Die Textgrundlage des Neuen Testaments (5)
A) Der Textus Receptus

Martin Arhelger

© M. Arhelger, online seit: 29.09.2006, aktualisiert: 31.01.2018

Frühe Ausgaben des Textus Receptus

Erst seit der Erfindung der Buchdruckerkunst ist es möglich geworden, eine große Zahl an inhaltlich gleichen Bibeln in kurzer Zeit herzustellen. Der Gelehrte Erasmus von Rotterdam (1466 oder 1469–1536) war der Erste, der 1516 auf diese Weise ein griechisches Neues Testament veröffentlichte. Die von ihm gedruckte Textform nannte man später Textus Receptus. Ein Biograph von Erasmus schreibt: „Am erstaunlichsten aber ist die Kürze der Zeit, die für die Herstellung selbst gebraucht wurde. Wer den starken Folioband vor sich hat, sollte es nicht für möglich halten: Aber es steht absolut fest, dass der Band, der außer zwei umfänglichen Einleitungsschriften und dem griechischen Text mit beigefügter neuer Übersetzung des Herausgebers einen bedeutenden Kommentar mit vielem Griechisch und Hebräisch enthält, innerhalb von fünf Monaten (Anfang September 1515 bis Ende Januar 1516) nicht nur gesetzt, korrigiert und ausgedruckt, sondern großenteils überhaupt erst geschrieben wurde!“[1] Die Eile von Erasmus und seinem Drucker war begründet. Es war nämlich damals schon bekannt geworden, dass Gelehrte einer spanischen Universität unter der Leitung des Kardinals Ximenes ebenfalls an einer griechischen Textausgabe der Bibel arbeiteten. Erasmus und seine Helfer wollten ihnen in der Herausgabe unbedingt zuvorkommen.

Erasmus nahm parallel zur Arbeit am Text des Neuen Testamentes noch eine Herausgabe des Kirchenvaters Hieronymus in Angriff. Im Oktober 1515 schrieb er, dass er mit dieser doppelten Arbeit vollkommen überlastet sei. Nach Vollendung seiner Arbeit schrieb er im Juni 1516 an einen Freund, dass er eine Arbeit, die eigentlich 6 Jahre in Anspruch nähme, innerhalb von 8 Monaten geleistet habe. Später gab er zu, dass sein Neues Testament „eher zusammengeworfen als editiert“ worden sei (praecipitatum est verius quam aeditum)[2].

Die drucktechnische Ausstattung der Ausgabe von etwa 1.000 Seiten war zwar erstaunlich gut. Durch die fieberhafte Eile enthält der Text jedoch zahlreiche Druckfehler und Ungenauigkeiten. Erasmus hatte zwar schon in früheren Jahren mehrfach griechische Handschriften des Neuen Testamentes studieren können. Aber während des Druckprozesses standen ihm in Basel nur wenige Handschriften zur Verfügung. Erasmus stützte sich bei seinem Text auf insgesamt sec Handschriften, die aus dem 11.–15. Jahrhundert stammten (also allesamt relativ jung waren) und um deren mindere Qualität Erasmus selbst wusste. Keine dieser Handschriften umfasste das vollständige Neue Testament. Für die Evangelien standen nur zwei, für die Offenbarung sogar nur eine einzige Handschrift zur Verfügung.

Erasmus hat den griechischen Text der von ihm benutzten Handschriften nicht einfach vollständig aus anderen Ausgaben übernommen, sondern ihn hier und da geändert, oftmals nach der lateinischen Vulgata, gelegentlich auch nach Zitaten von Kirchenvätern. Manchmal arbeitete er sogar mit bloßen Vermutungen, auf die wir weiter unten eingehen werden. Die von Erasmus benutzten Handschriften existieren noch heute, so dass man seine Arbeit relativ gut nachvollziehen kann. Man kann beispielsweise die Anmerkungen und Korrekturen sehen, die Erasmus zwischen die Zeilen und an den Rand der Handschriften eingefügt hatte. Allerdings erlaubten sich die Drucker auch gelegentliche Abweichungen von den Vorgaben von Erasmus.

Um sein Werk besonders werbewirksam zu machen, widmete Erasmus es dem damaligen Papst Leo X. (1513–1521), der später als Gegner Luthers bekannt werden sollte. Leo erwiderte prompt (am 1.2.1516): „Deinem Eifer wünschen wir Heil und Segen. (…) Uns selbst sollst du indes immer empfohlen sein und du sollst von Uns das Lob empfangen …

Von der ersten Auflage wurden etwa 1200 Exemplare verkauft. Der Drucker war ängstlich darauf bedacht, von den Mängeln der ersten Ausgabe nichts bekannt werden zu lassen. Denn er fürchtete, die erste Auflage könne nicht vollständig verkauft werden, wenn bekannt würde, dass eine verbesserte zweite im Gange sei.

