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Leitverse: 1. Samuel 1-7
Zwei Wahrheiten ziehen sich deutlich durch die gesamte Heilige Schrift: Die
eine betont, dass Gott alles im Voraus weiß; die andere macht deutlich, dass
Gott immer in Übereinstimmung mit seinem heiligen Charakter handelt, um sein
Ziel auszuführen.
In der Erlösung, die durch Jesus Christus gewirkt ist, werden diese beiden
Wahrheiten klar und deutlich dargestellt. Sie sind jedoch auch gut erkennbar im
Handeln Gottes mit den Menschen bei anderen Begebenheiten, unter anderem in
denen, die in diesem Abschnitt ausgeführt sind. In der Erlösung durch Jesus
Christus werden, wie wir schon gesagt haben, diese Wahrheiten in vollem Umfang
deutlich.
Viele scheinen jedoch zu denken, dass die Erlösung eine nachträgliche Idee
Gottes war, ein Hilfsmittel, das Er in Anspruch nahm, als das Werk seiner Hände
durch Satans Gerissenheit und Adams Schwäche ruiniert war. Aber wird uns das so
im Wort Gottes dargestellt? Nein, ganz und gar nicht! Uns wird berichtet, dass
Gott alles geschaffen hat, damit Er in der Gemeinde verherrlicht werde: „…
Gott, der alle Dinge geschaffen hat; damit jetzt den Fürstentümern und den
Gewalten in den himmlischen Örtern durch [mit Hilfe der] die Versammlung
kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz, den
er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Eph 3,9-11).
So verhält es sich auch mit der zweiten Wahrheit. Wo sonst können wir die
Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes kennenlernen wenn nicht im Kreuz Christi?
Der Mensch war gefallen. Gott war entschlossen zu retten. Er musste Gnade walten
lassen. Aber wie? Ohne gerecht zu sein? Nein, sondern indem Er gerecht war!
Schon bevor der Mensch fiel, wusste Gott, dass der Mensch fallen würde. Und
schon bevor der Mensch fiel, entschied Gott, durch den Sündenfall die Tiefe
seines Erbarmens und den Reichtum seiner Gnade zu offenbaren, die andernfalls nicht zu Tage
getreten und unerkannt geblieben wären.
Aber muss Er deshalb ungerecht sein? Kann Er die Sünde verharmlosen, als ob
es wenig oder gar keinen Unterschied gäbe zwischen Sünde und Heiligkeit? Gott
bewahre uns davor! Er ist in der Tat gnädig, und seine Gnade muss regieren und
triumphieren, damit seine Herrlichkeit bewiesen und seine Heiligkeit offenbart
werde. Daher das Kreuz Christi. Dort sehen wir in Wahrheit Gnade, aber dort
sehen wir auch Heiligkeit. „Wo aber die Sünde überströmend geworden ist,
ist die Gnade noch überreichlicher geworden, damit, wie die Sünde geherrscht
hat im Tod, so auch die Gnade herrsche [nicht auf Kosten der Gerechtigkeit,
sondern] durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch Jesus Christus,
unseren Herrn“ (Röm 5,20.21).
So wird es uns in dieser Erzählung in Samuel 1-7 berichtet. Israels Zustand
war nicht nur schlecht, sondern hoffnungslos. Das Maß ihrer Sünden war voll,
und Gericht stand vor der Tür. Aber bevor wir etwas von Sündhaftigkeit hören
oder von herankommendem Gericht, werden die ergreifende Vorkenntnis Gottes und
seine Gnade gezeigt. Das Instrument der Errettung wird vorbereitet. Die
verachtete und falsch beurteilte Hanna, eine Frau voller Nöte, wird zur
fröhlichen Mutter dessen, der von Gott auserwählt und bestimmt ist,
nach der Vollstreckung des Gerichts ein Rettungs- und Segenskanal zu werden.
Samuel wird so für uns zu einem Zeugen der souveränen Gnade — der Gnade, die
die Krise voraussah und dafür Vorkehrungen traf. Es ist eine Gnade, die uns
über diese Vorsorge informiert, noch bevor die Umstände angekündigt sind, die
sie erforderlich macht.
