Der Prophet Amos (7)
Kapitel 7

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 27.03.2020

Belehrung durch Symbole

Der letzte Abschnitt des Buches enthält eine Folge von fünf Visionen, die symbolisch göttliches Gericht vorschatten und die wir in den Kapiteln 7 bis 9 finden, wie bereits in der Einleitung beschrieben. In den Versen 1 bis 9 dieses Kapitels werden drei dieser Visionen erwähnt. Gleichzeitig enthält dieser Abschnitt auch interessante und lehrreiche autobiographische Aussagen.

Verse 1-3

Amos 7,1-3: 1 So ließ mich der Herr, HERR, sehen: Siehe, er bildete Heuschrecken zu Beginn des Spätgraswuchses; und siehe, es war das Spätgras nach dem Königsmähen. 2 Und es geschah, als sie das Kraut der Erde ganz abgefressen hatten, da sprach ich: Herr, HERR, vergib doch! Wie sollte Jakob bestehen? Denn es ist klein. 3 Der HERR ließ sich dieses gereuen: Es soll nicht geschehen, sprach der HERR.

In der ersten Vision wurde dem Propheten eine Heuschreckenplage (nicht einfach nur Heuschrecken) gezeigt „zu Beginn des Spätgraswuchses; und siehe, es war das Spätgras nach dem Königsmähen“. In Palästina gab es zwei Ernten pro Jahr. Unter günstigen Bedingungen würde „das Spätgras nach dem Königsmähen“ einen Bezug zur zweiten Ernte haben. Diese Ernte war die Hauptgrundlage für die Nahrungsvorräte für den Winter und für das Futter der Tiere. Aber der Seher schaut vernichtende Heuschrecken, die jedes zarte Pflänzlein auffressen, was ihn das innige Gebet aussprechen lässt: „Herr, HERR, vergibt doch! Wie sollte Jakob bestehen? Denn es ist klein.“ Und der Herr hört auf seine Fürbitte und antwortet: „Es soll nicht geschehen.“

Zweifellos symbolisieren diese Heuschrecken den vernichtenden Schlag einer Armee, die alles vor sich her ausfegt und keine Überlebenden übriglässt. Wie einst zu Moses Zeiten war Gottes Zorn entfacht und würde die Nation zerstört haben. Aber die Fürsprache eines Mittlers stellte sich dem in den Weg. Gott möchte flehentlich gebeten werden. Er antwortet gern, wenn Er das Rufen derer hört, die sein bedürftiges Volk auf dem Herzen tragen.

Verse 4-6

Amos 7,4-6: 4 So ließ mich der Herr, HERR, sehen: Siehe, der Herr, HERR, rief, um mit Feuer zu richten; und es fraß die große Flut und fraß das Erbteil. 5 Da sprach ich: Herr, HERR, lass doch ab! Wie sollte Jakob bestehen? Denn es ist klein. 6 Der HERR ließ sich dieses gereuen: Auch das soll nicht geschehen, sprach der Herr, HERR.

In der zweiten Vision schaut Amos ein verzehrendes Feuer von solch prasselnder Wut, dass es sogar die Wasser der großen Flut aufleckte und „das Erbteil fraß“. Auch hier ist es wieder die Androhung eines Gerichtes von heftigstem Ausmaß, doch nicht bis zur völligen Vernichtung. Noch einmal kommt der Schrei aus dem Herzen des Mannes Gottes: „Herr, HERR, lass doch ab! Wie sollte Jakob bestehen? Denn es ist klein.“ Und wieder kommt die gnädige Antwort: „Auch das soll nicht geschehen, sprach der Herr, HERR.“ Der Schrecken des übergroßen Zornes, der auf alle gleichermaßen und ohne Ausnahme fallen würde, war es, der den Propheten so entsetzte. Deshalb wird ihm auch in der nächsten Vision etwas gezeigt, das ihm die Gewissheit gibt, dass jeder für seine eigene Schuld zur Rechenschaft gezogen werden wird:

Verse 7-9

Amos 7,7-9: 7 So ließ er mich sehen: Siehe, der Herr stand auf einer senkrechten Mauer, und ein Senkblei war in seiner Hand. 8 Und der HERR sprach zu mir: Was siehst du, Amos? Und ich sprach: Ein Senkblei. Und der Herr sprach: Siehe, ich lege ein Senkblei an mein Volk Israel, in seiner Mitte; ich werde fortan nicht mehr schonend an ihm vorübergehen. 9 Und die Höhen Isaaks werden verwüstet und die Heiligtümer Israels zerstört werden, und ich werde mit dem Schwert gegen das Haus Jerobeams aufstehen.

