Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, der im Rahmen unseres monatlichen Online-Bibel-Seminars gehalten wurde. Anlass war die häufige Erwähnung von Zahlen in den Kapiteln des zweiten Buches Mose zur Stiftshütte. Wer die symbolische Bedeutung der Stiftshütte verstehen möchte, sollte sich vor allem mit der Bedeutung der Zahlen in diesem Zusammenhang beschäftigen.
Geometrische Grundlagen und ihre drei Aspekte
Die tiefere Bedeutung der Zahl Drei erschließt sich auf faszinierende Weise aus der Geometrie. Erst wenn ein drittes Element hinzutritt, wird der Übergang vom Abstrakten zum Greifbaren möglich. Aus diesen geometrischen Grundgesetzen leiten sich die drei wesentlichen Bedeutungsfelder der Zahl Drei ab:
1. Dreidimensionalität – Das Prinzip der Solidität
Während ein einzelner Punkt
dimensionstypisch isoliert bleibt und eine Linie lediglich eine eindimensionale Erstreckung darstellt, entsteht erst durch die dritte Dimension (Länge, Breite und Tiefe) ein fester, greifbarer Körper. Die Zahl Drei steht somit primär für das Prinzip der Solidität, Vollständigkeit und der realen Existenz. Sie macht das Abstrakte greifbar und verleiht den Dingen Substanz und Wirklichkeit.
2. Die Umgrenzung der Fläche – Das Prinzip der Zuweisung
Zwei parallele
oder schneidende Linien können NIEMALS einen Raum umschließen; sie bleiben ins Unendliche offen. Erst durch eine dritte Linie schließt sich das Dreieck und grenzt eine konkrete Fläche von ihrer Umgebung ab. Dieses geometrische Gesetz offenbart das Prinzip der Zuweisung und Bestimmung: Die Drei kann eine klare Grenze ziehen, einen festen Bereich zuweisen und ein eigentümliches, abgestecktes Territorium definieren.
3. Der geschlossene Linienzug – Das Prinzip der Rückkehr
Wer sich auf einer geraden
Linie bewegt, entfernt sich vom Ausgangspunkt ins Uferlose. Um über geradlinige Abschnitte wieder an den Ursprung zurückzugelangen, sind mindestens zwei Richtungswechsel nötig – es braucht also exakt drei Verbindungslinien. Die Zahl Drei beinhaltet somit das fundamentale Prinzip der Rückkehr, der Vollendung von Wegen und der Wiederherstellung. Sie beschreibt den geistlichen Bogen vom Ursprung über die Entfaltung bis hin zur vollendeten Rückkehr zum Ausgangspunkt.
Das Grundverständnis der Solidität
Der Begriff Solidität ist nicht alltäglich, trifft den gemeinten Sachverhalt aber sehr genau: Etwas Solides ist fest, fassbar, betastbar und in wirklicher Gestalt vorhanden. Die Drei steht damit für das gegenständlich Gewordene, das greifbar Vorliegende und das, was nicht nur gedacht, sondern in konkreter Form offenbar geworden ist.
Gerade darin liegt das besondere Gepräge dieses Bedeutungsfeldes. Während ein Punkt oder eine Linie noch keine räumliche Körperlichkeit besitzt, entsteht mit der dritten Dimension etwas, das Volumen hat, Gewicht trägt und sich als wirkliche Gestalt darstellen lässt. Die Drei spricht daher von der Verkörperung, der Ausprägung und der sichtbaren Offenbarung.
Alles, was wir sehen oder betasten können, ist in diesem Sinn dreidimensional. Es besitzt nicht nur Länge und Breite, sondern auch Tiefe. Erst dadurch entsteht ein Körper im eigentlichen Sinn.
Damit sind mehrere Folgerungen verbunden:
- Alles Dreidimensionale hat Volumen.
- Alles Dreidimensionale hat Gewicht.
- Alles Dreidimensionale ist fassbar und wirklich vorhanden.