Doch Gott kann nicht unwürdig seiner selbst handeln. Er hat Möglichkeiten,
für die Bedürfnisse seines Volkes zu sorgen, ob es auch noch so tief gefallen
oder sich noch so weit von Ihm entfernt hat. Allerdings kann Er nicht die Sünde
seines Volkes dulden. Er kann vergeben; Er kann wiederherstellen; Er kann
reicher und völliger segnen als das, was sein Volk durch seine Sünde
eingebüßt hat. Aber Er kann Sünde weder dulden noch darüber hinwegsehen.
Bevor der Segen ausgeschüttet werden kann, den Er in seiner Gnade vorbereitet
hat, muss Er sich als gerechter Gott von der Sünde seines Volkes distanzieren.
Gnade darf, wird, muss triumphieren; denn Gott ist Gnade. Aber in all diesem
wird Er sich immer als derjenige erweisen, dessen reine Augen das Böse nicht
sehen können.
Der Zustand Israels zur Zeit unserer Erzählung war äußerst bedauerlich.
Nicht nur das einfache Volk war gottlos. Auch die Priesterschaft, die doch nach
Gottes Bestimmung ein Segen für das Volk sein sollte, war zu einem Werkzeug von
Korruption und Glaubensabfall geworden. Das Haus Gottes in Silo war der
Schauplatz davon. Die heiligsten Dienste waren die Gelegenheit, solch großen
Frevel zu begehen, dass das Gewissen eines normalen Menschen davon erschüttert
wurde.
1Sam 2,17: Die Sünde der Jünglinge war sehr groß
vor dem HERRN; denn die Leute verachteten die Opfergabe des HERRN.
Wenn das, was den Namen Gottes trägt, das Instrument wird, um andere zum
Bösen zu verführen, können wir sicher sein, dass das Maß der Sünde des
Menschen fast voll ist. Aber bevor der Arm des Gerichts zuschlägt, werden
wiederholt angemessene Warnungen gegeben. Zuerst wird ein Mann Gottes zu Eli
gesandt, um ihm die Gerichte anzukündigen, deren Eintreffen durch die
Boshaftigkeit seiner Söhne noch beschleunigt wird. Das Kind Samuel wird mit der
gleichen schrecklichen Mitteilung gesandt. Dann wird uns im Kapitel 4 die
Erfüllung dieser Androhungen erzählt.
„Stolz geht dem Sturz und Hochmut dem Fall voraus“ (Spr 16,18). Jetzt zieht
Israel aus zum Kampf gegen die Philister, und sie lagern bei Eben-Eser.
Sie warten nicht, bis sie angegriffen werden. Sie befragen auch nicht Gott, ob
es sein Wille sei, die Philister anzugreifen. Sie tun es einfach. In ihrem Stolz
und Selbstbewusstsein denken sie, dass sie dem Feind überlegen seien. Aber als
sie aufeinandertreffen, wird Israel von den Philistern geschlagen, und die
Philister töten auf dem Schlachtfeld ungefähr 4000 Mann.
Was bewirkt diese schwere Niederlage? Demütigen sie sich tief vor Gott?
Befragen sie Ihn nach der Ursache dieses ernsten Geschehens und erwarten sie von
Ihm die Rettung? Leider nicht. Zwar sagen die Ältesten: „Warum hat der HERR
uns heute vor den Philistern geschlagen?“ Aber sie warten nicht auf Antwort,
sie gehen nicht in sich und bekennen nicht ihre Sünden. Ohne Gott um Rat zu
fragen, fügen sie sofort hinzu:
1Sam 4,3: Lasst uns von Silo die Lade des Bundes des
HERRN zu uns holen, damit sie in unsere Mitte komme und uns rette aus der Hand
unserer Feinde.
