Untersuchung der Besonderheiten des hebräischen Christen (3)
Paulus folgt den jüdischen Vorschriften

Roy A. Huebner

online seit: 13.10.2017

Leitverse: Apostelgeschichte 21,20-27

Apg 21,20-27: 20 Du siehst, Bruder, wie viele Tausende es unter den Juden gibt, die gläubig geworden sind, und alle sind Eiferer für das Gesetz. 21 Es ist ihnen aber über dich berichtet worden, dass du alle Juden, die unter den Nationen sind, Abfall von Mose lehrst und sagst, sie sollen die Kinder nicht beschneiden noch nach den Gebräuchen wandeln. 22 Was ist nun? Jedenfalls [muss eine Menge zusammenkommen, denn] sie werden hören, dass du gekommen bist. 23 Tu nun dies, was wir dir sagen: Wir haben vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben. 24 Diese nimm zu dir, reinige dich mit ihnen und trage die Kosten für sie, damit sie sich das Haupt scheren lassen können; und alle werden erkennen, dass nichts [an dem] ist, was ihnen über dich berichtet worden ist, sondern dass auch du selbst in der Beachtung des Gesetzes wandelst. 25 In Bezug auf die Gläubigen [aus den] Nationen aber haben wir geschrieben und verfügt, [dass sie nichts dergleichen halten sollen als nur,] dass sie sich sowohl vor dem Götzenopfer als auch vor Blut und Ersticktem und Hurerei bewahren. 26 Dann nahm Paulus die Männer zu sich, und nachdem er sich am folgenden Tag gereinigt hatte, ging er mit ihnen in den Tempel und kündigte die Erfüllung der Tage der Reinigung an, bis für einen jeden von ihnen das Opfer dargebracht war. 27 Als aber die sieben Tage beinahe vollendet waren, sahen ihn die Juden aus Asien im Tempel, brachten die ganze Volksmenge in Erregung und legten die Hände an ihn.

Diese falsche Lage, in die sich Paulus hier begab, ist nicht bis zum letzten Ende gebracht worden. So wie Gott David davor bewahrte, mit den Philistern in den Kampf gegen Israel zu ziehen, so bestimmte Er in seiner Autorität, dass Paulus unmittelbar vor der eigentlichen Opferhandlung von seinen Feinden in Gewahrsam genommen wurde. Gott sei Dank wurde Paulus davor bewahrt, an den Opfern teilzunehmen, die offenbar von den Nasiräern am Ende ihrer Gelübde geopfert werden sollten (4Mo 6,14). Die Prophezeiung des Agabus (Apg 21,10.11) entsprach der Wahrheit. Aber um die Prophezeiung zu erfüllen, erlaubt Gott seinem Knecht, in den falschen Rat der Leiterschaft in Jerusalem einzuwilligen und ihm zu folgen.

Wir könnten uns fragen, ob Paulus darüber nachdachte, als er infolge dieser Handlung in einem römischen Gefängnis sitzend den Brief an die Hebräer schrieb und dabei deutlich machte, dass kein Opfer für Sünden mehr übrig ist (Heb10,18). Außerdem könnten wir uns fragen, was die Führer wohl gedacht haben, als sie den Hebräerbrief lasen. Ja, Gott verhinderte in seinem Regierungshandeln, dass ihr irreführender Rat ganz zur Ausführung kam. Wie gnädig von Ihm, wenn Er uns davon abhält, einen Weg, der nicht sein Wille ist, bis zum Ende zu gehen. Paulus’ Reise nach Jerusalem beendete sein öffentliches Wirken, weil Gott in Paulus’ Handlungen eingriff und ihn als Gefangenen nach Rom brachte, von wo aus er die sogenannten „Gefängnisbriefe“ schrieb.