1519 konnte Erasmus die zweite Ausgabe herausbringen. An etwa 400 Stellen veränderte Erasmus den Text. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Verbesserungen von Druckfehlern. Leider konnte auch diese Revision nicht gründlich genug vorgenommen werden, da Erasmus während der Überarbeitung krank wurde. Die zweite Auflage erschien in etwa 1.100 Exemplaren. Martin Luther stützte sich bei seiner deutschen Bibelübersetzung auf diese zweite Auflage. Die dritte Auflage von Erasmus erschien 1522, die vierte 1527. Seine fünfte und letzte Ausgabe wurde 1535 gedruckt.

Da es zur damaligen Zeit noch kein Copyright gab, wurden die Textausgaben von Erasmus – trotz ihrer Mängel – immer wieder kopiert und fanden weite Verbreitung.

Konkurrenten von Erasmus an der spanischen Universität Alcalá arbeiteten unter Leitung des Kardinals Ximenes ebenfalls an einer Textausgabe. Die Fassung des griechischen Neuen Testamentes wurde zwar schon 1514 vollendet. Aber die päpstliche Druckerlaubnis ließ bis zum 22. März 1520 auf sich warten. Diese Ausgabe war zwar deutlich sorgfältiger erarbeitet worden als die von Erasmus. Sie hatte aber den Nachteil, dass sie vergleichsweise zu spät kam, so dass die Ausgaben von Erasmus längst den Markt erobert hatten. Außerdem war sie wegen ihres Umfangs sehr kostspielig, so dass sich viele Gelehrte dieses griechische Neue Testament nicht leisten konnten.

Robert Étienne (genannt „Stephanus“[3], 1503–1559) veröffentlichte 1546 seine erste Ausgabe des griechischen Neuen Testamentes. Die zweite Ausgabe von 1549 war der ersten sehr ähnlich. Die dritte Ausgabe von 1550, die sogenannte „Regia“ wurde sehr bekannt. Sie wird manchmal als der Standardtext des Textus Receptus betrachtet. Bei dieser „Regia“ hatte sich Stephanus besonders stark an die fünfte Ausgabe von Erasmus angepasst.

Eine vierte und letzte Auflage, die 1551 in Genf herausgegeben wurde, war dreispaltig und enthielt den griechischen Grundtext, die Vulgata (traditionelle lateinische Übersetzung des Neuen Testaments) und die lateinische Übersetzung von Erasmus. Auch diese Ausgabe wurde berühmt, weil Stephanus hier zum ersten Mal die Verszählung in den griechischen Text einführte. Der griechische Text ist dem der dritten Auflage, der „Regia“, sehr ähnlich.

Den griechischen Text hatte Stephanus im Wesentlichen durch Vergleich der fünften Ausgabe von Erasmus und der spanischen Ausgabe gewonnen. Obwohl Stephanus für seine Ausgaben inzwischen sogar 15 oder 16 Handschriften heranzog, hatte sich der Erasmus-Text bereits dermaßen etabliert, dass Stephanus ihn nur ganz vereinzelt und behutsam zu ändern wagte. Besonders in den Briefen und in der Offenbarung änderte er den Text von Erasmus praktisch überhaupt nicht. An über 100 Stellen, bei denen Stephanus seinen Vorgängern folgte, hatte er dafür in den von ihm benutzten Handschriften keine Grundlage.

Der reformierte Theologe Theodor Beza (1519–1605) war der Nachfolger des berühmten Reformators Johannes Calvin. Beza veröffentlichte zwischen 1565 und 1604 insgesamt neun Ausgaben des griechischen Neuen Testamentes (eine zehnte folgte 1611 nach seinem Tod). Im Wesentlichen benutzte er als Text die vierte Auflage von Stephanus (aus dem Jahr 1551), die er mit der Ausgabe von Ximenes verglich. Änderungen hat Beza nur an wenigen Stellen angebracht. Er wagte es allerdings, den griechischen Text an einigen Stellen aufgrund bloßer Vermutungen zu ändern, ohne dafür eine Grundlage in vorherigen gedruckten Ausgaben oder in Handschriften zu besitzen. In Römer 7,6 änderte er z.B. „wir (sind) gestorben“ in „er (ist) gestorben“. In Galater 4,17 strich er das Wort „euch“ und machte daraus „uns“. Das waren keine Druckfehler oder Versehen, sondern bewusste Textänderungen an Stellen, wo Beza den bisherigen Text für fehlerhaft hielt.

Bonaventura Elzevir und sein Neffe Abraham Elzevir[4] waren geschäftstüchtige holländische Buchdrucker. Sie veröffentlichten zwischen 1624 und 1678 sieben Textausgaben des Neuen Testamentes in etwa 8.000 Exemplaren. Dabei verwendeten sie hauptsächlich den Text aus der ersten Ausgabe von Beza (1565), den sie hier und da nach dessen Ausgabe von 1580 korrigierten.

Auch die Ausgaben der Elzevirs wurden weit verbreitet. Im Vorwort zu ihrer zweiten Ausgabe von 1633 schrieben die Verleger: „Du hast also den Text, der nun von allen akzeptiert wird“ („Textum ergo habes, nunc ab omnibus receptum“). Aus dieser kühnen Behauptung hat sich der Begriff „Textus Receptus“ abgeleitet.

