Kurzbiographie: Thomas Oliver (1871–1946)
„Ohne Christus ist alles nichtig“

G. Naujoks

© G. Naujoks, online seit: 19.06.2017

Thomas Oliver gehört heute eher zu den unbekannten ‚Brüdern‘, vor allem in Deutschland – im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen F.B. Hole, J.T. Mawson oder H. Smith, deren Bücher und Artikel immer noch verlegt und übersetzt werden. Als ganz junger Mann entwickelte er großen beruflichen Ehrgeiz, machte jedoch die Erfahrung, dass Leistung und Erfolg im Beruf seine Seele nicht sättigen konnten.

Seine Kindheit

Thomas Oliver stammte aus den schottischen Borders im Südosten des Landes an der Grenze zu England. Dort wurde er am 19. Juni 1871 in der Gemeinde Cavers geboren, etwa zweieinhalb Kilo­meter entfernt von der Stadt Hawick (Roxburghshire).

Seine Mutter Grace Oliver (1849–1929) war unverheiratet, und so wuchs Thomas in sehr beschei­denen Verhältnissen bei seinem Großvater George Oliver (1819–1899) in einem kleinen Haus in Cavers auf. Als Thomas noch keine vier Jahre alt war, starb seine Großmutter 1875 im Alter von erst 57 Jahren. Bis Anfang der 1880er Jahre hatten alle Kinder der Groß­eltern das Haus verlassen. Nun lebten nur noch Thomas, seine Mutter und sein Großvater im Haus.

Thomas besuchte die Schule im benachbarten Dörfchen Kirkton, später die höhere Schule in der Nachbarstadt Hawick. Mit 13 Jahren verließ er die Schule und half seinem Großvater, von Beruf Förster und Schäfer, die nächsten zwei Jahre beim Hüten der Schafe. Durch diese Arbeit kam Thomas erstmals in Kontakt mit Wolle, die ihn von nun an sein ganzes Leben lang faszinierte.

Sein Beruf

Da Thomas vor allem auch an technischen Zusammenhängen interessiert war, begann er 1886 im Alter von 15 Jahren in der Nachbarstadt Hawick eine Lehre in einer Wollmühle und lernte dort Weben und das Herstellen von Tweed. Fünf Jahre „kämpfte“ er sich durch diese Ausbildung und hatte dabei den Eindruck, sie führe zu nichts. Anschließend bot er Tweedwaren zum Kauf an, für die allerdings kaum Nachfrage bestand, und arbeitete als Lagerist. Weitere fünf Jahre schrieb er zahllose Bewerbungen; auch hier schienen alle seine Bemühungen ins Leere zu laufen, denn er wurde nie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Am Anfang sei er ein „miserabler Schreiber“ gewesen, am Ende aber ein „Meister“ im Schreiben. In dieser harten Prüfungszeit lernte er noch etwas anderes: Er entwickelte die Fähigkeit, aus wenig viel zu erreichen.

Seine ersten Berufsjahre seien Jahre voller Enttäuschung, Pech und schlecht bezahlter Arbeit ge­wesen, sagte Thomas Oliver später rückblickend auf diese schwierige Zeit; er sei in den Mühlen zwölf Jahre lang hierhin und dorthin gestoßen worden. Dennoch seien diese Jahre keine verlorenen Jahre gewesen; sie hätten seinen Verstand geschärft und seien nützlicher gewesen als alle seine Aus­zeichnungen: Er habe ein Wissen über Menschen und Dinge erworben, das er durch kein Schulbuch hätte erlangen können.

Während all dieser Jahre, in denen er mit seiner Mutter immer noch beim Großvater in Cavers wohnte, verbrachte er seine Abende damit, in Hawick Abendkurse zu besuchen: Wissenschaft, Kunst und technischer Unterricht standen auf dem Lehrplan. Für seine Leistungen dort erhielt er etliche Auszeichnungen. Nebenbei hatte er die Gelegenheit, in einem Labor in Hawick zu experimentieren.