Wahrlich schwerwiegend für unsere Seele sind die Lektionen, die hier erteilt
werden! Sicherlich sollen wir auch lernen, dass Gottes Anordnungen nicht
gleichbedeutend sind mit Gott selbst. Während Er, der lebendige Gott, gekannt
werden kann und wir Ihm vertrauen und gehorchen können, sind seine Gebote
Segenskanäle für unsere Seelen. Wenn wir uns jedoch nicht mehr auf Ihn
stützen und nicht mehr vor Ihm wandeln, wenn wir keinen Gefallen mehr finden an
der lebendigen Gemeinschaft mit Gott, der in Konfliktsituationen allein uns
Kraft geben und mehr als Überwinder aus uns machen kann — dann kann es leicht
passieren, dass wir das Vertrauen, das wir Gott nicht mehr entgegenbringen, auf
seine Anordnungen übertragen. Die Taufe, das Brotbrechen, der Dienst, die
Gemeinde: All dieses wird jetzt ausgetauscht gegen die ständige Gegenwart des
lebendigen Gottes. Wie kommt das?
Oh, wir können uns auf seine Anordnungen verlassen, sie sehr wichtig nehmen,
uns ihrer rühmen und doch dabei unser Gewissen nie prüfen lassen im Licht der
heiligen Gegenwart Gottes. Wir können all diese Anordnungen praktizieren,
während unser Herz ungebrochen und nicht gedemütigt ist. Indem wir diese
Gebote mit Eifer befolgen, werden wir hinsichtlich unseres wahren Zustands vor
Gott noch mehr verblendet und blähen uns auf in Stolz und Selbsttäuschung: „Ich
bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts“ (Off 3,17). Dieser Satz
trifft genauso zu auf den letzten Zustand der bekennenden Kirche, die jetzt auf
der Erde ist, wie er auf Israels Zustand gepasst hätte, als sie die Bundeslade
ins Lager trugen und die Erde von ihrem Geschrei widerhallte. Doch Israel musste
die bittere Erfahrung machen, dass es selbst „der Elende und Jämmerliche und
arm und blind und nackt“ war. Zu seiner Schande brachte seine Sünde es bis zu
diesem Punkt, im Angesicht seiner Feinde.
Gott lässt sich nicht spotten. Wenn sein Volk Ihn so weit vergessen hat,
dass es seinen Namen und seine Anordnungen benutzt, um sich zu rechtfertigen und
seine Schuld zu verbergen, zeigt Gott, dass Er nicht vergessen hat, was der
Verherrlichung seiner eigenen Heiligkeit gebührt. Gott kann es ertragen,
dass seine Anordnungen entweiht werden, sein Heiligtum beschmutzt und die
Bundeslade ins feindliche Land getragen wird, jedoch nicht, dass sein
heiliger Name mit der Sünde seines Volkes in Verbindung gebracht wird. Die
Philister zittern zunächst, als sie hören, dass die Bundeslade ins
[israelitische] Lager gekommen ist. Aber das ist unnötig. Er, der zwischen den
Cherubinen wohnt, der der Heilige heißt, hat seinen kostbaren, auserlesenen Thron
verlassen. Die Bundeslade hat keine Macht in sich selbst, um sich zu
verteidigen, noch weniger das Volk, das in seinem Stolz und seiner Sünde sein
Vertrauen darauf setzt.
1Sam 4,10.11: Und die Philister kämpften, und
Israel wurde geschlagen, und sie flohen, jeder zu seinen Zelten; und die
Niederlage war sehr groß, und es fielen von Israel 30 000 Mann zu Fuß. Und die
Lade Gottes wurde genommen, und die beiden Söhne Elis, Hophni und Pinehas,
starben.
Wie schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen! Aber
wir haben noch nicht das Schlimmste gesehen. Es gibt noch tiefere und ernstere
Lektionen für uns. Eli hatte nicht persönlich an der Sünde seines Volkes und
der seiner Söhne teilgenommen. Offenbar war er ein gottesfürchtiger Mann. Mit
welchem Ernst hatte er den Knaben Samuel gebeten, ihm ja nichts zu verbergen von
dem, was Gott ihm kundgetan hatte. Wie demütig beugt Eli sich, als ihm die
furchtbare Nachricht gebracht wird: „Er ist der HERR; er tue, was gut ist in
seinen Augen“ (3,18). Wie unsagbar wichtig waren ihm offensichtlich der Ruhm
Gottes und die Ehre seines Hauses, als seine Seele durch den Bericht vom
Schlachtfeld geprüft wurde.
