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Leitverse: Hiob 32-33
Mit Kapitel 32 beginnt im Buch Hiob ein ganz neuer Abschnitt. In dem, was
vorausging, wurde die Frage nach der Ursache des Leidens des Gläubigen gestellt.
Das war keine »theoretische Frage«. Es war die abschreckendste »Praxis« in der
Person des schwer geprüften Hiob. Die Frage war nicht durch den suchenden
Menschenverstand, sondern durch die lebendige Wirklichkeit aufgekommen. Daher
werden die dabei beteiligten Menschen so ganz und gar davon in Beschlag
genommen. Mit allem, was in ihnen ist, ringen sie um die Lösung. Sie sprechen
ihre tiefsten Überzeugungen aus; alles, was sie in ihrem langen Leben erfahren,
gesehen, erlebt, überdacht haben, werfen sie in die Waagschale, um einander ihre
Überzeugung deutlich zu machen. In der Hitze ihres Wortgefechts wird selbst die
Freundschaft, die sie verbindet, vergessen. Und dazu kommen von den Lippen des
Leidenden selbst bange Klagen, Verzweiflung, auflehnende Worte gegen Gott, aber
auch zuweilen Worte innigen, kindlichen Gottvertrauens.
Jetzt sind alle diese Worte verstummt. Alles was die drei Freunde wussten,
haben sie ausgesprochen. Vergebens! Sie konnten Hiob nicht überzeugen. Auch er
hat sein ganzes Herz Gott und den Menschen gegenüber ausgeschüttet. Und nun ist
Gottes Augenblick gekommen. Zuerst wird Er durch einen Menschen zu Hiob und den
Freunden sprechen. Danach kommt Gott Selbst. Und das Ende ist, dass in Seinem
Licht alle Herzen offenbar werden.
Zuerst also ein Mensch, von Gott gesandt. Aber hatten Menschen nicht schon
genug gesprochen? Hatte sich nicht deutlich gezeigt, dass sie ohnmächtig waren,
eine Lösung für das Rätsel um Hiobs Leiden zu finden? Waren sie nicht jeder auf
seinem eigenen Standpunkt stehen geblieben? Wir haben gesehen, dass die drei
Freunde unrecht hatten. Aber auch Hiob hatte nicht recht. Da nun bei diesen vier
alten, weisen Männern die Schwachheit des Menschen so deutlich ans Licht
getreten war, sollten wir doch geneigt sein zu sagen: Nun keinen Menschen mehr,
mit Mangel an Einsicht wie andere, mit der Möglichkeit einer verkehrten
Gesinnung; nun Gott Selbst!
Aber es ist gut und lehrreich für uns, dass Gott in der Geschichte Hiobs
anders gehandelt hat, als wir es getan hätten; auch hier zeigt sich wieder die
Wahrheit des Wortes, das Jesaja sprach: »Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken
… sind höher als eure Gedanken« (Jes 55,8-9). Gut und lehrreich, weil auch
jetzt unter Gläubigen häufig Streit vorkommt, wobei es wohl manchmal darum geht,
die Wahrheit zu verstehen, aber dadurch, dass auf beiden Seiten Verkehrtheit,
Einseitigkeit, Eigenliebe vorhanden sind, eine Lösung unmöglich wird. Wie kann
man in einem solchen Streit manchmal verwirrt werden, nicht wissen, welche Seite
man wählen soll! Aber wie herrlich, wenn Gott dann inmitten der Gläubigen einen
aus Tausend schenkt, der recht zu unterscheiden weiß, sich nicht durch Für- oder
Widersprechende verblenden lässt, sondern zu Gottes Zeit Gottes Wort redet, das
dann immer ein erlösendes Wort ist, ein Wort, das wirklich eine Lösung aus den
Schwierigkeiten enthält. Wie wird den Gläubigen durch einen solchen gedient, wie
werden sie, die vorher gegeneinander standen, beschämt, aber gleichzeitig
zueinander gebracht!
Solch einer war Elihu. Sein Name bedeutet »Mein Gott ist Er«. Ja, er war ein
wahrhaftiger, getreuer Zeuge Gottes. Er war der rechte Mittler, der Hiobs
Freunde auf ihre Verkehrtheiten hinwies und der Hiob den Weg des Heils und des
Lebens zeigte.