Nach vielen Jahren des Lernens und Experimentierens wurde er schließlich als Lehrer für das Weben und Gestalten von Wolle zugelassen und beurkundet. Im November 1898 übernahm er den technischen Unterricht an der Combined Technical School in Galashiels (Selkirkshire) und lehrte dort und in anderen Städten der Borders (in Hawick und in Selkirk) in dreistündigen Abendkursen unter anderem das Weben auf Webstühlen. Von seinem Wohnort Hawick aus – Thomas war inzwischen von Cavers nach Hawick umgezogen – musste er zum Unterrichten in Selkirk und Galashiels jeweils 17 bzw. 27 Kilometer für eine Wegstrecke zurücklegen.

Ein Jahr später (1899) erschien bereits sein erstes Buch übers Weben, und innerhalb der nächsten zehn Jahre schrieb er noch drei andere Fachbücher.

Im November 1898 gab es nicht nur Änderungen beruflicher, sondern auch privater Natur: Unmittelbar bevor Thomas seine Arbeit als Lehrer begann, heiratete er am 4. November in Edinburgh die zweieinhalb Jahre jüngere Isabella (*1874), die mit Mädchennamen ebenfalls Oliver hieß, ein häufiger Name in den Borders. Sie stammte aus Hawick und war die Tochter des Bauhandwerkers und Bildhauers Adam Oliver (1851–1907) und seiner Frau Catherine McGregor (*1840). Thomas wohnte in unmittelbarer Nähe, nur wenige Fußminuten von Isabella und ihrer Familie entfernt.

Bald beschloss Thomas, sich durch ein Studium weiterzubilden. Gleichzeitig war er weiterhin als Lehrer der Abendkurse tätig. 1901 erwarb er an der Universität London den Bachelor in Naturwissen­schaften (B.Sc.; Theoretische Wissenschaft). Anschließend setzte er sein Studium an der Universität Edinburgh fort. Dazu fuhr er von seinem Wohnort Galashiels zu den Vor­lesungen täglich mehr als 100 Kilometer mit dem Zug nach Edinburgh und wieder zurück; abends unterrichtete er noch zusätzlich an sechs Abenden in der Woche jeweils drei Stunden.

1904 erlangte er an der Universität Edinburgh den Bachelor in Ingenieurwissenschaften (B.Sc.) und 1908 den Doktortitel der Naturwissenschaften (D.Sc.) in Angewandter Physik. Im folgenden Jahr wurde er der erste Rektor des neu gegründeten South of Scotland Central Technical College in Galashiels. Als das College 1922 in Scottish Woollen Technical College umbenannt wurde, ernannte man ihn zum Professor für Textiltechnik. Das College hatte einen guten Ruf: Viele der dort aus­gebildeten Studenten arbeiteten später weltweit in Ländern mit Wollindustrie: in England, Irland, auf dem westeuropäischen Festland, in Nordamerika sowie in Australien und Neuseeland.

Thomas Oliver lehrte nicht nur am College in Galashiels, sondern hielt auch an anderen Instituten außerhalb Schottlands und weltweit Vorträge. Er bereiste außerdem viele Länder mit Schafzucht und woll­verarbeitender Industrie, um die Wollproduktion und -verarbeitung in diesen Ländern zu unter­suchen. So fuhr er in den Jahren 1904 bis 1919 mehrere Male nach Frankreich und lernte dort die Ausstattung und die Unterrichtsmethoden in den technischen Schulen in Paris und in Textil­städten in der Normandie kennen. Später besuchte er auch Nordamerika: Noch kurz vor seiner Pensionierung reiste er von Juni bis September 1931 mit seiner Frau durch Kanada und die USA. In erster Linie wollte er dort Verwandte besuchen – einige Geschwister seiner Mutter waren nach Kanada und den USA ausgewandert – sowie ehemalige Studenten des Colleges in Galashiels, die nun in Nordamerika arbeiteten, doch galt auch bei dieser Reise sein Interesse der dortigen Wollindustrie.

