Der Prophet Nahum (2)
Kapitel 2

Henry Allen Ironside

© SoundWords, online seit: 15.11.2018, aktualisiert: 29.11.2018

Die Zerstörung Ninives

Vers 1

Nah 2,1: Siehe, auf den Bergen die Füße dessen, der gute Botschaft bringt, der Frieden verkündigt! Feiere, Juda, deine Feste, bezahle deine Gelübde! Denn der Nichtswürdige wird fortan nicht mehr durch dich ziehen; er ist ganz ausgerottet.

Juda war befreit von der Gefahr, die gedroht hatte, und konnte nun seine Feste in Frieden feiern und sich über die gute Botschaft, die der HERR ihnen gesandt hatte, freuen. Jesaja 52,7 spricht in fast derselben Sprache von seinen Boten. Möglicherweise feierten Nahum und Jesaja zusammen, als der Feind vertilgt worden war und Juda erhöht wurde.

Erlöst und jubelnd sind sie aufgerufen, ihre Gelübde zu erfüllen, denn die Heere, die ihnen nur kurz zuvor Schrecken eingejagt hatten, würden das Land nicht mehr durchqueren.

Wer kann in all dem nicht ein wunderbares Bild von der Einführung des tausendjährigen Segens sehen, wenn das letzte Bündnis gegen Israel umgeworfen ist und wenn der Herr Jesus selbst mit seinen Füßen auf die Berge herabsteigen wird, um den Frieden auszurufen, der nicht mehr gestört werden wird!

Bei der Lektüre der Propheten ist es wichtig, zwischen jenen Teilen zu unterscheiden, die sich in erster Linie auf längst erfüllte Ereignisse beziehen, und jenen, die ausschließlich mit dem zu tun haben, was noch zukünftig ist. Erfüllte Prophetie ist ein schlagender Beweis für die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift. Das, was von dem erzählt, was noch kommen wird, ist „eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet“ (2Pet 1,19), so dass der gläubige Leser alles, was er um sich herum sieht, richtig einordnen kann.

Andererseits ist jede Prophezeiung ein zusammenhängendes Ganzes und muss im Hinblick auf das gelesen werden, worauf jede Prophezeiung hinausläuft: auf den kommenden Tag des HERRN. Aber für viele Völker und Nationen ist dieser Tag bereits gekommen. Ihr Lauf ist bereits beendet. Ihre vielfältigen Missetaten sind verurteilt, und ihre Zivilisationen sind ausgelöscht worden.

Der Ruhm Ninives ist seit über zweieinhalb Jahrtausenden nur noch Geschichte. Dass es so sein würde, hatte Nahum zumindest ein Jahrhundert vorher geweissagt, bevor seine Worte ihre schreckliche Erfüllung in der babylonischen Eroberung fanden. Dies wird ausführlich in Nahum 2 und 3 dargestellt. Dieser Teil der Schrift (und der Literatur im Allgemeinen) ist einzigartig in seiner anschaulichen Schilderung und in seinem dichterischen Feuer.

Vers 2

Nah 2,2: Der Zerschmetterer zieht gegen dich herauf. Bewahre die Festung; überwache den Weg, stärke deine Lenden, befestige sehr deine Kraft!

In der Vision sieht Nahum, wie „der Zerschmetterer“, der Anführer der chaldäischen Heere, gegen Ninive heraufkommt und sich stolz in seiner Herrlichkeit am Ufer des Tigris ausruht. Ninive war, so wie auch die rivalisierende Stadt Babylon am Euphrat, von Nimrod gegründet worden. Ninive stellt die Welt in ihrer Erhabenheit und Unabhängigkeit von Gott dar; Babylon stellt die religiöse Welt dar, die Heimat des Aberglaubens und des traditionellen Ritualismus. Die Welt in ihrer Erhabenheit und Unabhängigkeit muss notwendigerweise vor der aufsteigenden Macht der religiösen Welt fallen, auch wenn das Heidentum Jahrhunderte später einem unheiligen Pseudochristentum erliegen musste, das dem Bedürfnis des Menschen in seiner hoffnungslosen Verderbtheit besser gerecht zu werden schien. Doch oft ist es eine Frage an den nachdenklichen Leser: Was war schlimmer – die Welt ohne Gott oder die Welt mit einer verdrehten Vorstellung von Gott, eingehüllt in die Dunkelheit mittelalterlichen Aberglaubens und der Unkenntnis des Wortes der Wahrheit?

