Umgang mit der Sexualität
Sittlichkeit und Sexualität

Clive Staples Lewis

© Brunnen-Verlag, online seit: 22.05.2004

Wir müssen uns jetzt mit der christlichen Sexualethik beschäftigen und mit jener Tugend, die von Christen Keuschheit genannt wird. Sie darf nicht mit der gesellschaftlichen Tugend der Sittsamkeit verwechselt werden, also mit dem, was wir Anstand oder Schicklichkeit nennen. Diese bestimmt, welche Teile des menschlichen Körpers man zeigen, welche Gesprächsthemen man berühren darf und welche Worte man dabei, je nach den Gebräuchen eines bestimmten Kreises, zu wählen hat.

Während das Gebot der Keuschheit für alle Christen zu allen Zeiten unverändert bleibt, wandeln sich die Vorschriften über das, was schicklich ist. Eine spärlich bekleidete Südsee-Insulanerin und eine bis ans Kinn vermummte Dame der viktorianischen Epoche können beide gleicherweise sittsam, anständig und ehrbar sein, gemessen an den Maßstäben ihrer Gesellschaft; und beide können, soweit sich aus ihrer Kleidung schließen lässt, gleichermaßen keusch oder unkeusch sein. Gewisse Ausdrücke, die eine keusche Frau zu Shakespeares Zeiten durchaus gebrauchen konnte, hätten im 19. Jahrhundert nur ganz lose Frauenzimmer ausgesprochen. Wenn jemand gegen die Anstandsregeln verstößt, die zu seiner Zeit und in seinem Milieu üblich sind, um in sich oder anderen sinnliche Lust zu erregen, so vergeht er sich gegen die Keuschheit. Tut er dasselbe aber aus Unwissenheit oder Gedankenlosigkeit, kann man ihm nur schlechte Manieren vorwerfen. Wenn jemand, wie es oft der Fall ist, durch sein herausforderndes Benehmen andere schockieren oder in Verlegenheit bringen will, so ist das nicht unbedingt unkeusch, aber es ist lieblos. Denn es ist lieblos, sich am Unbehagen anderer zu freuen. Ich meine nicht, dass besonders strenge oder übertriebene Anstandsregeln ein Zeichen von Keuschheit sind oder ein Weg zu ihr. Deshalb bin ich auch froh über die gewisse Liberalisierung, die sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat. Im Moment hat sie allerdings noch den Nachteil, dass Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft nicht immer die gleiche Vorstellung von dem haben, was erlaubt ist und was nicht. Deshalb wissen wir nicht immer, woran wir sind.

Und solange diese Verwirrung anhält, sollten ältere oder in den alten Vorstellungen befangene Menschen nicht allzu schnell meinen, die jungen oder „emanzipierten“ Leute seien verdorben, wenn sie sich nur schlecht benehmen. Umgekehrt sollten junge Menschen die Älteren nicht deswegen prüde oder puritanisch nennen, weil sie nicht ohne Weiteres die heutigen Umgangsformen akzeptieren. Der ehrliche Wunsch, vom anderen nur das Beste zu denken und ihm entgegenzukommen, wo es nur geht, wird die meisten Probleme lösen.

Keuschheit ist die unpopulärste aller christlichen Tugenden. Denn wir kommen nicht daran vorbei: Der christliche Grundsatz lautet „Entweder Ehe und absolute eheliche Treue oder vollständige Enthaltsamkeit.“ Diese Forderung ist so hart und steht unseren Trieben so sehr entgegen, dass offensichtlich entweder das Christentum im Unrecht oder unsere Sexualität, so wie sie jetzt ist, entartet ist. Als Christ bin ich natürlich der Ansicht, dass es unsere Triebe sein müssen, die auf Abwege geraten sind.