„Wie stand die Sache, mein Sohn?“, fragt er den Botschafter. „Israel
ist vor den Philistern geflohen.“ Das waren schlechte Nachrichten für den
Hohenpriester und den Richter Israels. „Und auch hat eine große Niederlage
unter dem Volk stattgefunden.“ Das ist noch schlimmer. „Und auch deine
beiden Söhne, Hophni und Pinehas, sind tot.“ Wie muss der alte Patriarch sich
gefühlt haben, als er dies hört! Aber all das kann er ertragen. Ist da noch
mehr? Ja, es gibt noch etwas zu berichten:
1Sam 4,17b-18: Und die Lade Gottes ist genommen. Und
es geschah, als er die Lade Gottes erwähnte, da fiel Eli rücklings vom Stuhl,
an der Seite des Tores, und brach das Genick und starb; denn der Mann war alt
und schwer. Und er hatte Israel vierzig Jahre gerichtet.
Würde irgendjemand vermuten, dass dieser ehrwürdige Mann, dem die
Bundeslade so am Herzen lag, selbst die Ursache der Eroberung der Lade und der
Niederlage Israels war? Aber so war es. Das bringt ein sehr ernstes Prinzip von
Gottes Handeln mit seinem Volk ans Licht, nämlich dass Er uns zur Rechenschaft
zieht nicht nur für die Sünden, die wir begehen, sondern auch für die, die
wir zulassen. Wer Gemeinschaft mit der Sünde hat, macht sich strafbar; und
je gottesfürchtiger derjenige ist, desto größer ist die Strafe für die
Schande, die er über Gottes Namen bringt.
Eli war weder persönlich gestrauchelt noch hatte er es unterlassen, gegen
die Sünde seiner Söhne zu protestieren und sie zu ermahnen. Er hatte ihnen
Vorwürfe gemacht:
1Sam 2,23-25: Warum tut ihr solche Dinge? Denn ich
höre diese eure bösen Handlungen vom ganzen Volk. Nicht so, meine Söhne! Denn
nicht gut ist das Gerücht, das ich höre; ihr macht das Volk des Herrn
übertreten. Wenn ein Mensch gegen einen Menschen sündigt, so entscheidet Gott
über ihn; wenn aber ein Mensch gegen den HERRN sündigt, wer wird für ihn
bitten?
Folglich hatte Eli die Übeltaten seiner Söhne gesehen; er wies sie darauf
hin, rügte das Böse und machte ihnen Vorhaltungen. Aber er erlaubte es. Seine
Söhne führten ihren priesterlichen Dienst fort, und ihr Vater machte nicht
seine Autorität geltend, um sie zu hindern. Er distanzierte weder sich selbst
noch die Priesterschaft noch den Namen Gottes und dessen Volk von der Sünde
seiner Söhne, indem er disziplinarische Strafen angeordnet hätte. Solange wie
er sich in falscher Vaterliebe davon zurückhielt, wurden alle seine Worte zu
ernsten Ermahnungen gegen ihn selbst. Wie viele Menschen heutzutage geben zu,
dass ihr Weg nicht gut ist, und protestieren mit Worten dagegen, finden aber
Entschuldigungen, um sich nicht vom Bösen zu trennen.
Doch diese Erzählung soll veranschaulichen: Je mehr wir Böses sehen und es
bei Menschen kritisieren, mit denen wir immer noch Gemeinschaft haben als Gottes
Kinder, als „Priester Gottes“, desto schlimmer und unverzeihlicher
erweist sich unser eigenes, geduldetes Verhalten, von dem wir wissen, dass Gott
es missbilligt.
1Sam 3,12-14: An jenem Tag werde ich gegen Eli alles
ausführen, was ich über sein Haus geredet habe: Ich werde beginnen und
vollenden. Denn ich habe ihm kundgetan, dass ich sein Haus richten will in
Ewigkeit, um der Ungerechtigkeit willen, die er gewusst hat, dass seine Söhne
sich den Fluch zuzogen und er ihnen nicht gewehrt hat. Und darum habe ich dem
Haus Elis geschworen: Wenn die Ungerechtigkeit des Hauses Elis gesühnt werden
soll durch Schlachtopfer und durch Speisopfer in Ewigkeit.“
Furchtbare Worte! Und genauso furchtbar sind sie in Erfüllung gegangen!