Alle diese Ausgaben stellen im Prinzip eine Textform dar, die im Wesentlichen auf die erste Ausgabe von Erasmus zurückgeht. Sie unterscheiden sich nur relativ geringfügig. Trotzdem gibt es auch zwischen jeder dieser Ausgaben in aller Regel mehr als 100 Unterschiede, meistens orthographische Varianten.

Heute halten einige Christen den Textus Receptus für einen völlig fehlerfreien, ja den inspirierten Text. Wir haben jedoch gesehen, dass es den Textus Receptus gar nicht gibt. Es gibt nur eine Vielzahl an Ausgaben, die wohl ähnlich sind, sich aber in manchen Details unterscheiden. Ein Textus-Receptus-Anhänger muss also deutlich sagen, welche der genannten Ausgaben er als inspiriert betrachtet.

Weil von heutigen Verteidigern des Textus Receptus die Textunterschiede in den Ausgaben des Textus Receptus gerne heruntergespielt werden, seien einige Zahlen genannt:

  • Die erste und zweite Auflage von Erasmus unterscheiden sich an etwa 400 Stellen.
  • Die zweite und dritte Auflage von Erasmus unterscheiden sich an 118 Stellen.
  • Die dritte und vierte Auflage von Erasmus unterscheiden sich an 106 Stellen.
  • Die erste Auflage von Stephanus bietet an 37 Stellen eine Textform, die sich weder bei Erasmus noch bei Ximenes findet.
  • Die erste und zweite Auflage von Stephanus unterscheiden sich an 67 Stellen.
  • Sie unterscheiden sich von der dritten Auflage an 284 Stellen.
  • Die vierte Auflage von Stephanus (1551) und die Ausgabe Bezas von 1582 unterscheiden sich an etwa 50 Stellen.
  • Die verbreitete dritte Auflage von Stephanus (1550) unterscheidet sich von den Ausgaben von Elzevir laut dem Gelehrten Scrivener an 286 Stellen, laut dem Gelehrten Tischendorf an 145 Stellen (Tischendorf hat vermutlich geringfügige orthographische Varianten nicht mitgezählt.)

Es ist wichtig, diese Unterschiede zu erwähnen. Denn Verteidiger des Textus Receptus stellen es (meist aus Unkenntnis) oft so dar, als ob es nur einen einzigen, absolut eindeutigen Textus Receptus gäbe. In Wirklichkeit gibt es Hunderte von Unterschieden, von denen einige im Anhang genannt werden. Es ist Unwissenheit oder bewusste Irreführung, wenn man den Textus Receptus als einen Text darstellt, der auf „Jota“ und „Strichlein“ genau sei (vgl. Mt 5,18).

Der Textus Receptus wird hinterfragt

Im 18. und besonders im 19. Jahrhundert stellte man den Textus Receptus immer mehr in Frage. Diese „Textkritik“ darf nicht mit „Bibelkritik“ verwechselt werden. Es setzte sich immer mehr die Ansicht durch, dass der Textus Receptus nicht die Urfassung des Neuen Testamentes sein kann. Die Forscher gewannen die Einsicht, dass für eine überzeugende Fassung des Grundtextes ein intensives Studium der noch vorhandenen alten Handschriften notwendig ist. Man erkannte, dass nicht nur die Zahl, sondern auch das Alter der Handschriften ein wichtiges Gütekriterium ist.

Die Geschichte der Textkritik kann hier unmöglich ausführlich dargestellt werden. Daher nur einige wichtige Schlaglichter:

  • Erasmus von Rotterdam selbst war eigentlich der Erste, den man als Textkritiker bezeichnen muss. Denn er hatte seinen Text durch Vergleich verschiedener Handschriften gewonnen. Leider verwendete er wenige und oft wenig gute Handschriften.

  • Stephanus wirkte ebenfalls als Textkritiker: In seiner Ausgabe von 1550 hatte er ein gutes Dutzend anderer Handschriften verglichen und deren Lesarten teilweise am Rand vermerkt. Aber auch sie waren recht jung. Stephanus hatte zudem nur selten gewagt, die Lesarten seiner Handschriften dem etablierten Text von Erasmus vorzuziehen. Das sollte für viele Jahre so bleiben, obwohl man im Lauf der Zeit immer mehr andere Lesarten aus anderen Handschriften kennenlernte, z.B. durch die berühmten Polyglotten (mehrsprachige Ausgaben) des 17. Jahrhunderts.

  • Edward Wells war 1709 der Erste, der es wagte, konsequent einen Text zu drucken, der nicht mehr mit dem inzwischen fast 200 Jahre alten Textus Receptus identisch war.

  • Weitere Meilensteine waren die Ausgaben von John Mill (1707), der aus fast 80 Handschriften schon etwa 30.000 griechische Textvarianten gesammelt hatte (allerdings den traditionellen Textus Receptus nicht zu ändern wagte), ferner die Ausgaben von Richard Bentley (1707), Daniel Mace (1729), Johann Albrecht Bengel (1734), Johann Jakob Wettstein (1751/1752) und Johann Jakob Griesbach (1775–1777). Diese Text-Herausgeber waren vielfachen Anfeindungen unter den Theologen ausgesetzt. Wettstein (1693–1742) musste wegen seiner textkritischen Arbeiten sogar sein Heimatland verlassen.

