Der Prophet Micha (5)
Kapitel 5

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 30.09.2021, aktualisiert: 30.09.2021

Der geschlagene Richter

Die Verheißungen, über die wir gerade nachgedacht haben, werden alle durch den Messias erfüllt werden. Im Folgenden lesen wir nun von seiner Verwerfung bei seinem ersten Kommen. In der hebräischen Bibel [und auch in vielen deutschen Übersetzungen] sind die Kapitel 4 und 5 anders eingeteilt [als in den englischen Übersetzungen]: In diesen Bibeln gehört der erste Vers von Kapitel 5 noch zu Kapitel 4 und bildet dort den letzten Vers:

Mich 4,14: Nun dränge dich zusammen, Tochter des Gedränges: Man hat eine Belagerung gegen uns gerichtet; mit dem Stab schlagen sie den Richter Israels auf die Wange.

Durch diese Trennung der beiden Verse wird das Zeugnis von dem „Richter Israels“ getrennt von dem, der in Bethlehem geboren wird und dessen „Ursprünge von der Urzeit sind, von den Tagen der Ewigkeit her“ (Mich 5,1[1]). Es ist ein Leichtes, hierin eine rabbinische Entgegnung auf die Berichte des Neuen Testaments zu erkennen, so unbedeutend der Unterschied dem unachtsamen Leser auch erscheinen mag.

Wenn man sich nach der hebräischen Kapiteleinteilung richtet [und dementsprechend diesen Vers als den letzten Vers in Kapitel 4 liest], könnte es scheinen, als sei der erwähnte Richter einfach einer der vielen Herrscher Israels gewesen, der von dem Feind aus dem Norden so schmählich behandelt werden würde. Doch im Licht des Neuen Testaments wird deutlich, dass der Geschlagene niemand anders ist als der, der sagen konnte: „Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel“ (Jes 50,6). Er ist der, „der in das Seine kam, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Im Haus des Hohenpriesters „spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten; einige aber schlugen ihm ins Angesicht und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist es, der dich schlug?“ Gleicherweise die rohen Soldaten im römischen Prätorium: „Sie spien ihn an, nahmen den Rohrstab und schlugen ihm auf das Haupt“ (Mt 26,67.68; 27,30).

Vers 1

Doch von Ihm verkündet der Prophet:

Mich 5,1: Und du, Bethlehem-Ephrata, zu klein, um unter den Tausenden von Juda zu sein, aus dir wird mir hervorkommen, der Herrscher über Israel sein soll; und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her.

So wurde also bereits sieben Jahrhunderte bevor Gott als Mensch auf der Erde erschien, der Ort seiner Geburt eindeutig angegeben: Diese Ehre sollte der Stadt Davids zuteilwerden. Auf diesen Vers bezogen sich bekanntlich die Schriftgelehrten, als sie Herodes erklärten, wo Christus geboren werden sollte. Zwar hielten sie an der prophetischen Wahrheit fest und erforschten die Schriften, aber weder konnte die Wahrheit sie festhalten noch erlaubten sie der Wahrheit, sie zu durchforschen.

Diese Lektion ist wichtig für uns alle. Wenn wir mit dem geschriebenen Wort Gottes nur vertraut sind, dann macht uns das nur noch schuldiger, wenn das Wort Gottes nicht alle unsere Wege bestimmt. Die Bibel zu lesen; die verschiedenen Linien der Wahrheit darin zu erforschen; in der Lage zu sein, die großen lehrmäßigen Grundsätze der Schrift zu verstehen und darüber zu reden und doch dieses Wort nicht in einem aufrichtigen Herzen aufgenommen zu haben (Lk 8,15), damit das Wort uns führt und leitet – das ist in der Tat furchtbar!

Über die recht verbreitete und durchaus nützliche Praxis, Verse in der Bibel zu markieren, hat jemand einmal gesagt: „Es ist eine kleine Sache, wie du deine Bibel kennzeichnest, aber es ist von allergrößter Bedeutung, dass sie dich kennzeichnet.“

Vers 2

Mich 5,2: Darum wird er sie hingeben bis zur Zeit, da eine Gebärende geboren hat; und der Rest seiner Brüder wird zurückkehren zu den Kindern Israel.