Möge der Herr es schenken, dass sie tief in unsere Herzen eindringen. „Wenn
wir uns aber selbst beurteilten, so würden wir nicht gerichtet“ (1 Kor
11,31). Weil Israel und auch Eli Gott nicht ehrten, musste Gott seine Ehre
selbst verteidigen, so wie wir gesehen haben. Er stellte sein Ansehen wieder
her, indem Er das Volk in die Hand ihrer Feinde überlieferte: „Gott hörte es
und ergrimmte, und er verachtete Israel sehr. Und er verließ die Wohnung in
Silo, das Zelt, das er unter den Menschen aufgeschlagen hatte. Und er gab in die
Gefangenschaft seine Kraft und seine Herrlichkeit in die Hand des Bedrängers.
Und er gab sein Volk dem Schwert preis, und gegen sein Erbteil ergrimmte er“ (Ps
78,59-62). Das sind die schrecklichen Folgen von nicht gerichtetem Bösem im
eigenen Haus und im Volk Gottes.
Der Triumph des Feindes war von kurzer Dauer. Sie brauchten sich nicht vor
der Bundeslade zu fürchten, als das unreine Volk Israel sie in ihr Lager
brachte, um ihre Sünde zu rechtfertigen und als einen Ersatz für den
lebendigen Gott. Gott sorgte dann dafür, dass das zu seiner eigenen
Verherrlichung diente. Er ließ die Lade lieber in die Hand der Philister
geraten, als sie bei dem schuldigen Volk zu lassen; denn das Volk missbrauchte
genau diese Tatsache, dass es die Lade besaß, um seine bösen Wege zu
unterstützen. Die Philister und Israel standen sich dann gegenüber; Israel war
moralisch so heruntergekommen, dass Gott sich nicht zu ihnen bekannte und sie
nicht verteidigte. Daher wurden sie überwältigend geschlagen, und der Feind
trug die Bundeslade siegreich davon.
Aber als sie die Lade in das Haus ihres Götzen Dagon bringen und ihre
Eroberung als einen Sieg Dagons über den Gott Israels feiern wollen, finden sie
sofort heraus, wie schlimm es ist, Gott zum Feind zu haben. Es handelt sich
nicht mehr um einen Kampf zwischen den Philistern und Israel, sondern um einen
Kampf zwischen Dagon und dem Gott Israels: „Da erwachte wie ein Schlafender
der Herr, wie ein Held, der vom Wein jauchzt; und er schlug seine Feinde von
hinten, gab ihnen ewige Schmach“ (Ps 78,65.66). Dagon wird zu Boden geworfen,
und nichts bleibt übrig als nur sein Rumpf. Die Philister werden mit einer
ekelhaften Krankheit geschlagen. Die erschreckten Einwohner schicken die Lade
von einer Stadt zur anderen, bis sie endlich beschließen, sie einfach nach
Israel zurückzusenden!
Wie wunderbar sind doch Gottes Wege! Die Fürsten der Philister ersinnen eine
Methode, wie sie die Lade zurückgeben wollen, um sicher zu sein, dass ihre
Schicksalsschläge wirklich dadurch verursacht worden waren. Und Gott lässt
sich herab und offenbart auf diese Weise seine Herrlichkeit. Die Milchkühe, die
die Philister vor den neuen Wagen spannen, auf den die Bundeslade gestellt
wurde, vergessen sogar ihren natürlichen Instinkt, indem sie den heiligen,
ihnen anvertrauten Schatz nach Israel transportieren.
1Sam 6,10-12: Und die Männer taten so und nahmen
zwei säugende Kühe und spannten sie an den Wagen, und ihre Kälber sperrten
sie zu Hause ein. Und sie stellten die Lade des Herrn auf den Wagen und das
Kästchen mit den goldenen Mäusen und den Abbildern ihrer Beulen. Und die Kühe
gingen geradeaus auf dem Weg nach Beth-Semes; auf einer Straße gingen sie, im
Gehen brüllend, und wichen weder nach rechts noch nach links; und die Fürsten
der Philister gingen hinter ihnen her, bis an die Grenze von Beth-Semes.