  • Im 19. Jahrhundert wurden die Herausgeber noch mutiger. Hier müssen besonders die Namen von K. Lachmann, A. Scholz, C. von Tischendorf, B.F. Westcott und F.J.A. Hort genannt werden. Manchmal schossen diese Forscher allerdings auch über das Ziel hinaus, z.B. indem sie einzelnen Handschriften übergroßes Gewicht beimaßen.

  • Ein echter Meilenstein in der Geschichte der Erforschung des griechischen Textes waren die Arbeiten von Constantin von Tischendorf, der selbst zahlreiche alte Handschriften untersuchte und die berühmte Handschrift des „Codex Sinaiticus“ aus dem 4. Jahrhundert fand.

Im 20. Jahrhundert wurden die Vorarbeiten des 19. Jahrhunderts umfangreich verarbeitet und durch neue Textfunde erweitert. Inzwischen kennt man über 5300 griechische Handschriften des Neuen Testaments, darunter sind Handschriften bekannt geworden, die über 200 Jahre älter sind als die ältesten, die im 19. Jahrhundert zur Verfügung standen.

Fehler des Textus Receptus (Offenbarung 22,19)

Dass der Textus Receptus nicht die ursprüngliche Fassung des Neuen Testaments sein kann, bedarf nach der Erwähnung seiner Entstehung eigentlich keines weiteren umfangreichen Beweises. Trotzdem soll dies an einem bemerkenswerten Beispiel verdeutlicht werden:

In Offenbarung 22,19 steht im Textus Receptus (wörtlich übersetzt) Folgendes: „Und falls jemand von den Worten (des) Buches dieser Weissagung wegnimmt, wird Gott sein Teil wegnehmen von dem Buch des Lebens und aus der heiligen Stadt und (von) den geschriebenen (Dingen) in diesem Buch.“

Es kommt jetzt auf den Ausdruck „Buch des Lebens“ an. Bis heute kennt man keine einzige (!) griechische Handschrift aus der Zeit vor Erasmus, die diese Fassung hat. Alle zur Verfügung stehenden Handschriften aus der Zeit vor Erasmus[5] lesen hier nicht „Buch des Lebens“, sondern „Baum des Lebens“.

Wie ist diese Stelle im Textus Receptus entstanden? Das kann man historisch genau rekonstruieren. Erasmus hatte zwar schon in früheren Jahren mehrfach intensiv griechische Handschriften studieren können. Als er jedoch 1515 und 1516 an der Herausgabe des griechischen Neuen Testaments arbeitete, stand ihm für das Buch der Offenbarung nur eine einzige griechische Handschrift zur Verfügung. Diese hatte er von seinem Freund Johannes Reuchlin geliehen, weil er in Basel keine griechische Handschrift der Offenbarung auftreiben konnte. Diese eine Handschrift stammte aus dem 12. Jahrhundert und befindet sich heute in der Universitätsbibliothek von Augsburg, wo sie 1861 wiederentdeckt worden war.[6] Sie enthielt nicht nur den Text der Offenbarung, sondern auch einen beigefügten Kommentar des Kirchenvaters Andreas von Kappadozien (563–637). Der Text der Handschrift war in einer schwer lesbaren Kursivschrift verfasst, die den Setzern viel Mühe bereitete.

Dieser Handschrift fehlte das Blatt mit den letzten fünfeinhalb Versen (Off 22,16b-21), was heute noch zu sehen ist. Was sollte Erasmus tun? Er hätte versuchen können, eine andere griechische Handschrift der Offenbarung zu besorgen. Aber Erasmus und sein Drucker standen unter Zeitdruck: Sie wussten, dass ein griechisches Neues Testament sehr gefragt war. Zudem wollten sie unbedingt die Ersten sein, die es drucken konnten. Sie wussten, dass ihre Konkurrenten in Spanien ebenfalls an einer Herausgabe des Neuen Testamentes arbeiteten.

Erasmus hat sich deshalb nicht die Zeit genommen, um eine andere griechische Handschrift der Offenbarung zu besorgen, sondern er hat das Unmögliche gewagt: Er hat den damals verbreiteten lateinischen Text von Offenbarung 22,16-21 ins Griechische zurückübersetzt und in seiner Ausgabe drucken lassen.[7] Erasmus war klug genug, diesen Kunstgriff nicht zu verbergen, sondern hat ihn selbst zugegeben. In seinen Anmerkungen zum Neuen Testament schrieb er:

„Quamquam in calce hujus libri, nonnulla verba reperi apud nostros, quae aberant in Graecis exemplaribus, ea tamen ex latinis adiecimus.“ Obwohl ich am Ende dieses Buches einige Worte bei unseren Exemplaren gefunden habe, die in den griechischen Exemplaren fehlten, haben wir sie dennoch aus den lateinischen Exemplaren hinzugefügt.