Über die Person des Elihu hat man sehr viele Vermutungen angestellt. Allerlei
Schwierigkeiten sind aufgeworfen worden, die eine rechte Einsicht in den Platz,
den er im Buch Hiob einnimmt, unmöglich machen. Man hat an der historischen
Echtheit von Elihu gezweifelt. Aber warum? Es gibt keinen einzigen Grund, dem
geschichtlichen Wert seiner Person weniger Glauben zu schenken als der von
Eliphas oder Hiob selbst. Man hat in ihm, ebenso wie in Melchisedek, ein
übernatürliches Wesen sehen wollen. Aber dazu liegt kein Grund vor. Es ist wahr,
dass eine Gestalt wie Melchisedek ganz unerwartet in der Geschichte der Schrift
erscheint. Ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister, weder Anfang der
Tage, noch Ende des Lebens habend (Heb 7,3). Aber das gibt uns nicht das Recht,
in seiner Person etwas Übernatürliches zu sehen. All die genannten Dinge gelten
nicht seiner Person, sondern seiner Priesterschaft. Die Schrift selbst gibt uns
denn auch die rechte Lösung: Es war so mit Melchisedek, weil Gott ihn als
Hinweis auf Christus gebrauchen wollte. So haben auch wir nicht die geringste
Veranlassung, von Elihu etwas anderes zu denken, als dass er einer der Bekannten
Hiobs und seiner drei Freunde war. Wohl aber geben die plötzliche, unerwartete
Weise, in der er erscheint, der Augenblick, da dies geschieht, und der Inhalt
seiner Worte uns einen Fingerzeig, in ihm, wenn nicht ein Vorbild im
eigentlichen Sinne, so doch einen Hinweis auf Christus zu sehen. Er war einer
der Gläubigen des Altertums, in denen der Geist Christi wirkte. Das zeigt sich
in der Art und Weise, wie er die Gewissen zu treffen wusste und den Charakter
Gottes aufrechterhielt.
Elihu war in vieler Hinsicht ein Vorbild von Christus. Aber wir wollen zuerst
auf einen wichtigen Unterschied hinweisen. Der Herr Jesus sprach, obwohl Er auf
der Erde einen niedrigen Platz einnahm, stets mit Autorität. Nicht wie die
Schriftgelehrten, sondern wie einer, der die Worte Gottes, die Worte des Vaters,
besaß, um sie Menschen kundzutun. Das war Seine Sendung. Der eingeborene Sohn,
der im Schoß des Vaters ist, musste auch den Vater kundmachen (Joh 1,18).
Eine ganz andere Haltung schickte sich für Elihu. Er trat wohl als ein Mann
Gottes auf, aber doch auch als ein Mensch, mit Schwachheiten wie andere
Menschen. Er bemüht sich sehr, den Nachdruck darauf zu legen, dass er sich in
dieser Hinsicht nicht höherstellt als die vier Freunde (Kap. 33,6). Er selbst
gibt eine Erklärung, warum er nicht eher gesprochen hat. Er war ein
verhältnismäßig junger Mann, und in jenen Tagen würde es als sehr unschicklich
gegolten haben, wenn ein Jüngerer den Älteren nicht alle Ehrerbietung erwies.
Unter Gläubigen wurde diese gute Gewohnheit noch mehr in Ehren gehalten. Elihu
war, im Vergleich zu Eliphas und den anderen, tiefer in Gottes Gedanken
eingeführt, tiefer vielleicht auch als Hiob selbst. Aber bis sie sich vollkommen
ausgesprochen haben, bis die Freunde Hiobs nichts mehr zu sagen haben und auch
dieser mit seinen Worten ganz zu Ende ist, bleibt Elihu im Hintergrund. Als er
endlich zum Vorschein kommt, hat er eine ziemlich lange Vorrede nötig, um sich
zu entschuldigen, dass er als verhältnismäßig junger Mann seine Meinung äußert.
Doch zeigt sich göttliche Weisheit in seinen Worten. Dies lässt uns erkennen,
wie man in jener Zeit auf das achtete, was sich geziemte, auch im Verhältnis der
Menschen untereinander. Und wenn der Geist Gottes in jemand wirkte — weit davon
entfernt, solche äußere Ehrerbietung außer Acht zu lassen —, hielt er sich noch
strenger daran, gerade weil das eigene Ich in der Gegenwart Gottes gerichtet
war.
Aber als Elihu dann zu sprechen beginnt, gibt er dem Ernst Ausdruck, der ihn
erfüllt, wenn er auf der einen Seite drei Männer sieht, voller Irrtum anstelle
von Demütigung vor Gott, da sie die Frage, die sie beschäftigte, nicht im Licht
Gottes untersucht hatten; und wenn er auf der anderen Seite Hiob findet, der bis
zu diesem Augenblick immer noch nicht gelernt hatte, sein Herz völlig Gott zu
unterwerfen, obwohl Gott solch einen schrecklichen Weg mit ihm ging.
Doch wenn auch die volle Demütigung noch nicht zu sehen war, so hatte Hiob
viel gelernt, und die Prüfung war schon jetzt nicht ohne Frucht für sein
Glaubensleben geblieben. Wir sehen hieraus aufs Neue, wie keine der Bemühungen
Gottes mit uns, wo oder wann auch, für die Seele verloren geht. Es scheint
manchmal, als sei die Züchtigung ohne Wirkung, aber im Herzen wird bereits ein
Segen vorbereitet. Das Wichtigste in den Prüfungen eines Gläubigen ist nicht
das, was wir davon sehen, sondern was im Herzen gewirkt wird. So ist es auch mit
den Segnungen. Nicht die Wohltaten, mit denen Gottes Gnade die Seinen reich
beschenkt, sind das vornehmste, sondern der Segen, den das Herz dabei erfährt,
das sich in seinem Gott erfreut. Und sein Zustand vor Gott ist zugleich der
beste Segen und die Voraussetzung für alle äußeren Segnungen.
