Besitzen hebräische Christen besondere Segnungen? (1)
Dr. Fruchtenbaums Modell

Roy A. Huebner

online seit: 01.11.2016, aktualisiert: 15.10.2019

Dr. Arnold G. Fruchtenbaum ist von Geburt Jude und hat den Herrn Jesus als Messias angenommen. Er hat viele verschiedene Fächer studiert, u.a. Hebräisch am Dallas Theological Seminary, und hat einen Master der Theologie erworben. Befürworter des messianischen Judentums (wie zum Beispiel Dr. Stern), haben sich sehr ernstlich geirrt. Aber Dr. Fruchtenbaum weiß, dass der Christ nicht unter dem Gesetz ist. Er glaubt sogar an die Entrückung vor der Drangsal und zählt sich selbst zu den „Dispensationalisten“ (d.h. zu denen der Scofield-Gruppe). Dennoch hält er daran fest, dass es in der Versammlung Gottes jüdische Besonderheiten gebe; diese seien nicht durch den mosaischen Bund begründet, sondern durch den abrahamitischen Bund. Er weiß, dass der mosaische Bund beendet ist, doch der abrahamitische Bund sei immer in Kraft gewesen, seitdem er geschlossen wurde.

Dr. Fruchtenbaum befürwortet also „Besonderheiten des hebräischen Christen“. Neben anderen Werken hat er auch das Buch Hebrew Christianity („Hebräisches Christentum“) geschrieben. Wahrscheinlich kann er mit einer solchen Bezeichnung besser leben als mit der Bezeichnung „Messianisches Judentum“. Der Begriff „Hebräisches Christentum“ kommt gemäßigter daher; des Weiteren hat er auch den Vorzug, dass er eine lange Geschichte hat; dagegen ist die Bewegung des „messianischen Judentums“ erst in jüngster Zeit entstanden und wächst seitdem sehr schnell.[1] Das messianische Judentum hat eine Form des Judentums mit einigen Elementen des Christentums ergänzt, so dass es wie eine Form des Christentums erscheint (tatsächlich behauptet das messianische Judentum, die wahre frühe Christenheit darzustellen, die von Heidenchristen verfälscht worden sei). Betrachten wir Dr. Fruchtenbaums Ansichten als das Ende des gemäßigteren Spektrums, so ist es gleichwohl offensichtlich, dass seine Sichtweise bezüglich gläubiger Juden sehr judaistisch ist, obwohl er sich zum Scofield’schen Dispensationalismus hält. Wenn ich nun mit der Untersuchung seiner Grundlage für seine Idee der Besonderheiten hebräischer Christen beginne, dann ordne ich ihn nicht dem Spektrum des messianischen Judentums zu, das die Thora hält, so als würde ich alle, die dem messianischen Judentum angehören, über einen Kamm scheren. Wir werden noch sehen, wie weit Fruchtenbaums Ansicht entfernt ist von der himmlischen Berufung des Christen, seinem himmlischen Platz und seinen himmlischen Vorrechten. Wir werden sehen, dass sogar seine Sicht falsch, judaisierend und eine Abweichung vom Christentum ist.

Dr. Fruchtenbaum ruft dazu auf, die Söhne von jüdischen Gläubigen beschneiden zu lassen. Das ist in Wirklichkeit judaistisch. Dem sucht er zu entgehen, indem er die Beschneidung statt auf das mosaische Gesetz auf den abrahamitischen Bund stützt, der angeblich immer noch in Kraft sei. Ob unter dem abrahamitischen oder dem mosaischen Bund – Beschneidung steht für eine Trennung von den Nichtjuden/Heiden (abgesehen davon, welche Bedeutung sie sonst noch hat).  Dr. Fruchtenbaum vertritt die Einheit mit Gläubigen aus den Heiden, aber um geistlicher Unterschiede willen bringt er das Zeichen der Trennung von den Heiden an den Körper. Tatsache ist: Beschneidung ist ein Zeichen der Trennung – aber von wem? Nur von den Heiden? Unsere christliche Stellung beinhaltet, dass wir eine geistliche Beschneidung erfahren haben. Und diese Beschneidung, nämlich unsere Verbundenheit mit dem Tod Christi, schafft diese Trennung. Das, was Fruchtenbaum befürwortet, bedeutet tatsächlich ein Getrenntsein von Gläubigen aus den Heiden. Wir wollen von der Schrift her verstehen, was die Bedeutung der Beschneidung ist, nicht durch seine Erklärungen, mit denen er diese unbiblische und entzweiende Praxis zu rechtfertigen sucht, während er gleichzeitig von der Einheit mit den Gläubigen aus den Heiden redet. Unsere Untersuchung seiner Ansichten wird uns zeigen, wohin ihn diese führen.

