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Inhalt
1. Berufen, einander zu lieben 2.
Aufgerufen, einander zu vergeben 3. Berufen, einander zu dienen
Zusammenfassung
Es gibt eine Anzahl von Dingen, die du nicht alleine machen kannst. Die
Flitterwochen sind eins von diesen Dingen. Auch kannst du weder ein Fußballteam
sein noch eine Familie. Das gilt ebenfalls für Gottes Familie, die Gemeinde. Es
war nie Gottes Absicht, dass irgendjemand sein Christenleben alleine leben
sollte. Stattdessen sind wir da, um zusammen als Teil der Familie Gottes zu
leben. Einige neutestamentliche Stellen beziehen sich auf diese
Beziehungen in der Gemeinde und können anhand eines griechischen Wortes
identifiziert werden, das meistens mit „einander“ übersetzt wird. Dieses
Wort taucht über 70-mal auf. Es richtet sich an Christen und motiviert sie,
ihre Gemeinschaft auf sehr praktische Art und Weise auszudrücken. Jeder Christ
ist aufgerufen, diese „einander“-Verse auszuleben. In der Folge wollen wir
uns drei dieser Aufrufe anschauen:
Es war die Szene des letzten Abendmahls. Nachdem der Herr Jesus Seinen
Jüngern gesagt hatte, dass Er bald zu Seinem Vater zurückkehren würde, gab Er
ihnen ein neues Gebot: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander
liebet, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebet.“ Dann
ergänzte Er: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid“
(Joh 13,34-35).
Beachte, der Herr unterbreitet ihnen keinen „neuen Vorschlag“ oder
erzählt ihnen von einer „guten Idee“. Es ist ein neues Gebot, keine neue
Möglichkeit. Aber was ist neu an diesem Gebot? Damals hatten die Israeliten das
klare Gebot bekommen, „ihren Nächsten zu lieben“ (3Mo 19,18). Aber das
Gebot des Herrn an Seine Jünger beinhaltet einen neuen Maßstab — nicht: „Liebe
deinen Nächsten wie dich selbst“, sondern: „Liebt, wie ich euch geliebt
habe.“ Stell dir das nur einmal vor! Unser neues Vorbild ist die Liebe von
Christus
selbst!
Der Herr benutzt diese Qualität der Liebe als Test vor „allen Menschen“,
ob wir Seine Jünger sind oder nicht. Wir denken vielleicht, dass wir unsere
Hingabe durch interessante und verschiedene Gemeindeprogramme beweisen können
oder mit enthusiastischem Lob, mit lehrmäßig korrekten Auslegungen oder
vielleicht mit Verbindungen zu irgendwelchen historischen Führern oder
Bewegungen.
Ohne die Wichtigkeit aufrichtiger Anbetung oder des Festhaltens an der
offenbarten Wahrheit zu mindern, muss die Kraft der Aussage Christi akzeptiert
werden: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr
Liebe untereinander habt.“ Liebe ich meine Brüder und Schwestern in Christus?
Lebe ich dieses Kennzeichen der wahren Nachfolge? Unglücklicherweise passiert
es schon mal, dass wir einander kritisieren — die Art, wie sie sich kleidet,
die Art, wie er sich ausdrückt, wie sie singt, die Art, wie er predigt … Oder
wir verbreiten unbestätigte Gerüchte, die andere schlechtmachen. Paulus warnte
die Christen in Galatien: „Wenn ihr aber einander beißt und fresst, so seht
zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet“ (Gal 5,15). In einer Zeit,
die durch Individualismus und Gleichgültigkeit gekennzeichnet ist, beruft Gott
uns einander zu lieben, mit bedingungsloser Liebe. Was sind die
Charaktereigenschaften einer solchen Liebe?
