Kurzbiographie: Rudolf Brockhaus (1856–1932)
aus „Gedenket eurer Führer“

Arend Remmers

© CSV, online seit: 23.06.2001, aktualisiert: 20.10.2017

Rudolf Brockhaus wurde als fünftes der dreizehn Kinder seiner Eltern Carl Brockhaus und Emilie – geborene Löwen – am 13. Februar 1856 in Elberfeld geboren. Er besuchte dort eine höhere Schule und wandte sich dann dem Baufach zu, das er bei dem Mülheimer Unternehmen Gottlieb Scheidt erlernte; wegen mangelnder Aufträge bei dieser Firma musste er seine Lehre allerdings bei der Elberfelder Firma Seeger & Frese beenden. Bei der Firma Scheidt hatte er jedoch wohl seine spätere Frau, Therese Scheidt, die einzige Tochter seines Chefs, kennengelernt. Die beiden heirateten im Jahre 1881; in ihr, die ihn viele Jahre überleben sollte, fand er eine treue, gottesfürchtige Lebensgefährtin, die mit ihm die Schwierigkeiten und Prüfungen auf dem gemeinsamen Wege trug. Aus ihrer Ehe gingen zwölf Kinder hervor.

Obwohl Rudolf Brockhaus von seinem Vater schon früh mit der Botschaft vom Kreuz bekannt gemacht worden war, konnte er sich lange Zeit nicht der vollen Heilsgewissheit erfreuen. Er wusste um seinen verlorenen Zustand, um die Macht der Sünde in seinem Leben, um seine eigene Kraftlosigkeit und Unfähigkeit, der Sünde zu entrinnen, und auch um das am Kreuz vollbrachte Werk des Herrn Jesus. Er wusste und glaubte, und dennoch war sein Gewissen noch nicht zur Ruhe und sein Herz noch nicht zum Frieden mit Gott gekommen. Als er in dieser Zeit – er war schon mehr als fünfzehn Jahre alt – einmal abends spät nach Hause kam und lange auf das Öffnen der Tür warten musste, befiel ihn die schreckliche Angst, der Herr sei gekommen, habe seine Lieben heimgeholt und ihn selbst zurückgelassen. Über diese Zeit des inneren Ringens urteilte er später: „Ich glaube nicht, dass ich verloren gegangen wäre, wenn der Herr mich abgerufen hätte, aber ich hatte keinen Frieden.“

Aber wie Gott jedem aufrichtig Suchenden antwortet, so bekam auch Rudolf Brockhaus bald eine Antwort auf seine Fragen. Als eines Sonntags beim Brotbrechen ein Bruder besonders innig dafür dankte, dass der Herr Jesus am Kreuz alles gut gemacht habe, hieß es im Herzen Rudolfs: „Alles gutgemacht – ist das nicht genug?“ – „Ja“, sagte er zu sich selbst, „es ist genug!“ Aber Satan ließ ihn noch nicht zur Ruhe kommen. Da wurde in der gleichen Zusammenkunft ein Lied vorgeschlagen, das er, wie er meinte, nicht mitsingen konnte, weil darin die besondere Freude über das vollbrachte Erlösungswerk zum Ausdruck kam. Wieder hieß es in ihm: „Ist es nicht genug, was der Herr am Kreuz für dich getan hat?“ Nun sagte er sich selbst: „Ja, es ist genug – und ich will es festhalten!“ Jetzt war sein Gewissen zur Ruhe gelangt, aber ihm fehlte noch die tiefe Freude des Herzens. Nach der Zusammenkunft ging Rudolf zu seiner Mutter und sagte: „Mutter, jetzt kann ich auch glauben.“ Gerührt hörte die Mutter dieses Bekenntnis ihres Sohnes, und sie hatte Freudentränen in ihren Augen. Nach diesem Bekenntnis wurde auch sein Herz von Freude erfüllt. Wie er selbst später oft erklärte, erfuhr er so die Wahrheit des Wortes: „Mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, und mit dem Munde wird bekannt zum Heil“ (Röm 10,10).

