Der Prophet Hosea (3)
Kapitel 3

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 23.10.2019, aktualisiert: 29.10.2019

Israels Gegenwart und Zukunft

Dieses Kapitel, so kurz wie es ist, bekommt eine gewaltige Bedeutung, wenn jemand die Wege Gottes in Bezug auf diese Erde und sein irdisches Volk verstehen möchte. Es ist, wie manch einer sagt, das Römer 11 des Alten Testamentes. Liest man das Kapitel in Verbindung mit diesem Abschnitt, wirft es viel Licht auf das Geheimnis um Israels gegenwärtigen außergewöhnlichen Zustand[1] und die Vorhersagen über seine zukünftige Herrlichkeit. 

Einmal mehr wird die Beziehung des Propheten zu seiner Frau als eine Illustration benutzt. Sie, die vorher als Hure bezeichnet worden war, ist nun eine Ehebrecherin. Die Unterschiede in der jeweiligen Anwendung sind leicht wahrzunehmen. Israel war völlig unwürdig gewesen, bevor der HERR es in seiner Gnade aufgenommen hatte. Doch nachdem ihre Vereinigung mit Ihm durch den Bund besiegelt war, erwies es sich als noch unwürdiger, so dass es mit einer Ehebrecherin verglichen wird. Nicht nur bei Hosea, sondern auch bei anderen Propheten wird es deshalb als eine Ehebrecherin bezeichnet, die Fremden anstelle ihres Ehemanns folgt[2].

Vers 1

Hos 3,1: Und der HERR sprach zu mir: Geh wieder hin, liebe eine Frau, die von ihrem Freund geliebt wird und Ehebruch treibt: Wie der HERR die Kinder Israel liebt, die sich aber zu anderen Göttern hinwenden und Traubenkuchen lieben.

Die Sprache, die hier benutzt wird, ist von Bedeutung. Dem Propheten wird nicht gesagt, dass er seine Frau lieben soll. Sie hatte allen Anspruch auf diese Beziehung verwirkt. Sie wird einfach nur „eine Frau“ genannt. Und Er fügt hinzu: „die von ihrem Freund geliebt wird“. Das ist jemand der, wie wir gesehen haben, anstelle ihres rechtmäßigen Ehepartners erwählt wurde.

Hoseas Liebe für eine so unwürdige und wertlose Kreatur war ein Bild davon, „wie der HERR die Kinder Israel liebt“, die bekennen, in einer Bundesbeziehung mit Ihm zu stehen, „sich aber zu anderen Göttern hinwenden und Traubenkuchen lieben“. Letzterer Ausdruck ist die korrekte Leseart anstelle des Ausdrucks „eine Kanne Wein“ [in der King-James-Übersetzung oder Luther 1912], der keinen direkten Bezug zum Götzendienst hat. Die Kuchen waren Ausdruck der götzendienerischen Beziehungen, die sie aufrechterhielten. Das kann der Leser erkennen, wenn er Jeremia 7,18 und 44,19 hinzuzieht. Auf diese Weise ehrten sie die, die in jenen Tagen den Titel „Königin des Himmels“ trug – ein Titel, den das abgefallene Christentum Maria, der Mutter unseres Herrn, gegeben hat, und das in direkter Missachtung der Schrift.

Vers 2

Hos 3,2: Und ich kaufte sie mir für fünfzehn Sekel Silber und einen Homer Gerste und einen Letech Gerste.

Gomer (und für mich gibt es keinen Zweifel, dass sie wirklich die „Frau“ ist, von der dieser Abschnitt spricht) scheint sich so sehr verstrickt zu haben, dass sie nur durch die Zahlung eines Lösegelds aus ihrer elenden und erniedrigenden Lage befreit werden kann. So kaufte der Prophet sie „für fünfzehn Sekel Silber und einen Homer Gerste und einen Letech Gerste“ – das ist der Kaufpreis eines normalen Sklaven. Das illustriert die Worte Jesajas: „Umsonst seid ihr verkauft worden, so sollt ihr auch ohne Geld[3] erlöst werden!“ (Jes 52,3; Schlachter 2000). Liebevoll hatte der HERR sie durch denselben Propheten aufgefordert: „Kehre um zu mir, denn ich habe dich erlöst!“ (Jes 44,22). Doch obwohl der Preis der Erlösung am Kreuz von Golgatha bezahlt wurde, verhalten sich Juda und Israel weiterhin eigensinnig, und der Ehebund wurde nicht erneuert.

