Von Bethanien nach Gethsemane

Fritz von Kietzell

© CSV, online seit: 06.03.2006

Unter allem, was die Heilige Schrift unserem Herzen nahe bringt, kann es nichts Erhabeneres geben als das Leiden und Sterben des Mensch gewordenen Sohnes Gottes. Nichts könnten wir diesem kostbaren, einzigartigen Gegenstand an die Seite stellen. Wir fühlen, es ist heiliges Land und ziehen unsere Schuhe von unseren Füßen; aber auf keinem anderen Gebiet mangelt es uns oft so sehr an Verständnis wie auf diesem.

Können wir uns da wundern, dass es denen, die Ihm damals nachfolgten, ähnlich erging? „Und sie verstanden nichts von diesen Dingen, und dieses Wort war vor ihnen verborgen, und sie begriffen das Gesagte nicht“ (Lk 18,34). So heißt es bei einer der Gelegenheiten, wo der Herr Seinen Jüngern ankündigte, dass „alles vollendet werden“ würde, „was durch die Propheten auf den Sohn des Menschen geschrieben“ war. Und doch, wie genau hatte Er es ihnen vorausgesagt! „Der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten überliefert werden; und sie werden ihn zum Tode verurteilen und werden ihn den Nationen überliefern; und sie werden ihn verspotten und ihn geißeln und ihn anspeien und ihn töten“ (Mk 10,33.34). Wie deutlich, wie eingehend war dies! Dreimal hatte Er so den Zwölfen „seinen Ausgang, den er in Jerusalem erfüllen sollte“ (Lk 9,31), verkündigt.

Mit Matthäus 25, Markus 13 und Lukas 21 schließt der öffentliche Dienst des Herrn, und in den darauf folgenden Kapiteln wendet sich der Heilige Geist der Geschichte Seines Leidens zu, dem letzten, inhaltsschwersten Abschnitt Seines Erdenlebens. Im Johannesevangelium haben wir noch ein Zwischenglied: die Auferstehung des Lazarus und die damit zusammenhängenden Begebenheiten. Der öffentliche Dienst des Herrn hat dort schon in Kapitel 10 seinen Abschluss gefunden. Während in geheimen Beratungen der Hohenpriester und Ältesten der endgültige Beschluss gefasst wird, Ihn „zu greifen und zu töten“, verkündet Er, nachdem Er „alle diese Reden vollendet hatte“, Seinen Jüngern zum letzten Male, was nun unmittelbar bevorstand: „Ihr wisset, dass nach zwei Tagen das Passah ist, und der Sohn des Menschen wird überliefert, um gekreuzigt zu werden.“

Verstanden sie Ihn nun? Erfassten sie ganz, was jetzt über sie oder vielmehr was über ihren geliebten Herrn hereinbrach? Wir müssen nach allem, was wir hören oder sehen, diese Frage verneinen. Es war einer Frau vorbehalten, dem Herrn gegenüber die rechten Gefühle in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen. Um uns dies zu zeigen, führt uns der Heilige Geist einige Tage zurück, zu jenem Gastmahl im Hause Simons, des Aussätzigen, bei welchem die drei Geschwister in Bethanien noch einmal um ihren Herrn versammelt sind (Mt 26,2-13; Mk 14,3-9; Joh 12,1-8). Hier sehen wir Maria, die wir jedes Mal, wenn sie erwähnt wird, zu den Füßen Jesu finden, zum dritten und letzten Male in dieser Stellung, die eine völlige Hingabe des Herzens ausdrückt: Sie salbt den Herrn mit der„echten, sehr kostbaren Narde“ und trocknet Seine Füße, im Staube liegend, mit dem Schmuck der Frau, mit ihren Haaren. „Das Haus aber wurde von dem Geruch der Salbe erfüllt.“ Welch eine einzig dastehende, verständnisinnige Handlung! Sie war der Ausdruck wahren Mitempfindens und liebenden Verstehens, mochten andere auch von „Verschwendung“ reden (Mt 26,8).

