Besonderheiten im Text der Heiligen Schrift – Vergeben
aphiemi – charizomai

Christian Briem

© CSV, Online începând de la: 07.03.2006, Actualizat: 22.02.2018

Leitverse: Markus 11,25.26; Epheser 4,32

Das Neue Testament verwendet zwei verschiedene Ausdrücke für „vergeben“, deren Bedeutung zu verstehen für die Erklärung einiger Schriftstellen besonders wichtig ist. Stellen wir einmal zwei typische Stellen einander gegenüber:

Mk 11,25.26: Und wenn ihr im Gebet dastehet, so vergebet, wenn ihr etwas wider jemand habt, auf dass auch euer Vater, der in den Himmeln ist, euch eure Übertretungen vergebe. Wenn ihr aber nicht vergebet, so wird euer Vater, der in den Himmeln ist, auch eure Übertretungen nicht vergeben.

Eph 4,32:
Seid aber gegeneinander gütig, mitleidig, einander vergebend, gleichwie auch Gott in Christo euch vergeben hat.

Beide Zitate reden von „vergeben“, aber in der zweiten Stelle steht dafür ein anderes Wort als in der ersten. Das hat, wie wir sogleich sehen werden, seine besondere Bewandtnis.

Nun spricht die Heilige Schrift in mehrfacher Hinsicht von Vergebung.

  1. Am meisten interessiert uns und brauchen wir die Vergebung unserer Sünden im Blick auf die Ewigkeit. Nur Gott kann sie schenken, und Er schenkt sie jedem, der Ihn im Glauben an den Herrn Jesus und Sein Erlösungswerk darum bittet.

  2. Aber Gott vergibt auch Sünden in Bezug auf die Erde. Das hat nichts mit unserem In-den-Himmel-Kommen zu tun, sondern mit den Regierungswegen Gottes mit Seinen Kindern hier auf der Erde. Wenn wir nicht auf Sein Wort hören, mag Er es für nötig erachten, Seine züchtigende Hand auf uns zu legen. Andererseits kann Er sie auch von uns nehmen, wenn wir unsere Sünden bekennen. Das ist dann diese zweite Art von Vergebung.

  3. Wiederholt redet die Schrift jedoch auch von einer Vergebung aufseiten der Menschen anderen Menschen gegenüber. Diese Vergebung kann rein persönlicher Art sein, sie kann aber auch im korporativen Sinn durch die Versammlung geschehen, doch wir reden jetzt hier nur von der Vergebung persönlicher Art.

Wenn wir nach diesem kleinen Überblick auf unsere beiden Zitate zurückkommen, so erkennen wir rasch, dass in Markus 11 von der dritten und zweiten Art der Vergebung die Rede ist: Wenn wir einander zu vergeben bereit sind, wird auch Gott uns in Seinen Regierungswegen vergeben. Das griechische Wort für „vergeben“ ist hier aphiemi und bedeutet ursprünglich „wegsenden“. Es ist das bei weitem am häufigsten gebrauchte Wort, das in Bezug auf alle drei Arten der Sündenvergebung benutzt wird. Wie schön, wie plastisch zugleich ist diese ursprüngliche Bedeutung – wegsenden!

Wir denken dabei auch an die treffliche Illustration der Sündenvergebung in 3. Mose 16: Nachdem Aaron die Sünden der Kinder Israel auf den Kopf des Bockes Asasel bekannt hatte, wurde der Bock fortgeschickt in die Wüste. – Es wird vielleicht manchen Leser interessieren, an welchen Stellen des NT das Wort aphiemi im Sinne von „vergeben“ sonst noch vorkommt. Hier sind einige wichtige Stellen: Matthäus 6,14.15; 18,21.27.32.35; Johannes 20,23; Apostelgeschichte 8,22; Römer 4,7; Jakobus 5,15; 1. Johannes 1,9; 2,12.

Gott hat unsere Sünden „hinter seinen Rücken geworfen“ (Jes 38,17) und hat, so weit der Osten ist vom Westen, unsere Übertretungen von uns entfernt (Ps 103,12). Nie mehr gedenkt Er ihrer (Heb 10,17). Das ist immer die Art und Weise, in der Gott Sünden vergibt, und auf dieselbe Art und Weise sollen auch wir einander vergeben, wenn gewisse Vorbedingungen dazu erfüllt sind.

Diese Vorbedingungen sind, wie uns Lukas 17,3 und Matthäus 18,15-17 zeigen, Reue und Bekenntnis. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass wir jemand, der gegen uns gesündigt hat, in Wahrheit vergeben können, wenn er nicht in irgendeiner Weise ein Bekenntnis ablegt. Auch Gott vergibt uns nur, wenn wir unsere Sünden bekennen (1Joh 1,9). Ich glaube, dass wir diesen Grundsatz oft übersehen haben und dass das zu vielen Spannungen und Rissen innerhalb der Kinder Gottes geführt hat. Vielfach sind die Dinge, die vorlagen, nie wirklich geordnet worden, weil sie nie bekannt wurden. Und so fraß der Wurm weiter und weiter und entfremdete die Herzen immer mehr, bis keine Heilung mehr war.

Das führt uns zu unserer zweiten Stelle aus Epheser 4. Dort werden wir ermahnt, gegeneinander gütig und mitleidig zu sein und einander zu vergeben, wie auch Gott in Christus uns vergeben hat. Hier wird also die dritte und erste Art der Vergebung miteinander verbunden, die Vergebung aufseiten der Menschen und die ewige Vergebung von Seiten Gottes. Der Maßstab für unser menschliches Vergeben ist die absolute Art und Weise, in der Gott uns vergeben hat. Das könnte so scheinen, als würde damit der Gedanke an die notwendigen Vorbedingungen für das menschliche Vergeben aufgegeben. Aber das ist nicht so. Im Grundtext steht hier bezeichnenderweise das Wort charizomai, das „gnädig sein, sich gnädig erweisen, Gunst gewähren, aus Gnaden schenken“ bedeutet. Es bezeichnet weit mehr als aphiemi eine geistige Haltung der Gnade, die bedingungslos gibt – eine Gunst, die der andere durch nichts verdient hat.

Auf diese Weise hat uns Gott vergeben – bedingungslos und aus lauter Gnade. Und auf dieselbe Weise sollen auch wir miteinander verkehren: dem, der gegen uns gesündigt hat, bedingungslos in einem Geist der Gnade, in einem vergebenden Geist begegnen. Es mag sein, dass noch kein Bekenntnis erfolgt ist und dass somit die Angelegenheit noch nicht geordnet werden konnte. Aber wird nicht bei Vorhandensein dieses vergebenden Geistes in den allermeisten Fällen schließlich doch das Ziel erreicht werden, das sich die Gnade gesteckt hat – den, der gesündigt hat, zu einem Bekenntnis und damit zur Wiederherstellung in seinem Verhältnis zu Gott und Menschen zu führen? „… so hast du deinen Bruder gewonnen“ (Mt 18,15).

Gebe uns Gott, dass wir mehr bedenken und betrachten, wie Er in Christus mit uns gehandelt hat, damit wir mehr fähig werden, in Seiner Gesinnung zu handeln! Es ist eine wunderbare Kette von Tugenden, die aus der Gnade Gottes hervorfließen – gütig, mitleidig, einander vergebend. Es ist das ganze Gegenteil davon, bitter zu sein.

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Aus Ermunterung und Ermahnung
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