist es, mit dem sie es zu tun haben. Sowohl gegenüber Ephraim als auch gegenüber Juda wird Er als ein reißender Löwe auftreten, von dessen Macht sie niemand erretten kann.

Vers 15

Hos 5,15: Ich werde davongehen, an meinen Ort zurückkehren, bis sie sich schuldig bekennen und mein Angesicht suchen. In ihrer Bedrängnis werden sie mich eifrig suchen.

An der Stelle sei angemerkt, dass Er in alledem weiterhin danach strebt, sie zu segnen. So sagt Er: „Ich werde davongehen, an meinen Ort zurückkehren, bis sie sich schuldig bekennen und mein Angesicht suchen. In ihrer Bedrängnis werden sie mich eifrig suchen.“

Wie deutlich ist hier zu erkennen, dass der Geist Christi durch den Propheten spricht. Als der Herr Jesus sich selbst präsentierte, herrschten die gleichen Zustände, die auch für die Tage Hoseas charakteristisch waren. Es stimmt, Götzendienst war abgeschafft worden; aber Stolz, Arroganz und Eigenwille gab es zur Genüge. Folglich kam Er „in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Daher musste Er sagen: „Ich will wieder an meinen Ort gehen“ (Hos 5,15). Wenn sie hier keinen Platz für Ihn hatten, so hatte der Vater doch einen Platz für Ihn, auf seinem Thron. So verließ Er ihr Haus öde und stieg hinauf in die Höhe, wo Er wartet, bis sie ihre Vergehen eingestehen. Die große Drangsal – die Zeit der Drangsal für Jakob – wird dazu führen, dass ein Überrest Gottes Angesicht mit reumütigem Herzen sucht. Dann wird Er sich nicht länger verbergen, sondern als ihr Erlöser in offenbarer Herrlichkeit erscheinen.

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Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Einfügung im Text von Ironside.


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Hosea“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Samuel Ackermann


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