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Kapitel 8
Inhalt
Die Speisung der 4000 (Verse
1-9)
Der Unglaube der Jünger und die Heilung des Blindgeborenen (Verse 10-26)
Der Glaube des Petrus (Verse
27-38)
Dieses Kapitel muß heute
unser letztes sein, über das ich noch ein oder zwei Worte sagen möchte, bevor
ich schließe. Wieder wird eine große Volksmenge gespeist. Es handelt sich
natürlich nicht um dieselbe wie vorher. Hier sind es nicht fünftausend Männer,
sondern nur viertausend; es bleiben nicht zwölf Körbe voll Brocken übrig,
sondern nur sieben. Äußerlich gesehen, waren es weniger Menschen und ein
kleinerer Rest, der übrigblieb. Aber beachten wir, daß es sich hier um die
Sieben, die normale Zahl der geistlichen Vollkommenheit, handelt. Ich schließe
daraus, daß dieses Ereignis, als Vorbild gesehen, sogar noch bedeutungsvoller
ist als das vorherige. Es gibt keinen größeren Fehler bei der Beschäftigung mit
der Schrift – und das gilt überhaupt für alle sittlichen Fragen – als die Dinge
nach ihrem äußeren Schein zu beurteilen. Die sittliche Bedeutung von allem, was
man sich vorstellen kann, ist immer von größerer Wichtigkeit als ihr physisches
Aussehen. In diesem zweiten Wunder wurden weniger Menschen gespeist, die
Ausgangsmenge war größer und das Übriggelassene weniger. Rechnerisch gesehen,
erscheint das frühere Wunder ganz offensichtlich größer als das spätere. Die
zugrunde liegende Wahrheit besteht darin: Im ersten Wunder wird besonders die
Beteiligung der Menschen herausgestellt. Im zweiten handelt es sich darum, daß
Jesus, obwohl Er Menschen benutzte, die Vollkommenheit Seiner Liebe und
Sympathie und die Sorge für Sein Volk entfaltete, welcherart die Not auch sein
mochte. Deshalb scheint es, als zeige die Zahl Sieben eine höhere
Vollkommenheit an als die Zwölf, obwohl sie beide an ihrem jeweiligen Platz
bedeutsam sind.
Danach tadelte unser Herr
die Jünger wegen ihres Unglaubens, der sich in grober Form zeigte. Je stärker
sich Liebe und Mitleid bei Ihm offenbarten und je vollkommener Seine Sorge zum
Ausdruck kam, umso peinlicher erwies sich, der Unglaube bei Seinen Jüngern und
noch mehr bei anderen. Unser Herr führte dann noch eine weitere Heilung aus, die
nur im Markusevangelium berichtet wird. In Bethsaida wurde ein Blinder zu Ihm
gebracht. Nach meiner Meinung geschah es ausdrücklich dazu, um die Geduld des
Dienstes nach den Gedanken des Herrn vorzustellen, wenn Er zuerst seine Augen
anrührte, worauf dann nur ein teilweises Sehvermögen folgte. In seiner Antwort
bekannte der Mann: „Ich sehe die Menschen ... wie Bäume umherwandeln.“
Daraufhin legte der Herr zum zweiten Mal die Hände auf seine Augen. Damit war
das Werk vollendet. Auf diese Weise hatte Er nicht nur den Blinden geheilt,
sondern Er hatte es auch „wohlgemacht“ – eine weitere Illustration der
Wahrheit, die wir schon betrachtet haben. Wenn Er Seine Hand auflegte, um ein
Werk auszuführen, dann nahm Er sie nicht wieder weg, bevor alles entsprechend
Seiner Liebe vollbracht war. Der Mann sah jetzt völlig klar. So paßte alles
zusammen. Die doppelte Handlung erwies den
guten Arzt. Aber die Wirkung Seiner Handlungsweise, sei es durch Wort
oder Hand, sei es durch einfache oder doppelte Anwendung, zeigte auch den
großen Arzt.
Am Ende des Kapitels
entfaltete sich der Glaube in Petrus im Gegensatz zum Unglauben der Menschen und
dem Kleinglauben, der vorher unter den Jüngern wirksam war. Nun eilten die Dinge
dem Schlimmsten entgegen. Das Bekenntnis des Petrus war deshalb an dieser Stelle
durchaus passend. Der Bericht weicht auffallend von dem im Matthäusevangelium
ab. Durch Markus wird uns erzählt, daß Petrus einfach sagt: „Du bist der
Christus.“ Im Matthäusevangelium lauten seine Worte wie folgt: „Du bist
der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Matt. 16, 16). Auch finden
wir im Markusevangelium nicht die Worte: „Auf diesen Felsen will ich meine
Versammlung bauen.“ Die Versammlung ist genaugenommen nicht auf den
Christus oder Messias als solchen aufgebaut, sondern auf das Bekenntnis von dem
„Sohn des lebendigen Gottes“. So sehen wir, wie schön die Auslassungen in
der Schrift voneinander abhängen. Der Heilige Geist inspirierte Markus
dahingehend, daß er nur einen Teil von dem Bekenntnis des Petrus anführte; und
folgerichtig wird nur ein Teil der Segnung unseres Herr erwähnt. Da die größte
Huldigung an unseren Herrn in dem Bekenntnis des Petrus weggelassen wird,
verschweigt Markus folglich auch ganz den bevorstehenden großen Wechsel, der
sich in der Bildung der Versammlung (Kirche) zeigt. Hier verlangte unser Herr
von den Jünger nur, daß sie niemanden von Ihm, dem Christus, erzählen sollten.