So stellte Gott vor den Augen der Feinde seine Herrlichkeit wieder her
und machte deutlich, dass ihr Sieg über das ungehorsame Israel nicht den Sieg
über Ihn bedeutete. Wie gnädig ging Er doch mit Israel um! Die Bundeslade, die
sie durch ihr Vergehen eingebüßt hatten, wird von den Philistern
wiedergebracht, noch dazu mit Geschenken, die besagten, dass die Eroberung der
Lade nur zur ihrer eigenen Schande und Niederlage geworden war. So wurde der
Name Gottes geehrt durch das scheinbar zeitweilige Verdunkeln seiner
Herrlichkeit. „Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, Gott,
Allmächtiger, gerecht und wahrhaft deine Wege, o König der Nationen“ (Off
15,3b).
Jetzt wollen wir kurz untersuchen, wie Israel reagierte, als sie auf diese
Weise die Lade des Herrn zurückerhielten:
1Sam 6,13-15: Und die Bewohner von Beth-Semes
ernteten die Weizenernte in der Talebene; und als sie ihre Augen erhoben und die
Lade sahen, da freuten sie sich, sie zu sehen. … Und sie spalteten das Holz
des Wagens und opferten die Kühe als Brandopfer dem HERRN. Und die Leviten
nahmen die Lade des HERRN herab und das Kästchen, das bei ihr war, in dem die
goldenen Geräte waren, und setzten sie auf den großen Stein. Und die Männer
von Beth-Semes opferten Brandopfer und schlachteten Schlachtopfer dem HERRN an
jenem Tag.
Die Freude über die Heimkehr der Lade war groß, und die Opfer bedeuteten
ein gewisses Bewusstwerden der Gnade Gottes, die sie zurückgeführt hatte. Aber
leider war das alles oberflächlich, es war fleischliche Freude in ungebrochenem
Herzen, ohne Sündenerkenntnis. Die Kinder Israel freuten sich, die Bundeslade
wiederzuhaben. Ihre Seelen jedoch hatten nicht erkannt, dass gerade wegen ihrer
Sünde die Lade gefangen genommen werden und in Gefangenschaft bleiben musste.
Sie hatten sich nicht gedemütigt und waren nicht zerbrochen unter der
Erkenntnis ihrer Sünde und der Heiligkeit dieses Gottes, mit dem sie es zu tun
hatten. Das kam schnell ans Licht.
Sie waren sich nicht ihrer Sünde und Schande, die ein Handeln Gottes
erforderte, bewusst: „Und er gab in die Gefangenschaft seine Kraft, und seine
Herrlichkeit in die Hand des Bedrängers“ (Ps 78,61). Es kam sogar so weit,
dass sie die Gelegenheit bei der Rückkehr der Lade nutzten und einen Blick
hineinwarfen, um ihre unheilige Neugierde zu befriedigen! Und deshalb kam die
Hand Gottes über sie:
1Sam 6,19.20: Und er schlug unter den Leuten von
Beth-Semes, weil sie in die Lade des HERRN geschaut hatten, und schlug unter dem
Volk siebzig Mann; da trauerte das Volk, weil der HERR eine so große Niederlage
unter dem Volk angerichtet hatte; und die Leute von Beth-Semes sprachen: Wer
vermag vor dem HERRN, diesem heiligen Gott, zu bestehen? Und zu wem soll er von
uns hinaufziehen?
