Der Prophet Hosea (4)
Kapitel 4

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 07.08.2020, aktualisiert: 09.08.2020

Mit Götzen verbündet

Die Aussage, die wir gerade betrachtet haben (dass Israel für viele Tage ohne Götzenbild oder Teraphim bleiben soll), erscheint umso erstaunlicher, wenn wir daran denken, in welch schrecklichen Götzendienst sie zu der Zeit gefallen waren, als Hosea von Gott berufen war, ihnen die Gedanken des HERRN in Bezug auf ihren damaligen Zustand darzulegen. Götzendienst war damals ihr charakteristischer Zustand. Und daraus sprossen, wie aus einer Wurzel, all die anderen bösen Dinge, derentwegen der Prophet angehalten war, sie zu tadeln.

Verse 1-3

Hos 4,1-3: 1 Hört das Wort des HERRN, ihr Kinder Israel! Denn der HERR hat einen Rechtsstreit mit den Bewohnern des Landes; denn es ist keine Wahrheit und keine Güte und keine Erkenntnis Gottes im Land. 2 Schwören und Lügen und Morden und Stehlen und Ehebrechen; sie brechen ein, und Blutschuld reiht sich an Blutschuld. 3 Darum trauert das Land und verschmachtet alles, was darin wohnt, sowohl die Tiere des Feldes als auch die Vögel des Himmels; und auch die Fische des Meeres werden weggerafft.

Weil die Wahrheit abhandengekommen war und mit ihr die Barmherzigkeit und Erkenntnis Gottes, hatte der HERR einen Rechtsstreit mit den Bewohnern des Landes. Statt Heiligkeit und Treue Ihm gegenüber hatten seine heiligen Augen nur Fluchen, Lügen, Morden, Stehlen und Ehebruch gesehen. Der auf dem Sinai geschlossene Bund war in jeder Hinsicht gebrochen worden. Nicht eines der zehn Gebote ließen sie unangetastet. Wegen alledem muss Er in seiner gerechten Regierung sein Angesicht gegen ihr Angesicht wenden, so wie Er sie durch den Mund des Gesetzgebers hat warnen lassen.

Vers 4

Hos 4,4: Doch niemand rechte und niemand tadle! Ist doch dein Volk wie die, die mit dem Priester rechten.

Sie waren so sehr gefallen und verdorben, dass keiner in der Lage war, einen anderen zurechtzuweisen. Alle hatten Anteil an der gemeinsamen Schuld. Obwohl der in der Wüste offenbar gewordene Sauerteig des Götzendienstes insgeheim von Ägypten und sogar von jenseits des Euphrats mitgebracht worden war (Jos 24,2), konnte er ungestraft gären, bis sie völlig pervertiert waren. So wahr ist es doch: „Böser Verkehr verdirbt gute Sitten“ (1Kor 15,33). Sie waren wie solche geworden, „die mit dem Priester rechten“ (Hos 4,4); d.h., sie hatten sich ständig geweigert, sich dem Willen Gottes unterzuordnen.

Die Lektion daraus ist für uns sehr ernst. Jemand sagte einmal, dass das Böse niemals aufgrund seines hohen Alters stirbt. Sünde, die unter dem Volk Gottes nicht gerichtet wird, ist wie um sich fressende Lepra oder ein Krebsgeschwür, das immer weiterarbeitet und wächst, bis als Folge die ganz Masse unbrauchbar wird.

Verse 5.6

Hos 4,5.6: 5 Und du wirst fallen bei Tag, und auch der Prophet wird mit dir fallen bei Nacht; und ich werde deine Mutter vertilgen. 6 Mein Volk wird vertilgt aus Mangel an Erkenntnis. Weil du die Erkenntnis verworfen hast, so verwerfe ich dich, dass du mir nicht mehr Priesterdienst ausübst; und du hast das Gesetz deines Gottes vergessen: So werde auch ich deine Kinder vergessen.

Es war nicht in erster Linie Unkenntnis, die zu Israels Sturz führte. Jedoch führte die Ablehnung des Lichts zwangsläufig in die Dunkelheit. Sie waren wie solche, die am Tag fallen. Sogar ihre Propheten handelten so. Daher mussten sie abgeschnitten werden.