Auf diese Weise werden zweierlei Dinge deutlich: Zunächst drückt Gott deutlich sein Missfallen über das Verhalten seines Dieners aus; denn dieses Verhalten hatte drastische Konsequenzen. Und doch erhält Er Paulus aufrecht und brachte ihn nach Rom. Das geschah zwar unter völlig anderen Bedingungen, als Paulus sich das erhofft hatte, denn eigentlich hatte er sich gewünscht, die Heiligen unter anderen Umständen treffen zu können. Weiterhin wird auch diese Situation von Gott noch zum Segen verwendet. Dieser Segen liegt in den inspirierten Schriften des Apostels der Heiden. In der Tat wurde der Hebräerbrief, der die Empfänger dazu auffordert, aus dem „Lager“ hinauszugehen – das ist, aus dem Judentum hinauszugehen (Heb 13,13) –, im Gefängnis geschrieben. Gott gab diesen inspirierten Hinweis in seiner Gnade, bevor das schreckliche Gericht im Jahr 70 n.Ch. über Jerusalem kam. Damit verhinderte Er, dass die Christen weiterhin Verbindung mit dem dortigen Tempel hatten. Die Gnade forderte sie dazu auf, sich vom Judentum abzusondern, bevor sein Regierungshandeln über dessen Hauptsitz kam. Dieser Aufruf der Gnade, aus „dem Lager“ hinauszugehen, bevor die Demonstration seiner Regierungsmacht eintritt, ist seitdem für alle gläubig gewordenen Juden die Richtschnur.

Dass die messianischen Juden auf die Praxis der gläubigen Juden aus der Zeit vor dem Hebräerbrief verweisen, um zu rechtfertigen, dass sie die Gebote des Judentums halten, steht dem Wort Gottes entgegen. Die Geduld Gottes, die Er bis zum Hebräerbrief denen gegenüber erwies, die aus einem System kamen, das einst von Ihm anerkannt wurde, darf nicht missbraucht werden, um zurechtfertigen, dass man sich fortdauernd an dessen Regeln hält.

Mit dem Hebräerbrief gibt es eine klare Anweisung aus dem Wort Gottes bezüglich des Judentums. Weiterhin haben wir Gottes Gericht gegen den Sitz des Judentums als deutliches Zeichen. Folglich steht das messianische Judentum im Widerspruch zu Gottes Wort und zu seinem Regierungshandeln. Messianisches Judentum ist ein von Menschen gemachtes System, das dem Wort Gottes entgegensteht und hebräische (ethnisch gesehen) Gläubige judaisiert.

Das Wort Gottes zeigt deutlich, dass das Argument des messianischen Judentums – „Man kann einen Juden nicht judaisieren“ – falsch ist. Denn genau das passiert im messianischen Judentum.

Das messianische Judentum ist sehr weit davon entfernt, einfach nur ein „schwacher Bruder“ im Sinn von Römer 14 zu sein. Ein solcher „schwacher Bruder“ ist ein jüdischer Gläubiger in der Versammlung, der in der christlichen Freiheit nicht feststeht und Gewissensbisse in Hinblick auf eine jüdische Regel hat. Das messianische Judentum hingegen ist ein entzweiendes System. Es gibt vor, dass es besondere geistliche Segnungen und Werte für gläubige Juden gibt, die Gläubige aus den Heiden nicht besitzen. Außerdem fordert es, dass alle gläubigen Juden diesem System untertan werden.

William Kelly hat eine sehr hilfreiche Abhandlung darüber geschrieben, wie die Wege Gottes in der Entscheidung des Paulus sichtbar werden. Wir können aus dieser Abhandlung vieles lernen. Kelly hält als Erstes die Gedanken der jüdischen Gläubigen in Jerusalem fest:

„Es ist ihnen aber über dich berichtet worden, dass du alle Juden, die unter den Nationen sind, Abfall von Mose lehrst und sagst, sie sollen die Kinder nicht beschneiden noch nach den Gebräuchen wandeln.“

Diese Aussage war falsch, sie entsprach nicht dem, was Paulus wirklich tat. Was Paulus wirklich lehrte, war, dass es völlig unangemessen war, die Nationen unter Gesetz zu stellen. Zu dieser Zeit stellte er noch keinen Bezug zu den Juden her. Im späteren Verlauf seines Lebens erhielt er eine eindeutige und endgültige Botschaft des Heiligen Geistes bezüglich der Juden; doch das Handeln Gottes mit seinem Volk war schrittweise. Es ist an uns, dieses Vorgehen Gottes mit seinem alten Volk zu erlernen und nachzuahmen.