In einem Brief schrieb Erasmus später über die von ihm benutzte griechische Handschrift noch offener:

„Dubium non erat quin esset omissa, et erant perpauca. Proinde nos ne hiaret lacuna, ex nostris Latinis supplevimus Graeca. Quod ipsum tamen noluimus latere lectorem, fassi in Annotationibus quid a nobis esset factum: ut si quid dissiderent verba nostra ab his quae posuisset auctor huius operis, lector nactus Exemplar restitueret.“[8] Es besteht kein Zweifel, dass sehr wenige Worte verlorengegangen waren. Damit wir also keinen Verlust haben sollten, haben wir aus unseren lateinischen [Ausgaben] die griechischen [Worte] ergänzt. Weil wir trotzdem den Leser darüber nicht im Unklaren lassen wollten, haben wir in Anmerkungen [zum griechischen Neuen Testament] zugegeben, was wir gemacht haben …

Das Unternehmen von Erasmus war tollkühn. Die Folgen sind klar: Natürlich konnte Erasmus durch seine Rückübersetzung den wirklichen griechischen Text nur ungefähr treffen. Deshalb befinden sich im Text von Erasmus Wörter und Wortformen (übrigens nicht nur in Offenbarung 22,19), die bis heute in keiner einzigen griechischen Handschrift zu finden sind.

Die Ausgabe der von Erasmus verwendeten lateinischen Bibel (Vulgata) las in Offenbarung 22,19: „LIBRO VITAE“ (Buch des Lebens)[9]. Diese (falsche) Fassung hat Erasmus ins Griechische zurückübersetzt. Für die Verteidiger des Textus Receptus, die diese Textgrundlage für den „inspirierten Bibeltext“ halten, bedeutet das, den katholischen Humanisten Erasmus zu einem inspirierten Schreiber des Neuen Testaments zu machen.[10]

Der Text von Erasmus hat in der Offenbarung an über zehn Stellen solche Textformen, die bis heute von keiner einzigen Handschrift (vor Erasmus) gelesen werden. In Offenbarung 5,14 machte Erasmus z.B. aus den Worten „die Ältesten … beteten an“ durch Texterweiterung die Fassung: „Die Ältesten … beteten den an, der da lebt in die Zeitalter der Zeitalter.“ Diese Fassung fand sich zwar in einigen Handschriften der lateinischen Vulgata, fehlt aber bis heute in allen bekannten griechischen Handschriften aus der Zeit vor Erasmus.

Auch in Offenbarung 4,4 oder in Offenbarung 18,5 finden sich solche Stellen. In Offenbarung 17,8 (Versende) hat eine solche Stelle sogar lange Zeit das korrekte Verständnis des Textes sehr behindert. Dort steht im Text von dem Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, dass es „war und nicht ist und da sein wird“. Vermutlich durch einen Lesefehler druckte Erasmus jedoch, dass es „war und nicht ist und doch ist“ – und hat damit über viele Jahre verhindert, dass dieser Text überhaupt verstanden werden konnte. Das Tier existierte damals (zu der Zeit von Johannes). Danach sollte es für lange Zeit nicht mehr sein. Aber in der Zukunft wird es wieder erstehen.

Die Offenbarung ist nicht das einzige Buch, in dem Erasmus den griechischen Text eigenmächtig geändert hat. Weitere Beispiele für Lesarten des Textus Receptus ohne jede Handschriftenbezeugung vor dem 16. Jahrhundert findet man z.B. in Apostelgeschichte 9,5; 26,14; 2. Korinther 11,10 oder in 1. Petrus 3,20.

Behauptungen von Textus-Receptus-Vertretern

Trotz der oben genannten Tatsachen halten Verteidiger des Textus Receptus an ihrer Meinung fest und versuchen, die Argumente der Vertreter anderer Textgrundlagen zunichtezumachen. Im Rahmen dieser Schrift können die Argumente unmöglich ausführlich widerlegt werden. Doch kann sie jeder aufmerksame Leser oft leicht entlarven.

Die häufigsten Fehler, die von Verteidigern des Textus Receptus gemacht werden, sind folgende:

  • Autoritäten werden fälschlich für sich in Anspruch genommen.[11]
  • Die alten Übersetzungen (besonders syrische) werden in unrichtiger Weise zu Rate gezogen.
  • Lesarten von Kirchenvätern werden unrichtig oder unkritisch angeführt.
  • Fehler in alten Handschriften werden einseitig hervorgehoben, um deren Wert zu diskreditieren. Ebenso häufige Fehler in jüngeren Handschriften werden verschwiegen oder verharmlost.

Auf sechs oft gehörte Behauptungen soll noch kurz eingegangen werden:

  1. Es wird behauptet, die moderne Textforschung sei von der katholischen Kirche unterwandert oder sei eine Brutstätte von Ungläubigen, Irrlehrern und Rationalisten gewesen.