Der Herr stand auf einer Mauer, um mit einem Senkblei in seiner Hand ihre Fehlerfreiheit zu testen. Er fragt: „Amos, was siehst du?“ Die Antwort ist: „Ein Senkblei.“ Der Herr antwortet: „Ich lege ein Senkblei an mein Volk Israel, in seiner Mitte; ich werde fortan nicht mehr schonend an ihm vorübergehen. Und die Höhen Isaaks werden verwüstet und die Heiligtümer Israels zerstört werden, und ich werde mit dem Schwert gegen das Haus Jerobeams aufstehen.” Das war ein leicht verständliches Bild. Es sind keine Worte nötig, wenn der Maurer eine Mauer testet. Zur Bestürzung des Arbeiters fällt es sofort ins Auge, wenn die Mauer nicht im Lot ist. Gottes unfehlbares Wort ist solch ein Senkblei. Treffsicher beurteilt das Wort jede Seele, offenbart jede Abweichung und ruft das Urteil über den aus, der es verletzt. Durch das ganze Land Israel hindurch war dieses Wort verachtet, während die Menschen ihre eigenen Wege gingen und nicht nach dem Rat des Herrn fragten. Deshalb konnte sich von Rechts wegen auch niemand beschweren, wenn sie entsprechend ihrer Wege heimgesucht würden. Jede Höhe im Land war ein stiller Zeuge der Widerspenstigkeit und des Ungehorsams des Volkes. An dem Tag, an dem das Schwert gegen das Haus Jerobeams gezogen würde, würde die Verwüstung über sie alle kommen. Es handelt sich natürlich um den zweiten Namen, auf den Bezug genommen wird: um den Monarchen, während dessen Regierungszeit Amos seine Prophezeiungen aussprach.

Amazja, der abtrünnige Priester der Höhen, der diese ernsten Worte hört, erhebt sich wutschnaubend und beschuldigt Amos des Verrats am König. Als Oberhaupt eines abgefallenen Systems von Ritualen, das von Israels eigensinnigen Königen aufgebaut worden war und erhalten wurde, will er natürlich, so es möglich ist, diesen gefährlichen Prediger der Wahrheit aus dem Weg haben. Denn sein Gewerbe war in Gefahr, wenn solche Aussagen im Land zugelassen würden. Darum sandte Amazja zu Jerobeam und sagte:

Verse 10.11

Amos 7,10.11: 10 Amos hat eine Verschwörung gegen dich angestiftet inmitten des Hauses Israel; das Land wird alle seine Worte nicht zu ertragen vermögen; 11 denn so spricht Amos: Jerobeam wird durchs Schwert sterben, und Israel wird gewiss aus seinem Land weggeführt werden.

Es war in der Tat eine unerfreuliche Wahrheit, die Amos verkündet hatte. Aber Amazja scheint Amos’ Worte fehlerhaft wiedergegeben zu haben, entweder absichtlich oder weil sein schlechtes Gewissen ihn dazu geführt hatte, sie einfach falsch zu verstehen. Wir finden keinen Bericht darüber, dass Amos sagte, dass Jerobeam selbst durch das Schwert sterben würde (was nachweislich nicht der Fall war; siehe 2Kön 14,23-29), sondern das Schwert würde gegen sein Haus gerichtet sein, was sich in dem grausamen Tod seines Sohnes Sekarja erfüllte (2Kön 15,10).

Wir lesen nichts davon, dass der König darauf reagierte. Dieser Monarch betrachtete den Hirten-Propheten vielleicht als unter seiner Würde, um ihm Aufmerksamkeit zu schenken, oder aber er fürchtete sich, jemanden anzutasten, der offensichtlich von Gott gesandt war. So bleibt dem aufgebrachten Prälaten nichts anderes übrig, als sich selbst um den aufdringlichen Prediger zu kümmern. Amazja argumentiert mit Amos, indem er ihm zu bedenken gibt, dass er sich unerlaubt in dem Aufgabengebiet eines anderen zu schaffen macht! Er sagt:

Verse 12.13

Amos 7,12.13: 12 Seher, geh, flieh in das Land Juda; und iss dort dein Brot, und dort magst du weissagen. 13 Aber in Bethel sollst du fortan nicht mehr weissagen; denn dies ist ein Heiligtum des Königs und dies ein königlicher Wohnsitz.