Dr. Fruchtenbaum hat ein interessantes und friedfertiges Buch geschrieben mit dem Titel Hebrew Christianity: Its Theology, History, & Philosophy („Hebräisches Christentum: Seine Theologie, Geschichte & Philosophie“).[2] In diesem Buch zeigt er in dem Kapitel „The Biblical Basis for the Hebrew Christian Distinctive“ („Die biblische Grundlage für die hebräisch-christlichen Besonderheiten“) zu Recht auf, dass ein Christ aus den Heiden kein „geistlicher Jude“ ist (wie die Bundestheologie behauptet). Dem stimmen wir von ganzem Herzen zu. Uns ist schon lange bewusst, dass „ein wahrer Jude“ ein Jude ist, der errettet worden ist (Röm 2,29), und als solcher gehört er zum „Israel Gottes“ (Gal 6,16) und ist er ein natürlicher Zweig im Ölbaum aus Römer 11. Diese Dinge wurden im 19. Jahrhundert von J.N. Darby im Gegensatz zu den Ansichten der Bundestheologie gelehrt. Diese Lehre [von Darby] ist verbunden mit der himmlischen Berufung, dem himmlischen Platz und den himmlischen Vorrechten des Christen sowie damit, dass der Christ der Welt und dem Gesetz gestorben ist (nicht das Gesetz ist gestorben). Aber Dr. Fruchtenbaum hat sich (höchstwahrscheinlich unbewusst) gegen etliche Aspekte der im 19. Jahrhundert wiederentdeckten Wahrheit gewandt.[3]

In seinem Buch Hebrew Christianity stellt er sehr richtig dar, dass die Sicht, ein gläubiger Heide sei ein wahrer Jude oder Teil des Israels Gottes, falsch ist. Er zeigt in zwei Teilen die hebräisch-christlichen Besonderheiten auf:

A: Als Erstes zeigt er, dass es Unterschiede unter Christen gibt. Aus dieser Tatsache folgert er, dass es zwischen jüdischen Gläubigen und Gläubigen aus den Nationen einen geistlichen Unterschied gebe – was die geistlichen Aufgaben und Praktiken betrifft.

B: Dann untersucht er vier Themen, die seiner Meinung nach seine Behauptung rechtfertigen, dass das Neue Testament geistliche Besonderheiten für jüdische Gläubige unterstütze:

  1. der abrahamitische Bund
  2. die Lehre von dem Überrest
  3. die Lehre von dem Ölbaum
  4. die Lehre von dem Israel Gottes

Wir werden nicht nur die Aussagen aus dem Buch Hebrew Christianity prüfen, sondern auch aus seinen anderen Büchern. Dr. Fruchtenbaums grundsätzliches Modell geht von folgenden Punkten aus:

  1. Der abrahamitische Bund sei, seitdem er mit Abraham geschlossen wurde, immer noch in Kraft.[4] Da der gegenwärtige jüdische Überrest unter dem abrahamitischen Bund stehe, müsse er beschnitten werden.
  2. Außerdem sei dieser Überrest als Teil der Nation Israel zu sehen (obwohl die Nation Israel als solche aus dem Ölbaum – d.h. aus dem besonderen Platz der Vorrechte – ausgebrochen ist, wie wir noch feststellen werden).
  3. Der gegenwärtige jüdische Überrest stehe sowohl unter dem abrahamitischen Bund und sei ebenso ein Teil der Nation Israel; dies führe dies zu einer „doppelten Staatsbürgerschaft“. Das bedeutet: Nach 1. Korinther 10,32 sei dieser Überrest in der Kategorie „Jude“ für geistliche Belange, während er gleichzeitig in der Kategorie „Gemeinde Gottes“ zu finden sei.
  4. Außerdem empfange der gegenwärtige jüdische Überrest in der Auferstehung einen besonderen jüdischen Platz in der 1000-jährigen Herrschaft des Christus.