Ja, es stimmt: Gottes Wille war es, zur rechten Zeit die völlige Befreiung vom Gesetz zu offenbaren – und zwar für Juden und Nationen; allerdings geschah das nicht von jetzt auf gleich, zumindest in Hinblick auf die Juden nicht. Wogegen sich Paulus sehr deutlich aussprach, war die Forderung, die Nationen unter das Gesetz zu bringen – und genau das war es, was pharisäische Brüder eifersüchtig verwirklichen wollten. Wann immer judaisierte Christen oder die aus den Nationen selbst sich dem Gesetz unterstellen wollten, wies der Apostel das streng zurück und verurteilte diesen schweren Fehler.

Im Hinblick auf die Juden trug Paulus Geduld, die ihren Ursprung nicht nur in einem weiten Herzen, sondern in den Überlegungen eines sehr empfindlichen Gewissens hatte. Wenn Gott noch kein Wort gesandt hatte, in dem den Juden mitgeteilt wurde, dass der alte Bund im Verschwinden begriffen war, wie hätte dann Paulus, der sich so eng an Gottes Wege hielt, überstürzt handeln können?

Die ersten Tage waren eine wirkliche Übergangszeit, in denen Christus zuerst den Juden und dann den Nationen gepredigt wurde. Für die Heiden, die nie unter dem Gesetz gewesen waren, war es wesentlich einfacher, sich der der Freiheit des Evangeliums zu erfreuen. Die Juden wurden in ihrer Verbundenheit mit den alten Bräuchen geduldet – bis zu dem Tag, an dem Gott die endgültige Nachricht sandte, die die Juden warnte, dass sie durch ihre Bindung an das Gesetz leicht vom Evangelium abfallen könnten.

Mit diesen Gedanken haben wir uns schon ausführlich beschäftigt, als wir die Grundzüge des Hebräerbriefes betrachtet haben; deswegen gibt es jetzt keinen Grund, sich ausführlicher damit auseinanderzusetzen.

Der Hebräerbrief war für die jüdischen Gläubigen sozusagen der letzte Trompetenstoß, der sie dazu aufrief, ihre Verbindungen mit dem alten System aufzugeben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es einen schrittweisen Übergang gegeben. Die Kluft zwischen alt und neu wurde größer, die Unterschiede wurden stärker hervorgehoben – und dennoch waren bis zu diesem endgültigen Aufruf noch nicht alle Verbindungen abgebrochen.

Solch ein Weg ist in meinen Augen unseres Gottes würdig – ein Weg, der für unsere übereilten Gedanken irgendwie kompliziert scheint. Das liegt daran, dass die meisten von uns als Nichtjuden erzogen worden sind. Da wir in die Wahrheiten Gottes tiefer eingedrungen sind, haben wir gesehen, welchen großen Schaden es anrichtet, das Gesetz mit dem Evangelium zu vermischen.

Wir wollen uns an dieser Stelle nochmals daran erinnern, dass, während der Heilige Geist für die Nationen immer die Freiheit bewahrte, es für die Juden unzweifelhaft noch eine Zeit des Abwartens gab, bis die Freiheit auch für sie verkündigt wurde.

