Der erste Brief des Paulus an die Thessalonicher (0)
Einleitung

Stanley Bruce Anstey

online seit: 15.09.2022, aktualisiert: 18.09.2022

Das Ziel des Briefes

Die Gemeinde in Thessalonich entstand als Ergebnis der Missionsarbeit des Paulus in dieser Gegend (Apg 17,1-9). (Thessalonich liegt etwa 160 Kilometer von Philippi entfernt.) Nach seiner Gewohnheit blieb Paulus jeweils in der Gegend, wo er gepredigt hatte, um die neuen Gläubigen, die sich durch seine Arbeit bekehrt hatten, zu befestigen. Doch in diesem Fall war er gezwungen, seine Arbeit dort abzubrechen und zu fliehen, weil in Thessalonich Verfolgungen gegen das Evangelium aufkamen (Apg 17,10; 1Thes 2,17). Paulus und seine Mitarbeiter waren offenbar nur „an drei Sabbaten“ (Apg 17,2) – etwa drei Wochen – bei den Thessalonichern. Diese Neubekehrten brauchten also geistliche Hilfe und Unterweisung.

Mehr als einmal hatte Paulus versucht, zu ihnen zurückzukehren, aber „der Satan hat uns daran gehindert“ (1Thes 2,18). Als Paulus nach Athen kam, schickte er Timotheus nach Thessalonich zurück, damit dieser den Gläubigen dort diente (1Thes 3,1.2). Bei Timotheus’ Rückkehr nach Athen war Paulus schon nach Korinth weitergezogen, wo sie sich dann schließlich trafen (1Thes 3,6; Apg 18,5). Timotheus berichtete Paulus bei ihrem Wiedersehen von dem geistlichen Zustand und den Nöten der Thessalonicher: Es „mangelte“ ihnen nämlich noch im christlichen Glauben (1Thes 3,10). Daraufhin schrieb Paulus diesen Brief. Zu dieser Zeit (ca. 52 n.Chr.) waren die Thessalonicher erst seit wenigen Monaten gläubig. Dies ist der erste inspirierte Brief des Paulus.

In der Versammlung gab es also eine Mischung aus Juden und Heiden, die gläubig geworden waren. In Apostelgeschichte 17,4 heißt es, dass „einige von ihnen glaubten“. Da sich die Begebenheit in „einer Synagoge der Juden“ (Apg 17,1) abspielte, ist es klar, dass es sich bei diesen neuen Gläubigen um Juden handelte. Aber dann heißt es weiter, dass auch „von den anbetenden Griechen eine große Menge“ glaubten. Diese Heiden waren Proselyten, hatten sich also aus dem Heidentum zum jüdischen Glauben bekehrt. Doch als sie die frohe Botschaft Gottes hörten, die Paulus verkündete, glaubten sie an den Herrn Jesus Christus. Diese heidnischen Gläubigen bildeten die Mehrheit der Gläubigen in Thessalonich. „Jason“ (Apg 17,6) sowie „Aristarchus und Sekundus“ (Apg 20,4) waren einige dieser Bekehrten. Von den Juden hingegen glaubten nur „einige“.

Ein Leitfaden für die Sorge an Neubekehrten

Wenn wir die Aufgabe haben, Neubekehrte zu begleiten, fragen wir uns vielleicht, was man den neugeborenen Seelen an die Hand geben sollte, um ihnen auf dem Glaubensweg zu helfen. Wir glauben, dass die Antwort in diesem Brief zu finden ist. Was Paulus den Thessalonichern schreibt, zielt darauf ab, dieses Bedürfnis zu stillen, und daher ist dieser Brief ein Leitfaden für alle, die sich um Neubekehrte kümmern. Walter Scott (1838–1933) sagt:

Der Brief beschäftigt sich hauptsächlich mit der Entfaltung der ersten, frischen Zuneigungen in den neubekehrten Gläubigen in Thessalonich.[1]

