Der Prophet Amos
Einleitung

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 08.12.2018

Einleitung

Über Amos haben wir weit mehr Informationen als sonst bei den anderen kleinen Propheten üblich. Durch die Inspiration Gottes gibt er uns selbst einige sehr interessante autobiographische Mitteilungen. Wir tun gut daran, uns diese Informationen kurz anzuschauen, bevor wir anfangen, die Botschaften an Israel und die umliegenden Nationen zu studieren.

Amos prophezeite während der Regierungszeit Ussijas, König von Juda, und Jerobeams II, König von Israel. Er beschreibt sich selbst als einen Hirten von Tekoa, einer Stadt im Hügelland von Judäa, ungefähr 20 Kilometer von Jerusalem entfernt. Diese Stadt wird in der Schrift häufig erwähnt. Von dort kam die „weise Frau“, die Joab zu David sandte, um ihn dazu zu bewegen, seinen Sohn, der ein Mörder war, in sein väterliches Erbteil zurückkehren zu lassen, allen menschlichen und göttlichen Geboten zuwider (2Sam 14,2). Auch Ira, der Sohn Ikkeschs, einer von Davids Helden, wurde dort geboren (2Sam 23,26). Bei einigen anderen Begebenheiten, sogar nach der Rückkehr aus Babylon, wird vom Eifer der Männer von Tekoa berichtet, obwohl die Vornehmen in Verbindung mit dem Mauerbau in Jerusalem gerügt werden (Neh 3,5.27). Als Wüstenstadt, umgeben von weiter Einöde, war Tekoa ein geeigneter Ort für Menschen mit Hirtenberuf; und Amos ging dort seiner niedrigen Arbeit nach, bis der Herr ihn in den Prophetendienst berief.

Amos berichtet uns, dass er weder in diese ansehnliche Gesellschaft hineingeboren wurde noch diese Berufung für sich selbst suchte. Aber als er „ein Viehhirt war und Maulbeerfeigen {das sind die Früchte von wildwachsenden Feigen} las“, sagte der Herr zu ihm: „Geh hin, weissage meinem Volk Israel“ (Amos 4,14.15). Das reichte Amos aus. Er war der Stimme aus dem Himmel nicht ungehorsam, sondern er verließ die Weiden im Wüstenland und kehrte den Rücken seinem Geburtsort zu, so dass wir ihn schon bald in der Hauptstadt des Nordreiches finden, wo er das Wort des Herrn verkündete. Das war für Jerobeam und seinen falschen Priester Amazja sehr abstoßend und erregte ihre Empörung. Als Amos den Befehl erhält, in sein eigenes Land zu fliehen und dort zu prophezeien, führt er mutig seine göttliche Berechtigung an und überbringt eine Botschaft, die noch durchdringender ist als je zuvor.

Es gibt keinen Bericht über die Länge seines Dienstes noch über die Zeit oder den Umstand seines Todes. Aber was uns überliefert worden ist, ist voll wichtiger Belehrungen.

Gott bereitet seine Diener immer in der Stille auf das Werk vor, das sie dann in der Öffentlichkeit ausführen sollen. Mose am Rand der Wüste; Gideon auf der Tenne; David mit seinen „paar Schafen“ draußen auf den Hügeln; Daniel, der sich weigerte, sich mit des Königs Kost zu verunreinigen; Johannes der Täufer in der Wüste; Petrus in seinem Fischerboot; Paulus in Arabien und Amos, der der Herde folgt und das Vieh in der Wildnis von Tekoa weidet – alle zusammen bestätigen diese Aussage. Es ist wichtig, festzuhalten, dass nur der, der von Gott in der Schule der Verborgenheit gelernt hat, geeignet ist, im Licht der Öffentlichkeit hell zu strahlen.