Sicherlich hatten sie in der Schlacht von Aphek (Kap. 4) mit seinen traurigen
Folgen genug ausgestanden, so dass sie schon lange zuvor hätten ausrufen
können: „Wer vermag vor dem HERRN, diesem heiligen Gott, zu bestehen?“ Aber
nein, sie hatten nicht ihre so heilsame und notwendige Lektion gelernt. Jetzt
mussten sie durch Erfahrung lernen, die noch bitterer war als alles
Vorhergehende. 34 000 Mann fielen in den beiden Kämpfen in Kapitel 4. In
Beth-Semes kamen 50 070 um wegen ihrer Leichtsinnigkeit und
Unverschämtheit. Jetzt müssen sie sagen: „Wer vermag vor dem HERRN, diesem
heiligen Gott, zu bestehen?“ Leider fügen sie hinzu: „Und zu wem soll er
von uns hinaufziehen?“ Die Herzen sind ungebeugt durch die „Gnade, die
herrscht durch Gerechtigkeit“. Als sie endlich gezwungen sind, vor der
Majestät Gottes, der sein heiliges Gericht über das Böse ausübt, zu
kapitulieren, tun sie es missmutig, weil sie nicht anders können. Genauso wie
die Philister die Bundeslade, die sie plagte (wie sie dachten), von Ort zu Ort
gesandt hatten, so sagen auch die Menschen in Beth-Semes: „Und zu wem soll er
von uns hinaufziehen?“ Dann sandten sie Boten nach Kirjat-Jearim, und man trug
die Lade dorthin.
„Bei dir ist Vergebung [nicht, dass man dich nicht ernst nehme oder dich
verachte, sondern], damit du gefürchtet werdest“ (Ps 130,4). Ernste
Worte! Möchten sie tief in unsere Herzen sinken. Es ist eins, sich an die
Möglichkeit der Vergebung zu klammern und sich egoistisch darüber zu freuen,
nur weil sie unser Bedürfnis befriedigt und uns vom Tod errettet. Aber etwas
ganz anderes ist es, Gottes Gedanken über das Wesen der Sünde — unserer
Sünde — zu erfassen, so wie sie im Kreuz Christi offenbart sind.
Der Segen, den wir durch die Vergebung empfangen, die auch so frei zu unserer
Verfügung steht, ist es wert, darüber nachzudenken. Wir dürfen uns darüber
freuen; Gott will, dass wir uns darüber freuen. Jedoch ist es unerlässlich,
dass wir etwas davon begreifen, was es Jesus gekostet hat, die Erlösung
für uns Sünder zu bewirken; dass es für Gottes Verherrlichung unumgänglich
war, dass Jesus litt, was Er gelitten hat. Anderenfalls wird diese Freude wenig
Kraft in sich haben und von kurzer Dauer sein.
Wir müssen unbedingt lernen, was Sünde bedeutet und auch, wie Gott sie
beurteilt. Gott hat es uns völlig offenbart, sogar im Kreuz Christi. Dort
wird zum einen klar, wie ernstzunehmend die Sünde ist, zum anderen sehen wir
auch, dass sie vollständig hinweggenommen ist. Wenn wir das nicht durch Glauben
lernen, dann müssen wir es durch eigene bittere Erfahrung, die Gott uns
schickt, lernen. Das kann uns dann den Ausruf entringen: „Wer vermag vor dem
HERRN, diesem heiligen Gott, zu bestehen?“ Möge der Herr es schenken, dass
wir uns demütig unter seine Hand beugen, wenn wir sie gegen unsere
Sünde ausgestreckt sehen über dem Haupt dessen, der sie am Kreuz getragen hat.
In Kapitel 7 lesen wir von einer anderen Begebenheit. Die Bundeslade bleibt
zwanzig Jahre in Kirjat-Jearim; dann rufen die Kinder Israel zum Herrn. Samuel
fordert sie auf, die fremden Götter hinwegzutun und zum Herrn zurückzukehren.
Nachdem sie das getan haben, versammelt Samuel ganz Israel nach Mizpa. Sie
fasten und demütigen sich vor dem Herrn und sagen: „Wir haben gegen den HERRN
gesündigt!“ Als die Philister hören, dass das ganze Volk dort
zusammengekommen ist, ziehen sie gegen es herauf. Israel, das nicht mehr so
selbstbewusst ist wie am Anfang von Kapitel 4, fürchtet sich vor ihnen und
bittet Samuel flehentlich, für sie zu beten. Jetzt vertraut es nicht mehr auf
die Bundeslade, sondern auf Gott, den lebendigen Gott:
1Sam 7,8: Lass nicht ab, für uns zu dem HERRN,
unserem Gott, zu schreien, dass er uns aus der Hand der Philister rette!
