Die Textgrundlage des Neuen Testaments (6)
B) Der Mehrheitstext

Martin Arhelger

© M. Arhelger, online seit: 29.09.2006, aktualisiert: 24.01.2018

Unter „Mehrheitstext“ versteht man eine Textgrundlage, die versucht, die Mehrheit der Handschriften zu einem Gesamttext zusammenzufassen. Ein Großteil dieser Handschriften entstand im Gebiet des ehemaligen Byzantinischen Reiches. Man spricht deshalb auch vom „byzantinischen Mehrheitstext“.

Das Problem des Mehrheitstextes liegt darin, dass die große Mehrheit der Handschriften relativ jung ist. Sie bieten daher in Zweifelsfällen häufig keine sichere Textgrundlage. Die Verteidiger des Mehrheitstextes können deshalb letztlich auch keine überzeugende Begründung nennen, warum sie gerade diese ausgewählten Texte bevorzugen. Dass die Mehrheit Recht hat, ist außerdem kein biblischer Grundsatz.

Gibt es DEN Mehrheitstext?

Auch für den Mehrheitstext gilt, was schon in Bezug auf den Textus Receptus nachgewiesen wurde: Es gibt nicht den Mehrheitstext. Denn auch die späteren Handschriften haben an vielen Stellen verschiedene Lesarten. Manchmal sind die Handschriften etwa gleich stark auf zwei (oder noch mehr) verschiedene Lesarten verteilt. Bis heute sind drei Ausgaben eines reinen Mehrheitstextes veröffentlicht worden. Die erste erschien 1982 (Hodges/Farstad). Die zweite erschien 1991 (Pierpont/Robinson) und die dritte zum Jahresende 2005 (Neuausgabe von Robinson/Pierpont). Die ersten beiden Ausgaben unterscheiden sich an etwa 500 Stellen.[1] Allein daraus wird deutlich, dass man eigentlich nicht von „dem Mehrheitstext“ reden kann. Die Textausgabe von Hodges/Farstad (2. Auflage 1985) gibt in den Fußnoten etwa 740 Stellen an, bei denen es keine eindeutige Lesart des Mehrheitstextes gibt (siehe dazu Weiteres im Anhang).

Bis heute gibt es kein deutsches Neues Testament, das konsequent einen Mehrheitstext als Textgrundlage verwendet hat. Die sogenannte „Neue Deutsche Übersetzung“ (Verlag VTR) arbeitet angabegemäß an einer solchen Ausgabe. Bis heute liegt sie nicht in veröffentlichter Form vor, ist aber für 2006 geplant.[2]

Unterschiede zum Textus Receptus

Die bekannte Ausgabe des Mehrheitstextes von Zane C. Hodges und Arthur L. Farstad aus dem Jahr 1982 unterscheidet sich vom Textus Receptus an etwa 2.000 Stellen.[3] Zum Vergleich: Die Ausgabe von Nestle-Aland und der Textus Receptus unterscheiden sich an etwa 6.500 Stellen. Man sieht: Mehrheitstext und Textus Receptus sind einander ähnlicher, was aus der Entstehungsgeschichte des Textus Receptus nicht verwunderlich ist, da auch dieser auf jüngeren Handschriften beruht.

Thesen der Vertreter des Mehrheitstextes

Ein Argument der Verteidiger des Mehrheitstextes und des Textus Receptus lautet, die frühen Textfunde seien nur Varianten, die eine geringe geographische Verbreitung besonders in Ägypten gehabt hätten. Daher seien sie relativ wertlos. Verbunden wird diese Behauptung oft mit dem Hinweis, dass nur sehr trockene Gebiete wie Ägypten geeignet gewesen seien, Schriftstücke über einen längeren Zeitraum hinweg zu konservieren. Dieses Behauptungen stimmen aber nur teilweise. Zunächst einmal kennt man biblische Papyri, die nicht in Ägypten gefunden wurden[4]; außerdem ist bei einigen frühen Handschriften sowohl der Fundort als auch der Herstellungsort zweifelhaft oder unbekannt. Zum Teil gelangten sie über Zwischenverkäufer in die Hände von Wissenschaftlern, so dass sich heute der wahre Fundort nicht mehr ermitteln lässt. Der Hinweis auf trockene Gebiete zur Konservierung alter Schriften stimmt so pauschal auch nicht und kann durch Gegenbeispiele widerlegt werden: Geeignete Schreibmaterialien und Schutz von Dokumenten konnte und hat sie auch in anderen Gegenden vor dem Zerfall bewahrt.