    Diese Behauptungen sind abwegig. Männer wie S.P. Tregelles oder C.v. Tischendorf waren zweifellos wiedergeborene Gläubige (was freilich nicht heißt, dass man alle ihre Meinungen akzeptieren wird). Umgekehrt darf man nicht verschweigen, dass Erasmus von Rotterdam sowohl ein überzeugter Anhänger der katholischen Kirche[12] als auch ein früher Rationalist war, der auch viele bibelkritische Gedanken vertrat.[13] Die katholische Kirche hat sich nur langsam mit den Ergebnissen der Textforschung zurechtgefunden. Die Mehrzahl alter und neuer Textforscher stammt nicht aus dem Katholizismus; der bedeutendste katholische Textforscher war wohl Erasmus von Rotterdam – und auf ihn geht gerade der Textus Receptus zurück.

  2. Man behauptet, in modernen Textausgaben würden vielfach Textstellen ausgelassen. Dieser Vorwurf trifft jedoch auch den Textus Receptus selbst. Er ist an etwa 600 Stellen kürzer als der Text von Nestle-Aland.[14]

  3. Besonders oft wird behauptet, moderne Textausgaben würden den Namen Gottes oder des Herrn Jesus häufig auslassen.

    Aber auch der Textus Receptus tut dies ab und zu: In Markus 16,9 fehlt „Jesus“, in Johannes 12,1 fehlt „Jesus“, in Apostelgeschichte 24,24 fehlt „Jesus“, in Apostelgeschichte 26,15 fehlt „Der Herr“, in Römer 11,22 fehlt „Gottes“, in 1. Korinther 1,29 fehlt „Gott“, in 1. Korinther 6,11 fehlt „Christus“.

  4. Von Verteidigern des Textus Receptus wird auch gerne das Argument angeführt, dass der Textus Receptus die Grundlage für die erfolgreichen und bedeutenden Bibelübersetzungen der Reformation bildete. Daraus könne man sehen, dass Gott seinen Segen auf diese Textfassung gelegt habe. Aber hier liegt ein doppelter Fehlschluss vor:

    Erstens ist Gott souverän und kann auch dann Segen geben, wenn kein Gehorsam gegenüber seinen Gedanken vorliegt. Segen und Erfolg dürfen nie einfach als Zeichen für Gottes Wohlgefallen gewertet werden. Man sieht das z.B. in 4. Mose 20, als Gott dem Volk viel Wasser gab, obwohl das Volk gemurrt hatte und Mose und Aaron ungehorsam gewesen waren. Wer kann Gott daran hindern, Segen zu geben?[15]

    Zweitens muss die Frage erlaubt bleiben, ob die Reformation nicht auch mit dem Text der modernen Textausgaben (ohne den Textus Receptus) stattgefunden hätte. Keine Lehre oder Erkenntnis der Reformation stützt sich auf eine Aussage der Heiligen Schrift, die sich nur im Textus Receptus findet; hätte Martin Luther (und andere frühe Reformatoren) nach dem Nestle-Aland-Text übersetzt, wäre die Reformation nicht anders verlaufen, als sie verlaufen ist.[16]

  5. Verteidiger des Textus Receptus nehmen auch gerne einige Bibelstellen nur für „ihren“ Text in Anspruch. Sie verweisen z.B. auf Matthäus 5,18 und sagen: Wer den modernen Textkritikern folgt, muss glauben, der Herr habe sein Wort erst im 19. Jahrhundert wieder gegeben. Alle Gläubigen der vorherigen 18 Jahrhunderte hatten dann nur eine verfälschte Bibel.

    Aber dieses „Argument“ lässt sich ebenso auf den Textus Receptus anwenden, den es erst seit 1516 gibt. Alle vorherigen 14 Jahrhunderte hatten dann nur eine verfälschte Bibel. Zu allen Zeiten gab es fehlerhafte Handschriften. (Die Vertreter des Textus Receptus werden ja mindestens die Lesarten der alten Handschriften, von denen sie abweichen, als verfälscht ansehen müssen.) Gott hat also zugelassen, dass solche Handschriften existierten. Es ist ein theologisches Missverständnis, wenn man glaubt, das Nichtvergehen der Worte des Herrn bedeute, dass alle (oder auch nur die Mehrzahl aller) biblischen Handschriften die korrekte Fassung des Wortes Gottes haben müssten. Aus den Worten des Herrn folgt vielmehr, dass es immer und zu allen Zeiten Zeugen für sein Wort geben wird; wie viele es sind und wo sie sind, wird nicht gesagt. Hätte man im Mittelalter nur den Willen aufgebracht, hätte man ohne Weiteres Textzeugen für einen besseren biblischen Text finden können. Dieser Wille wurde jedoch im Mittelalter nicht aufgebracht, und so verblieb man damals fast ausschließlich bei dem minderwertigen und öfter fehlerhaften lateinischen Text. Heute ist es nicht anders. Das Problem liegt somit bei uns Menschen, nicht bei dem Wort Gottes an sich. Wir waren nachlässig gegenüber dem Wort Gottes. Und wenn Paulus den Timotheus flehentlich ermahnt, das schöne anvertraute Gut zu bewahren, dann sollte es uns nicht verwundern, dass viele weniger treue Leute als Timotheus es nicht bewahrt haben. Es gibt aber für jede Lesart des Bibeltextes mindestens zwei oder drei Zeugen an Handschriften. Dies entspricht der biblischen Forderung, dass zum Beweis einer Sache mindestens zwei oder drei Zeugen benötigt werden.