Nach 45 Jahren Berufstätigkeit ging Thomas Oliver im Oktober 1931 in den Ruhe­stand, sobald er das Mindestalter von 60 Jahren erreicht hatte. Er wolle „für einen jüngeren Mann Platz machen“, da er nun „ein Drittel des Jahrhunderts die Interessen der technischen Aus­bildung in der schottischen Wollindustrie gefördert“ habe. Außerdem plane er „ausgedehnte Reisen in entfernte Textilzentren, um dort die Wollindustrie und den Markt im Ausland zu studieren“, was sich mit seinen Verpflichtungen als Leiter eines Colleges nicht vereinbaren ließe.

Anlässlich seiner Pensionierung lobte man Dr. Thomas Oliver für seine „hervorragende Arbeit“, die er geleistet habe. Er sei „der größte Mann seiner Generation in der schottischen Wollindustrie“ ge­wesen; seine Erfolge in der Ausbildung der Studenten seien „überragend“ gewesen. Als Zeichen großer Wertschätzung über­reichte man ihm nach seiner langen und außergewöhnlichen Karriere eine beträchtliche Geldsumme mit dem Vorschlag, sie für den Kauf eines Luxusautos zu ver­wenden. Er benutzte das Geld jedoch nicht dafür, sondern investierte den größten Teil in Kriegsanleihen. Die Zinsen sollten auf seinen Wunsch hin jährlich als „Oliver-Preis“ an einen herausragenden Studenten des vergangenen Semesters ausbezahlt werden.

Aktiver Ruhestand

Auch nach seiner Pensionierung hielt Thomas Oliver engen Kontakt zum College, und einen großen Teil seiner freien Zeit widmete er dem Studium der Textilwirtschaft. Erneut bereiste er verschiedene Länder mit Schafzucht und wollverarbeitender Industrie: So unternahm er von August 1934 bis Mai 1935 mit seiner Frau eine Reise nach Neuseeland und Australien mit dem Ziel, die Schafzucht und die Wollindustrie auch in diesen Ländern zu studieren. Mit dem Schiff fuhren sie ab Southampton, England, über den Atlantik mit Zwischenstopp in Jamaica, durch den Panamakanal und über den Pazifik und erreichten im September Neuseeland. Nach einem Besuch der Nord- und der Südinsel be­suchte er in Australien mehrere große Städte und ihre Wollindustrie, ebenso in Tasmanien. Auch auf dieser Reise nutzte er wieder die Gelegenheit, Verwandte, Bekannte und Freunde aus den Borders sowie ehemalige Kollegen und Studenten wiederzusehen. Die Rückreise verlief über Ceylon, Aden, das Rote Meer, den Suezkanal, Malta, Gibraltar und den Kanal zurück nach Southampton. In der Broschüre Round World Tour 1934–1935 schrieb er seine Reiseerinnerungen nieder. An das religiöse Angebot an Bord erinnerte er sich mit den Worten:

Von religiösen Aktivitäten ist nicht viel zu sehen. Sie bestehen aus einem abgewandelten Gottesdienst der Kirche von England, der sonntags morgens um halb elf Uhr beginnt, etwa eine halbe Stunde dauert und vom Kapitän und vom Zahlmeister gehalten wird. Um viertel nach acht sonntags abends dagegen findet ein ebenso langer Gottesdienst statt, weil einer der Passagiere ein Geistlicher der Episkopalkirche in Neuseeland ist. Man muss ihn gebeten haben, den Abendgottesdienst zu halten. Obwohl wenig Interesse besteht, gibt es zweifellos noch andere, die nicht zufrieden sind mit einer allwöchentlichen flüchtigen Begegnung mit den einzigen Dingen, die wirklich wichtig sind (Round the World Tour 1934-1935, Galashiels, John McQueen & Son, S. 2).

1938 war Thomas Oliver erneut in Sachen Wolle unterwegs: Er bereiste Mitteleuropa – unter anderem war er auch in Berlin –, und im folgenden Jahr besuchte er drei Wochen vor Kriegsausbruch nochmals nach Belgien.