Auch der Apostel Paulus bildete keine Ausnahme in Bezug auf die Geduld mit den Vorurteilen der Juden. Bei den Zwölfen scheint es so, als wären sie nur langsam und mühevoll in diese Freiheit von dem Gesetz eingedrungen. Dahingegen verstand Paulus, als der Apostel der Nationen, vom Himmel durch den erhöhten Christus berufen und Zeuge der souveränen Gnade, es in weit tieferem und reicheren Maße. Aber wir werden selbst bei Paulus entdecken, dass er in großem Maße mit den Empfindungen eines Juden herzlich mitfühlen konnte. Paulus ist der eine, dem wir, nach Gott, zu verdanken haben, dass wir überhaupt irgendetwas über das Christentum in seiner vollen Ausprägung und seiner wahren Stärke wissen. Und doch ist es von großer Bedeutung, dass er, wenn auch nicht eine jüdische Voreingenommenheit, so doch mindestens Sympathie für das Jüdische hatte. Im Grunde genommen war genau diese seine Liebe zum alten Volk Gottes der Grund für seine Verstrickung in die Probleme, die wir am Ende des gelesenen Kapitels der Apostelgeschichte finden.

Wir müssen berücksichtigen, dass diese Liebe bis zu einem gewissen Punkt eine Antwort sein könnte auf die Liebe gegenüber Israel, die in unserem geliebten Herrn zu finden ist. Allerdings gibt es auch deutliche Unterschiede. In unserem Herrn war die Liebe zu Israel – wie auch alles andere – vollkommen. Bei Ihm gab es nicht die kleinste Spur eines Makels – ja, es konnte sie nicht einmal geben! Wir wissen sehr genau, dass schon der kleinste Gedanke daran für unseren Glauben und für unsere Liebe zu seiner Person zerstörerisch wäre. Für den Christen ist es völlig ausgeschlossen, diesen Gedanken auch nur einen Moment lang zuzulassen. Weiterhin wissen wir, dass Er seine Liebe zu diesem Volk bis zum letzten Ende empfand und ausdrückte. Es war seine andauernde Liebe, die Ihn, als Gottes Zeit gekommen war, dazu bewegte, die Ablehnung durch sein Volk und ihre Folgen zu ertragen. Er litt unter all den Dingen, die aus ihrem Hass resultierten. Und noch weit mehr litt Er für die Sünde im Sühnungswerk – Leiden, die Er alleine durchmachen musste.

Ja, der Apostel wusste, was es bedeutete, Israel zu lieben und für diese Liebe zu leiden. Nicht nur unter den Ungläubigen, sondern auch unter den Heiligen galt: Je mehr er liebte, desto weniger wurde er geliebt. Dieser Grundsatz war wahr; doch auch, wenn er im Allgemeinen galt, so sollte er in besonderer Weise unter den Juden bestätigt werden.

Wir haben also in der Geschichte dieses wunderbare Vorbild des Apostel Paulus: der Mann, der das Geheimnis der Versammlung enthüllte und ihren himmlischen Charakter wie kein anderer zum Vorschein brachte; der Mann, der bewies, dass die alten Regeln und Beziehungen völlig abgeschafft und in dem zur Rechten Gottes verherrlichten Christus verzehrt waren – das Herz dieses Mannes war es, das in starker Liebesbindung gegen das alte Volk Gottes verblieb. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass Gott uns dadurch eine ernste, aber gnädige Warnung vor dieser Gefahr gibt. Mochte es ein Apostel sein, ja mochte es der größte der Apostel sein – und doch war Paulus nicht Christus. Und was in Christus möglich und zu finden war – nämlich absolute Vollkommenheit –, war nicht in Paulus. Und doch war Paulus ein Mann, der alle Menschen, die seitdem gelebt haben, in den Schatten stellt.