Das Anliegen des Apostels Paulus in diesem Brief ist, dass diese Neubekehrten in Thessalonich in ihrem neu gefundenen christlichen Glauben für den Herrn lebten. Obwohl Paulus Timotheus nach Thessalonich zurückgeschickt hatte, damit dieser sie im Glauben förderte und unterstützte (1Thes 3,2), war es offensichtlich, dass dieses Werk nicht vollendet war (1Thes 3,10). Paulus nimmt daher nichts als selbstverständlich an, als er ihnen diesen Brief schreibt. Der Brief befasst sich mit den allerersten Grundlagen, die im christlichen Leben nötig sind, und gibt uns wertvolle Hinweise, wie wir Neubekehrte unterweisen und betreuen sollten. Das Hauptanliegen des Paulus in diesem Brief ist es, sie zu ermutigen, dem Herrn im Hinblick auf seine Wiederkunft zu vertrauen. Die Dinge, die er ihnen vor Augen führt, sind genau die Dinge, die wir neu erretteten Menschen vor Augen führen müssen. Der Brief ist daher ein Leitfaden für alle, die für Neubekehrte Sorge tragen.

Solange die Kirche auf der Erde ist und das Evangelium von der Gnade und der Herrlichkeit Gottes gepredigt wird, werden Menschen gerettet und ist es notwendig, sich um neue Gläubige zu kümmern. Daher nimmt dieser Brief einen sehr nützlichen Platz im neutestamentlichen Kanon der Heiligen Schrift ein.

Wenn wir den Inhalt des Briefes betrachten, fällt uns auf, dass der Apostel diesen Neubekehrten bestimmte Dinge nicht vermittelt, so wie er es in einigen seiner anderen Briefe tut. Zum Beipiel legt er ihnen nicht die Wahrheit über die Stellung des Gläubigen „in Christus“ dar, ebenso wenig die großen Segnungen, die wir in Christus besitzen. Auch entfaltet er nicht die Wahrheit des „Geheimnisses“, wie er es in seinen Briefen an die Epheser und an die Kolosser tut (Eph 1,8-10; 3,2-9; 5,32; Kol 1,25-28). Stattdessen spricht er Dinge an, die grundlegender sind: Dinge, die Neubekehrte nötig haben, bevor sie in der biblischen Lehre unterwiesen werden, und die sich auf ihren praktischen Lebenswandel mit dem Herrn beziehen. Die großen Lehren des Glaubens sind sicherlich notwendig, damit die Seelen „befestigt“ werden (Röm 16,25), doch zuerst muss der Neubekehrte sein Leben in eine gewisse moralische Ordnung bringen, damit er in Gemeinschaft mit dem Herrn leben kann und somit in der Lage ist, geistlich zu wachsen. Sobald dies in seinem Leben gegeben ist, können diese kostbaren Wahrheiten mit Gewinn hinzugefügt werden. Es nützt wenig, den Verstand der Gläubigen mit lehrmäßigen Wahrheiten zu beschäftigen, wenn ihr Leben nicht in Ordnung ist.

Diese Reihenfolge sehen wir in Apostelgeschichte 11. Die Brüder in Jerusalem hatten gehört, dass es in Antiochien einige Neubekehrte gab, und schickten Barnabas, damit er ihnen half. Barnabas, bekannt für seinen praktischen und hingebungsvollen Dienst, „ermahnte“ sie bei seiner Ankunft, „mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren“ (Apg 11,22-24). Nachdem er in diesem Sinne einige Zeit mit ihnen gearbeitet hatte, ging er nach Tarsus zu Saulus (Paulus) und brachte ihn nach Antiochien, wo sie die Gläubigen in der Wahrheit „lehrten“ (Apg 11,26).

In diesem Brief legt Paulus den Schwerpunkt also auf die einfachsten Dinge: auf die Hingabe des Gläubigen an Christus und auf die moralischen Maßstäbe des christlichen Lebens. Paulus wird in diesem Brief als „Mutter“ und „Vater“ im Glauben gesehen – als Seelsorger (1Thes 2,7.11), nicht als Lehrer. In seinem Bemühen, den Neubekehrten zu helfen, gibt Paulus ihnen bezeichnenderweise keine Selbsthilfeprogramme, sondern vielmehr grundlegende Ermutigung, Ratschläge und Ermahnungen.

Die dreifache Sorge des Paulus für die Thessalonicher

Die Sorge des Paulus um die Thessalonicher war dreifach:

  1. dass ihr persönliches Leben mit der Heiligkeit Gottes übereinstimmte, so wie er selbst und die anderen, die mit ihm zusammenarbeiteten, es ihnen vorlebten.
  2. dass sie in der Lage sein würden, der heftigen Verfolgung durch die Feinde des Evangeliums zu widerstehen.
  3. dass sie das Kommen des Herrn in Bezug auf die verstorbenen Heiligen besser verstehen und ihr Leben im Hinblick auf sein baldiges Kommen ausrichten würden.

