In der Universität Gottes
Trübsale sind Teil unseres „Grundstudiums“

Thomas Oliver

© SoundWords, online seit: 10.07.2026

Zulassungsqualifikationen 

Wer an einer Universität zugelassen werden möchte, muss bestimmte Qualifikationen erfüllen. Ohne diese Zugangsvoraussetzungen würde ein Student in den Vorlesungen völlig umsonst lernen und das Studium würde niemals zu einem Abschluss führen – ganz gleich, wie fleißig er ist. Der Student muss die Aufnahmeprüfung bestehen und sich immatrikulieren. Diese Qualifikationen erwirbt er durch seine eigenen Leistungen.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Zugang zu Gottes Universität oder Schule: Auch hier werden bestimmte Qualifikationen verlangt, doch diese erhalten wir durch die Verdienste [oder Leistungen] eines anderen:

  • Röm 4,25–5,1Jesus, unser Herr, ist unserer Übertretungen wegen hingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden. Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. 

In Johannes 10,9 bezeichnet sich der Herr Jesus selbst als die Tür zur Errettung – als den einzigen Zugang zu jenem Segensbereich, in dem wir von Gott unterwiesen werden. Die „Startqualifikationen“ dafür sind nach Römer 5,1 die „Rechtfertigung“ und der „Frieden mit Gott“. Beide erlangen wir durch das Verdienst des Werkes des Herrn Jesus Christus, und zwar allein auf der Grundlage des Glaubens.

Unsere Immatrikulationsbescheinigung  

Die Bibel zeigt weiter, dass wir auf derselben Grundlage und nur durch Christus auch „Zugang zur Gnade“ (Röm 5,2a) erhalten beziehungsweise in unsere christliche Stellung eingeführt werden – das ist sozusagen unsere Immatrikulationsbescheinigung für die Universität Gottes. Der Lehrplan (das Curriculum) einer Universität legt sowohl den Lernstoff als auch die Unterrichtsmethode fest. […]

Eine wichtige Lektion: sich „der Trübsale rühmen“

Die erste Lektion, die wir lernen sollen, enthält einen offensichtlich unauflöslichen Widerspruch. Weil wir uns nämlich „der Herrlichkeit rühmen“, die wir einmal erlangen werden, sollen wir uns in gleicher Weise „auch der Trübsale rühmen“ oder in ihnen frohlocken (Röm 5,2-3). Es versteht sich von selbst, dass dieser Gedanke die herkömmliche Vorstellung von einem christlichem Lebenswandel weit übersteigt. Manchmal lesen wir, dass jemand eine lange Krankheit mit christlicher Geduld getragen hat.[1] Sich aber seiner Trübsale und seines Leids [aktiv] zu rühmen – und zwar mit derselben Freude, die uns einmal in der Herrlichkeit Gottes zuteilwerden wird [vgl. 1Pet 4,13] –, das übersteigt den menschlichen Verstand. Es lässt sich mit unserer „Hoffnung der Herrlichkeit“ nicht vereinbaren, wenn wir Trübsal und Leid einfach nur [passiv] ertragen, wo wir doch mit Freude der Herrlichkeit Gottes entgegensehen dürfen. Deshalb muss es einen tiefen Grund geben, warum der Apostel in beiden Fällen dasselbe Wort[2] verwendet, wenn er sagt, dass wir uns nicht nur „der Herrlichkeit“, sondern auch „der Trübsale rühmen“ sollen. Wir sollten gut auf die feinen Nuancen des biblischen Ausdrucks achten.

Was bedeutet „Trübsal“?

Unser Wort „Bedrängnis“ oder „Trübsal“ [Tribulation] stammt vom lateinischen tribula und entspricht dem griechischen Wort thlipsis. In der klassischen antiken Literatur werden diese beiden Wörter in verschiedenen Bedeutungen verwendet: für eine Egge, für eine einfache Dreschmaschine, für Druck und im übertragenen Sinn für Bedrängnis und Trübsal. Welche Bedeutung wir auch wählen, der Grundgedanke bleibt ähnlich. So wie der Ackerboden von einer Egge bearbeitet wird, damit der Boden später den Samen besser aufnehmen und keimen lassen kann, so kommen wir unter die Egge von Trübsal und Bedrängnis, damit wir ein aufnahmefähigerer und fruchtbarerer Boden werden für den göttlichen Samen, das Wort Gottes.

Um noch einmal auf das Bild der Dreschmaschine zurückzukommen: Das Korn wird durch den Druck der Drescher von der Spreu befreit. Ebenso kommt das Ergebnis von Gottes formendem Wirken in unserer Seele zum Vorschein, wenn durch den Druck von Trübsal und Bedrängnis die Spreu der menschlichen Natur abgetrennt wird.[3] Das positive Ergebnis: Wir werden darauf vorbereitet, den Lehrstoff in der Kraft des Geistes aufzunehmen.

Die Lehrmethode 

Der scharfsinnige Lord Francis Bacon (1561–1626), einer der fähigsten frühen Vordenker der wissenschaftlichen Methode, sagte einmal treffend: „Wohlergehen ist der Segen des Alten Testaments, Trübsal und Not der Segen des Neuen Testaments.“[4] Eine Zeit der Bedrängnis und der Trübsal ist immer eine Zeit, in der wir Gott näherkommen. Und diese Nähe gleicht all unsere Bedrängnisse reichlich aus. Alles, was dazu beiträgt, dass wir Gottes Liebe mehr erfahren, ist absolut erstrebenswert.