Maria hatte einst „das gute Teil erwählt“, indem sie „seinem Worte zuhörte“; und so war sie jetzt am ehesten imstande, sich – vorausahnend – in die Lage ihres Herrn zu versetzen. Sie fühlte deutlicher als alle anderen, wie sich die finsteren Wolken des Hasses und der Feindschaft immer bedrohlicher über Seinem Haupte zusammenzogen, und darum war es ihr Wunsch, Ihm ihr Mitgefühl und ihre Zuneigung zu beweisen. Doch was vermochte sie, die schwache und vielleicht arme Frau, zu tun? Sie nimmt das Beste, was sie besitzt, zerbricht das kostbare Gefäß und gießt den noch kostbareren Inhalt über Haupt und Füße des Herrn. Damit ehrt sie Ihn so, wie es dem König Israels, dem Diener Gottes und dem„Eingeborenen vom Vater“ zukam, der im Begriff stand, „durch den ewigen Geist sich selbst ohne Flecken Gott zu opfern“ (Heb 9,14). „Indem sie diese Salbe über meinen Leib geschüttet hat, hat sie es zu meinem Begräbnis getan.“ Diese Deutung gibt der Herr selbst, indem Er Sich zwischen sie und die unverständigen Jünger stellt, der unmittelbar aus dem Herzen Seiner Jüngerin entsprungenen Handlung, und Er bezeugt feierlich, dass sie nicht in Vergessenheit geraten werde. Welchen Wert hatte dieses Tun doch für Sein Herz! Wie Jonathan, auf der rastlosen Verfolgung des Erbfeindes begriffen, im Vorübergehen von dem Honig kostete, „und seine Augen wurden hell“ (1Sam 14,27), so fand hier der Herr eine Erquickung, wie sie Ihm in den Tagen Seines Leidens nicht noch einmal durch einen Menschen zuteil werden sollte.

Der Tag des Festes, „der erste der ungesäuerten Brote“, kommt, und wir sehen den Herrn zur Feier des Passahlammes mit den zwölf Aposteln vereinigt: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt, dieses Passah mit euch zu essen, ehe ich leide“ (Lk 22,15). Ehe der „Sohn des Menschen“ und Erbe aller Dinge endgültig verworfen wurde, ehe die Wogen der Feindschaft über dem Haupte des Reinen und Schuldlosen vollends zusammenschlugen, war es der Wunsch Seines Herzens gewesen, noch einmal auf dem Boden der vorbildlichen göttlichen Verordnung mit dem schwachen Überrest aus Seinem Volk zusammen zu sein – ehe Er als das wahre Passahlamm Sein Leben und Sein Blut hingeben würde. – Aber selbst auf diese über alle Begriffe liebliche Abschiedsszene fallen düstere Schatten. Nicht nur, dass der von den Hohenpriestern gedungene Verräter offenbar wird und, seines furchtbaren Vorhabens voll, in die dunkle Nacht hinausgeht (Joh 13,18-30), sondern wir hören auch von dem Streit der Jünger, „wer von ihnen für den größten zu halten sei“, und dass Simon Petrus seinen Herrn, weit entfernt, mit Ihm „ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“, dreimal verleugnen würde.