Obwohl Rudolf Brockhaus nach Ableistung des Militärdienstes bei einem Grenadier-Regiment in Stuttgart den Wunsch hatte, seiner Neigung entsprechend eine Baufachschule zu besuchen, lenkte der Herr seine Wege anders. Er rief ihn, seine Zeit und Kraft ganz Ihm zur Verfügung zu stellen. Im elterlichen Hause hatte er schon früh Bekanntschaft mit den vielfältigen Aufgaben gemacht, die sein Vater in seinem Verlag und in seiner Tätigkeit im Evangelium und unter den Gläubigen zu erfüllen hatte. So begann er, sich in die Pflichten und Aufgaben des väterlichen Verlages einzuarbeiten. Während sein Vater meistens auf Reisen war, um Konferenzen, die vielen Versammlungen und einzelne Geschwister zu besuchen, widmete Rudolf Brockhaus sich zunächst den mit der Herausgabe der monatlichen Schriften verbundenen Aufgaben. Er begann mit der Übernahme der Schriftleitung der Samenkörner" einer Zeitschrift mit vorwiegend erwecklichem und evangelistischem Inhalt. Später kam dann die Arbeit am Botschafter des Heils in Christo hinzu. Gemeinsam mit dem Altphilologen Dr. Alfred Rochat aus Stuttgart begann er auch, bei der Überarbeitung des alttestamentlichen Textes der „Elberfelder Bibel“ mitzuhelfen. Dieser Aufgabe galt auch später immer sein besonderes Interesse. Mit der Verbesserung des Neuen Testaments beschäftigte sich auch Dr. Emil Dönges, der von 1884 bis 1886 im Elberfelder Verlag tätig war, ehe er nach Frankfurt am Main verzog.

Im Jahre 1894 übertrug Carl Brockhaus den Verlag seinem Sohn Rudolf ganz. Nun erfolgte auch erstmals die gerichtliche Eintragung der Firma unter dem Namen „R. Brockhaus Verlag“ in Elberfeld.

Der Vater, der die geistlichen Fähigkeiten seines Sohnes erkannt hatte, bezog diesen auch mehr und mehr in die Reisetätigkeit ein. Schon im Anfang seines dritten Lebensjahrzehnts durfte Rudolf Brockhaus Reisen mit älteren Brüdern im Werk des Herrn unternehmen. Er besuchte mit ihnen die Gläubigen in den Häusern, diente bereits hier und da in den Versammlungen und konnte die ihm von Gott geschenkten Gaben mehr und mehr im Dienst an den Geschwistern gebrauchen. Ganz im Anfang seiner Tätigkeit im Werk des Herrn besuchte Rudolf Brockhaus einmal einige Versammlungen in Hessen in Begleitung des alten Bruders Philipp Richter. Eines Abends las Philipp Richter in einer Zusammenkunft ein recht schwieriges Kapitel aus der Heiligen Schrift vor, sagte einige kurze Worte über den verlesenen Abschnitt und setzte sich dann recht bald wieder. Rudolf geriet in Angst und Sorge! Aber er blickte auf zum Herrn und empfing von Ihm Gnade und Kraft, den versammelten Geschwistern in rechter Weise zu dienen. Immer wieder in seinem langen und gesegneten Leben machte er die Erfahrung, dass der Herr dem zu Hilfe kommt, der sich Ihm zur Verfügung stellt und auf die Leitung des Heiligen Geistes wartet.

Auf einer anderen Reise, bei der er den betagten Bruder John Nelson Darby in die Schweiz begleitete, empfing er von diesem eine gründliche Belehrung über die in Römer 7 beschriebene Person. Nachdem J.N. Darby ihm seine Gedanken dazu mehrfach mit großer Geduld dargelegt hatte, fragte Rudolf Brockhaus schließlich: „Es scheint mir, Sie denken, dass der Mann in Römer 7 den Heiligen Geist noch nicht hat?“ Darbys Antwort lautete: „Ich dachte wohl, dass das deine Schwierigkeit sei. Aber du solltest selbst darauf kommen.“ Als Rudolf Brockhaus dann von Zürich nach Elberfeld zurückkehren musste, bedauerte J.N. Darby, dass er den schönen Genfer See nicht mehr sehen könne. „Aber Herr Darby, Sie haben mir doch selbst gesagt, dass Sie seit Ihren Jugendjahren keine Reise mehr zu Ihrem Vergnügen gemacht haben“, entgegnete Rudolf Brockhaus. „Ja, mein lieber Rudolf, das ist eine andere Sache. Der Herr hat mir trotzdem viel Schönes von dieser Erde gezeigt. In Amerika fragte mich einmal eine Schwester, ob ich den Niagarafall schon gesehen hätte. Als ich verneinte, meinte sie, den müsste ich unbedingt sehen. Und was geschah? Mein Weg führte mich daran vorbei, und gerade als wir an der besten Stelle waren, hielt der Zug. Die Lokomotive hatte einen Defekt, und während dieser repariert wurde, konnten die Reisenden aussteigen. Rudolf, da hat mir der Herr den Niagarafall gezeigt, so schön, wie ich ihn sonst wohl nie zu sehen bekommen hätte.“