Aber ich habe noch andere Gründe für diese Ansicht. Der biologische Zweck der Sexualität ist die Erhaltung der Art, wie der biologische Zweck des Essens die Erhaltung des Körpers ist. Wenn wir nun essen, wann immer uns die Lust ankommt und so viel wir wollen, werden sicher die meisten von uns zu viel essen, aber doch nicht ganz unmäßig. Ein Mann isst vielleicht für zwei, aber nicht für zehn. Sein Appetit übersteigt ein wenig das biologisch Notwendige, geht aber nicht ins Maßlose. Würde dagegen ein gesunder junger Mensch seiner sexuellen Begierde nachgeben, sooft ihn die Lust ankommt, und dabei jedes Mal ein Kind in die Welt setzen, so könnte er in zehn Jahren leicht ein kleines Dorf bevölkern. Dieser Appetit steht in einem lächerlichen und widersinnigen Missverhältnis zu seinem biologischen Zweck.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Mit Striptease-Vorstellungen, also damit, dass sich ein Mädchen auf der Bühne auszieht, kann man großes Publikum anlocken. Nehmen wir aber einmal an, wir kämen in ein Land, wo man ein Theater damit füllen könnte, dass jemand eine zugedeckte Platte auf die Bühne trägt und dann langsam den Deckel abnimmt, so dass jedermann — kurz bevor das Licht ausgeht — sehen kann, dass ein Hammelkotelett oder ein Stück Speck auf der Platte liegt. Würden wir nicht annehmen, dass in diesem Land mit dem Appetit der Leute etwas nicht in Ordnung ist? Und würde nicht jemand aus einer anderen Welt von uns annehmen müssen, dass es um unseren Geschlechtstrieb nicht sehr viel anders bestellt ist?

Ein Kritiker wandte ein, wenn in einem Land solche Striptease-Vorstellungen mit Hammelkoteletts üblich wären, so würde er daraus schließen, dass die Leute dort am Verhungern sind. Er wollte damit natürlich sagen, dass solche Dinge wie Striptease-Darbietungen nicht von sexueller Verdorbenheit, sondern von sexuellem Ausgehungertsein herrühren. In gewissem Sinne stimme ich ihm zu. Wenn wir in einem Land „Hammelkotelett-Entkleidungsszenen“ vorfänden, so könnte eine der möglichen Erklärungen natürlich eine Hungersnot sein. Der nächste Schritt wäre dann allerdings, die Ernährungslage jenes Landes zu untersuchen. Sollte sich dabei herausstellen, dass sie gut ist, so würde die Hungersnot als Begründung ausscheiden und wir müssten nach einer anderen Erklärung suchen.

Das Gleiche gilt für die Stripteaseszenen auf unseren Bühnen: Bevor wir annehmen, dass sie durch eine sexuelle Hungersnot bedingt sind, müssten wir nachweisen, dass die geschlechtliche Enthaltsamkeit heute wirklich größer ist als zu Zeiten, in denen man vom Striptease nichts wusste. Dieser Beweis lässt sich nicht erbringen. Verhütungsmittel haben die Befriedigung geschlechtlichen Verlangens innerhalb der Ehe viel billiger und außerhalb viel sicherer werden lassen als je zuvor, und die öffentliche Meinung zeigt gegenüber außerehelichen Verbindungen und sogar sexuellen Verirrungen mehr Nachsicht, als es seit heidnischer Zeit jemals der Fall war.

Außerdem ist die These von der Hungersnot nur eine von mehreren möglichen Erklärungen. Jeder weiß, dass die sexuelle Begierde, wie jede andere Begierde auch, mit ihrer Befriedigung zunimmt. Der Hungrige träumt von gedeckten Tischen, aber ein Vielfraß tut dasselbe. Die Satten wie die Hungrigen erfreuen sich am Gaumenkitzel.

Ein weiteres Beispiel: Wir werden nur wenige Menschen finden, die etwas verzehren möchten, was nicht essbar ist, oder die Nahrungsmittel nicht zum Essen benutzen wollen. Verirrungen der Esslust sind selten, Verirrungen des Geschlechtstriebs dagegen sehr häufig. Sie sind furchtbar und sehr schwer zu heilen.