Vers 3

Nah 2,3: Denn der HERR stellt die Herrlichkeit Jakobs wie die Herrlichkeit Israels wieder her; denn Plünderer haben sie geplündert und haben ihre Reben zerstört.

Ninive mag versuchen, sich zu verteidigen, wie es will, keine Macht kann das reichlich verdiente Urteil abwenden (Nah 2,2). Ninive selbst war das Instrument, mit dem die Herrlichkeit Jakobs bestraft wurde; aber jetzt, da die Heiden bestraft worden waren, sollten sie nicht entkommen. Dieses Prinzip ist in 1. Petrus 4,17 formuliert: Das Gericht beginnt am Haus Gottes. „Was wird das Ende derer sein, die dem Evangelium Gottes nicht gehorchen!“ Wenn Gott nichts übergehen wird, weil Er sich selbst verpflichtet ist, wie ernst ist dann der Tag, wenn die Gottlosen für all ihre Gesetzlosigkeit Rechenschaft ablegen müssen! Wenn es den Mächten des Bösen erlaubt ist, die Reben des Weinbergs des HERRN zu verderben, wer soll dann die Zerstörung der wilden Bäume des Waldes verhindern?

Der schreckliche Charakter des letzten Angriffs auf Ninive wird in Nahum 2,4.5 anschaulich beschrieben. Dieser Abschnitt ist oft sehr phantasievoll angewendet worden.

Verse 4.5

Nah 2,4.5: 4 Die Schilde seiner Helden sind gerötet, die tapferen Männer sind in Karmesin gekleidet, die Wagen glänzen von Stahl am Tag seines Rüstens, und die Lanzen werden geschwungen. 5 Die Wagen rasen auf den Straßen, sie rennen auf den Plätzen, ihr Aussehen ist wie Fackeln, wie Blitze fahren sie daher.

Es ist eine eindrucksvolle Darstellung der wilden Unordnung, die zwangsläufig herrschte, als die babylonischen Horden und ihre medischen Verbündeten in die dem Untergang geweihte Stadt strömten. Was in diesen Versen deutet auf die seltsame und erzwungene Auslegung hin, die man einem so klaren und deutlichen Abschnitt überstülpt? Wäre diese Ansicht nicht so verbreitet, wer könnte glauben, dass nüchterne Männer versuchen, in Worten wie diesen Hinweise auf Eisenbahn und Autos zu sehen! Dennoch wurden Predigten gehalten und Bücher geschrieben, in denen solche mechanischen Geräte als die Erfüllung von Nahums Prophezeiung erklärt wurden.[1] Es ist ein Beispiel für die sorglose Art und Weise, wie die Menschen die Heilige Schrift lesen; denn der „Tag seines Rüstens“ war eindeutig der Tag der Zerstörung Ninives, und „die Wagen“, deren „Aussehen wie Fackeln ist“ und die „wie Blitze daherfahren“, waren die Kriegswagen der siegreichen Babylonier.

Verse 6.7

Nah 2,6.7: 6 Er erinnert sich an seine Edlen: Sie straucheln auf ihren Wegen, sie eilen zu ihrer Mauer, und das Schutzdach wird aufgerichtet. 7 Die Tore an den Strömen sind geöffnet, und der Palast verzagt.

Der König von Ninive versuchte vergeblich, seine Edlen gegen einen solch schrecklichen Angriff zu sammeln. Betrunken wegen ihrer ruchlosen Feste, stolperten sie auf ihrem Weg, als sie zur Mauer eilten, nur um dann festzustellen, dass es zu spät war, um die Stadt zu verteidigen. Der Anstieg des Flusses öffnete die bereits geschwächten Schleusentore; die Überschwemmungen zerstörten die Fundamente des Palastes und machten die Hoffnung auf Widerstand zunichte.

Diodorus Siculus[2] beschreibt das Ende der Belagerung folgendermaßen:

Es gab eine alte Prophezeiung, dass Ninive nicht eingenommen werden sollte, bis der Fluss zum Feind der Stadt geworden wäre. Und als im dritten Jahr der Belagerung der Fluss wegen des andauernden Regens über die Ufer trat, überflutete er jeden Teil der Stadt und die Mauer brach auf 4000 Metern ein. Da dachte der König, dass das Orakel erfüllt und der Fluss ein Feind der Stadt geworden waren. Deshalb baute er einen großen Grabhügel im Palast und sammelte all seinen Reichtum, seine Konkubinen und Eunuchen und verbrannte sich selbst und den Palast mit ihnen allen. Und der Feind trat an dem Durchbruch ein, den das Wasser gemacht hatte, und nahm die Stadt ein.