In der sogenannten Bergpredigt spricht der Herr Jesus davon, dass „der Weg schmal ist“ (Mt 7,13) – wörtlich: „der Weg der Bedrängnis“. Der Weltmensch wünscht das Ziel des Christen, scheut aber den Weg dorthin. Die zukünftige Herrschaft mit Christus bringt es mit sich, dass wir in der Gegenwart leiden [vgl. 2Tim 2,12a; Röm 8,17]. Doch auf diesem Weg ist Er bei uns, so wie Er bei den drei hebräischen Jungen im Feuerofen war (Dan 3,25).

Ein Teil unseres „Grundstudiums“

Trübsal und Bedrängnis sind nicht immer körperlicher Natur; oft sind sie seelischer Art, und das ist noch schwerer zu ertragen. Darüber hinaus werden wir sowohl durch Erfolg als auch durch Versagen geprüft. Die Disziplin, die wir nötig haben, wenn wir in Wohlstand leben und es uns gut geht, ist die schwerste Lektion, die wir lernen müssen. Die „kleinen Nadelstiche“ des Lebens sind oft eine größere Prüfung als die schweren Schläge. Harte Arbeit; das Gefühl, übersehen zu werden; Missverständnisse und Enttäuschungen – all das führt viel schneller zu Klagen und erstickt unseren Dank und Lobpreis noch eher als schwere Prüfungen.

Wenn wir begreifen, dass die irdischen Prüfungen Teil unseres „Grundstudiums“ für eine großartige und herrliche Bestimmung sind, können wir einstimmen in die Worte des Apostels der „Universität Gottes“: „Das schnell vorübergehende Leichte unserer Trübsal {o. Drangsal, Bedrängnis} bewirkt uns ein über jedes Maß hinausgehendes, ewiges Gewicht von Herrlichkeit“ (2Kor 4,17).

Vom „Ausharren“ zur „Hoffnung“

  • Röm 5,3-5: Wir rühmen uns auch der Trübsale, da wir wissen, dass die Trübsal Ausharren bewirkt, das Ausharren aber Bewährung, die Bewährung aber Hoffnung; Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.

In Römer 5,3-5 finden wir die nächsten Schritte dieser Lehrmethode: „Ausharren“ oder genauer gesagt „geduldige Beharrlichkeit“. Das führt zu „Bewährung“ oder treffender zu einem „bewährten oder gereiften Charakter“. Und schließlich führt es zur „Hoffnung“, die uns niemals enttäuschen wird, weil diese Hoffnung eine felsenfeste Erwartung ist, die sich auf den verlässt, der niemals versagen kann, und weil die Liebe Gottes durch den Heiligen Geist im wahrsten Sinne des Wortes „in unsere Herzen ausgegossen ist“ – und zwar so reichlich wie die Flut aus einer artesischen Quelle.[5] Worte können nicht beschreiben, wie wertvoll es schon im Hier und Jetzt ist, Gott auf diese Weise kennenzulernen und zu erfahren. Und bald wird unser „Universitätsstudium“ [hier auf der Erde] mit einer glanzvollen Abschlussfeier [graduation] enden.


Originaltitel: „God’s University“ 
in Scripture Truth, Jg. 12, 19,20, S. 86–87.

Übersetzung: Gabriele Naujoks

Anmerkungen

[1] Anm. d. Übers.: Damit möchte man oft ausdrücken, dass jemand sein Leid ertragen hat, das heißt, dass er sich einfach in seine Lage ergeben hat.

[2] Anm. d. Übers.: kauchaomai = „sich rühmen“.

[3] Anm. d. Red.: Das bedeutet nicht, dass die sündige Natur durch Leid komplett „weggedroschen“ würde, bis der Mensch vollkommen ist. Das Bild des Dreschens bedeutet hier nicht Ausrottung, sondern Scheidung und Offenlegung. Beim Dreschen wird die Spreu nicht vernichtet, sondern vom Korn abgeschieden. Auf das christliche Leben übertragen: Unter Druck bricht der menschliche Stolz zusammen; der Gläubige erkennt, dass er aus eigener Kraft nichts tun kann. In diesem Moment tritt die alte Natur in den Hintergrund und die neue Natur, die Gott ihm bei der Neugeburt geschenkt hat, kommt zum Vorschein.

[4] Francis Bacon, „Of Adversity“ (erstmals gedruckt 1625) in The Essays of Francis Bacon, M.A. Scott (Hrsg.), New York: Charles Scribner’s Sons, 1908, S. 23.

[5] Anm. d. Übers.: Bei einer gewöhnlichen Quelle quillt das Wasser drucklos als Rinnsal aus dem Boden oder muss bei Brunnen hochgepumpt werden. Eine artesische Quelle dagegen bricht aus einer tiefen unterirdischen wasserführenden Schicht hervor, die unter natürlichem Druck steht. Wird die obere undurchlässige Gesteinsschicht angebohrt, schießt das Wasser unaufhörlich in großen Mengen von ganz allein nach oben.


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