Samuel nimmt ein Milchlamm und opfert es dem Herrn ganz als Brandopfer; er
schreit auch zum Herrn für Israel und dieser erhört ihn.
1Sam 7,10: Während Samuel das Brandopfer opferte
[der angenehme Geruch des perfekten Werkes Christi], da rückten die Philister
heran zum Kampf gegen Israel. Und der HERR donnerte mit starkem Donner an jenem
Tag über den Philistern und verwirrte sie, und sie wurden vor Israel
geschlagen.
In Kapitel 4 fühlt Israel sich stark, ist selbstbewusst und verlässt sich
auf die Anordnungen Gottes; sie haben sich nicht gedemütigt und ihre Herzen
sind ungebrochen; sie benutzen Gottes Anordnungen als Deckung für ihre Sünden.
Sie werden von den Philistern geschlagen, die Lade wird erobert und in des
Feindes Land gebracht.
In Kapitel 6, nachdem Gott die Ehre seines Namens vor den Philistern
wiederhergestellt hat und die Bundeslade triumphierend ins Land Israel
zurückgeführt hat, müssen jetzt die Menschen von Beth-Semes durch noch
tiefere Prüfungen gehen. Sie freuen sich zwar über die Rückkehr der Lade,
haben sich aber noch nicht gedemütigt, was die Ursache für die Eroberung der
Lade betrifft. Sie müssen lernen, wie heilig dieser Gott ist, mit dem sie es zu
tun haben.
In Kapitel 7 schreien die Kinder Israel in ihrer Not zum Herrn und nur zu Ihm
allein, denn jetzt sind sie in sich gekehrt, ihr Herz ist gebrochen, sie
bekennen ihre Sünden und trennen sich davon. Der angenehme Geruch des Werkes
Jesu — bildlich gesprochen — steigt hinauf zu Gott, denn das Volk bekennt: „Wir
haben gesündigt.“ Gott, der nicht mit denen rechtet, die sich vor Ihm beugen
und zu Ihm schreien, indem sie auf Jesus vertrauen, lässt es über den
Philistern donnern, und vernichtend werden sie von Israel geschlagen.
Samuel, der berufen worden war, bevor das Gericht über Eli und das Volk
Israel kam, nimmt seinen Platz als Richter ein. Die Philister kommen nicht mehr
an die Grenzen Israels, denn die Hand des Herrn ist gegen sie während der
Amtszeit Samuels:
1Sam 7,15-17: Und Samuel richtete Israel alle Tage
seines Lebens. Und er ging Jahr für Jahr und zog umher nach Bethel und Gilgal
und Mizpa und richtete Israel an allen diesen Orten; und er kehrte nach Rama
zurück, denn dort war sein Haus, und dort richtete er Israel. Und er baute dem
HERRN dort einen Altar.
Wie wohltuend und friedlich endet die Erzählung, in deren Verlauf doch so
viel Böses, Gericht und Leid berichtet wurde. Geliebte, möge der Herr uns
bewahren vor Stolz, überheblichem Selbstvertrauen und falscher Herzenshaltung,
wie sie sich in Silo und Aphek zeigten! Auch vor der fleischlichen Freude
ungebrochener Herzen, selbst nachdem der Herr uns aus einer Notlage errettet
hat. So geschah es nämlich in Beth-Semes, als Israel so schrecklich
zurechtgewiesen wurde.
Oh, möchten wir, jeder Einzelne von uns, ein zerbrochenes Herz,
Sündenbekenntnis, die Trennung von der Sünde, Furcht und Zittern, das Schreien
zum Herrn kennenlernen ebenso wie den lieblichen Wohlgeruch des vollkommenen
Werkes Jesu, das Gott so anerkannte und segnete in Mizpa! Möchten wir diese
heiligen, segensreichen Lektionen nicht vergeblich empfangen haben, sondern
durch den Geist die Kraft davon erleben — zur Ehre unseres Herrn Jesus Christus!
Aus The Present Testimony,
1850
Übersetzung: Christel Schmidt
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