Doch der Herr, der dies alles noch weit mehr empfand, als wir es zu empfinden vermögen, schreckt nicht zurück. „Da er die Seinigen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende“ (Joh 13,1). Vor dem Mahle zeigte Er ihnen in der sinnbildlichen Handlung der Fußwaschung, dass Er allezeit bereit sein würde, den Seinen mit der reinigenden Kraft Seines Wortes zu Hilfe zu kommen; und nach dem Mahle übergibt Er ihnen ein teures Vermächtnis. Er wusste, wie vergesslich wir sind und wie die ergreifendsten Szenen, die die Welt je gesehen hat, die Seines Leidens und Sterbens, oft allzu oft nur so geringe Eindrücke in den Herzen der Seinen hervorrufen. Darum gab Er ihnen Sein Mahl: Brot und Wein, Leib und Blut getrennt, der Leib für uns hingegeben und das Blut für uns vergossen, stellen den für uns gestorbenen Christus dar, der den Vater vollkommen verherrlichte und den heiligen Gott für ewig zufrieden stellte. „Dies tut zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,19). – Sollte dieser Wunsch des Herrn, den Er den Seinen später vom Himmel her wiederholen ließ (1Kor 11,23-25), nicht wärmeren Widerhall in unser aller Herzen hervorrufen?

Ein Loblied erklingt (Mt 26,30), dann schreiten sie in die Nacht hinaus: „Er gab sich der Gewohnheit nach an den Ölberg“ (Lk 22,39). Aber die Worte, die Er diesmal zu ihnen redet, sind Abschiedsworte: „Euer Herz werde nicht bestürzt, sei auch nicht furchtsam“ (Joh 14,27). Guter Herr! Er hatte Grund, mit sich beschäftigt zu sein, aber Er tröstet, Er ermuntert und belehrt Seine Jünger. Drinnen im Haus mag der „große Obersaal“ der Anlass für Ihn gewesen sein, von den „vielen Wohnungen im Hause seines Vaters“ und dem Weg dorthin zu sprechen (Joh 14); jetzt sind es die Weinberge am Hang des Kidrontales, die Ihn bewegen, über das zarte und innige Verhältnis der Reben zu Ihm, dem wahren Weinstock, zu reden (Joh 15). Doch immer tiefer steigen sie hinab; hinter ihnen liegt die heilige Stadt, verschwinden im Dunkel der Nacht die Zinnen des Tempels, die sonst im Sonnenlicht so hell schimmern und glänzen: Da redet Er ihnen davon, dass das Alte für sie vorüber sei und dass nun der Sachwalter kommen werde, der Heilige Geist, um sie „in die ganze Wahrheit“ und in ein neues, einzigartiges Verhältnis zum Vater einzuführen (Joh 16). Dann erhebt Er die Augen zum Himmel zu einem ergreifenden Gebet (Joh 17); Er gibt die, die der Vater Ihm aus der Welt gegeben hatte, Ihm nun gleichsam zurück, damit Er, der Vater, sie in einer bösen Welt bis hin zum Ziele bewahre; und Er schließt – in einer Sprache, zu der nur Er, der Sohn, dem Vater gegenüber ein Recht hatte – mit dem kostbaren, erhabenen Wort: „Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, auf dass sie meine Herrlichkeit schauen …“ (Joh 17,24).

„Als Jesus dies gesagt hatte, ging Er mit Seinen Jüngern hinaus über den Bach Kidron, wo ein Garten war, in welchen Er hineinging, Er und Seine Jünger.“ Stiegen Erinnerungen in Ihm auf daran, wie tausend Jahre zuvor ein anderer durch dieses tiefe Tal die „Anhöhe der Olivenbäume“ hinaufschritt, von seinem Volke verworfen wie Er und weinend über das, was Er zurückließ (2Sam 15)? Doch der König David ging den Weg infolge eigener schwerer Schuld; der Sohn Davids aber, unser Herr, weil hier für Ihn der Weg beginnen sollte, den Er um fremder Schuld und Sünde willen gehen musste. Denn hier, im Dunkel der Nacht, „in welcher Er überliefert wurde“, an dem „Ort mit Namen Gethsemane“ wurde es Satan, der „für eine Zeit von ihm gewichen“ war (Lk 4,13), erlaubt, Ihm zum zweiten Male zu nahen. Hier fiel der Schatten des Kreuzes auf Seinen Weg, hier reichte Ihm der Vater den Kelch, den zu trinken Er auf diese Erde gekommen war – den bitteren Kelch des Zornes Gottes im gerechten Gericht über die Sünde. Dort am Kreuz, in den drei Stunden der Finsternis, sollte Er „unsere Sünden an seinem Leibe tragen“, sollte „er, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde gemacht“ werden (2Kor 5,21); konnte es anders sein, als dass Seine heilige Seele zurückschreckte, wenn „der Ausgang, den er in Jerusalem erfüllen sollte“, in seiner ganzen Furchtbarkeit vor Seinen Augen stand?