Der Herr Jesus hatte Rudolf Brockhaus in besonderer Weise mit der Gnadengabe eines Lehrers ausgestattet. Immer deutlicher erwies er sich auch als ein Führer im Sinne des Wortes Gottes (vgl. Heb 13,7). Besonders auf den jährlich stattfindenden Konferenzen hinterließ er das Bild eines von Gott begnadeten demütigen Zeugen. Seine Ausführungen waren immer gründlich und bündig, wobei jedes Wort abgewogen war. Aus seinen Worten sprach die Liebe zu seinem Herrn und die unermüdliche Sorge für die Seinigen. Auch die höchsten und schwierigsten Dinge konnte er in einfachen und schlichten Worten erklären. Auf einer Konferenz in Mülheim machte einmal ein fast dreißig Jahre jüngerer Bruder längere Ausführungen über den betrachteten Schriftabschnitt. Rudolf Brockhaus hörte still und aufmerksam zu. Als der Bruder geendet hatte, hörte man Rudolf Brockhaus: „Ach, bitte, lieber Bruder, können Sie noch einmal wiederholen? Ihre Erklärungen waren mir sehr wertvoll; ich möchte sie mir notieren.“

Nach der Übernahme der Verantwortung für den Verlag erschienen nun auch immer mehr Artikel aus der Feder von Rudolf Brockhaus. Er erwies sich als ein Schriftsteller, bei dem sich ein großes Verständnis der Wahrheit mit der Fähigkeit zu klarer Darstellung verband und der sich dadurch als großer Lehrer auszeichnete. Dabei folgte er immer dem Grundsatz, dass keine Weissagung der Schrift von eigener Auslegung ist und erklärte das Wort Gottes mit dem Worte Gottes (2Pet 1,20). Seine "Gedanken über den Brief an die Römer" erschienen zuerst im Botschafter (1929–1931), ebenso seine Betrachtung über den Brief an die Galater (Jahrgang 1931–1932). Von der Vielzahl seiner übrigen Schriften, die zumeist auch im Botschafter erschienen, seien nur einige zum Teil noch heute erhältliche erwähnt: Ein Wort über die christliche Taufe, Gethsemane, Die Gabe des Heiligen Geistes, Das Reich Gottes usw.

Auch als Dichter ist Rudolf Brockhaus hervorgetreten. Neben manchen Gedichten stammen die Nummern 131, 135, 136, 139, 141, 142, 144 und 147 in dem Buch Kleine Sammlung geistlicher Lieder von ihm. Wenige Tage vor seinem Heimgang schrieb er noch das folgende „Gebet“:

Nur auf Gott vertraue still meine Seele! (Ps 62,5)
Herr, mach mich still!
Und führten Deine Wege
und Deine gute, heiligtreue Pflege
ganz anders mich, als ich es wünsch und will,
o mach mich still!
Herr, lehre mich auf Deine Liebe bauen
und Deiner Weisheit rückhaltlos vertrauen!
Erschiene auch Dein Tun mir wunderlich,
o lehre mich!
Herr, Du bist treu!
Seit meiner Kindheit Tagen
hat Deine Güte sorglich mich getragen;
im Alter wird sie täglich, stündlich neu.
Ja, Du bist treu!
Herr, bis zum Ziel
sind nur noch wenig Schritte.
Erhöre gnädig Deines Knechtes Bitte:
Lass Deinem Wink mich folgen treu und still
bis hin zum Ziel!