- Alles Dreidimensionale eignet sich dazu, etwas sichtbar zu machen, was zuvor nur als Gedanke bestand.
Solidität meint also nicht bloß Festigkeit im materiellen Sinn. Der Begriff bezeichnet vielmehr den Übergang vom bloß Gedachten zum wirklich Dastehenden.
Solidität als Offenbarung von Gedanken
Ein besonders wichtiger Gedanke liegt darin, dass durch etwas Dreidimensionales Gedanken offenbart werden können. Der Vortrag veranschaulicht das mit dem Bild eines Hauses oder einer Maschine:
- Das Haus gibt die Idee des Architekten wieder.
- Die Maschine macht die Gedanken des Ingenieurs sichtbar.
Was zunächst nur im Inneren eines Menschen vorhanden war, tritt durch die konkrete Gestalt nach außen. Etwas Verborgenes wird anschaulich, wahrnehmbar und mitteilbar. Gerade das ist ein Schlüssel zum Verständnis der Drei: Sie steht für die Form, in der ein Gedanke Gestalt gewinnt.
Damit kommt zur Festigkeit sofort ein zweiter Zug hinzu: Offenbarung. Solid ist nicht nur, was fest ist, sondern auch, was sich in fassbarer Gestalt zeigt.
Die Bedeutungsfelder der Solidität
Es gibt mehrere Unteraspekte, die den Gedanken der Solidität näher entfalten:
1. Körper
Der naheliegendste Unterpunkt ist der Körper. Ein Körper ist das räumlich Vorhandene, das greifbar und gegenständlich ist. Damit gehört er unmittelbar in den Bereich der Dreidimensionalität. Der Körper ist nicht bloß eine gedachte Möglichkeit, sondern konkrete Gestalt. Gerade deshalb eignet er sich als Grundbild für Solidität.
2. Haus
Ebenso wichtig ist das Bild des Hauses. Ein Haus ist nicht nur ein dreidimensionaler Körper, sondern zugleich Ausdruck eines Plans. Es verkörpert einen Gedanken, eine Absicht, eine Ordnung. Darum ist das Haus ein besonders sprechendes Bild für Solidität: Es verbindet Gegenständlichkeit mit Offenbarung. Es ist fassbar vorhanden und macht zugleich sichtbar, was in der Vorstellung seines Baumeisters angelegt war.
3. Fülle
Mit der Drei verbindet sich ferner der Gedanke der Fülle. Was dreidimensional ist, besitzt räumliche Ausdehnung und damit eine Art inhaltlicher Dichte. Es ist nicht bloßer Umriss, sondern ausgefüllte Gestalt. Fülle meint hier nicht notwendig Übermaß, sondern Vorhandensein in konkreter, ausgebildeter Form. Etwas ist nicht nur angedeutet, sondern entfaltet.
4. Offenbarung
Ein zentraler Unterpunkt ist die Offenbarung. Solidität steht nicht nur für das Seiende, sondern für das sichtbar Gewordene. Was vorher im Verborgenen lag, tritt hervor. Dreidimensionalität ist die Möglichkeit, dass Gedanken, Pläne, Eigenschaften oder Absichten nicht verborgen bleiben, sondern anschaulich werden. In diesem Sinn ist die Drei eine Zahl der darstellbaren Wirklichkeit.
5. Herrlichkeit
Darauf aufbauend wird auch die Herrlichkeit mit diesem Gedanken verbunden – verstanden als die Offenbarung schöner Eigenschaften. Herrlichkeit ist nicht bloß Besitz von Vorzügen, sondern deren sichtbares Hervortreten.
Damit gehört Herrlichkeit in den Bereich der Solidität, weil hier etwas Inneres nach außen tritt und wahrnehmbar wird. Schönheit, Würde und Größe bleiben nicht unsichtbar, sondern werden offenbar.