Paulus drängte die Christen in Ephesus, „mit aller Demut und Sanftmut, mit
Langmut, einander ertragend in Liebe“ (Eph 4,2). Warum werden wir aufgerufen,
einander zu ertragen? Ganz einfach, weil es nötig ist. Es wäre wunderbar, wenn
wir alle reife, einsichtige, demütige, rücksichtsvolle und liebenswürdige
Menschen wären. Aber manchmal sind wir müde, eigensinnig, rücksichtslos oder
kindisch. Deswegen fordert die Liebe, dass wir nachsichtig im Umgang miteinander
sind, nicht weil wir uns nicht um Sünde oder Wahrheit kümmern, sondern um das
Gebot des Herrn zu befolgen.
Manchmal sagen wir als Christen ziemlich dumme Dinge und machen sogar noch
schlechtere Dinge. Wir alle sind Menschen und neigen dazu, nach dem Fleisch zu
handeln. Jedoch lehrt uns die Schrift, sogar unter diesen Umständen einander
Respekt entgegenzubringen: „Seid einander untergeordnet in der Furcht Christi.“
(Eph 5,21). Wir sollen einander lieben und respektieren aus Ehrfurcht vor
unserem geliebten Erlöser.
Paulus vergleicht die Gemeinde mit einem Körper und schließt daraus: „…
sondern [dass] die Glieder dieselbe Sorge füreinander hätten. Und wenn ein
Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“ (1Kor 12,25-26). Wahre
christliche Liebe kann nicht anders, als sich durch echte Sorge auszudrücken. Bin
ich wirklich (mit) betroffen, wenn ein Bruder seine Arbeitsstelle verliert? Wenn eine
Schwester erkrankt? Wenn jemand Neues in deine Nachbarschaft kommt oder deine
Gemeinde besucht?
In einem Computerhandbuch nimmt das Kapitel über die Fehlerbehebung oft
einen großen Raum ein — wie identifiziere und behebe ich einen Fehler oder
eine Funktionsstörung? Menschliche Beziehungen sind viel komplexer und
sensibler als ein Computer. Es kann so viel mehr schiefgehen. Wir haben
verschiedene Geschmäcker, Gewohnheiten und Überzeugungen. Dazu kommt, dass wir
auch mal müde und wenig geduldig sind. Deswegen werden wir aufgefordert,
einander zu vergeben. Groll gegen Mitchristen zu hegen, egal wer die Schuld
trägt, ist Sünde.
Epheser 4,31-32 sagt: „Alle Bitterkeit und Wut und Zorn … sei von euch
weggetan, samt aller Bosheit. Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander
vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.“
Was sollen wir denn dann tun, wenn wir gegeneinander gesündigt haben?
Einfach vergeben und vergessen? Fördert das nicht Ungerechtigkeiten? In manchen
Gebieten wie zum Beispiel in unserem Gedankenleben sündigen wir nur gegen Gott
allein. Ein anderes Mal müssen wir wie der verlorene Sohn bekennen, dass wir
gegen den Himmel und gegen eine Person gesündigt haben (Lk 15,21). In solchen
Fällen müssen wir die Dinge mit Gott und dieser Person in Ordnung bringen.
Wenn ein Bruder gegen mich sündigt und es so aussieht, als ob es ihn nicht
interessiert, muss ich vergeben, nicht weil er es verdient, sondern weil ich
dazu aufgefordert bin. [Anmerkung der Redaktion: Hier ist wohl eine vergebende
Haltung gemeint. Vergeben, so wie Gott uns vergeben hat, ist nur möglich nach
Bekenntnis.] Es erleichtert mein Herz und macht mich frei, um anzubeten und zu
dienen. Wenn der Andere nicht bereut, ist das eine Sache zwischen ihm und
dem Herrn.
Matthäus 18 erklärt, wie wir in der örtlichen Gemeinde beim
Aufrechterhalten von Gerechtigkeit in der Praxis vorgehen sollen. Zuerst sollten wir den
Bruder allein besuchen. Wenn er nicht hören will, ziehen wir ein oder zwei
Brüder hinzu. Wenn er dann immer noch abweisend ist, bringen wir den
Sachverhalt vor die Gemeinde. Ist er weiterhin ablehnend, sollte die örtliche
Gemeinde handeln. Beachte, dass mein erster Schritt war, den falsch handelnden
Bruder zu besuchen und privat mit ihm zu sprechen. Viele Probleme können auf so
einem einfachen, sauberen Weg geklärt werden, wenn wir einfach die Belehrungen
Christi über diesen Punkt beachten. Meine persönliche Verantwortung ist es, zu
vergeben: „… einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer
Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch
ihr“ (Kol 3,13). In Tagen, die durch Konflikte und zwischenmenschliche
Probleme gekennzeichnet sind, ruft Gott uns auf, nach Harmonie zu eifern, indem
wir einander vergeben — wie Christus uns vergeben hat.
„Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden,
sondern um zu dienen“ (Mk 10,45). In der gleichen Nacht, in der Christus
verraten und überliefert wurde, um gekreuzigt zu werden, beschloss Er, den
Jüngern eine unvergessliche Lektion über das Dienen zu erteilen. Er „legt
die Oberkleider ab; und er nahm ein leinenes Tuch und umgürtete sich. Dann
gießt er Wasser in das Waschbecken und fing an, den Jüngern die Füße zu
waschen und mit dem leinenen Tuch abzutrocknen“ (Joh 13,4-5). Wir können uns
vorstellen, wie sich die Jünger gefühlt haben müssen. Vielleicht warteten sie
darauf, dass einer der weniger einflussreichen Jünger, diesen Job tun würde.
Vielleicht dachte Petrus: Ich habe die Schlüssel des Reiches Gottes bekommen;
sicher sollte sich jemand anderes freiwillig melden, um uns die Füße zu
waschen.
Bevor wir Petrus kritisieren, wollen wir unsere eigenen unwürdigen Gedanken
erwägen: Ich bin seit mehr als zehn Jahren in dieser Gemeinde; lasst einen von
den Newcomern diesen ermüdenden Job machen. Ich hab das so oft gemacht und nie
hab ich je einen Dank gehört. Ich werde mich zurückziehen und auf einen anderen
Freiwilligen warten. — Aber wie beendet der Herr Jesus diese praktische
Lektion? „Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, euch die Füße gewaschen
habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen“ (Joh 13,14).
Genauso betont der Apostel Paulus in Galater 5,13 diesen Punkt: „Denn ihr
seid zur Freiheit berufen worden, Brüder; nur gebraucht nicht die Freiheit zu
einem Anlass für das Fleisch, sondern durch die Liebe dient einander.“
Um einander zu dienen, müssen wir die Augen offen halten, um die Nöte
anderer um uns herum zu sehen. Wir müssen echte Sorge entwickeln. Wir müssen bereit sein,
mit einem Wort der Ermutigung zu dienen, einen freundlichen Besuch zu machen,
ein Telefonat zu führen oder einen Brief zu schreiben. Da es so leicht ist,
dass wir selbst entmutigt sind, fordert die Schrift uns auf, einander zu
ermuntern (1Thes 4,18). In Tagen, die durch Gleichgültigkeit und Egoismus
gekennzeichnet sind, ruft Gott uns auf, einander zu dienen.
Der Apostel Johannes war ein alter Mann, als er die letzten drei Briefe
schrieb, die seinen Namen tragen. Seine Briefe zeigen etwas von seiner persönlichen
Erfahrungen aus dem ersten halben Jahrhundert der Kirchengeschichte — Zeiten
der glücklichen Ausbreitung des Evangeliums, der Verfolgung, der internen
Probleme und Unstimmigkeiten, der Heuchelei von einigen, der langen Debatten
über Fragen der Lehre, der vielen Predigten … Wir können ihn fast mit
einem nachdenklichem Gesichtsausdruck sagen hören: „Kinder, lasst uns nicht
lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ (1. Joh.
3,18).
Wie echt sind unsere zwischenmenschlichen Beziehungen? Als Christen sollten
unsere Beziehungen unsere Berufung wiederspiegeln — und wir sind dazu berufen,
einander zu lieben, zu vergeben und einander zu dienen. Lasst uns dies tun „in
Tat und Wahrheit“.
Philip Nunn
London, England
1994
Übersetzung: Ruben Isenberg
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