Eine ähnliche Behauptung lautet, Kleinasien sei die Wiege der Christenheit und habe deshalb die originalen Schriften am längsten aufbewahrt. Deshalb sei in dieser Gegend der sicherste griechische Originaltext zu vermuten. Aber auch diese Behauptung ist nicht überzeugend. Wir wissen, dass Christen schon zur Zeit des Neuen Testaments Reisen und Besuche unternahmen (man denke an die zwölf Apostel und besonders Paulus, aber auch Aquila und Priscilla, Apollos usw. usw.) und zweifellos haben sie auch schon früh die inspirierten Texte ausgetauscht. Paulus bat im Kolosserbrief (Kol 4,16) dass dieser Brief auch in Laodizäa gelesen werde und die Kolosser sollten auch den aus Laodizäa lesen. Die Offenbarung des Johannes richtete sich an sieben Gemeinden in Kleinasien, die alle mit dem Text der Offenbarung versorgt werden mussten. Bei dem regen Austausch in der damaligen Welt wäre es geradezu verwunderlich, wenn die geschätzten Schriften der Apostel nicht schon nach kurzer Zeit weit verbreitet gewesen wären. Hinzu kommen die zahlreichen Verfolgungen und Vertreibungen, die die frühen Christen zu erdulden hatten: Auch sie trugen sicherlich dazu bei, die Abschriften der inspirierten Originale auszubreiten.

Würde die Lokalität der Empfänger von neutestamentlichen Schriften für die Textweitergabe eine nennenswerte Rolle spielen, dann müsste man erwarten, dass z.B. der Hebräerbrief und der Römerbrief eine verschiedene Textgeschichte aufweisen. Solche Unterschiede lassen sich aber nicht ausmachen. Umgekehrt müsste z.B. der Epheserbrief und die Offenbarung (beide an Gemeinden in Kleinasien gerichtet) eine ähnliche Textgeschichte haben was wiederum den bekannten Tatsachen widerspricht.

Der insgesamt nicht überzeugende geographische Argumentationsversuch wird nicht selten verbunden mit dem Hinweis auf Irrlehren (besonders der sogenannten „Gnosis“), die angeblich besonders in Ägypten geblüht haben sollen. Deshalb sei der alexandrinische (d.h. ägyptische) Text dogmatisch minderwertig. Aber abgesehen von der Unterstellung, dass der „alexandrinische“ Text hauptsächlich auf Ägypten beschränkt war - wofür es, je länger man diese Frage erforscht, keine zureichenden Gründe gibt -, ist dieser Hinweis ziemlich einseitig. In der Alten Kirche gab es nämlich eine Vielzahl von Irrlehren und schon das Neue Testament erwähnt manche Irrlehrer, die damals hauptsächlich in Griechenland und Kleinasien wirkten.[5] In der frühen Kirchengeschichte kennt man viele Systeme falscher Lehren, z.B. die Gnosis, den Montanismus, den Neuplatonismus, den Marcionismus und den Arianismus[6]. Diese Irrlehren hatten oft verschiedenste Zentren, die keineswegs nur in Ägypten lagen.

Die griechische Sprache war seit den Eroberungen Alexanders des Großen die wichtigste Verständigungssprache im Mittelmeerraum. In den Jahrhunderten nach Christus wurde sie jedoch immer mehr verdrängt. In Westeuropa geschah das durch die lateinische Sprache; es war dann auch die lateinische Vulgata, die zu der Bibel des Mittelalters schlechthin wurde.[7] Griechisch verstanden später nur noch sehr wenige Gelehrte. Im Osten wurde das Griechische teilweise von der syrischen und in Ägypten besonders von der koptische Sprache überdeckt, bis alle drei Sprachen schließlich im 7. und 8. Jahrhundert durch die Islamisierung vom Arabischen fast vollständig verdrängt wurden.