Am 19. September 1932 ging Rudolf Brockhaus in Frieden heim zu seinem Herrn. Weit über tausend Geschwister erschienen zu seiner Beisetzung. Bei der anschließenden Nachfeier hielt sein Freund J.N. Voorhoeve aus Holland die folgende Ansprache:

„Warum haben wir doch alle Bruder Rudolf Brockhaus so lieb gehabt? – War es, weil unser Bruder so freundlich war, so einnehmend, dass selbst Kinder sich freuten, wenn er zu Besuch kam? Sicher, unser heimgegangener Bruder war freundlich, zuvorkommend und teilnehmend. Er fragte nach dem Wohl anderer, und wir hatten ihn deshalb lieb. Aber war das der eigentliche Grund unserer großen Zuneigung?

War es, weil er sich so jung in den Dienst des Herrn gestellt und mit solcher Treue sein ganzes Leben hindurch an der Bibel festgehalten hat? Dies Letztere trifft sicherlich zu – war es doch nicht nur die letzte Zeit seines Lebens, auch nicht nur die Hälfte seiner Lebenszeit, die er in den Dienst des Herrn gestellt hat, nein, sein ganzes Leben war dem Herrn geweiht. Bruder Rudolf Brockhaus vermochte dies durch die Gnade Gottes, und er hat es mit Ausdauer getan. Wir hatten ihn auch deshalb lieb. Aber war das die Ursache unserer besonderen Anhänglichkeit?

War es, weil Bruder Brockhaus, wenn er sich geirrt hatte – was nur selten vorkam –, dies bei der ersten Gelegenheit öffentlich bekannte? Auch darum hatten wir ihn lieb, verriet es doch wahre Demut, die einen Knecht des Herrn ziert. Aber die eigentliche Ursache unserer Liebe liegt doch auch hier nicht.

War es wegen seiner herrlichen Gaben? Sicher, er war ein vollendeter Redner. Er hat viele Lieder gedichtet, die in unserem Herzen widerklingen. Aber sollte hier der Grund zu unserer besonderen Liebe zu ihm zu suchen sein?

War es schließlich, weil er an der neuen Bibelübersetzung und deren Verbreitung einen so großen Anteil hatte und weil er so viele gute Schriften herausgegeben hat? Ohne Zweifel ist auch dies eine Ursache mit, weshalb wir ihn so liebten. Und doch – die Antwort auf unsere Frage ist damit nicht gegeben.

Nein, die eigentliche Ursache war eine andere. Ich will sie mit den Worten der Schrift nennen. Wir hatten unseren Entschlafenen so lieb, weil er „das Wort der Wahrheit recht teilte“ (2Tim 2,15). Das war es, was seinen Dienst vor allem anderen auszeichnete, namentlich in den zahllosen Konferenzen, denen er beiwohnte und die er leitete. Er pflegte niemand zu schonen. Für den Augenblick mochte es manchmal nicht so angenehm sein, aus seinem Munde zu hören, dass die geäußerte Ansicht nicht richtig war. Aber weil man wusste, dass es seine große Liebe zum Worte Gottes war, die ihn so sprechen ließ, lernte man es schätzen. So wurde der Grund zu wahrer, bleibender Hochachtung und echter Liebe gelegt!

Groß ist nun unsere Betrübnis, solch einen Geliebten fortan hier auf Erden missen zu müssen. Und wir denken an Apostelgeschichte 20,38, wo wir von der Betrübnis am Strande von Milet lesen, als Paulus im Begriff war, abzureisen und die Brüder – da sie sein Antlitz zum letzten Mal sahen – weinend von ihm Abschied nahmen.

Doch unser Bruder würde der Erste sein, die Aufmerksamkeit von sich selbst weg und auf den Herrn hinzulenken. Wer uns auch verlässt – der Herr bleibt bei uns!

Lasst uns darum mutig vorwärtsschreiten, indem wir von ihm lernen, das Wort der Wahrheit recht zu teilen, für die Wahrheit einzustehen, die Wahrheit um keinen Preis zu verkaufen. Dann wird Gott uns segnen!

Wenn treue Brüder aus dem Leben scheiden, fragen wir: Was soll nun werden? – So haben wir es auch in Holland erfahren. Aber der Herr hat die Furcht beschämt und den Glauben nicht beschämt. Darum lasst uns unsere Augen erheben zu dem Gott des Elia, zu dem Gott unseres Bruders Rudolf Brockhaus, der auch unser Gott ist!“

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