Dies ist eine oft wiederkehrende Beschwerde von Priestern und Predigern, die durch Menschen ordiniert wurden: Geistgesandte Männer Gottes sollten weder in ihren Gewässern fischen noch irgendjemanden aus ihrer Herde an sich reißen. Sie betrachten Gottes Erbteil als etwas, was ihnen ganz persönlich zugeteilt worden war, und können den ungebundenen Diener nicht dulden, der mit dem schlichten Wort Gottes kommt und weder finanziellen noch irgendeinen anderen Gewinn sucht, sondern schlicht den ganzen Ratschluss Gottes verkündigt.

Amazja, selbst ein Mietling, gibt zu verstehen, dass Amos auch einer ist, als er ihn drängt, nach Juda zurückzukehren und dort sein Brot zu essen. Er kann sich nicht vorstellen, dass irgendjemand auszieht, um das Wort Gottes zu verkündigen, ohne dabei ein gutes Leben im Auge zu haben. Sein eigenes habgieriges Herz brachte ihn dazu, das Amt des Hohenpriesters als erstrebenswertes Mittel einer guten Lebensgrundlage zu betrachten. Und er geht davon aus, dass auch Amos auf seine Weise ein ebenso cleverer Mann ist.

Außerdem nimmt Amazja sich das Recht heraus, der oberste Seelsorger und geistliche Berater sowohl des Königs als auch des Volkes in Bethel zu sein. Bethel war das, was heute eine Stadt mit Dom ist, und Amazja war ihr geistliches Oberhaupt. Also, hinweg mit diesem unerlaubten Eindringling aus dem Süden.

Verse 14.15

Amos antwortet dem stolzen und ungehaltenen Priester wahrheitsgemäß und bescheiden.

Amos 7,14.15: 14 Und Amos antwortete und sprach zu Amazja: Ich war kein Prophet und war kein Prophetensohn, sondern ich war ein Viehhirt und las Maulbeerfeigen. 15 Und der HERR nahm mich hinter dem Kleinvieh weg, und der HERR sprach zu mir: Geh hin, weissage meinem Volk Israel.

Weder war er Seher von Beruf noch hatte er diese Berufung durch Menschenhand oder Abstammung erhalten: „sondern ich war ein Viehhirt und las Maulbeerfeigen. Und der HERR nahm mich hinter dem Kleinvieh weg, und der HERR sprach zu mir: Geh hin, weissage meinem Volk Israel.“ Das waren Qualifikationen, die für Amazja genauso unerklärlich waren wie seitdem für tausend andere auch. Amos begann seinen Dienst als Antwort auf einen direkten Ruf von Gott. In gleicher Weise war auch der Apostel des Neuen Testamentes „nicht von Menschen noch durch Menschen“ (Gal 1,1), sondern durch göttliche Berufung befähigt worden. In keinem der beiden Testamente lesen wir je davon, dass ein Mensch einen anderen bevollmächtigt hätte, das Wort des Herrn zu reden. Ein Elia mag auf Gottes Befehl hin einen Elisa gesalbt haben oder Paulus mag Silas ausgewählt haben; aber Gott allein gibt die Gabe und ermächtigt den Diener.

Verse 16.17

Aber Amazja soll noch mehr hören. Als er pietätlos versucht, den von Gott gegebenen Dienst zu kontrollieren, muss er sein eigenes Urteil hören.

Amos 16.17: 16 Und nun höre das Wort des HERRN: Du sprichst: Du sollst nicht weissagen über Israel und sollst nicht reden über das Haus Isaak. 17 Darum, so spricht der HERR: Deine Frau wird zur Hure werden in der Stadt, und deine Söhne und deine Töchter werden durchs Schwert fallen, und dein Land wird verteilt werden mit der Mess-Schnur, und du selbst wirst in einem unreinen Land sterben; und Israel wird gewiss aus seinem Land weggeführt werden.

Das ist Klartext. Und obwohl wir keine weiteren Aufzeichnungen darüber haben, gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es sich buchstäblich so erfüllte. Wir lesen auch von keiner Antwort Amazjas darauf. Sein Gewissen war auf der Seite des Propheten und das mag seine Lippen verschlossen haben. Wie muss er sich an jedes einzelne Wort erinnert haben, als er, all seiner Ehre beraubt, in Assyrien seine tränenverschleierten Augen gen Himmel aufhob!

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Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Amos“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Anne Brust


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