Auch als Textilprüfer und Gutachter war Thomas Oliver nach seiner Pensionierung noch tätig. Außerdem schrieb er Leserbriefe in Fachzeitschriften und in Zeitungen und hielt ebenso weiterhin Vorträge, nicht nur zum Thema Wolle. Als Hauptredner auf einer Veranstaltung in der Edinburgh School of Salesmanship zum Beispiel wollte er den Studenten unter anderem gern das vermitteln, was er selbst in seiner Jugend durch viel Mühe und Anstrengung hatte lernen müssen: die Kunst des Schreibens. Sie sollten „eine einfache, schlichte Ausdrucksweise kultivieren“, die der Mann auf der Straße verstehen könne:

Vermeiden Sie Journalistensprache, seien Sie keine Schwätzer: Weitschweifigkeit ist nach Ungenauigkeit der größte Fehler beim Schreiben. Versuchen Sie, das, was sie sagen wollen, mit so wenig Worten wie möglich auszudrücken (The Scotsman, 4.10.1938, S. 8).

Sein Glaube

Thomas Oliver kam wahrscheinlich schon als Teenager zum Glauben. Er sei damals ein „Skeptiker und Fatalist“ gewesen; möglicherweise hatte er während seiner Ausbildung in den Wollmühlen und wegen zahlreicher Misserfolge in den folgenden Jahren den Eindruck gewonnen, einem Schicksal ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Gott habe, um sein Herz zu gewinnen, nicht die Peitsche gebraucht, sondern ihn gebeten, so dass er erkannt habe, dass er einen Retter brauchte:

Gott gebraucht nicht die Peitsche, sondern Er bittet uns eindringlich. Das ist die Weise, wie Er mein Herz gewonnen hat – mich, einen armen Skeptiker und Fatalisten. Gott sandte Christus in die Welt, nicht nur um seine Herrlichkeit zu wahren, sondern auch […] um meine Seele zu retten, um meine Liebe, mein Vertrauen zu gewinnen und um mich für alle Ewigkeit bei sich zu haben! (T. Oliver in „The Way of Power“ in Simple Testimony, Jg. 21, 1904, S. 42-51).

Thomas Oliver gehörte zu den sogenannten Glanton-Brüdern, die sich 1908 von den ‚Raven-Brüdern‘ trennten. Während er heute weithin in Vergessenheit geraten ist, sind einige seiner Zeitgenossen durch ihre Artikel und Bücher, die auch heute noch neu aufgelegt oder übersetzt werden, immer noch bekannt; unter ihnen Hamilton Smith (1862–1943), John Thomas Mawson (1871–1943) und Frank Binford Hole (1874–1964), die ihren Beruf aufgaben und vollzeitig für das Reich Gottes arbeiteten. Auch sie gehörten zu den ‚Glanton-Brüdern‘, ebenso wie Algernon James Pollock (1864–1957) oder William Henry Westcott (1865–1936), Missionar im Kongo, und Harold Primrose Barker (1869–1952), die nur wenige Jahre älter waren als Thomas Oliver.

Thomas Oliver besuchte die Versammlung der ‚Brüder‘ in Galashiels und wirkte dort und in anderen Versammlungen in Schottland und England als Bibellehrer und Konferenzredner und verkündete auch das Evangelium; so war er zum Beispiel mindestens seit 1919 öfter in Aberdeen im Nordosten Schottlands. Während seiner Weltreise nutzte er die Gelegenheit, die ‚Brüder‘ in Neuseeland zu be­suchen. Sein Schwiegervater Adam Oliver war ebenfalls gläubig; er besuchte die Zusammenkünfte der ‚Brüder‘ in seinem Wohnort Hawick.

Nicht nur mündlich verkündigte Thomas Oliver das Wort Gottes, sondern auch schriftlich: Artikel von ihm wurden als Traktate (oft unter dem Pseudonym Omicron) und in Zeitschriften veröffentlicht, zum Beispiel 1904 und 1914 in Simple Testimony (hrsg. von W. Barker) und von 1931 bis 1934 in Help and Food for the Household of Faith. Mehr als 30 Jahre schrieb er zahlreiche Beiträge für Scripture Truth (hrsg. von J.T. Mawson). Die meisten seiner oft recht kurzen Beiträge waren ermunternden und auch ermahnenden Inhalts. Längere Abhandlungen schrieb er in den 1940er Jahren in Scripture Truth über die Psalmen („Meditations on the Psalms“) sowie in Scripture Quarterly über die Taufe („Notes on Baptism“) und über das Haus Gottes („The House of God“). In seinen Artikeln klang immer wieder sein umfangreiches Wissen durch, das er sich im Studium erworben hatte, wenn er technische, physikalische, chemische, biologische, geologische und astronomische Phänomene in biblischen Zusammenhängen erklärte. Auch Kenntnisse in der griechischen Sprache hatte er sich angeeignet.