Der Ewige, „offenbart im Fleisch“ (1Tim 3,16), kam also nach Bethlehem. Über seiner Krippe schwebten Engel, die ihren und unseren Gott anbeteten. Ein paar Hirten und später einige weise Männer aus fernem Land kamen ebenfalls, um anzubeten. Doch gleichzeitig gingen Israel und die umliegenden Nationen ihren Weg gleichgültig und achtlos weiter. Gott, der Sohn, war der Sohn des Menschen geworden; doch die Menschen im Allgemeinen kümmerten sich nicht darum. „Er war verachtet und verlassen von den Menschen“ (Jes 53,3), und der Richter Israels wurde auf die Wange geschlagen (Mich 4,14)! Auf diese Weise wurde „der Messias weggetan und hatte nichts“ (Dan 9,26). Deswegen kam das Gericht über die Stadt, die so boshaft über Ihn geurteilt hatte. Jerusalem ist über Jahrhunderte hinweg von den Nationen zertreten worden und wird es immer noch, „bis die Zeiten der Nationen erfüllt sind“ (Lk 21,24) – „bis zur Zeit, da eine Gebärende geboren hat; und der Rest seiner Brüder wird zurückkehren zu den Kindern Israel“. Zerstreut unter alle Völker, verteilt in alle Länder, überall auf der Welt in Leid und Not – Israel durchleidet den schrecklichen Fluch, den seine eigenen Ältesten über sie heraufbeschwört haben: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ (Mt 27,25).

„Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben“ (Jes 9,5), noch bevor sie Wehen litt für seine Geburt. Doch ihre Schmerzen werden noch kommen. In der großen Trübsal unter dem Antichristen wird das Volk Geburtsschmerzen erleiden. Dann wird Israel tatsächlich gebären und in dem Gekreuzigten ihren eigenen Sohn und ihren Retter erkennen! Vergleiche Offenbarung 12,1-5 und Jesaja 66,7-9: „Bevor sie Wehen hatte, hat sie geboren; bevor Schmerzen sie ankamen, wurde sie von einem Knaben entbunden.“ Daher sind die Schmerzen der Frau (Israel) noch zukünftig, und sie wird schwere Geburtswehen leiden, bevor sie ihren Messias erkennt und Ihn annimmt.

Dann wird sie [Israel] eine Menge Söhne haben, wenn „der Rest seiner Brüder zurückkehren wird zu den Kindern Israel“. Der Überrest, der hier „seine Brüder“ genannt wird, erkennt der Herr selbst als „meine Brüder“ an (Mt 25,40). So wird sich das Wort des älteren Propheten [Jesaja] erfüllen: „Zion hat Wehen bekommen und zugleich ihre Kinder geboren“ (Jes 66,8).

Vers 3

Mich 5,3: Und er wird dastehen und seine Herde weiden in der Kraft des HERRN, in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden wohnen; denn nun wird er groß sein bis an die Enden der Erde.

Christus wird als der lang erwartete Hirte Israels offenbart werden „und er wird dastehen und seine Herde weiden in der Kraft des HERRN“ und seiner wieder versammelten Herde bleibende Ruhe geben. Seine Majestät und Herrlichkeit wird in der ganzen bewohnten Welt bekanntgemacht werden, „denn nun wird er groß sein bis an die Enden der Erde“. Die Verse 1 bis 3 sind eine zusammengehörende Prophezeiung; sie berichtet von der Verwerfung Christi, als Er in Niedrigkeit und Gnade kam, und von seiner Annahme und weltweiten Anerkennung bei seinem zweiten Kommen in Macht und Hoheit, so wie es seiner erhabenen Person gebührt.

Verse 4-6

Mich 5,4-6: 4 Und dieser wird Friede sein. Wenn Assyrien in unser Land kommen und wenn es in unsere Paläste treten wird, so werden wir sieben Hirten und acht Menschenfürsten dagegen aufstellen. 5 Und sie werden das Land Assyrien mit dem Schwert weiden und das Land Nimrods in seinen Toren; und er wird uns von Assyrien erretten, wenn es in unser Land kommen und wenn es in unsere Grenzen treten wird. 6 Und der Überrest Jakobs wird inmitten vieler Völker sein wie ein Tau von dem HERRN, wie Regenschauer auf das Kraut, der nicht auf Menschen wartet und nicht auf Menschenkinder harrt.