Vers 3

Hos 3,3: Und ich sprach zu ihr: Du sollst mir viele Tage so bleiben, du sollst nicht huren und keinem Mann angehören; und so werde auch ich dir gegenüber tun.

Dies ist ein Prüfungszeitraum von unbestimmter Dauer. Die Prüfung ist zu bestehen, bevor sie wieder die ehelichen Vorrechte erhält. Die Anwendung macht der Heilige Geist in den anschließenden Versen:

Vers 4

Hos 3,4: Denn die Kinder Israel werden viele Tage ohne König bleiben und ohne Fürsten und ohne Schlachtopfer und ohne Bildsäule und ohne Ephod und Teraphim.

Diese zwei Verse legen kurz und bündig den Zustand des Volkes für die gegenwärtige Haushaltung dar, aber ebenso auch ihre zukünftigen Segnungen an dem Tag, wenn das Königreich mit Macht und Herrlichkeit sichtbar wird.

Die „vielen Tage“ bilden den gesamten gegenwärtigen Zeitabschnitt, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist [vgl. Röm 11,25].

Seit der Zerstörung Jerusalems durch die Römer trifft diese Beschreibung auf sie zu. Sie waren ein Volk auf Wanderschaft, ohne nationale Identität, ohne „König und ohne Fürsten“. Das Zepter ist von Juda gewichen und der Herrscherstab ist nicht mehr zwischen den Füßen [vgl. 1Mo 49,10] – das bezeugt die Tatsache, dass der Schilo bereits gekommen ist. Aber Er kam nur, um von ihnen verworfen zu werden. Daher bleiben sie ohne Schlachtopfer, denn ihr Tempel ist zerstört und der Altar entweiht. Von Nation zu Nation und von Stadt zu Stadt sind sie über die Jahrhunderte gezogen, heimatlos, ein vielgehasstes Volk, von Menschen verachtet, ohne jede Möglichkeit, sich Gott auf dem Boden des Gesetzes zu nähern, das sie gebrochen haben.

Rituale und talmudische Überlieferungen haben im großen Maß den Platz der Gebote Gottes und der Autorität der „Thora“ (des Gesetzes) unter ihnen eingenommen. Aber Jahr für Jahr müssen sie mit Kummer bekennen, während sie sich auf die Brust schlagen: „Wehe uns, denn wir haben keinen Mittler!“ Der Rauch der Opfer steigt nicht zum Himmel auf; das Blut der Versöhnung wird nicht innerhalb des Vorhangs in einem irdischen Heiligtum gesprengt [vgl. 3Mo 16,11-17], und Blindheit hat sie zum Teil in strafende Dunkelheit gehüllt. Sie wissen nicht, dass durch das eine Opfer des Herrn Jesus am Kreuz Ungerechtigkeit weggenommen und Sünde bereinigt ist, da ewige Erlösung in seinem kostbaren Blut ist.

So sind sie nicht nur ohne ein Opfer, sondern auch ohne einen Priester – „ohne Ephod“ –, denn alle Aufzeichnungen sind längst verloren gegangen. Und obwohl es viele Überlebende in der direkten Nachkommenschaft der Priesterschaft gibt (wie sich das am Tag ihrer Wiederherstellung zeigen wird), können sie derzeit nicht ihre Abstammung nachverfolgen. Selbst wenn sie es könnten, gibt es keinen Tempel, in dem sie dienen könnten. In der Zwischenzeit dient der himmlische Priester im himmlischen Heiligtum, jedoch sind ihre Augen gehalten und sie erkennen Ihn nicht.