Es ist der Mensch Jesus Christus, der hier vor uns steht, mit all den göttlich vollkommenen Gefühlen der Abhängigkeit und des Gehorsams. Je näher Er dem Wege kam, den Er nun zur Vollendung der Ratschlüsse Gottes einschlagen musste, um so mehr empfand Er, was Ihm bevorstand, um so mehr musste große „Bestürzung und Beängstigung“ Sein Herz erfüllen (Mk 14,33). Er sagte zu den Jüngern: „Meine Seele ist sehr betrübt bis zum Tode; bleibet hier und wachet mit mir“ (Mt 26,38); es verlangte Ihn nach ihrem „Mitleiden“ und ihrem „Trost“ (Ps 69,20), Er hatte einen Anspruch darauf und wusste doch, dass Er bitter enttäuscht werden würde. Die Quellen Seiner Kraft lagen droben allein, bei Seinem Vater.

Nur langsam, wie zögernd, tritt Er in die Tiefe des Gartens ein; erst nimmt Er Seine drei vertrautesten Jünger mit, um Sich dann auch von ihnen zu trennen. „Er zog sich ungefähr einen Steinwurf weit von ihnen zurück“, und dort, in völliger Absonderung, „kniete Er nieder“, „fiel auf die Erde“, ja „auf Sein Angesicht“ – dort brachte Er „sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dar“. Und wie auf Seinem ganzen Wege – mit Ausnahme der drei Stunden der Finsternis am Kreuze – der Himmel über Ihm geöffnet war und „die Engel Gottes auf- und niederstiegen auf den Sohn des Menschen“ (Joh 1,51), so auch hier: „Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel, der Ihn stärkte“ (Lk 22,43). Geliebter Leser! Dort lag Er um deiner und meiner Errettung willen „in ringendem Kampfe“, in immer „heftiger“ werdendem Gebet. „Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde herabfielen.“

Noch ergreifender aber als diese Szene selbst, sind die wenigen Worte des Gebets, die uns von dem Heiligen Geist überliefert wurden. – Gab es keinen anderen Weg? „Er betete, dass wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorübergehe“ (Mk 14,35). Waren Ihm, dem Vater, nicht alle Dinge möglich? „Abba, Vater“ – es ist das einzige Mal, dass wir diese vertrauteste Anrede aus dem Munde des Herrn vernehmen – „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg!“ – „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Aber niemand wusste es so gut wie Er, dass eben dies dem Vater nicht möglich war, wollte Er anders einen Weg zur Errettung des Sünders bahnen und Seine ewigen Ratschlüsse zur Ausführung bringen. Darum fügte Er das Wort tiefster Abhängigkeit und Unterwürfigkeit hinzu: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ – „Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille.“ Auch hier, in dem einzigen Fall, wo Sein Wille dem des Vaters gegenüberstand, unterwarf Er Sich und „ist um seiner Frömmigkeit willen erhört worden“ (Heb 5,7). Er ging als Sieger aus dem bitteren Kampf hervor; während Seine Jünger „vor Traurigkeit eingeschlafen waren“, stand Er vom Gebet auf und beschritt in vollkommener Ruhe den Weg, um den Kelch, den Er aus der Hand des Vaters genommen hatte, nun auch bis zur bitteren Neige zu leeren.


Aus der Monatszeitschrift Ermunterung und Ermahnung, 1992, S. 225-233
www.csv-verlag.de

Letzte Aktualisierung: 02.08.2016


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