Lediglich im Griechischen Reich selbst konnte sich die griechische Sprache erhalten. So verwundert es nicht, dass die Mehrheit der späteren griechischen Handschriften aus dem Gebiet von Byzanz stammt (daher der Name „Byzantinischer Mehrheitstext“). Die „byzantinischen“ Handschriften sind größtenteils relativ junge Handschriften.[8]

Kritik am Mehrheitstext

Es gibt kein biblisches Argument dafür, dass ein in der Mehrheit der Handschriften zu findender Text die richtige Textgrundlage darstellt. Die Bibel lehrt an keiner Stelle das Prinzip, dass die Mehrheit Recht hat. Es gibt viele biblische Beispiele dafür, dass die Minderheit Recht hatte und die Mehrheit falschlag.[9]

Ein Beispiel mag das im Hinblick auf die Handschriftenfrage zusätzlich deutlich machen: Die Mehrheit der vorhandenen biblischen Handschriften ist lateinisch. Man müsste also die lateinische Bibel zum Grundtext machen, wenn die Mehrheit der Handschriften zur Grundlage des richtigen Grundtextes gemacht werden sollte.

Sachlich gibt es drei wichtige Hinweise dafür, dass der byzantinische Mehrheitstext insgesamt nicht so alt ist wie andere Textformen und dass die älteren Textformen in den ersten Jahrhunderten keineswegs auf den ägyptischen Raum beschränkt waren:

  1. Die alten Handschriften selbst. Man kennt heute so viele große und kleinere Handschriften oder Fragmente von Handschriften, dass es völlig unglaubwürdig ist, wenn man behauptet, dass alle Handschriften, die uns zugänglich sind, alle zufällig nicht den Mehrheitstext haben sollen. Mit einer solchen Fülle von Zufällen zu argumentieren, kann nicht überzeugen.[10]

  2. Die alten Übersetzungen des Neuen Testaments. Sie stammen aus ganz unterschiedlichen Teilen der Alten Welt und sind teilweise erstaunlich alt: Wir haben nicht nur die in Ägypten verbreiteten alten koptischen Übersetzungen (2. Jahrhundert), bei denen eine Übereinstimmung mit ägyptischen Texten die Kritiker nicht verwundert, sondern auch die alte lateinische Übersetzung (2. Jahrhundert) und die alte syrische Übersetzung (2-3. Jahrhundert). Alle diese alten Übersetzungen haben - trotz ihrer großen geographischen Verbreitung - mehr oder weniger deutlich den Text der alten Handschriften und nicht den Mehrheitstext. Die älteste Übersetzung des Neuen Testaments, die auf eine dem Mehrheitstext verwandte Vorlage zurückzugehen scheint, ist die Gotische Bibel vom Ende des 4. Jahrhunderts.[11]

  3. Die frühen Kirchenväter. Benutzt man genaue Ausgaben[12] und beschränkt sich auf frühe Kirchenvertreter, so bekommt man nicht nur eine große geographische Bandbreite - denn das Christentum hatte sich schon nach wenigen Jahrzehnten weit verbreitet -, sondern man stellt auch immer wieder fest, dass sie im Großen und Ganzen nicht den Mehrheitstext verwendet haben, sondern einen Text, der denen der alten Handschriften ähnlich war. Der früheste Kirchenvater, der eine dem Mehrheitstext ähnliche Textform benutzt zu haben scheint, war ein gewisser Asterius, der Mitte des 4. Jahrhunderts lebte.[13]

Heute versuchen Vertreter des Mehrheitstextes, diesen auch in frühen Handschriften wiederzufinden. Aber bei einer vorurteilsfreien und genauen Prüfung zeigt sich, dass diese frühen Handschriften zwar einzelne Stellen aufweisen, die auch im Mehrheitstext vorkommen[14], aber keinen reinen Mehrheitstext aufweisen. Zudem finden sich vermeintliche Mehrheitstext-Lesarten auch in anderen Textformen. Sie sind also keine typischen Mehrheitstext-Lesarten, wenn es auch Übereinstimmungen gibt.

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Anmerkungen

[1] Eine auf der Internetseite http://www.bible-researcher.com/robinson-hodges.html veröffentlichte Liste von Unterschieden der beiden Ausgaben listet ca. 470 Unterschiede auf, viele davon sind allerdings nur geringfügig. Die meisten Unterschiede finden sich im Buch der Offenbarung.