    Wenn Matthäus 5,18 weiterhin gern von Textus-Receptus-Vertretern auf ihre Fahnen geschrieben und auf „ihren“ Text bezogen wird, dann sollten sie erst einmal überzeugend klarmachen, welcher der verschiedenen Textus-Receptus-Ausgaben der richtige sein soll. Denn es wurde oben gezeigt: Die unterschiedlichen Textus-Receptus-Ausgaben unterscheiden sich untereinander um deutlich mehr als nur ein Jota oder ein Strichlein.

  6. Es gibt noch andere Bibelstellen, die angeblich die Bewahrung des Textus Receptus bezeugen sollen, z.B. Psalm 119,89: „In Ewigkeit, HERR, steht dein Wort fest in den Himmeln.“ Aber dieser Vers lautet nicht: „In Ewigkeit, HERR, steht dein Wort im Textus Receptus fest auf der Erde.“ Dieser Vers stützt die Hypothese vom inspirierten Textus Receptus nicht. Es steht noch nicht einmal da, dass das Wort Gottes auf der Erde bewahrt wird, sondern nur, dass es feststeht „in den Himmeln“. Sogar wenn dieser Vers besagen würde, dass Gott einen einzigen Text auf der Erde fehlerlos bewahrt habe, wäre damit noch lange nicht gesagt, dass es sich dabei um den Textus Receptus handeln muss.

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Anmerkungen

[1] Meissinger, K. A.: Erasmus von Rotterdam, Wien 1942, S. 205, vgl. auch M. Heide: Der einzig wahre Bibeltext, S. 17.

[2] Brief an N. Ellenbog, ca. April 1516.

[3] „Étienne“ ist die französische Schreibweise für den Namen „Stephanus“.

[4] Die häufig anzutreffende Behauptung, Bonaventura und Abraham seien Brüder gewesen, ist falsch. Obwohl die Elzevirs nur die Drucker waren, nicht die eigentlichen Herausgeber, werden ihre Textausgaben gewöhnlich unter ihrem Namen zitiert. Statt „Elzevir“ findet man übrigens auch die Schreibweise „Elzevier“.

[5] Verteidiger des Textus Receptus argumentieren hier manchmal mit dem Hinweis auf Handschriften, die hier ebenfalls „Buch des Lebens“ lesen. Aber diese Handschriften stammen aus dem 16. Jahrhundert oder später und sind offensichtlich aus der Textausgabe des Erasmus (oder eine anderen gedruckten Ausgabe von damals) abgeschrieben worden. Eine Textausgabe vor der Zeit des Erasmus mit dieser Lesart ist nicht bekannt.

[6] Bei Nestle-Aland trägt die Handschrift die Nummer 2814.

[7] Bedenkt man, dass der lateinische Bibeltext in der katholischen Kirche schon damals seit Jahrhunderten (und noch für weitere Jahrhunderte später) als der offizielle biblische Lehrtext galt, dann kann man das Vorgehen von Erasmus etwas nachvollziehen (ohne es biblisch zu rechtfertigen). Man wundert sich dann auch nicht, wenn Erasmus in einem Brief von 1518 unumwunden schreibt, er habe zwar den griechischen Text wiedergegeben, aber er billige ihn nicht immer, sondern ziehe den lateinischen Text bisweilen vor.

[8] Leidener Ausgabe der Werke von Erasmus, Band 6, S. 675.

[9] Die lateinische Lesart „LIBRO VITAE“ (Buch des Lebens) wird übrigens heute selbst von den Herausgebern der lateinischen Bibel verworfen. Sogar die besten lateinischen Handschriften lesen hier nicht „Buch“, sondern „Baum“. Man vermutet, dass die lateinische Lesart „LIBRO“ (Buch) als Schreibfehler aus „LIGNO“ (Baum) entstanden ist. Erasmus hatte für seine griechische Ausgabe des Neuen Testaments ganz offensichtlich keine gute lateinische Ausgabe verwendet.

[10] Man hat versucht, andere Begründungen für die Lesart „Buch“ zu finden. Man sagte z.B., dass die Lesart „Buch“ doch in einigen lateinischen Handschriften erhalten sei. Aber wir müssen festhalten, dass die lateinische Übersetzung des griechischen Neuen Testaments nicht inspiriert war. Auch sie ist lediglich eine Übersetzung.