Beachten wir: In den beiden Briefen an die Thessalonicher vermeidet der Apostel es, diese lieben Gläubigen für ihre Missverständnisse zu tadeln; vielmehr belehrt er sie geduldig darüber, wo sie sich irren. Neue Gläubige neigen dazu, empfindlich und leicht beleidigt zu sein; sie brauchen viel Lob und Ermutigung. Und wenn eine Korrektur nötig ist, muss sie mit Sanftmut erfolgen. Der Brief ist daher voller Trost und Ermutigung. Dies ist ein schönes Vorbild für uns.

Das Kommen des Herrn – zwei Phasen

Bezeichnenderweise wird das Kommen des Herrn im ersten Brief am Ende jedes Kapitels erwähnt und hebt damit das Hauptthema des Briefes hervor. Paulus nennt die Ankunft des Herrn für die Gläubigen (die Entrückung) „die glückselige Hoffnung“ (Tit 2,13). Diese Hoffnung ist der Kirche nicht nur als Lehre und Tatsache gegeben worden, sondern auch wegen ihrer praktischen Wirkung: Denn es gibt nichts Heiligenderes für die Seele, als in dem Bewusstsein zu leben, dass das Kommen des Herrn unmittelbar bevorsteht. Wenn die Seele eines Menschen von der Naherwartung ergriffen ist, so verändert das den Lauf seines Lebens. Indem der Apostel Paulus das Kommen des Herrn in jedem Kapitel erwähnt, will er die Realität dieses Ereignisses vor ihren Seelen wachhalten, weil er weiß, dass es positive, praktische Auswirkungen auf ihr Leben haben würde.

Der Feind versucht jedoch, ihnen genau diese Wahrheit zu nehmen oder zumindest ihr Denken mit falschen Vorstellungen darüber zu vernebeln. Satan will diese positiven praktischen Auswirkungen bei den Gläubigen natürlich nicht sehen und unternimmt große Anstrengungen, um uns die Naherwartung des Kommens des Herrn zu nehmen und uns mit den irdischen Dingen um uns herum zu beschäftigen. Die Thessalonicher waren von Anfang an in dieser Erwartung des Kommens des Herrn unterrichtet worden. Paulus erwähnt dies in 1. Thessalonicher 1,3, indem er das „Ausharren der Hoffnung“ zusammen mit dem „Werk des Glaubens“ und der „Bemühung der Liebe“ nennt, die das normale Christentum kennzeichnen sollten. Aber irgendetwas hatte diese helle Hoffnung vor ihren Seelen verdunkelt. Paulus spielt darauf in 1. Thessalonicher 3,6 an, wo er „Glaube“ und „Liebe“ erwähnt, jedoch nicht die Hoffnung. Das deutet darauf hin, dass sie im Zusammenhang mit der Hoffnung etwas verloren hatten und die Hoffnung nicht mehr so deutlich vor Augen hatten wie zu Beginn ihrer Errettung. Deshalb sucht Paulus das, was in ihrem Glauben mangelt, zu vollenden, indem er sie gründlicher über die Hoffnung unterrichtet (1Thes 3,10).

Zwei Teile des Briefes

Der Brief besteht aus zwei Hauptteilen:

  • Kapitel 1–3: Paulus’ persönliche Beobachtungen und Wünsche für die thessalonischen Gläubigen
  • Kapitel 4–5: Paulus’ praktische Ermahnungen an die thessalonischen Gläubigen

Die Entwicklung des geistlichen Wachstums in diesem Brief

Es gibt eine Entwicklung des Wachstums, die Paulus in seinen Ausführungen an die Thessalonicher verfolgt:

  • Kapitel 1: von Gott geboren und errettet
  • Kapitel 2: genährt und erzogen
  • Kapitel 3: auf ihren Füßen stehend
  • Kapitel 4: wandeln, wirken und warten
  • Kapitel 5: einander dienen

Quelle: The First Epistle of Paul to Thessalonians: Ministry Pertaining to the Care of New Converts
E-Book Version 1.6 (März 2019)

Übersetzung: Stephan Isenberg

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Anmerkungen

[1] W. Scott, Bible Handbook, New Testament, S. 259. Vgl. bibletruthpublishers.com, PDF, S. 485.

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