„Mein Volk wird vertilgt aus Mangel an Erkenntnis“ (Hos 4,6), klagte der HERR. Jedoch war der Mangel an Erkenntnis die Konsequenz ihrer Weigerung, zuzuhören. Er hatte ihnen seine Wahrheit aufgedrängt, aber sie würden nicht davon profitieren. Daher ergänzt Er: „Weil du die Erkenntnis verworfen hast, so verwerfe ich dich, dass du mir nicht mehr Priesterdienst ausübst; und du hast das Gesetz deines Gottes vergessen: So werde auch ich deine Kinder vergessen“ (Hos 4,6). Das Licht abzulehnen führt in nie zuvor gekannte tiefe Dunkelheit und bringt den Schuldigen in empfindliche Schwierigkeiten und in die Ablehnung durch Gott.

Oft hat in der Kirchengeschichte ein ähnlicher Zustand existiert wie der, der uns hier beschrieben wird, und immer gab es das gleiche Problem. Als im 16. Jahrhundert Gott Luther aufstehen ließ, damit er mit deutlicher Stimme den Schlachtruf der Reformation erschallen lassen sollte – „Der Gerechte soll durch Glauben leben!“ –, hatte die große Masse der bekennenden Kirche kein Ohr für die Botschaft und versank in noch tieferen Aberglauben und in Torheit. Später waren die Brüder Wesely und ihre Mitstreiter von Gott bestimmt, mit dem Ruf zur Buße die toten Bekenner ihrer Zeit wachzurütteln. Aber die meisten lehnten das Gehörte ab. Der Formalismus wurde noch formaler und der Ritualismus[1] erntete verlorene Seelen.

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Wahrheit über die Einheit des Leibes Christi und die Gegenwart des Heiligen Geistes wiederentdeckt worden war, wurden die Verkünder der „neuen Lehren“, wie diese fälschlicherweise genannt wurden, verhöhnt, geschmäht und verworfen. Als eine Konsequenz dessen kommt es zu immer mehr Abfall im Christentum und die Gegenwart des Heiligen Geistes ist an vielen Orten völlig unbekannt. Die Schrift wird als Gottes Offenbarung abgelehnt und auf dieselbe Stufe mit menschlichen Schriften gestellt, während Stolz und Arroganz die Gebote unserer Zeit sind. Die Worte des Herrn haben eine ernste und schreckliche Erfüllung: „Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß die Finsternis!“ (Mt 6,23)!

Ist der Leser einer, zu dem das Licht gekommen ist, vor dem du dich fürchtest oder dem du nicht bereit bist zu gehorchen? Denk daran: Wenn du in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes handelst, so wie sie dir in Gottes Wort vorgestellt werden, wird dein Weg immer heller und heller erstrahlen bis zur Tageshöhe [vgl. Spr 4,18]. Auf der anderen Seite verhärtet es das Gewissen, wenn offenbarte Wahrheit bewusst ignoriert oder, noch schlimmer, abgelehnt wird. Wir kennen Menschen, die in der Schrift gewisse Wahrheiten kennengelernt hatten, die sie, sofern sie danach gehandelt hätten, von weltlichen Wegen und weltlichen religiösen Verbindungen befreit und ihnen die Freiheit gegeben hätten, zu dem Verworfenen zu gehen und seine Schmach zu tragen [Heb 13,13]. Sie zögerten, da sie irdischen Verlust fürchteten oder aufgrund vorhersehbarer Schwierigkeiten in der Familie. Während sie einen leichteren Weg suchten als den, der ihnen in der Schrift aufgezeigt wurde, diskutierten sie ihr Gewissen weg und löschten den Geist Gottes aus. Betrachte das traurige Ergebnis! Geistlicher Kraft und ihrer eigenen Stärke beraubt, wurden ihnen die Wahrheiten, die sie einst genossen hatten, zu toten Buchstaben. Ihre Gewissen sind verhärtet und sie sind nicht länger ein Zeugnis für Gott. Vergeblich mögen sie über Opfer reden und sich bemühen, solche auf irgendeine Weise zu bringen, doch diese Einstellung wird nicht von dem akzeptiert werden, der gesagt hat: „Gehorchen ist besser als Schlachtopfer, Aufmerken besser als das Fett der Widder“ (1Sam 15,22).

Verse 7-11

Hos 4,7-11: 7 Je zahlreicher sie geworden sind, desto mehr haben sie gegen mich gesündigt. Ich werde ihre Herrlichkeit in Schande verwandeln. 8 Sie essen die Sünde meines Volkes und verlangen nach seiner Ungerechtigkeit. 9 Und wie das Volk, so wird der Priester sein, und ich werde ihre Wege an ihnen heimsuchen und ihnen ihre Handlungen vergelten; 10 und sie werden essen und nicht satt werden. Sie treiben Hurerei, aber sie werden sich nicht ausbreiten; denn sie haben es aufgegeben, auf den HERRN zu achten. 11 Hurerei, Wein und Most nehmen den Verstand weg.