[2] Die im Herbst 2002 erschienene Ausgabe „Schlachter Version 2000“ ist nicht nach einem Mehrheitstext, sondern nach einem Textus Receptus übersetzt. Im Anhang (S. 1353–1354 bzw. 83–84) findet sich eine zweiseitige Übersicht mit einigen Unterschieden zwischen Textus Receptus und Mehrheitstext. Sie ist jedoch unzureichend.

Nebenbei bemerkt ist der Name „Schlachter Version 2000“ irreführend, denn der ursprüngliche Übersetzer Franz Eugen Schlachter hat mit dieser Revision bzw. Neuübersetzung nichts zu tun. Er würde sich höchstwahrscheinlich gegen die von den Übersetzern gewählte Textgrundlage ausgesprochen haben. Schlachter selbst benutzte nämlich weder einen Textus Receptus noch einen Mehrheitstext als Grundlage. Wahrscheinlich hatte er bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Minderwertigkeit beider Textgrundlagen erkannt (seine Übersetzung erschien als Komplettausgabe erstmals 1905).

[3] Besonders gravierend sind die Unterschiede in der Offenbarung. Der Textus Receptus (genauer gesagt die Ausgabe von Stephanus 1550) unterscheidet sich hier vom byzantinischen Mehrheitstext (Pierpont/Robinson) in 320 Versen (79%). Nur 85 Verse (21%) sind völlig identisch.

[4] Zum Beispiel P83 (enthält Teile aus Mt 20–24) und P84 (Teile aus Markus- und Johannesevangelium) aus Khirbet Mird und P59, P60 und P61 von Nessana.

[5] Dazu gehörten falsche Lehrer in Galatien (Galaterbrief), Philippi (Phil 3,2), Kolossä (Kol 2,8.18), Thessalonich (2Thes 2,2), Ephesus (1. u. 2. Timotheusbrief), kleinasiatischen Gemeinden in Offenbarung 2 und 3 usw. Wenn es irgendeine „Wiege“ falscher Lehren gegeben hat, dann lag sie dort, wo sich auch das Christentum zuerst ausbreitete, denn dort wirkte der Teufel ebenfalls am kräftigsten. Quellen des Irrtums in Ägypten erwähnt das Neue Testament dagegen noch nicht – obwohl es später sicher auch dort verkehrte Lehren gab. Es ist auch recht merkwürdig, wenn es manchmal so dargestellt wird, als hätten Kleinasien und Griechenland die gesunde Lehre am längsten bewahrt. Das Neue Testament behauptet gerade das Gegenteil: Als Paulus kurz vor seinem Märtyrertod stand, musste er klagen, dass sich alle, die in Asien sind, von ihm abgewandt hätten (2Tim 1,15) und schärft seinem Mitarbeiter Timotheus ein, sich vor gefährlichen Leuten aus seinem Umfeld (offensichtlich in Kleinasien) in Acht zu nehmen. Auch der zweite Petrusbrief, der bekanntlich an kleinasiatische Gläubige gerichtet war, warnt schon vor falschen Lehrern in den eigenen Reihen (2Pet 2,1-3).

[6] Gnosis: die Lehre, dass das offenbarte Wort Gottes nicht ausreicht, sondern durch neue Offenbarungen weiterentwickelt werden muss.
Montanismus: Auferlegung strenger ethischer Regeln und Askese; Verneinung der Rettung bei bestimmten, gravierenden Sünden; nahe Wiederkunft Jesu führe zu einer dauernden Vervollkommnung.
Neuplatonismus: die Lehre, dass der Mensch, dessen Seele einen „göttlichen Funken“ habe, versuchen müsse, aus der sinnlichen Welt in die übersinnliche Welt zurückzukehren. Dadurch verschmelze seine göttliche Seele wieder mit Gott. Dieses Ziel könne nur durch eine sittliche Vervollkommnung und Befreiung der Seele vom Körper erreicht werden.
Marcionismus: die Lehre, dass nur das für Christen Gültigkeit hat, was von jüdischen Elementen befreit ist. Daher wird das Alte Testament abgelehnt, nur das Lukasevangelium (allerdings von jüdischen Einflüssen bereinigt) und die Lehren von Paulus angenommen.
Arianismus: Nach arianischer Lehre ist Jesus Christus nicht wesensgleich mit Gott, sondern dessen vornehmstes Geschöpf.