Amos dachte nicht im Entferntesten daran, ein Prophet zu werden oder als solcher erkannt und anerkannt zu werden, so wie man heute seinen „Dienst“ als Beruf aussucht. Zweifellos wäre er sehr zufrieden gewesen, hätte er seinen bescheidenen Beruf als Kleinbauer oder vielleicht auch nur als Bauerngehilfe oder Mitarbeiter bis zu seinem Lebensende ausgeführt, wenn das Gottes Absicht für ihn gewesen wäre. Während er der Herde folgte, hielt seine Seele Zwiesprache mit dem HERRN. Während er in der Einöde wilde Feigen auflas, dachte sein Herz nach über das große Thema des Verhältnisses der Seele zu Gott und die Wichtigkeit, in seinen Wegen zu gehen. Während er die Herde hütete, lernte er erstaunliche Lektionen über die Liebe und Fürsorge eines treuen Schöpfers. Und als für ihn „die Fülle der Zeit gekommen war“, entfachte der Herr den sozusagen schon vorbereiteten Brennstoff in eine Flamme. Der niedrige Hirte wurde ein mächtiger, geistgeleiteter Prophet Gottes, nicht nur für sein eigenes Leute, sondern auch für ganz Israel und die umliegenden Nationen. 

Wir lesen von keinem ungläubigen Zögern, keinem Unterreden mit Gott, keinem Verhandeln oder Fragen bezüglich der zeitlichen Unterstützung. Wie auch zuvor gab es keine fleischliche Ungeduld und kein Verlangen, vorn zu stehen und Aufmerksamkeit als Prophet oder Redner zu erregen. Es ist durchweg ein Bericht eines einfachen, demütigen Mannes Gottes, der warten oder laufen kann, ganz wie sein Herr es will. Wie viel steckt in alledem für unsere Seelen heute! Es gibt viele Diener Gottes, die sich selbst zu solchen gemacht haben und deren Seelenleben in einem traurigen Gegensatz zu ihrem Dienst steht. Viele bestehen auch darauf, den Platz eines Dieners Gottes einzunehmen, doch haben sie nie Zeit in seiner Schule verbracht, um seine Wege zu erkennen, so wie es Amos tat. Deshalb ist ihre Rede leer und unbefriedigend, wie es zu erwarten ist von Menschen, die der Herr nicht gesandt hat. Bei Amos ist es glücklicherweise anders. Je mehr wir über den Boten erfahren, umso gespannter sind wir auf seine Botschaft.

Die verborgenen Jahre von Amos waren nicht vergeblich. Es waren nicht nur Jahre, in denen er der Stimme Gottes lauschte, wie sie zu seiner Seele sprach, sondern er machte Erfahrungen und erlangte Einsicht in Menschen und Dinge, die später von unschätzbarem Wert für ihn waren. Immer wieder benutzt er in seinen öffentlichen Reden Bilder und Illustrationen, die deutlich machen, wie genau und aufmerksam er viele belebte und unbelebte Dinge beobachtet hatte, die ihn in seinem früheren Leben umgaben. Folgende Abschnitte machen das mehr als deutlich: Amos 2,13; 3,12; 4,9; 5,8; 6,12; 7,1.2. Im weiteren Verlauf werden wir noch andere entdecken.

Das Thema des Buches ist ausdrücklich ein Thema des Gerichtes über Israel und Juda und die umliegenden Nationen:

  • In den ersten zwei Kapiteln finden wir acht verschiedene Botschaften, die an Damaskus, Gaza, Tyrus, Edom, Ammon, Moab, Juda und Israel gerichtet sind.
  • Der zweite Teil der Prophezeiung umfasst Kapitel 3 bis 6. Dort ergeht das Wort des Herrn an Israel, das Zehn-Stämme-Königreich im Norden.
  • Der dritte und letzte Abschnitt schließt Kapitel 7 bis 9 ein. In ihnen finden wir eine Folge von fünf Visionen mit einem beachtlichen Einschub (Amos 7,10-17), der der persönlichen Geschichte des Propheten gewidmet ist, die wir bereits angedeutet haben. Die Visionen schließen mit der Ankündigung des Segens des Tausendjährigen Reiches und der Wiederherstellung. Das sehen wir auch in den zwei vorangehenden Büchern, Hosea und Joel, und allgemein in allen Propheten.

Obwohl Gericht das Thema ist, dient das Gericht doch dazu, den Weg für die Herrlichkeit zu bahnen. Der Herr wird nicht ruhen, bis Er Gerechtigkeit und Segen auf der ganzen Erde eingeführt hat.

Nächster Teil


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Amos“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909

Übersetzung: Anne Brust


Hinweis der Redaktion:

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