Möge Israels bewegte Vergangenheit eine sehr ernste Warnung für uns sein, dass wir der Wahrheit nicht widerstehen: „Je zahlreicher sie geworden sind, desto mehr haben sie gegen mich gesündigt. Ich werde ihre Herrlichkeit in Schande verwandeln“ (Hos 4,7). Wohlstand hatte ihre Herzen nicht zu Gott gewandt, stattdessen geschah genau das Gegenteil. So musste Er mit ihnen handeln entsprechend ihren Werken. Während sie sich an ihrer Ungerechtigkeit erfreuen und Gottes Wort ignorieren, muss Er sie aufgeben, um sie zerschlagen zu lassen. Priester und Volk sollen gemeinsam leiden. Ihren selbstgefälligen Weg gehend, sollen sie auf ihre Kosten lernen, dass ohne Ihn nichts Erfüllendes zu finden ist. Ihre unheiligen Wege rauben ihnen „den Verstand“ (Hos 4,11) und sie sollen straucheln und fallen, „denn sie haben es aufgegeben, auf den HERRN zu achten“ (Hos 4,10).

Verse 12-15

Hos 4,12-15: 12 Mein Volk befragt sein Holz, und sein Stab tut es ihm kund; denn der Geist der Hurerei hat es irregeführt, und durch Hurerei verlassen sie ihren Gott. 13 Sie opfern auf den Gipfeln der Berge und räuchern auf den Hügeln, unter Eiche und Pappel und Terebinthe, weil ihr Schatten gut ist; darum huren eure Töchter und treiben eure Schwiegertöchter Ehebruch. 14 Ich werde es an euren Töchtern nicht heimsuchen, dass sie huren, und an euren Schwiegertöchtern, dass sie Ehebruch treiben; denn sie selbst gehen mit den Huren beiseite und opfern mit den Geweihten; und das Volk, das keinen Verstand hat, kommt zu Fall. 15 Wenn du hurst, Israel, so mache sich Juda nicht schuldig! Und kommt nicht nach Gilgal und zieht nicht hinauf nach Beth-Awen und schwört nicht: So wahr der HERR lebt!

Sie waren bereit, ihre Götzen um Rat zu fragen, aber sie waren zu stolz und eigenständig, um sich Ihm zuzuwenden, dem sie jeden Segen zu verdanken hatten! Es ist oft bemerkt worden, dass, wenn Menschen sich von Gott abwenden, sie es sehr genau nehmen mit selbstauferlegten Ritualen und abergläubischen Bräuchen. Hingegen finden sie es mühsam, der Stimme des Herrn zu gehorchen. Das Gleiche gilt für Leichtgläubigkeit und echten Glauben. Wem es schwerfällt, den einfachsten Aussagen der Heiligen Schrift Vertrauen zu schenken, kann gleichzeitig mit großer Leichtigkeit die merkwürdigsten Hypothesen und Ideen ungläubiger Theoretiker akzeptieren. So war es auch mit Israel zu jener Zeit. Nichts von dem, was ihre falschen Götter von ihnen verlangten, war zu viel für sie. Jedoch das Gesetz des Herrn konnten sie nicht aufheben. Daher[2] sagte Er, dessen Gebote sie so offen übertreten hatten, dass das Volk, das keinen Verstand hat, zu Fall kommt (Hos 4,14). Diese Dinge gehören zu jenen, die „zu unserer Ermahnung“ geschrieben worden sind (1Kor 10,11). Mögen wir die Gnade bekommen, daraus zu lernen und entsprechend zu handeln. Das war es, wozu der Prophet Juda drängen wollte: „Wenn du hurst, Israel, so mache sich Juda nicht schuldig“ (Hos 4,15)! Leider finden wir später, dass das südliche Königreich genauso wie das nördliche abgefallen ist.

Verse 16-19

Hos 4,16-19: 16 Denn Israel ist widerspenstig geworden wie eine widerspenstige Kuh; nun wird der HERR sie weiden wie ein Lamm in weitem Raum. 17 Ephraim ist mit Götzen verbündet; lass ihn gewähren! 18 Ihr Zechgelage ist ausgeartet; der Hurerei geben sie sich hin; leidenschaftlich lieben seine Fürsten die Schande. 19 Der Wind hat ihn in seine Flügel geschlossen, und sie werden beschämt werden wegen ihrer Opfer.