Als Thomas Oliver schon in den Siebzigern war, gab er während des Zweiten Weltkriegs ab 1941 drei Jahre lang eine christliche Zeitschrift heraus, die er auch selbst verlegte: Scripture Quarterly, die sich vor allem „der Auslegung der Schrift widmen“ sollte, wie er es formulierte. Er hatte bereits 1915 überlegt, eine christliche Zeitschrift herauszugeben, sah sich aber gehindert und fühlte sich erst im Alter frei, diese Arbeit zu beginnen. Nachdem 1941 die erste Ausgabe erschienen war, be­anstandeten einige Leser, Scripture Quarterly sei die Zeitschrift einer bestimmten Gruppe der ‚Brüder‘. Auf diesen Vorwurf antwortete er in der nächsten Ausgabe mit den Worten:

Mehrere Korrespondenten haben behauptet, Scripture Quarterly sei die Zeitschrift einer be­stimmten Gruppe; möglicherweise eher aufgrund der Namenszeichen unter den Artikeln als aufgrund des Inhalts. Dazu möchte ich Folgendes sagen: Nachdem ich 26 Jahre lang darüber nachgedacht habe, habe ich mit der Herausgabe der Zeitschrift begonnen, ohne mich mit jemand zu beraten. 1915 haben verschiedene Umstände das Erscheinen der Zeitschrift verhindert, und erst 1940 war ich frei, die anstrengende Arbeit zu tun, die die Zeit­schrift mit sich brachte. Ich habe alle Kosten selbst getragen und habe keinen finanziellen Zu­schuss von irgendjemand angenommen und werde auch keinen annehmen, bis auf den fest­gesetzten Preis für die Zeitschrift. Der Vorwurf, Scripture Quarterly sei eine Zeitschrift einer bestimmten Gruppe, ist also völlig unbegründet! Aktuelle Versammlungsangelegenheiten werden streng gemieden! Ich wünsche mir sehr, dass Brüder einträchtig beieinander wohnen, in­dem sie die Einheit des Geistes im Band des Friedens darstellen [Ps 133,1; Eph 4,3]. Daher wird Scripture Quarterly, so Gott will, mit der Auslegung der Schrift fortfahren, die den Wohlgeruch der Vorzüglichkeit Christi trägt. Allein seine Vorzüglichkeit kann uns über allen Zwietracht und Streit erheben und bewirken, dass unsere Gedanken und unser Reden Erquickung verbreiten anstatt Unmut auf Schritt und Tritt.

Schließlich bat er noch diejenigen, die Artikel beisteuern wollten, sich kurz zu fassen – „ein Artikel sollte nicht mehr als sechshundert Wörter umfassen“ –, und gab ihnen damit denselben Rat, den er vor einigen Jahren den Studenten mit auf den Weg gegeben hatte: „Weitschweifigkeit ist nach Un­genauigkeit der größte Fehler beim Schreiben!“

1943 erschien der letzte Jahrgang von Scripture Quarterly; vermutlich war Thomas Oliver aufgrund einer Krankheit, die ihn die folgenden zwei Jahre stark beeinträchtigte und ans Haus fesselte, nicht in der Lage, die Zeitschrift weiterzuführen. Er erholte sich noch einmal und wurde auch in Sachen Wolle wieder aktiv, indem er zum Beispiel Leserbriefe an Tageszeitungen und Fachzeitschriften schrieb und Fachartikel verfasste sowie erneut als Gutachter tätig war.

Thomas Oliver starb am 12. September 1946 im Alter von 75 Jahren in Galashiels und hinterließ seine Frau Isabella; ihre Ehe war kinderlos geblieben. Drei Tage später – am Sonntag, den 15. September – wurde er auf dem Eastlands Cemetery in Galashiels beigesetzt. Isabella Oliver starb am 10. Januar 1948.