Wenn ich an dieser Stelle kurz etwas zu meinen Gefühlen sagen darf, dann, dass ich im Geit noch niemals eine so große Herausforderung empfunden habe, wie über dieses spezielle Thema zu sprechen. Ich kann mir keinen Punkt vorstellen, vor dem ich mehr zurückschrecke als vor der Aufgabe, über solch einen Diener Christi (kritisch) zu sprechen. Aber Gott hat die Geschichte aufschreiben lassen. Und zwar mit Sicherheit nicht, damit wir darüber sentimental werden und schweigen, sondern damit wir es beachten und gemeinsam Gewinn daraus ziehen. Ohne Zweifel hat Er es aufschreiben lassen, um uns unser eigenes großes Versagen vor Augen zu führen und um unseren Geist davor zu bewahren, eine Person wie den großen Apostel der Heiden zu verurteilen.

Ich wiederhole es noch einmal: Der Heilige Geist hat auf der einen Seite seine eigenen Warnungen aufgezeichnet und auf der anderen Seite das Versagen des Apostels, danach zu handeln, wenn ich das vorsichtig so sagen darf. Dabei war das Verhalten des Apostels getrieben von tiefer, zarter Liebe und andauernd brennender Zuneigung für seine Brüder nach dem Fleisch. Oh, wenn wir unser eigenes Versagen anschauen, stellen wir fest, wie selten unser Verhalten aus einer liebevollen Quelle entspringt. Wenn wir die Situationen rekapitulieren, in denen wir versagt haben, dann erkennen wir, wie sehr unsere Beweggründe gemischt sind mit Weltlichkeit, Ungeduld, Stolz, Nichtigkeit und dem eigenen Ich. Und in welch anderem Licht erscheint unser Fehlversagen erst, wenn wir bedenken, welche tiefe Züchtigung das Verhalten des Apostels nach sich zog und wie abrupt sein weltweiter Dienst, den er von Gott bekommen hatte, gestoppt wurde!

Paulus war einem Prüfungsdruck ausgesetzt wie wohl kaum ein Mensch außer ihm. Und was ihm das noch bitterer machen mochte, alles war die natürlich Folge davon, dass er den Mahnungen des Geistes Gottes nicht gefolgt ist, indem er der unsterblichen Liebe zu einem Volk nachkam, von dem er selbst schließlich getrennt worden war, um den Auftrag des Herrn auszuführen.

Wenn Gott uns einen solchen Bericht gibt, dann sind wir schuldig. unabhängig von unseren eigenen Gefühlen. den Text zu lesen und zu versuchen. durch die Gnade zu verstehen, was Gott uns sagen möchte.

Ja, und nicht nur das, sondern wir sollten es anwenden, um Segen für unsere Seelen davon zu haben und auf dem Weg Christus nach voranzukommen – was immer es auch für uns bedeuten mag.

Wir mögen den kleinstmöglichen Einflussbereich haben; und doch ist ein Heiliger ein Heiliger und als solcher geliebt von Gott, der sich selbst auch in dem Geringsten derjenigen, die Sein sind, verherrlicht.

Mit Sicherheit ist es zu unserem Segen und zur Verherrlichung Gottes, auch diesen bemerkenswerten Anhang zu seiner Geschichte zu betrachten. Wir haben hier eine Liste von Dingen, die noch einige neue Gedanken in unsere Überlegungen bringt. Zum Beispiel verstehen wir, dass die ganze Geschichte das Ergebnis davon ist, dass Paulus dem Geist widersteht und entgegen dem Zeugnis nach Jerusalem hinaufzieht. Je gesegneter der Mensch, desto ernster ist es, wenn er einmal keinen festen Tritt hat. Ein Schritt außerhalb dessen, was der Geist geboten hatte, wie schön und lieblich das auch gewesen sein mag, was sich hier einschlich. Paulus befand sich zu dem Zeitpunkt nicht auf dem Höhepunkt – um das so auszudrücken – der Leitung des Geistes Gottes. Und genau das setzte den Apostel weiteren Dingen aus – und so wird es immer sein. Und dieses „Weitere“ war umso größer und bedrohlicher, weil es sich eben um jemand wie Paulus handelte. Das gleiche Prinzip sehen wir im Leben Davids. Der Mangel an Energie – für andere wahrscheinlich ein verhältnismäßig kleines Problem – wurde zur größten Schlinge in Davids Leben. Und nur für einen Augenblick außerhalb der Wege Gottes gefunden, verstrickt sich David im Netz des Teufels.