Doch die Stunde der Erscheinung Christi in Macht und Herrlichkeit wird die Stunde des tiefsten Leids von Israel sein. Jerusalem wird von Heeren umzingelt sein. In der Stadt wird der Antichrist mit gotteslästerlicher Anmaßung herrschen. Die Legionen des neu erstandenen Römischen Reiches werden mit ihm sowohl ein Angriffs- als auch ein Verteidigungsbündnis geschlossen haben. Aus dem Süden wird eine wilde Horde in das Land einfallen. Von Norden her wird die gefürchtete Macht, die als „Assyrien“ bezeichnet wird und von der Sanherib nur ein Schattenbild war, in jubelndem Triumph einmarschieren und überall Verwüstung anrichten. „Der HERR wird [dann] ausziehen und gegen jene Nationen kämpfen wie an dem Tag, da er kämpft, an dem Tag der Schlacht“ (Sach 14,3), und „dieser [Mann] wird [der] Friede sein“ (Mich 5,4). Er, der für sündige Menschen Frieden mit Gott gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes (vgl. Kol 1,20) und als Mensch auf dem Thron Jahwes sitzt, ist unser Friede; Er wird auch an jenem Tag der Friede sein; und in Ihm wird das ermattete und zerschlagene Volk Israel seine Ruhe finden.

Der hochmütige Assyrer wird gestürzt werden und Gottes auserwähltes Volk wird von seiner grausamen Macht befreit werden (V. 4.5). Wenn sie dann von all ihren Feinden befreit sind, „wird der Überrest Jakobs inmitten vieler Völker sein wie ein Tau von dem HERRN, wie Regenschauer auf das Kraut“ (V. 6). Er wird auf Geheiß des HERRN Erquickung und Segen zu allen Völkern bringen und auf niemand warten (V. 6).

Verse 7.8

Mich 5,7.8: 7 Und der Überrest Jakobs wird unter den Nationen, inmitten vieler Völker, sein wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes, wie ein junger Löwe unter den Schafherden, der, wenn er hindurchgeht, zertritt und zerreißt, und niemand errettet. – 8 Hoch erhoben sei deine Hand über deine Bedränger, und alle deine Feinde mögen ausgerottet werden!

Der Löwe aus dem Stamm Juda wird sich in seiner Macht erheben und alle Feinde seiner Herrschaft unterwerfen. So wird Israel zum Haupt werden und nie mehr der Schwanz sein (vgl. 5Mo 28,13.44).

Verse 9-14

Mich 5,9-14: 9 Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR, da werde ich deine Pferde aus deiner Mitte ausrotten und deine Wagen vernichten. 10 Und ich werde die Städte deines Landes ausrotten und alle deine Festungen niederreißen. 11 Und ich werde die Wahrsagereien aus deiner Hand ausrotten, und du wirst keine Zauberer mehr haben. 12 Und ich werde deine geschnitzten Bilder und deine Bildsäulen aus deiner Mitte ausrotten, und du wirst dich nicht mehr niederwerfen vor dem Werk deiner Hände. 13 Und ich werde deine Ascherim aus deiner Mitte herausreißen und deine Städte vertilgen. 14 Und ich werde in Zorn und in Grimm Rache üben an den Nationen, die nicht gehört haben.

Alles, was sich gegen den HERRN erhoben hat, wird niedergeworfen werden. Jegliches Böse wird vom Erdboden ausgerottet werden und Gerechtigkeit wird bis an die Enden der Erde triumphieren. Das ist das Ende, dem alle Propheten entgegensahen; so ist es auch ein passendes Ende für den zweiten Teil unseres Buches.


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Micah“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909
Quelle: http://www.plymouthbrethren.org/article/4846

Übersetzung: Christa Kern

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Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: In der hebräischen Bibel und in den englischen Bibeln ist dies aufgrund der abweichenden Kapiteleinteilung Micha 5,2.


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