Bevor wir dieses Kapitel beenden, wollen wir noch anmerken, dass „Die hebräisch-christlichen Besonderheiten“ die Frage aufwirft, welche die „Besonderheiten der Gläubigen aus den Heiden“ sind. Es scheint keine zu geben, denn der jüdische Gläubige hat die Segnungen des Gläubigen aus den Heiden, aber er hat noch mehr als diese Segnungen. Nach Dr. Fruchtenbaums System habe der jüdische Gläubige mehr als der Gläubige aus den Heiden – was die irdischen Segnungen im 1000-jährigen Reich angeht, so trifft dies tatsächlich zu –, und das ist nicht nur falsch, es ist in seiner Stoßrichtung genauso entzweiend, wie es die Stellung des Christen „verirdischt“, das heißt seine himmlische Stellung herabsetzt auf eine irdische Stellung.

Nächster Teil

 

Anmerkungen

[1] Im Internet kann man einen Aufsatz von William Greene finden mit dem Titel The Ascendance of “Messianic Judaism“ in the Context of “Hebrew Christianity” („Die Überlegenheit des ,messianischen Judentums‘ im Umfeld des ,hebräischen Christentums‘“). Er betrachtet die Veränderungen – einschließlich der Entstehung messianischer Gemeinden. Außerdem gibt es einen Aufsatz von Mark Kinzer und Dan Juster: Defining Messianic Judaism („Messianisches Judentum erklärt“). Darin heißt es: „Am 31. Juli 2002 haben die anwesenden Delegierten vor der 23. UMCJ-Konferenz (Union of Conservative Messianic Judaism; „Konferenz der Union konservativen messianischen Judentums“) die folgende Erklärung unterschrieben. Unter der Überschrift „Basic Statement“ („Grundsatzerklärung“) lesen wir:

Messianisches Judentum ist eine Bewegung jüdischer Gemeinden und gemeinde-ähnlicher Gruppierungen, die sich zu Jeschua dem Messias bekennen. Dieses Bekenntnis schließt aufgrund des Bundes die Verantwortung ein, jüdisches Leben und jüdische Identität – die in der Thora verwurzelt sind – zu bewahren. Dieses Jüdischsein äußert sich in Traditionen, die  vor dem Hintergrund des neuen Bundes erneuert und angewendet werden.

Das Wort Judentum in dem offiziellen Namen „Messianisches Judentum“ ist sehr zutreffend. Messianisches Judentum ist nicht Christentum.

[2] Herausgegeben von Dr. Fruchtenbaums Organisation Arial Ministries Press, Tustin, Kalifornien 1992 [1983]. Nicht alle Fehler in diesem Buch werden hier betrachtet werden, da dazu ein Buch vonnöten wäre, das mehr als die 142 Seiten hat, die sein Buch umfasst.

[3] Vergleiche Elements of Dispensational Truth, Bd. 1, Jackson, Present Truth Publishers.

[4] Er tut das, obwohl das die Absurdität zur Folge hat, dass Israel – zur Erlangung der Verheißungen – gleichzeitig sowohl unter einen bedingungslosen als auch unter einen an Bedingungen geknüpften Bund gestellt wird. Es verfälscht den wahren Charakter der Prüfung des ersten gefallenen Menschen, die gezeigt hat, dass er von dem Sündenfall nicht wiederherzustellen war.


Originaltitel: „Dr. Fruchtenbaum’s Scheme“
übersetzt aus „Part 6: The Hebrew Christian Distinctives examined“
aus Elements of Dispensational Truth, Bd. 3, Present Truth Publishers, 2012, S. 229–232

Übersetzung: Philipp-Richard Schulz


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