Seine Herkunft
William John Hocking wurde 1864 in der Grafschaft Cornwall in Sennen Cove
geboren, einem kleinen Ort an der Atlantikküste am südwestlichsten Zipfel
Englands. Seine Eltern waren Kongregationalisten. (Der
Kongregationalismus vertritt u.a. die völlige Autonomie der örtlichen Gemeinde
und die Unabhängigkeit vom Staat.)
Sein Beruf
Am 17. Juli 1883 nahm Hocking im Alter von 19 Jahren eine einfache Stellung als Büroangestellter bei der Königlichen Münzanstalt in London
an. Mit der Zeit rückte er dort zum Betriebsleiter auf. Er wohnte auf dem Gelände der Münzanstalt, das ganz in der Nähe der Tower Bridge in London lag. Seine Forschung auf dem Gebiet der Geschichte britischer Münzen machte ihn zu einem der führenden Münzkundler damals und auch
heute. Hocking schrieb zwei Standardwerke, die noch heute benutzt werden. 1908 unternahm er für fünf Monate sogar einmal eine Seereise nach Australien, wo er beim Prägen von Münzen half. Die Erlebnisse auf dieser Reise hielt er in einem (unveröffentlichten) Tagebuch
fest. In Australien nutzte Hocking die Gelegenheit, William Kellys Tochter Frances in Melbourne zu besuchen, die mit ihrem Ehemann ausgewandert war.
Nach 36 Jahren Mitarbeit in der „Münze“ wurde er im Jahr 1919 schließlich stellvertretender Direktor (Superintendent of the Operative Department). Damit war er einer der drei leitenden Beamten. Bereits
ein Jahr vorher hatte er für seine Verdienste auf dem Gebiet der
Münzkunde einen Orden erhalten, mit dem u.a. hohe zivile Beamte ausgezeichnet werden: Man ernannte ihn zum Commander of the Order of the British Empire (CBE). Als Hocking am 15. Juli 1926 mit 62 Jahren in Pension ging, lehnte er die Verleihung eines Ritterordens ab, akzeptierte jedoch die Ernennung zum Commander of the Royal Victorian Order (CVO).
Seine Erinnerungen an die ersten Begegnungen mit den „Brüdern“
Im selben Jahr als Hocking bei der Königlichen Münzanstalt anfing, 1883, verließ er
seine
kongregationalistische Kirche und suchte Gemeinschaft mit den „Brüdern“. Er
hatte sich bereits seit vier Jahren (seit er 15 war) mit der Lehre des Neuen Testaments zum Thema
„Versammlung“ beschäftigt und war darüber tief zum Nachdenken gekommen.
Schließlich war er durch das Lesen von „Brüder“-Literatur zu der
Überzeugung gelangt, dass die Lehre der „Brüder“ über die Versammlung
richtig sei, und wollte sich ihnen anschließen. Seine Erinnerungen an seine
ersten Begegnungen mit den „Brüdern“ sind sehr aufschlussreich:
In diesem Jahr [1883] suchte ich Gemeinschaft in einer großen Londoner
Versammlung. Als junger Kongregationalist war ich schon seit etwa vier Jahren
durch die Lehre des Neuen Testaments über das Thema „Versammlung“ sehr
geübt. Ich hatte die Schriften der führenden Brüder kennengelernt und war
überzeugt, dass das Sektierertum in der Christenheit, gegen das die „Brüder“
zeugten, böse ist. Die älteren Brüder dieser Gemeinschaft besuchten mich
und fragten, nachdem sie das Zeugnis meiner Bekehrung erhalten hatten, ob ich
dem Park-Street-Beschluss zustimme. Ich gab zu, dass ich darüber unwissend
sei, und erklärte ihnen, dass ich bisher keine Gelegenheit gehabt habe, die
Fakten herauszufinden. Sie bestanden jedoch nachdrücklich darauf, dass ich
mich entscheiden müsse, bevor ich zugelassen werden könne. Das überraschte
mich. Jetzt stieß ich ausgerechnet auf das, was ich gerade verlassen hatte:
eine von Menschen errichtete Schranke für Gemeinschaft. Ich wurde danach zu
einer anderen Gemeinschaft geleitet [mit der sich W.K. versammelte], wo diese
Testfrage nicht gestellt wurde.