Vers 8

Nah 2,8: Denn es ist beschlossen: Sie wird entblößt, weggeführt; und ihre Mägde stöhnen wie das Girren der Tauben, sie schlagen an ihre Brust.

So wurde Ninives Stolz mit Gewalt erniedrigt und „Huzzab“[3] wurde weggeführt. Die Stadt hatte stolz gedacht, dass sie fest gegründet sei, um für immer zu bestehen, aber ihr Ende war gekommen, weil sie sich gegen den HERRN erhoben hatte.

Verse 9-14

Nah 2,9-14: 9 Ninive war ja von jeher wie ein Wasserteich; und doch fliehen sie! Steht, steht! Aber keiner sieht sich um. 10 Raubt Silber, raubt Gold! Denn unendlich ist der Vorrat, der Reichtum an allerlei kostbaren Geräten. 11 Leere und Entleerung und Verödung! Und das Herz zerfließt, und die Knie wanken, und in allen Lenden ist Schmerz, und ihrer aller Angesichter erblassen. 12 Wo ist nun die Wohnung der Löwen und die Weide der jungen Löwen, wo der Löwe umherging, die Löwin und das Junge des Löwen, und niemand sie aufschreckte? 13 Der Löwe raubte für den Bedarf seiner Jungen und erwürgte für seine Löwinnen, und er füllte seine Höhlen mit Raub und seine Wohnungen mit Geraubtem. 14 Siehe, ich will an dich, spricht der HERR der Heerscharen, und ich werde ihre Wagen in Rauch aufgehen lassen, und deine jungen Löwen wird das Schwert verzehren; und ich werde deinen Raub von der Erde ausrotten, und die Stimme deiner Boten wird nicht mehr gehört werden.

Die Verse 9-14 sind sehr einfach und deutlich und verlangen daher keinen weiteren Kommentar. In einer unmissverständlichen Sprache beschreiben sie die Verwüstung nach dem vollständigen Sturz der einst glorreichsten Stadt der Welt. Die Worte, dass der Ort Ninive ewig verlorengehe, waren exakt erfüllt worden. Layard und Rawlinson[4] machten im 19. Jahrhundert Ausgrabungen und Entdeckungen, die die Ruinen einer so riesigen Metropole ans Licht brachten, so dass niemand mehr an den Erklärungen von Jona und Nahum über die Herrlichkeit und Pracht dieser Stadt sowie an ihrer Zerstörung auf dem Höhepunkt ihrer Herrlichkeit zweifeln konnte.

Es mag gut sein, anzumerken, dass der Löwe in Vers 12 und 13 der König ist; und die Löwen und Löwinnen sind sein Haushalt, der mit ihm in den Flammen seines Palastes umkam.

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Anmerkungen

[1] Ich habe sogar Ausleger der Prophetie gekannt, die beredt über „die tapferen Männer in Karmesin gekleidet“ redeten und diesen Vers auf die rotuniformierten Soldaten der Heilsarmee anwendeten!

[2] Anm. d. Red.: Diodorus Siculus (= Diodor von Sizilien) war ein griechischer Geschichtsschreiber in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts v.Chr.

[3] Huzzab = „die feste oder etablierte Stadt“. Anm. d. Red.: Siehe King-James-Übersetzung.

[4] Anm. d. Red.: Sir Austen Henry Layard (1817–1894) war einer der führenden britischen Archäologen des 19. Jahrhunderts; er wurde berühmt durch seine Ausgrabungen in Ninive und Nimrud in Assyrien. Sir Henry Creswicke Rawlinson (1810–1895) war ein britischer Archäologe und Assyriologe. Gemeinsam gingen beide auf Expedition ins alte Mesopotamien.


Originaltitel: „Notes on the Prophecy of Habakkuk“
aus Notes on the Minor Prophets, 1909
Quelle: http://www.plymouthbrethren.org/article/4847

Übersetzung: Stephan Isenberg


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