Unmittelbar vor seinem Tod hatte Thomas Oliver noch eine Schenkung von jährlich 100 Pfund bereit­gestellt, mit der in den nächsten sieben Jahren Studenten des Colleges unterstützt werden sollten. Die Bekanntmachung erschien an seinem Todestag in der Zeitung.

Seine Persönlichkeit

Eine Zeitung aus den schottischen Borders, wo Thomas Oliver überall gut bekannt war, schrieb an­lässlich der Verleihung seiner Doktorwürde 1908 über ihn:

Alle, die Dr. Oliver kennenlernen, sind beeindruckt, dass ihm jeglicher intellektuelle Dünkel und jede Überheblichkeit fehlt – Charaktereigenschaften, die leider nur allzu häufig vorkommen bei Leuten, die nur einen Bruchteil des Wissens besitzen, das er sich angeeignet hat. Er scheint die gesunde Philosophie Michael Faradays aufgesogen zu haben, die dieser so formulierte: „Die erste und die letzte Stufe geistiger Erziehung ist Bescheiden­heit und Demut; eine Demut, die sich nicht darauf gründet, dass wir uns selbst mit den un­vollkommenen Maßstäben um uns herum vergleichen, sondern auf die Mehrung jenes inneren Wissens, das allein uns unsere inneren Mängel bewusst machen kann“ (Southern Reporter, 16.4.1908, S. 3).

Willie Kerr, viele Jahre der Leiter des Scripture Truth Depot und der Verleger von Scripture Truth, er­innerte sich an Thomas Oliver:

In den 1940er Jahren, als Thomas Oliver schon ein alter Mann war, war ich noch ein junger Mann. Ich kannte ihn gut, als ich damals für kurze Zeit in der Gegend um Galashiels arbeitete. Auch ich stamme aus den Borders, ebenso mein Vater, der früher mit Thomas zusammen in der Mühle gearbeitet hat. Für mich persönlich war Thomas Oliver ein Mentor im Glauben, der mich beraten und gefördert hat. Er war ein sehr fähiger Diener des Wortes Gottes und hatte einen herausragenden Wortschatz.

Er hatte einen Verstand, der an allem interessiert war, was ihm begegnete. Einmal besuchte er eine christliche Versammlung in einem Ort im Lake District in England. In unmittelbarer Nähe floss dort ein kleiner Fluss vorbei. Er warf ein Stöckchen ins Wasser, folgte dann ein Stück dem Fluss, kehrte zurück und wiederholte das Gleiche noch einmal. Auf die Frage der Kinder, was er da tue, erklärte er ihnen, dass der Fluss eine 3-PS-Turbine an­treiben könne.

Auch eine andere Begebenheit zeigt, dass Thomas Oliver stets sehr daran interessiert war, Dingen auf den Grund zu gehen. 1926 war ein junger Christ aus Galashiels des Totschlags angeklagt: Er habe durch rücksichtsloses Autofahren einen Motorradfahrer zu Tode gebracht. Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld. Thomas Oliver, ein sehr bekannter und angesehener Mann in der Stadt, ging zum Unfallort, nahm einige Messungen und Berechnungen vor und machte sich daran, vor Ge­richt die Unschuld des Angeklagten zu beweisen: Seit vielen Jahren habe er sich mit Dynamik beschäftigt, der Lehre vom Einfluss der Kräfte auf die Bewegungsvorgänge von Körpern, und seine Be­rechnungen führten ihn zu dem Schluss, dass die Tat, deren der junge Mann angeklagt war, physikalisch ganz und gar unmöglich sei! Der Angeklagte wurde einstimmig freigesprochen.