Diese Gemeinschaft, mit der Hocking sich fortan versammelte, gehörte zu den
sogenannten „Kelly“-Brüdern. Er besuchte mit seiner Familie die
Zusammenkünfte in Bermondsey, wo er eine Bibelklasse für junge Leute
unterrichtete.
Sein Dienst unter den „Brüdern“
Bald nachdem William J. Hocking zu den Plymouthbrüdern gekommen war, wurde
William Kelly auf ihn aufmerksam. Hocking begann, unter den „Brüdern“
schriftlich und mündlich zu dienen. Ab 1896 gab er eine Zeitschrift für junge Christen
heraus, The Believer’s Monthly, die auch einen Korrespondenzbibelkurs
für die jungen Leser anbot. Nach Einstellung der Zeitschrift Ende 1900 war er
ab 1901 für die Herausgabe einer evangelistischen Zeitung verantwortlich, der Gospel
Gleanings, eine Arbeit, die William Kelly sehr förderte und für die er
mehrere Artikel beisteuerte. 1920 gab Hocking kurzzeitig The Bible
Treasury heraus (1850-1906 herausgegeben von W. Kelly, 1906-1920 von F.E.
Race), bis die Herausgabe noch im gleichen Jahr eingestellt wurde. Danach gab er
ab 1921 eine neue Zeitschrift heraus, The Bible Monthly, für die er bis
zu seinem Tod 1953 verantwortlich war. Unter dem Pseudonym „Yod“ verfasste
er einige Broschüren für junge Christen. Er schrieb auch einige
Bibelauslegungen. Sein vielleicht bekanntestes Buch ist The Son of His Love
(Der Sohn seiner Liebe), eine Verteidigung der ewigen Sohnschaft
Christi.
Weniger bekannt ist vielleicht, dass Hocking ebenso Liederdichter war. In dem
Liederbuch Spiritual Songs (1978) befinden sich fünf Lieder aus seiner
Feder: Lord and Saviour, we remember (194); Gathered by Thy name, Lord
Jesus (232); Our God and Father unto Thee (305); Gladly let us
join to sing (429); O gracious God, our Father (462).
Auf Bitten einiger Brüder hielt er auch Vorträge in der Memorial Hall,
Farringdon Street, in London. Diese Zusammenkünfte wurden einige Jahre jedes
Vierteljahr gehalten und gingen den späteren Gemeinschaftszusammenkünften in
der Lloyd Jones Hall, Westminster Chapel, voraus. An seine Ansprachen während
der Londoner Konferenzen und der Pfingstkonferenzen können sich die älteren Brüder
noch gut erinnern. Während der monatlichen Zusammenkünfte für junge Brüder
sprach er über verschiedene Bibelbücher. Diese Zusammenkünfte wurden einige
Jahre jeden Freitagabend in der ehemaligen Y.M.C.A. Hall (CVJM: Christlicher
Verein junger Menschen), Farringdon Street, gehalten.
Obwohl Hocking ein ruhiger
Bruder war, der nicht das Streitgespräch suchte, besaß er in den
Zusammenkünften seiner Zeit großen moralischen Einfluss und wurde von allen
sehr geschätzt.
Nicht nur von den „Brüdern“ wurde Hocking als Autor
wertgeschätzt; sogar das Königliche Münzmuseum (The Royal Mint Museum)
anerkennt Hocking, „ein Angehöriger der Plymouthbrüder“, als „einen
profilierten Autor religiöser Traktate“.
Seine Revision des Little Flock Hymn Book
1926 fand eine Wiedervereinigung statt zwischen Brüdern, die seit der
Darby-Kelly-Trennung im Jahr 1881 getrennt waren. Die einen („Lowe-Continental“-Brüder)
waren gewohnt, aus Darbys Revision von 1881 zu singen; die anderen („Kelly“-Brüder)
sangen aus Kellys Revision von 1894. Nun kamen Überlegungen für ein neues,
gemeinsames Liederbuch auf, und ein Jahr später, 1927, fragte man Hocking, der
sich zu den „Kelly“-Brüdern hielt, ob er das Liederbuch revidieren wolle.