6. Name
Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt ist der Name. In der Bibel bezeichnet der Name nicht nur eine Person, sondern offenbart ihr Wesen. Im Namen kommen Charakter, Eigenschaften und das innere Wesen einer Person zum Ausdruck. Deshalb steht der Name auch im Zusammenhang mit der Solidität: Er macht deutlich, wer jemand ist und bringt die Person in einer bestimmten Weise zur Offenbarung. Nicht ohne Grund ist Gott jetzt in drei Personen – Vater, Sohn und Heiliger Geist – vollständig offenbart.
7. Betastbarkeit
Ein ganz konkreter Zug der Solidität ist die Betastbarkeit. Was dreidimensional und gegenständlich ist, kann berührt werden. Es entzieht sich nicht bloß dem Zugriff der Sinne, sondern tritt in die Welt des Erfahrbaren ein. Dieser Punkt unterstreicht besonders die Wirklichkeitsnähe des Begriffs. Solidität meint nicht Theorie, sondern fassbare Präsenz.
8. Greifbarkeit
Eng verwandt damit ist die Greifbarkeit. Was greifbar ist, ist nicht nur abstrakt vorhanden, sondern konkret zugänglich. Es steht dem Wahrnehmenden gegenüber als etwas Wirkliches. Greifbarkeit bedeutet daher mehr als bloße Sichtbarkeit. Sie verweist auf eine Form von Nähe und Gegenständlichkeit, die das Erfasste gleichsam in die Hand des Betrachters legt.
Die Drei im dritten Buch Mose unter dem Aspekt der Solidität
1. Das Haus – Die reale Gegenwart Gottes im Zelt der Zusammenkunft
3Mo 1,1: Und der HERR rief Mose, und er redete zu ihm aus dem Zelt der Zusammenkunft.
Während Gott im zweiten Buch Mose seine Anweisungen noch vom erhabenen, unzugänglichen Berg Sinai herab gab, spricht Er im dritten Buch Mose nun direkt aus dem Zelt der Zusammenkunft. Die Stiftshütte wird zur konkreten Wohnstätte Gottes mitten unter seinem Volk. Nicht weniger als 43-mal begegnet uns im dritten Buch Mose die Bezeichnung „Zelt der Zusammenkunft“. Es ist das sichtbare, solide Fundament dafür, dass der heilige Gott tatsächlich einen realen Ort der Begegnung mit dem Menschen geschaffen hat.
2. Die Offenbarung – Das Manifest der Herzenswünsche Gottes (3Mo 1–7)
3Mo 1,2-3: Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen: Wenn ein Mensch von euch dem HERRN eine Opfergabe darbringen will, so sollt ihr vom Vieh, vom Rind- und Kleinvieh, eure Opfergabe darbringen. Wenn seine Opfergabe ein Brandopfer vom Rindvieh ist, so soll er sie darbringen, ein Männliches ohne Fehl; am Eingang des Zeltes der Zusammenkunft soll er sie darbringen, zum Wohlgefallen für ihn vor dem HERRN.
Solidität zeigt sich auch darin, dass die Absichten Gottes nicht vage oder ungewiss bleiben, sondern in verbindlichen Anweisungen Offenbarung finden. In den ersten sieben Kapiteln offenbart Gott das System der Opfer, wobei Er ganz zu Beginn – beim ersten Sprechen aus dem Zelt der Zusammenkunft – das Brandopfer an die Spitze stellt.
Das Brandopfer war ja kein Pflicht- oder Sühnopfer aufgrund von Sünde, sondern eine völlig freiwillige Gabe. Es stieg als „lieblicher Geruch“ auf und gehörte Gott ganz allein. Dass Gott seine Offenbarung aus dem Haus mit dem Brandopfer beginnt, zeigt sein tiefstes Herzensanliegen: Er offenbart nicht zuerst, was der Mensch tun muss (Pflicht), sondern was sein eigenes Herz erfreut – nämlich seinen Wunsch nach vollkommener Hingabe, wie Er ihn im Opfer seines Sohnes gefunden hat und wie Er wünscht, dass die Seinen sich darin mitfreuen.