„Ohne Christus ist alles nichtig“

Mit Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Fleiß hatte Thomas Oliver aus sehr bescheidenen Anfängen höchste berufliche Höhen erreicht. Sein beruflicher Werdegang sei ein „bemerkenswertes Zeugnis für die Tat­sache: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Er war in seinem Beruf außerordentlich erfolgreich und weltweit als Experte anerkannt. Insgesamt erhielt er etwa fünfzig Auszeichnungen und Ehrungen. Anlässlich seiner Australienreise würdigte eine australische Zeitung 1935 den damals 63-Jährigen und sein Lebenswerk mit den Worten:

Dr. Olivers Dienste für das schottische Wollhandwerk waren außerordentlich segensreich. Etliche sehr bedeutende Männer im Textilhandwerk in Australien stammen aus Hawick wie er; sie genießen jedoch alle nicht das gleiche hohe Ansehen wie Dr. Oliver (The Advertiser, 22.3.1935, S. 21).

Der berufliche Ehrgeiz, den Thomas Oliver als junger Mann hatte, überschattete damals allerdings offenbar sein Glaubensleben; seine „Götzen“ waren Erfolg und Leistung. In einer Welt, die Jesus Christus abgelehnt hat, solle man nicht nach einer hohen Stellung streben:

Jeder neigt dazu, einen Götzen zu haben, auch wenn die Götzen in unserem aufgeklärten Zeitalter nicht aus Holz oder Stein bestehen. Unsere Götzen heutzutage sind Ideale – Wunsch­bilder – oder Geschöpfe unserer eigenen Vorstellungskraft (T. Oliver, „The Years the Locust has Eaten“ in Scripture Truth, Jg. 8, 1916, S. 11-13).

Wir sollten nicht nach einer hohen Stellung streben in einer Welt, die unseren Herrn ausgestoßen hat (T. Oliver, „Notes on Baptism“ in Scripture Quarterly).

Im Rückblick betrachtete er Leistung und das Streben nach Erfolg auch als „andere Wasser“, die jedoch den Durst nicht stillen könnten. „Die Jahre des Versagens“ hätten Gottes Herz der Liebe allerdings nicht verändert. Schließlich erlebte er, dass nur Christus allein seinen Durst stillen konnte:

„Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke!“ (Joh 7,37). Ich glaube, das ist ein sehr wichtiger Schritt. Ich habe das in meiner eigenen Geschichte so erfahren. Christus stillt das Verlangen des Herzens. Vermutlich haben viele von uns, die wir heute hier sind, nach ihrer Bekehrung an anderen Wassern trinken wollen, und Gott hat uns dahin gebracht, dass wir erkannt haben: „Nur Er allein kann das Verlangen stillen.“ Durch Gottes Gnade sind für uns heute alle anderen Wasserläufe trocken und wasserlos (T. Oliver, „The altogether Lovely One“ in Truth for the Time, being Notes of Addresses and Readings at Quemerford, Mai 1902, S. 81-85).

Über die Zeit der „anderen Wasser“ und seine Umkehr sagte er rückblickend im Alter von fast 60 Jahren:

Fast 20 Jahre lang befand ich mich in einer „Wüste“ – ich bewunderte menschliche Leistung und Erfolg. In seiner wunderbaren Gnade hat Gott in mir wieder ein wenig das Empfinden für die Kostbarkeit Christi erweckt. Ich habe Geologie studiert, Biologie, Physio­logie, Mathematik, Astronomie, Physik, Chemie, Mechanik und die Technik verschiedener Industriezweige, und deshalb darf ich wohl als objektiver Zeuge gelten. Ich kann be­zeugen, dass Salomos weiser Spruch wahr ist: Ohne Christus „ist alles nichtig und ein Haschen nach Wind“ [Pred 2,17] (T. Oliver, „To a Young Man in Soul Difficulties“ in Scripture Truth, Jg. 20, 1928, S. 188).


Verwendete Quellen
hawickhighschool.co.uk
trove.nla.gov.au
https://en.wikipedia.org
www.ancestry.com
www.britishnewspaperarchive.co.uk
www.fototime.com
www.myheritage.de
www.stempublishing.com
www.tng.cliftonbeach.net
Journal of the Textile Institute
Passenger Lists leaving UK 1890–1960
Round World Tour 1934–1935
Scripture Quarterly
Scripture Truth
Simple Testimony

Letzte Aktualisierung: 20.06.2017

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