Es tut mir leid, dass ich auf diese Einzelheiten eingehen muss; aber es lässt sich nicht vermeiden, und zwar, weil wir alle in den letzten zwanzig Jahren Tag für Tag mit handfesten Lügen über den Sex geradezu überschüttet worden sind. Bis zum Überdruss hat man uns erklärt, dass sexuelle Begierde sich in ihrer Art nicht von unseren anderen natürlichen Bedürfnissen unterscheidet und dass wir nur unsere dumme, spießbürgerliche Heimlichtuerei aufzugeben brauchten, dann würde sich schon alles einrenken. Das ist aber nicht wahr! Sobald wir von der Propaganda wegsehen und die Tatsachen betrachten, werden wir das erkennen.

Uns wird gesagt, die Sexualität sei in Unordnung geraten, weil sie vertuscht und verheimlicht wurde. Aber in den letzten zwanzig Jahren wird sie nicht mehr totgeschwiegen. Man hat Tag und Nacht über sie geredet, und doch ist sie noch immer in Unordnung. Wäre Heimlichtuerei die Quelle allen Übels, so hätten die unzähligen Diskussionen über diese Fragen Abhilfe schaffen müssen. Aber das ist nicht geschehen.

Ich glaube, es ist genau umgekehrt. Ich glaube, die Menschen haben den Sex ursprünglich deswegen totgeschwiegen, weil er in solche Unordnung geraten war. Heutzutage sagt man: „Niemand braucht sich der Sexualität zu schämen.“ Das kann zweierlei bedeuten. Einmal kann es heißen, man brauche sich weder darüber zu schämen, dass sich das Menschengeschlecht auf eine bestimmte Weise am Leben erhält, noch darüber, dass damit Lust verbunden ist. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das Christentum ist der gleichen Ansicht. Weder die Sache an sich noch die Lust sind das Problem. Die alten christlichen Lehrer sagten, dass die sexuelle Lust, wäre der Mensch nie gefallen, nicht geringer, sondern tatsächlich noch größer wäre als heute. Gewiss gibt es unter den Christen einige Wirrköpfe, die so reden, als halte das Christentum die Sexualität, den Körper oder die Lust für an sich schlecht. Aber das ist falsch. Das Christentum ist fast die einzige der großen Religionen, die den Leib durchaus bejaht — die glaubt, dass die Materie gut ist, dass Gott selbst einmal Menschengestalt annahm, dass uns sogar im Himmel eine Art Körper gegeben wird und dieser ein wesentlicher Teil unserer Seligkeit, unserer Schönheit und Kraft sein wird. Das Christentum hat mehr als jede andere Religion die Ehe verherrlicht. Fast alle hohe Liebesdichtung der Weltliteratur wurde von Christen geschaffen, und das Christentum widerspricht jedermann, der behauptet, die Sexualität sei an sich schlecht.

Aber wenn die Leute sagen: „Niemand braucht sich der Sexualität zu schämen“, können sie natürlich auch meinen: „Niemand braucht sich über den Zustand zu schämen, in den der Geschlechtstrieb heute geraten ist.“ Wenn sie das meinen, dann haben sie, glaube ich, unrecht. Wir müssen uns sogar ganz gewaltig schämen. Es gibt keinen Grund, sich zu schämen, wenn man das Essen genießt. Aber man müsste sich sehr wohl schämen, wenn die halbe Welt das Essen zum Hauptinhalt des Daseins machen und die Zeit damit zubringen würde, sich Bilder mit Speisen anzuschauen, zu schmatzen und sich den Mund zu lecken.

Ich will damit keineswegs sagen, dass wir persönlich für die heutige Situation verantwortlich sind. Die sexuellen Verkrampfungen des modernen Menschen sind das Ergebnis einer langen Entwicklung, und wir sind umgeben von Werbung, die uns zur Unkeuschheit reizen will. Es gibt Leute, denen daran liegt, unseren Geschlechtstrieb ständig in Erregung zu halten, damit sie uns das Geld besser aus der Tasche ziehen können. Denn ein Mensch, der von etwas besessen ist, kann natürlich der Werbung kaum widerstehen. Gott kennt unsere Lage; Er wird uns nicht richten, als hätten wir diese Schwierigkeiten nie gehabt. Worauf es Ihm aber ankommt, ist die Aufrichtigkeit und Ausdauer unseres Willens, mit diesen Schwierigkeiten fertig zu werden.