Weil Israel sich als völlig widerspenstig erwiesen hatte „wie eine widerspenstige Kuh“ (Hos 4,16), würde Gott sie sozusagen ihrem Schicksal überlassen. Sie sollten wie ein Lamm sein, das auf weitem Raum grast, mit der Freiheit, zu tun, was immer sie wollten, jedoch mit der Gewissheit, dass das Gericht kommen wird. Denn obwohl sie dachten, dass sie sich vergnügen würden, waren sie wie Lämmer, die zur Schlachtung gemästet wurden. Das Wort war nicht mehr mit ihnen: „Ephraim ist mit Götzen verbündet; lass ihn gewähren!“ (Hos 4,17).

„Mit Götzen verbündet; lass ihn gewähren!“ (Hos 4,17). Es gibt nichts Ernsteres. Und das, obwohl Gott alle erdenklichen Mittel zu ihrer Wiederherstellung ausgeschöpft hatte bis auf eine Ausnahme: dass Er sie aufgibt, damit sie durch bittere Erfahrung das lernen, was sie sich auf keine andere Weise zu Herzen nehmen würden. Im Neuen Testament wird das beschrieben mit den Worten: „Ein solcher werde dem Satan überliefert zum Verderben des Fleisches, damit der Geist errettet werde am Tag des Herrn Jesus“ (1Kor 5,5). Wenn eine Seele sich als völlig dickköpfig und stur erweist, sagt Gott oftmals über sie wie über Israel: „Er hat sich mit seinen Götzen verbündet.“ Weiterer Tadel oder brüderliche Korrektur nützen nichts. Lass ihn einfach in Ruhe, bis er in Satans Sieb lernt, wie weit er sich von Gott entfernt hat und wie tief er gefallen ist. Bedenke: Wenn Gott so mit seiner Seele handelt, geschieht das nur, nachdem alle anderen Mittel versagt haben, den Umherstreifenden wiederherzustellen. Das geschah nur, wenn Er mit seiner Geduld am Ende war, wie als Er Ephraim aufgab. Von Anfang an hatte Er sie ertragen, ihnen gedient, sie geläutert, ersucht und gezüchtigt; doch alles vergebens. Sie gingen ihren eigenen Weg. Da Er sie zu sehr liebt, um sie für immer aufzugeben, sagt Er zuletzt: „Lass ihn gewähren.“ Jetzt sind sie an dem Punkt, wo sie durch negative Erfahrungen die Konsequenz dafür spüren sollen, dass sie sich in ihren Herzen vom Ihm abgewandt hatten. Sie sollen ihrer Herzenslust überlassen bleiben, bis sie „beschämt werden wegen ihrer Opfer“ (Hos 4,19).

Wie tief ist die Liebe, die durch all diese traurigen Schilderungen scheint. Wie liebevoll die Gnade, die bis zum Ende darin ausharrt, solche Unwürdigen wiederherzustellen, die es niemals verdienen würden!

Das gilt auch für uns. Es ist so kostbar, zu wissen, dass Gottes Gnade unveränderlich ist. Sofern wir errettet sind durch das Blut Christ, sind wir der Gegenstand seiner „Treue und nachsichtigen Liebe, die sich niemals abwendet“[3].

Sicherlich sollte nichts einen größeren Einfluss auf unsere Wege haben als die Tatsache, dass unser Eigensinn niemals seine Liebe auslöschen kann. Keine Veränderung in uns führt zu einer entsprechenden Veränderung in Ihm. Darum werden wir ermahnt: „Betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes, durch den ihr versiegelt worden seid auf den Tag der Erlösung“ (Eph 4,30). Es ist nicht so, dass wir Ihn betrüben könnten und Er uns daraufhin verlässt, wie manche Gläubige fälschlicherweise annehmen. In dem Fall hätten die Worte etwas Bedrohliches, anstatt dass sie eine Ermahnung für jedes Kind Gottes sind, die uns mit der Kraft einer so zarten Bitte berührt. Wie niederträchtig die Seele, die aus so einer unfassbaren Liebe einen Vorteil schlagen will, indem sie den eigenen Neigungen folgt, und das trotz des Geistes der Gnade!


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Hosea“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Samuel Ackermann

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Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Eine Strömung in der anglikanischen Kirche, die katholisch-liturgische Elemente wieder in den Gottesdienst integrieren wollte.

[2] Anm. d. Red.: In der King-James-Übersetzung heißt es: „Therefore the people that doth not understand shall fall.“

[3] Anm. d. Red.: Aus dem Lied Our God Is Light: and Though We Go; Mary Bowley (1813–1856).

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