Man könnte natürlich annehmen, dass sie ohne den Zugang zu all dem Trost in der Religion ihrer Väter wieder in die götzendienerischen Praktiken der Heiden verfallen wären. Aber nein, denn sie waren „ohne Bildsäule“ und „ohne Teraphim“. Die babylonische Gefangenschaft heilte sie von ihrem Götzendienst. Seitdem war zumindest Götzendienst nie wieder eine der Sünden, die sie als Volk begingen. Sie haben keine Hilfsmittel, um Zugang zu dem wahren Gott erhalten, weil sie seinen Gesalbten schmähen und ablehnen. Auf der anderen Seite folgen sie keinen Götzenbildern, aber sie warten wie die losgekaufte Frau des Propheten auf den Tag, an dem sie in aller Öffentlichkeit wieder von dem HERRN angenommen werden.

Vers 5

Hos 3,5: Danach werden die Kinder Israel umkehren und den HERRN, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich zitternd zu dem HERRN und zu seiner Güte wenden am Ende der Tage.

Wenn die gegenwärtige Haushaltung beendet und die Gemeinde in den Himmel überführt worden ist, wird Gott sich ihrer erneut in Gnade annehmen und die Verheißungen erfüllen, die Er den Vätern gegeben hatte. Nachdem sie die beispiellose Drangsal der letzten Tage erlebt haben, die Jeremia (Jer 30), Daniel (Dan 11; 12), Sacharja (Sach 12–14) sowie unser Herr selbst in Matthäus 24 und ähnlichen Schriftstellen vorhergesagt haben, werden „die Kinder Israel umkehren und den HERRN, ihren Gott, und David, ihren König, suchen; und sie werden sich zitternd zu dem HERRN und zu seiner Güte wenden am Ende der Tage“. Das wird die Erfüllung dessen sein, auf das alle Propheten gewartet hatten: wenn Israels Wanderschaft vorbei ist, ihre Sünde ausgelöscht, sie selbst erneuert und das Königtum ihnen bestätigt wird. An jenem Tag wird Jesus König über die ganze Erde sein, auf dem Thron seines Vaters David sitzen und in herrlicher Macht und Majestät regieren. Es zeigt sich auch bei einem sorgfältigen Vergleich dieses Abschnittes mit dem späteren Teil von Hesekiels Prophezeiung, dass ein direkter Nachkomme aus der Linie Davids („der Fürst“ genannt) die Regentschaft auf der Erde über die wiederhergestellte Nation haben wird [vgl. Hes 45,7.8] – unter der Autorität dessen, dessen Hauptstadt das neue und himmlische Jerusalem sein wird, „die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (Heb 11,10).

Dann werden die Jahre der Trauer Israels vorbei sein und gleichzeitig wird der Tag der Herrlichkeit des Messias gekommen sein, denn beides wird gleichzeitig stattfinden. Den vollen Segen für Israel und die Erde kann es erst geben, wenn die Tragödie von Golgatha bereut wird und Juden und Heiden gemeinsam ihre Sünde anerkennen, dass sie den Herrn der Herrlichkeit, den Fürsten des Lebens, gekreuzigt haben.

Bis dahin bleibt der traurige Zustand, der im nächsten Kapitel beschrieben wird, bestehen. Nur der Fluch des Götzendienstes ist weggetan worden, wie wir gesehen haben.

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Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Als 1909 die Erstauflage von Ironsides Kommentar erschien, existierte der heutige Staat Israel noch nicht.

[2] Anm. d. Red.: Zum Beispiel in Jeremia 3 in Bezug auf Juda und Israel oder in Hesekiel 16 in Bezug auf Jerusalem.

[3] Ich denke, „ohne Geld“ bedeutet, dass sie nicht das Geld hatten, um sich selbst zu freizukaufen – daher mussten sie durch jemand anderes freigekauft werden.


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Hosea“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Samuel Ackermann

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