Damit Gott uns heilen kann, müssen wir nach Heilung verlangen. Und wer wirklich nach Hilfe verlangt, dem wird geholfen werden. Für den modernen Menschen ist aber oft schon das bloße Wollen schwer. Wie leicht machen wir uns vor, wir wollten etwas, ohne dass es uns wirklich ernst ist damit. Bei einem der alten Christen können wir lesen, dass er als junger Mann ständig um Keuschheit gebetet habe. Jahre später habe er erkannt, dass seine Lippen wohl beteten: „O Herr, mache mich keusch“, sein Herz jedoch im Stillen hinzufügte: „Aber bitte nicht gleich.“ Das kann uns auch im Gebet um andere Tugenden so ergehen. Es gibt aber drei Gründe, warum es uns heute so besonders schwerfällt, vollkommene Keuschheit auch nur zu wünschen — geschweige denn zu erreichen.

Erstens verbünden sich unsere auf Abwege geratene Natur, die Teufel, die uns versuchen, und die gesamte erotische Werbung, um uns das Gefühl zu geben, die Begierden, denen wir widerstehen, seien so „natürlich“, so „gesund“ und so „vernünftig“, dass es schon beinah pervers und abnorm wäre, ihnen nicht nachzugeben. Plakate, Filme, Romane - sie alle bringen den Gedanken an sexuelle Befriedigung in Zusammenhang mit Vorstellungen von Normalität, Gesundheit, Jugend, Offenheit und guter Laune. Diese Verbindung aber ist eine Lüge!

Wie alle wirksamen Lügen beruht allerdings auch sie auf einer Wahrheit, nämlich der oben anerkannten Wahrheit, dass Sexualität an sich - wenn man von allen Auswüchsen und Übertreibungen absieht — „normal“ und „gesund“ ist. Die Lüge besteht in der Behauptung, die sofortige Befriedigung jeglichen sexuellen Verlangens sei stets gesund und normal. Das ist jedoch von jedem Standpunkt aus Unsinn, nicht nur vom christlichen. Ein Nachgeben an all unsere Wünsche führt offensichtlich zu Impotenz, Krankheit, Eifersucht, Lüge und Verstellung, also dem Gegenteil von Gesundheit, guter Laune und Offenheit.

Sogar auf dieser Welt muss alles Glück durch viel Entsagung erkauft werden. Deshalb ist der Anspruch jeder Begierde, wenn sie stark ist, sei sie gesund und vernünftig, völlig wertlos. Jeder normale, zivilisierte Mensch muss gewisse Grundsätze haben, nach denen er auswählt, welchen Wünschen er widerstehen und welchen er nachgeben will. Einer handelt nach christlichen, ein anderer nach hygienischen, ein dritter nach soziologischen Grundsätzen. Zwischen diesen prinzipiellen Erwägungen wird der eigentliche Kampf ausgetragen, nicht zwischen dem Christentum und der „Natur“. Denn die „Natur“ (im Sinne von „natürlichem Verlangen“) muss auf jeden Fall gezügelt werden, wenn man nicht sein ganzes Leben ruinieren will. Zugegeben, die christlichen Grundsätze sind strenger als die anderen. Aber wenn wir ihnen gehorchen wollen, dann werden wir dabei eine Hilfe erhalten, die wir woanders nicht bekommen würden.

Zweitens werden viele davon abgehalten, sich ernsthaft um christliche Keuschheit zu bemühen, weil sie sie von vornherein für unerreichbar halten. Aber wenn man etwas erreichen will, darf man nicht überlegen, ob es möglich oder unmöglich ist. Bei einer Zusatzfrage im Examen kann man überlegen, ob man sie beantworten will oder nicht. Eine obligatorische Frage aber muss man beantworten so gut man eben kann. Selbst eine unzulängliche Antwort wird dann immer höher bewertet als überhaupt keine. Nicht nur im Examen, auch im Krieg, beim Bergsteigen oder wenn man Schlittschuh laufen, Schwimmen oder Rad fahren lernt, ja sogar wenn wir mit klammen Fingern einen Kragenknopf schließen möchten, vollbringen wir Dinge, die wir vorher für unmöglich gehalten hätten. Es ist erstaunlich, wozu man fähig ist, wenn man muss.