Hocking war kompetent (schon von Berufs wegen war er sorgfältiges Arbeiten
gewöhnt) und sehr geeignet, um diesen Dienst für seine Brüder zu tun. Er war
bereits seit mehr als vierzig Jahren bei den „Brüdern“ und ein allseits
geschätzter Bibellehrer, den viele als den geistlichen Erben William Kellys
betrachteten.
Ein Brief von Hockings ältestem Sohn Stanley an die vier Brüder, die die
1978er Revision des Little Flock Hymn Book durchführten, macht deutlich,
dass der Arbeitsaufwand für die 1928er Revision gewaltig gewesen sein muss: Er
schreibt, dass die Gesundheit seines Vaters durch die Strapazen bei der
Überarbeitung stark angegriffen wurde. Da offensichtlich kein detaillierter
Bericht über diese Arbeit existiert und Informationen nur schwer aufzutreiben
sind, kann der Umfang der Revisionsarbeit nur erahnt werden: Hocking selbst
verwies auf eine Sammlung von mehr als 170 Liederbüchern während der
Vorbereitung für die Revision. Im Folgenden ein kleiner Eindruck der
Änderungen: Hocking stützte seine Revision offenbar vor allem auf Kellys
Liederbuch von 1894. Über 200 Lieder von Kelly ließ er unverändert. Ungefähr
170 Lieder wurden auf verschiedene Art und Weise verändert: einzelne Worte, die
Schreibweise oder Plural statt Singular. Viele Lieder erhielten zusätzliche
Strophen und in einigen anderen ließ er Strophen weg. Er strich 56 Lieder und
ersetzte sie durch die gleiche Anzahl neuer Lieder, die hauptsächlich aus
Darbys Liederbuch von 1881 stammten. 13 Lieder, die Kelly 1894 in seinem
Liederbuch gestrichen hatte, wurden wieder aufgenommen. Die gesamte
Revisionsarbeit bewältigte Hocking innerhalb eines einzigen Jahres.
Das neue Liederbuch, Hymns Selected and Revised in 1928, enthielt eine
Sammlung von 436 der besten Lieder aus dem Liederbuch der jeweiligen
Gemeinschaft; die meisten Lieder stammten aus dem Little Flock Hymn Book,
dem Liederbuch der „Kelly“-Brüder, zu denen Hocking selbst gehörte. Die
Revision wurde allgemein sehr gut aufgenommen. Die Brüder, die dieses
revidierte Liederbuch benutzten, schätzten es in den nächsten fünfzig Jahren
sehr, bis es in die Revision von 1978 mit aufgenommen wurde. In verschiedenen
Gemeinschaften ist das Liederbuch der 1928er Revision immer noch in Gebrauch,
besonders in den Versammlungen der „offenen Brüder“, die einst mit W.W.
Fereday, der Kellys Dienst hoch achtete, in Gemeinschaft waren.
Seine Familie
Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Hocking erneut. Er hatte drei
Söhne. Sein ältester Sohn hieß Stanley, sein zweiter Sohn Leonard Charles
starb 1940. Sein jüngster Sohn Leslie, der im medizinischen Korps
der königlichen Armee (R.A.M.C.) diente, starb bereits 1916 während des Ersten
Weltkriegs in der Schlacht an der Somme in Frankreich. Obwohl Hocking darüber
sehr erschüttert war, unterwarf er sich ruhig dem Willen Gottes. Mit dieser
Haltung war er allen Gläubigen ein Vorbild. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1926 zog
die Familie nach Danbury in Essex um, wo Hocking bis zu seinem Tod im April
1953 lebte. William John Hocking ist neben seiner ersten Frau auf dem
Nunhead-Friedhof in London begraben, nicht weit entfernt von Frederick E. Raven
und Napoleon L. Noel.
zusammengestellt aus folgenden Quellen:
www.stempublishing.com
en.wikipedia.org
www.nationalarchives.gov.uk
www.royalmintmuseum.org.uk
Edwin Cross: William Kelly — sein Leben und Werk, CSV-Verlag
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