So war auch Hiob wohl gründlich dabei, sich selbst kennenzulernen. Weder
seine Klagen gegenüber Gott, noch den Konflikt mit den Freunden, die er hoch
achtete, hätte er früher für möglich gehalten. In allem, was er vorher erfahren
hatte, waren solche Gedanken und Gefühle niemals aufgekommen. Und was die
Freunde betrifft: Musste ihre Unfähigkeit, Hiob zu überzeugen, sie nicht
veranlassen zu fragen, ob vielleicht bei ihnen etwas fehle? War nicht vielleicht
ein Balken in ihrem eigenen Auge, wodurch sie den Splitter im Auge Hiobs nicht
sahen? Gewiss, die Erkenntnis von alledem war in dem Augenblick, als Elihu
auftrat, weder bei ihnen noch bei Hiob zu finden. Aber das Bewusstsein war
geweckt durch alles, was vorgefallen war. Und in diesem Augenblick tritt dann
Gott ins Mittel, zuerst durch den Dienst des Elihu, um die Lösung zu bringen.
Elihu nimmt also, wobei er sich für sein Sprechen entschuldigt, den letzten
Platz ein. Diese Haltung aber entspringt einem Grundsatz, den der Mensch sich
fortwährend weigert zu verstehen, nämlich dass die Letzten die Ersten und die
Ersten die Letzten sein sollen. Hierin stimmt dieses Buch mit der ganzen Schrift
und mit allen Wegen Gottes mit dem Menschen überein. Er bringt im rechten
Augenblick Menschen nach vorn, die bis dahin gänzlich unbekannt waren; so wie
wir von Elihu nicht einmal den Namen gehört haben, ehe Gottes Zeit, zu sprechen,
für ihn da ist. Wir hätten es anders gemacht. Wenn wir ein Buch wie das über
Hiob hätten schreiben müssen, würden wir unsere Leser vom ersten Anfang an auf
eine Gestalt wie Elihu vorbereitet haben, die doch solch eine wichtige Rolle
spielen würde. Aber Gott handelt mit vollkommener Weisheit. Gerade durch den
bescheidenen Platz, den Elihu bis zu dem Augenblick seines Sprechens eingenommen
hatte, macht seine Erscheinung einen so großen Eindruck.
In Verbindung mit dem Charakter Elihus wollen wir noch mit einem Wort darauf
hinweisen, dass, wenn er von dem Odem des Allmächtigen (32,8; 33,4) spricht,
hiermit etwas anderes gemeint ist als das, was wir unter der Inspiration der
Schrift zu verstehen pflegen. Das Buch Hiob selbst gehört zu »aller Schrift, die
von Gott eingegeben ist« (2Tim 3,16), das heißt, dass darin — so wie wir es
kennen — alles nach Gottes Plan aufgezeichnet ist. Aber eben so wie wir in den
Ausführungen Hiobs und seiner Freunde ganz gewiss verkehrte Dinge finden, so
sind auch die Worte Elihus nicht vollkommen, nicht unfehlbar, nicht das
inspirierte Wort Gottes. Als Gläubiger ließ er sich durch den Geist Gottes
leiten und belehren und entnahm seine Ansichten und Gefühle dem Odem des
Allmächtigen, wie es die Gläubigen auch heute noch in Wort und Schrift tun
können. Aber das ist etwas anderes als Inspiration, durch die eine vollkommene
und unfehlbare Wiedergabe der Gedanken Gottes gewirkt wird. Diese finden wir in
den Briefen von Paulus zum Beispiel, und es ist sehr lehrreich festzustellen,
dass, wenn Paulus ein einziges Mal seine eigenen Gefühle als Gläubiger
wiedergibt, er dies dann ausdrücklich dabei erwähnt, meinend, wie er sagt, doch
auch den Geist Gottes zu besitzen (1Kor 7,10.12.25.40). Zu Recht aber ist
durch viele Schriftausleger darauf hingewiesen worden, dass wir darum doch wohl
ganz bestimmt diesen Aussprüchen des Paulus großen Wert beimessen müssen.
Aus dem Zusammenhang, in dem sie vorkommen, geht ja deutlicher hervor, dass
es gute Gedanken waren, in Übereinstimmung mit Gottes Geist. Und so geziemt es
uns, Elihus Rede zu würdigen; wir können von dem Guten und Schönen, das er sagt,
viel lernen. Dennoch ist der allgemeine Charakter seiner Aussprüche der eines
Gläubigen, der sich — ohne direkte Inspiration — durch den Geist Gottes leiten
lässt. Er ist darin treu gewesen, und so konnte Gott ihn als einen aus Tausend
gebrauchen, um in der Sache, die durch Hiob und seine Freunde so sehr getrübt
war, mehr Klarheit zu bringen. Und gerade weil er darin mit den Gläubigen dieser
Zeit ganz auf einer Linie steht, ist er für uns solch ein treffendes Vorbild.
aus Ermunterung und Ermahnung
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