[11] Hier muss besonders der Textforscher J.W. Burgon aus dem 19. Jahrhundert genannt werden. Obwohl Burgon ein sehr konservativer Textkritiker war und oft die Lesarten der älteren Handschriften ablehnte, hatte er erkannt, dass der Textus Receptus fehlerhaft ist. In seinem Buch The Revision Revised schreibt er z.B. auf Seite 21: „Ein für alle Mal bitten wir darum, dass es deutlich verstanden wird: Wir beanspruchen keineswegs die Vollkommenheit des Textus Receptus. (…) Immer wieder werden wir Gelegenheit haben, herauszustellen, dass der Textus Receptus der Korrektur bedarf (z.B. auf Seite 107).“ Auch in seinem Buch The Causes of Textual Corruption weist er mehrfach auf Fehler im Textus Receptus hin, z.B. Seite 60, 61, 63, 72–74, 171, 174–178. Auf Burgon könnten sich in Wirklichkeit nur Verteidiger des „Mehrheitstextes“ berufen. Denn deren Ansichten kommt er am nächsten.

[12] M. Heide, der diesen Punkt ausführlich dokumentiert hat, schreibt u.a.: Erasmus „respektierte den römisch-katholischen Klerikalismus und hielt am Papsttum, der Heiligenverehrung, der Marienverehrung, der Transsubstantiationslehre, der Lehrautorität der Kirche und den Sakramenten fest“ (M. Heide: Der einzige wahre Bibeltext?, S. 7–8, 11). Erasmus wurde schon 1492 als katholischer Priester geweiht.

[13] Zum Beispiel merkte Erasmus an, dass die Evangelisten manchmal ungenau zitierten. Oder er unterstellte den Evangelisten einen Gedächtnisfehler. Als er daraufhin kritisiert wurde, schrieb er einmal: „Ich bestreite, dass die Existenz von einigen Fehlern notwendigerweise die Glaubwürdigkeit der ganzen Schrift erschüttert.“ Erasmus zweifelte auch an, dass der zweite Petrusbrief vom Apostel Petrus verfasst wurde oder sagte, die Schriften von Livius (einem römischen Schriftsteller) seien zur Förderung der guten Sitten geeigneter als das Alte Testament. Die bibelkritische Haltung von Erasmus ist besonders von M. Heide (M. Heide: Der einzige wahre Bibeltext?, S. 12–14) und von E. Rummel (Rummel, E.: Erasmus’ Annotations to the New Testament, Toronto 1986) mit vielen Zitaten aus seinen Schriften belegt worden.

[14] Einige Beispiele: In Mt 3,11 fehlt „und Feuer“, in Mt 10,8 fehlt „weckt Tote auf“, in Mk 10,16 fehlt „und segnete sie“, in Mk 14,5 fehlt „Salböl“, in Lk 5,34 fehlt „Jesus“, in Lk 9,23 fehlt „täglich“, in Lk 10,11 fehlt „an den Füßen“, in Lk 20,19 fehlt „das Volk“, in Joh 12,4 fehlt „Judas, der Iskariot“, in Apg 4,27 fehlt „in dieser Stadt“, in Apg 9,38 fehlt „zwei Männer“, in Apg 20,4 fehlt „des Pyrrhus Sohn“, in 1Kor 9,20 fehlt „wiewohl ich selbst nicht unter Gesetz bin“, in Eph 2,17b fehlt einmal „Friede“, in 1Thes 4,1 fehlt „wie ihr auch wandelt“, in Jak 4,12 fehlt „und Richter“, in Jak 5,11 fehlt „der Herr“, in 2Pet 3,3 fehlt „mit Spötterei“, in Joh 2,23 fehlt „wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater“, in Jud 25 fehlt „durch Jesum Christum, unseren Herrn“ und „vor aller Zeit“, in Off 4,3 fehlt „und der da saß“, in Off 11,19 fehlt „und ein Erdbeben“, in Off 18,13 fehlt „und Amomum“, in Off 20,14 fehlt „der Feuersee“.

Verteidiger des Textus Receptus wenden nun gerne ein, Auslassungen im Textus Receptus seien seltener als in den modernen Ausgaben. Aber was hilft diese (rein numerisch richtige) Beobachtung? Wenn fehlende Worte stets schlecht sind, dann ist die längere Fassung immer die richtige und damit sowohl der Textus Receptus als auch der Nestle-Aland-Text fragwürdig. Wenn sie aber nicht immer schlecht sind, wer definiert dann, wann der längere Text und wann der kürzere Text richtig ist? Genau diese Frage können die Textus-Receptus-Verfechter nicht beantworten, außer wenn sie von vornherein den Textus Receptus als den richtigen definieren – und damit als klassischen Zirkelschluss das als wahr voraussetzen, was sie erst vorher hätten beweisen müssen.

[15] Auch das Gegenteil ist nicht wahr. Eine Sache kann mit Gottes Wohlgefallen getan werden und trotzdem scheinbar kaum sichtbaren Erfolg hervorbringen. Das bekannteste Beispiel ist der Dienst des Herrn Jesus Christus selbst. In Jesaja 49 musste er (prophetisch) klagen: „Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt“ (Jes 49,4).

[16] Übrigens hat Luther die Grundideen seiner reformatorischen Erkenntnisse sehr wahrscheinlich aus dem Studium der lateinischen Bibel gewonnen. Wollen die Verteidiger des Textus Receptus daraus folgern, dass der lateinische Text inspiriert sein muss, weil er zum Segen war?


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