[7] Erst im 16. Jahrhundert begann man auf breiter Front, die Existenzberechtigung der lateinischen Bibel als Grundtext zu hinterfragen und sich auf die griechische Sprache zurückzubesinnen.

[8] Sie stammen größtenteils aus dem 11. Jahrhundert (ca. 440 Handschriften), dem 12. Jahrhundert (ca. 590 Handschriften), dem 13. Jahrhundert (ca. 570 Handschriften), dem 14. Jahrhundert (ca. 540 Handschriften) und dem 15. Jahrhundert (ca. 250 Handschriften).

[9] Zwei Beispiele mögen an dieser Stelle zur Illustration ausreichen. Die Beispiele könnten beliebig ergänzt werden. Noah stand mit seiner achtköpfigen Familie auf Gottes Seite. Der gesamte Rest der Menschheit hatte sich Gottes Missfallen zugezogen. Von den zwölf Kundschaftern (4Mo 13–14) standen nur zwei auf Gottes Seite, die übrigen zehn lagen falsch.

[10] Es hilft auch nichts, wenn man behauptet, die richtigen alten Handschriften seien nach dem Abschreiben absichtlich zerstört worden. Für eine derartige Behauptung gibt es keine historischen Beweise. Die Vielzahl der heute noch erhaltenen alten Handschriften(teile) widerlegt diese Behauptung zudem so gründlich, dass man sich wundern muss, wie oft man diese Behauptung heute noch hören und lesen kann.

[11] Übrigens hingen die gotischen Christen in früherer Zeit der Irrlehre des Arianismus an. Das sei für solche betont, die Verschwörungstheorien über angeblich von Irrlehren beeinflusste ägyptische Texte Glauben schenken. In Wirklichkeit ist natürlich weder der Text der alten Handschriften noch der Mehrheitstext direkt systematisch von Irrlehren beeinflusst oder bearbeitet. Solchen unbegründeten Verschwörungstheorien sollten wahrheitsliebende Christen kein Gehör schenken.

[12] Hier muss erwähnt werden, dass frühere Forscher oftmals mangelhafte Ausgaben der Kirchenväter benutzt haben und deshalb teilweise falsche Schlüsse gezogen haben. Das gilt besonders für den Textforscher William Burgon im 19. Jahrhundert. Genauere und gewissenhaftere Untersuchungen können seine Ergebnisse oftmals nicht bestätigen.

[13] Auch Asterius war bemerkenswerterweise Anhänger der Irrlehre des Arianismus. Siehe dazu die Fußnote zur gotischen Bibelübersetzung.

[14] Das ist auch gar nicht verwunderlich, denn Mehrheitstext-Lesarten sind oft „erleichternde“ Lesarten, d.h. sie verändern im Text etwas, das auf den ersten Blick sinnvoll erscheint (z.B. indem sie ein Personalpronomen durch einen Namen ersetzen). Solche Lesarten konnten vereinzelt unabhängig voneinander entstehen (also auch schon sehr früh), weisen aber noch nicht auf einen vorhandenen Text-Typ an sich hin. Auch konnten gerade die „leichteren“ Lesarten - bewusst oder unbewusst - bei späteren Bearbeitungen bevorzugt als „Standardtext“ gewählt werden. Die von M. Heide (Der einzig wahre Bibeltext?, S. 22–24) zitierten Beispiele für frühe Lesarten des Mehrheitstextes in den frühen Handschriften und Papyri lassen sich größtenteils sehr leicht entsprechend deuten. Zusätzlich lässt sich an keiner der dort genannten Stellen ein gesamter früher Text dem Mehrheitstext zuordnen. Erfreulicherweise hat sich M. Heide in der dritten und vierten Auflage seines Buches intensiver mit dieser Frage auseinandergesetzt und kommt daraufhin (anders als in der ersten und zweiten Auflage) zu dem Ergebnis, dass der Mehrheitstext doch in vielen Fällen sekundär ist. Leider vermisst man die Bereitschaft, die eigenen Ansichten kritisch zu überdenken, bei den modernen Vertretern des Mehrheitstextes oft.


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