Wir können allerdings sicher sein, dass vollkommene Keuschheit — wie vollkommene Liebe — durch keine rein menschlichen Anstrengungen zu erreichen ist. Wir müssen Gott um Hilfe bitten. Und wenn wir das getan haben, kann es uns lange Zeit so scheinen, als erhielten wir diese Hilfe nicht oder als erhielten wir weniger, als wir brauchen. Aber das darf uns nicht entmutigen. Es gilt, nach jedem Versagen um Vergebung zu bitten, sich aufzuraffen und es nochmals zu versuchen. Oft will Gott uns zunächst nicht zu der Tugend selbst verhelfen, sondern er will uns diese Kraft geben nicht aufzugeben.

Denn so wichtig Keuschheit (oder Tapferkeit, Wahrhaftigkeit und jede Tugend) ist, dieses stete Neu-Beginnen übt uns in einer Seelenhaltung, die noch viel wichtiger ist. Es heilt uns von allen Illusionen, die wir über uns selbst haben, und lehrt uns, auf Gott zu vertrauen. Wir erkennen einerseits, dass wir uns nicht einmal in unseren besten Momenten auf uns selbst verlassen können; andererseits sehen wir, dass wir auch in den schlimmsten Momenten nicht zu verzweifeln brauchen; denn unser Versagen ist vergeben. Verhängnisvoll wäre es nur, uns mit der Unvollkommenheit zufriedenzugeben.

Drittens missverstehen viele Menschen, was die Psychologie über „Verdrängung“ lehrt. Sie lehrt uns, dass „verdrängte“ Sexualität gefährlich ist. Aber „verdrängt“ ist hier ein Fachausdruck; er bedeutet nicht „unterdrückt“ im Sinne von „verneint“ oder „abgewiesen“. Unter einem verdrängten Wunsch oder Gedanken versteht man etwas, das — meist in sehr früher Jugend — ins Unterbewusste abgedrängt wurde und das jetzt nur in verschleierter, unkenntlicher Form vor das Bewusstsein tritt. Verdrängte Sexualität zeigt sich dem Patienten gar nicht als solche. Wenn ein Jugendlicher oder ein Erwachsener sich bemüht, einem bewussten Verlangen zu widerstehen, so hat das mit Verdrängung nichts zu tun. Im Gegenteil: Wer ernstlich um Keuschheit ringt, handelt viel bewusster und weiß um sein eigenes Triebleben besser Bescheid als jeder andere. Er weiß Bescheid um sich und sein Verlangen wie Wellington um Napoleon oder Sherlock Holmes um die Verbrecherseele, wie ein Rattenfänger um Ratten und ein Klempner um schadhafte Rohre. Tugend, auch wenn sie nur angestrebt wird, bringt Licht; die Befriedigung aller Wünsche bringt Nebel.

Schließlich möchte ich noch einmal betonen, dass die Frage der Sexualität, auch wenn ich hier so ausführlich auf sie eingehen musste, nicht der Kernpunkt der christlichen Moral ist. Wer glaubt, für Christen sei die Unkeuschheit das größte aller Laster, der irrt sich. Die Sünden des Fleisches sind schlimm, aber sie sind nicht die schlimmsten.

Die schlimmsten Lüste sind alle rein geistiger Art: die Lust daran, andere ins Unrecht zu setzen, herumzukommandieren und andere von oben herab zu behandeln, anderen den Spaß zu verderben oder sie zu verleumden, sich an der Macht zu berauschen und Hassorgien zu feiern. Denn zwei Mächte im Menschen versuchen, ihn von seiner eigentlichen Bestimmung abzuhalten: das Animalische und das Teuflische. Das Teuflische ist das Schlimmere von beiden. Deshalb kann ein kalter selbstgerechter Heuchler, der regelmäßig zur Kirche geht, der Hölle näher sein als eine Hure. Aber besser ist es natürlich, man ist keines von beiden …


aus Pardon, ich bin Christ, Brunnen-Verlag, 7. Taschenbuchauflage

Letzte Aktualisierung: 02.03.2013


Hinweis der Redaktion:

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