Ich meine nicht, dass das Verhalten des Paulus dem auch nur ansatzweise nahekommt. Fern sei es von mir, so zu denken. Paulus wurde in diesem Fall tatsächlich voller Gnade davor bewahrt, etwas zu tun, was der Verderbtheit der alten Natur entspricht. Mir scheint es, dass es einfach eine Fehleinschätzung des Apostels war, seine Liebe zum Volk Israel im Vordergrund zu haben und dabei die Warnungen, die der Geist gab, nicht zu beachten.

Die Tränen und die Bitten scheinen ihn in seinem Begehren eher noch bestärkt zu haben. Das war es dann auch, was ihn für diese Falle öffnete. Es war kein unmoralisches, aber religiöses Verhalten, das sich darin zeigte, dass er seine Meinung höher einschätzte als die der anderen. Aber den Rat des Jakobus nahm er dann an. „20 Du siehst, Bruder, wie viele Tausende es unter den Juden gibt, die gläubig geworden sind, und alle sind Eiferer für das Gesetz. 21 Es ist ihnen aber über dich berichtet worden, dass du alle Juden, die unter den Nationen sind, Abfall von Mose lehrst und sagst, sie sollen die Kinder nicht beschneiden noch nach den Gebräuchen wandeln. 22 Was ist nun? Jedenfalls [muss eine Menge zusammenkommen, denn] sie werden hören, dass du gekommen bist. 23 Tu nun dies, was wir dir sagen: Wir haben vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben. 24 Diese nimm zu dir, reinige dich mit ihnen und trage die Kosten für sie, damit sie sich das Haupt scheren lassen können“ – was für eine Position, in der der Apostel sich selbst wiederfindet – „und alle werden erkennen, dass nichts [an dem] ist, was ihnen über dich berichtet worden ist, sondern dass auch du selbst in der Beachtung des Gesetzes wandelst.“

Ohne zu bestreiten, dass es im früheren Leben des Apostels Paulus schon ähnliche Tendenzen gab (z.B. Apg 18,18), wird deutlich, dass es darum ging, den Anschein zu erwecken, er sei tatsächlich ein guter Jude. War das aufrichtig oder die ganze Wahrheit? War er nicht irgendwie ein merkwürdiger Jude? Ich bin überzeugt, dass es bei Paulus einen ehrlichen Respekt vor dem gab, was einstmals die Zustimmung Gottes hatte. Aber an dieser Stelle gab es eine Abweichung zwischen dem, was Paulus tat, und den vollkommenen Wegen unseres gelobten Herrn. Bis zum Kreuz – wir wissen das alle – hatte der erste Bund die Zustimmung Gottes. Nach dem Kreuz war er in seiner Gesamtheit verurteilt. Der Apostel hatte das alles mit Sicherheit bedacht und verinnerlicht, und er brauchte keinen, der ihm die Wahrheit zeigt. Doch zur selben Zeit mischte sich da eine starke Liebe zu seinem Volk ein; und wir wissen gut, wie es das einfältige Auge beeinflussen kann, das die einzige Sicherheit für einen Christen ist.

Dann allerdings hört der Apostel auf seine Brüder. und das in Bezug auf ein Thema, in dem er unvergleichlich besser in der Lage war, ein klares und gesundes Urteil zu fällen, als einer seiner Brüder. Logischerweise muss er dann die Folgen davon tragen …

(Lectures Introductory to the Study of the Acts, The Catholic Epistles and the Revelation, Seite 147-155.)


Elements of Dispensational Truths 3, 2007; S. 166–171 

Übersetzung: Philipp-Richard Schulz

 

Letzte Aktualisierung: 04.10.2017


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