Was für ein Ende des Zeugnisses Seiner Gegenwart! Auch der Grund dafür ist sehr
ergreifend: „Der Sohn des Menschen (muß) vieles leiden.“ Das war Sein
Teil, das Teil des wahren Dieners. Er war der Christus. Aber es hatte keinen
Zweck, dem Volk weiterhin davon zu erzählen. Sie hatten es oft gehört; und sie
wollten trotzdem nicht glauben. Nun stand Er im Begriff, ein anderes Werk zu
beginnen. Er machte sich auf, um zu leiden. Das war Sein Teil. „Der Sohn des
Menschen (muß) vieles leiden und verworfen werden . . . von den Ältesten und
Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und . . . getötet werden und nach drei
Tagen auferstehen.“
Demnach begann Er jetzt,
angesichts der Verklärung, Seinen herannahenden Tod anzukündigen. Er schilderte
ihn sehr ausführlich. Er wollte Seine Knechte vor der Annahme bewahren, als sei
Er in irgendeiner Weise von Seinem Tod überrascht worden. Er wurde erwartet. Der
Herr kannte ihn schon vollkommen und in seinen Einzelheiten vor den Ältesten und
Schriftgelehrten. Das Volk, das Seinen Tod bewirken würde, wußte noch nichts
davon. Sie planten eigentlich das Gegenteil von dem, was wirklich zur Zeit
Seines Todes geschah (Matt. 26, 5). Noch weniger wußten sie von Seiner
Auferstehung. Als sie geschah, glaubten sie nicht daran. Die Juden verdeckten
sie durch eine Lüge. Aber Jesus wußte alles über Seinen Tod und Seine
Auferstehung. Und jetzt brachte Er den Jüngern zum ersten Mal diese Nachricht
schonend bei und wies darauf hin, daß auch
ihr Weg ein gleicher Pfad der Leiden sein würde. Christi Tod wird hier
als ein Werk der Sünde des Menschen gesehen. Deshalb wird kein Wort von der
Sühnung gesagt. Es gibt kein größeres Mißverständnis bei der Betrachtung der
Schrift als ein Beschränken der Leiden des Herrn auf die Sühnung – ich meine,
hinsichtlich des Kreuzes und des Todes. Sicherlich ist die Sühne der höchste
Gesichtspunkt in den Leiden Christi. Deshalb kann man verstehen, daß auch die
Christen dazu neigen, angesichts der Sühnung alles andere zu übersehen. Der
Grund dafür, warum Gläubige nur die Sühnung sehen, liegt darin, daß sie nur sich
selbst sehen. Aber wenn sie keine „ungläubigen“ Gläubigen wären, dann würden sie
sehen, daß im Kreuz Christi viel mehr enthalten ist als die Sühnung. Sie würden
auch keineswegs geringer von Jesus denken, wenn sie die Reichweite Seiner Gnade
und die Tiefe Seiner Leiden mehr erkennen würden. Unser Herr sprach hier nicht
von Seinem Tod als eine Sühne für Sünden. Im Matthäusevangelium, wo Er davon
spricht, daß Er Sein Leben gibt als Lösegeld für viele, da handelt es sich
natürlich wirklich um Sühnung (Matt. 20, 28). Christus sühnte ihre Sünden; das
nenne ich Sühnung. Aber hier, wenn Er davon spricht, daß Er von den Menschen
getötet wird – ist das Sühnung? Es ist schmerzlich, daß Christen für diese
Wahrheit so verschlossen und bezüglich derselben so verwirrt sind. Hätte Gott
nicht im Gericht mit dem Heiland der Sünder gehandelt, dann gäbe es keine
Sühnung. Seine Verwerfung durch die Menschen wird zwar von Gott benutzt, aber
sie ist nicht dasselbe. Und, geliebte Freunde, das ist eine bedeutsamere und
praktischere Frage, als manche denken möchten. Aber mehr kann ich jetzt nicht
dazu sagen. Vor uns steht ein neuer Gegenstand, nämlich die Herrlichkeit, von
der unser Herr im Zusammenhang mit Seiner Verwerfung und Seinen Leiden
unmittelbar danach spricht.
aus: Lectures
Introductory to the Study of the Gospels, Heijkoop, Winschoten, NL, 1970
(im Deutschen herausgegeben und
übersetzt von J. Das)
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