Christen und Kultur (8)
Himmelsbürger auf der Erde

Henk Pieter Medema

© SoundWords, Online începând de la: 03.01.2026, Actualizat: 04.01.2026

Aus dem Leben gegriffen

Drei Situationen aus dem, was wir als das kulturelle Leben unserer Zeit bezeichnen könnten:

  • In Detroit lebt Samuel Wagstaff Jr.[1] Er besitzt ein Blatt Papier im Format 62 x 50 Zentimeter, auf dem jemand 37 Minuten lang Bleistiftstriche in fünfzehn Reihen untereinandergesetzt hat. Die 3879 Striche stehen wie Soldaten in Reih und Glied, sind von Robert Morris signiert, mit dem Datum 2.12.61 versehen und das Blatt trägt den Titel „37 Minuten, 3879 Striche“.[2] Robert Morris war ein amerikanischer Künstler (1931–2018). Das Blatt Papier gilt als Kunstwerk. Als solches wird es von Fachleuten ernsthaft studiert und kommentiert.[3]

  • Es regnet. Herr Jansen fährt schneller als sonst mit dem Fahrrad nach Hause. Nicht nur wegen des Regens, sondern auch, weil er gerne nach Hause möchte. Gestern hat er eine wunderschöne Doppel-LP mit Haydns „Jahreszeiten“ geschenkt bekommen. Herr Jansen liebt klassische Musik und bedauert es sehr, dass er diese Platte (in einer Aufnahme der Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan) gestern Abend noch nicht anhören konnte. Aber heute Abend hat er Zeit dafür! Er tritt noch kräftiger in die Pedale, um schneller nach Hause zu kommen.

  • Der Saal ist brechend voll: Vor der Tür drängen sich noch Hunderte von Jugendlichen. Jedes Mal wenn sich die Tür einen Spalt öffnet, dringt ohrenbetäubend eine Welle von Musik nach draußen. Dröhnende Rhythmen halten die Menge in ihrem Bann; grelle Lampen gehen in dem Halbdunkel schnell an und aus. Fans stürmen die Bühne und werden nur mit Mühe von Ordnern zurückgehalten; ein paar Mädchen fallen in Ohnmacht … Der Hardrock geht weiter.

Die Frage, die in diesem Kapitel behandelt wird, drängt sich uns hier sofort mit Nachdruck auf: Wie soll ein Christ zur Kultur stehen? Vermutlich haben sich die meisten Christen, die dies lesen, bereits eine bestimmte Meinung darüber gebildet, was für einen Christen noch akzeptabel ist und was nicht.

Herr Jansen mag in den Augen vieler ein guter Christ sein. Der Durchschnittschrist hingegen wird gegenüber der dritten Situation eine (vielleicht unbegründete?) Abneigung empfinden. Und das erste Beispiel? Einige werden diese Auffassung von Kunst nicht ablehnen, andere ausdrücklich; wieder andere werden meinen, dies sei eine völlig neutrale Angelegenheit.

Ein unausweichliches Problem

Das Problem, vor dem wir nun stehen: Wie ist das Verhältnis des Christen zur Kultur? Nachdem wir in den Kapiteln 2 bis 5 die grundsätzliche Stellung des Christen in dieser Welt dargelegt haben, haben wir uns in Kapitel 6 mit unserem Verhältnis zum Staat und in Kapitel 7 mit unserer täglichen Arbeit befasst. Damit ist jedoch noch ein Aspekt offen geblieben: Auch als Christen kommen wir sowohl bei unserer Arbeit als auch in unserer Freizeit mit der uns umgebenden Kultur in Berührung. Was sollen wir nun tun? Alles ablehnen? Alles akzeptieren? Oder das eine akzeptieren und das andere ablehnen? Und was ist dann das Kriterium? Es wird jedem klar sein, dass es nicht einfach ist, in diesem Bereich fertige Antworten zu geben; ich muss auch ehrlich zugeben, dass ich das Schreiben dieses letzten Kapitels am schwierigsten fand.

Sicherlich gibt es Christen, die damit viel weniger Schwierigkeiten haben. Kultur, Kunst, Musik, Literatur sind für sie gleichermaßen Feinde. Weg von diesem Gebiet! Sich von der Welt abgrenzen; alles meiden, was es in der Welt zu kaufen gibt – das ist nach ihrer Sicht die einfache Lösung. Vielleicht gibt es auch unter den Lesern dieses Buches einige, die derselben Meinung sind und sich vielleicht etwas verärgert fragen, wozu dieses letzte Kapitel notwendig sein soll.

Nun, es ist notwendig, denn wir können diesem Problem unmöglich ausweichen, auch wenn wir es noch so sehr möchten. Die am Anfang dieses Kapitels genannten Beispiele machen das eigentlich deutlich. Herr Jansen mag ein aufrichtiger Christ sein; er mag vielleicht niemals Sex- oder Gewaltfilme anschauen; er mag Rockmusik verabscheuen; er mag moderne Kunst für wertlos halten, aber auf seine Weise kommt er dennoch mit Kultur in Berührung. Und das nicht einmal widerwillig, denn er kann einen angenehmen Abend mit den „Jahreszeiten“ von Haydn verbringen. Nein, wir können das Problem des Verhältnisses zwischen Christen und Kultur nicht lösen, indem wir über Kultur nur in Begriffen der Enthaltsamkeit sprechen. Und zwar aus einem einfachen Grund: Eine absolute Abgrenzung ist nicht möglich, außer vielleicht in einer sehr extremen Form des Klosterlebens.

Gehst du nie ins Theater oder ins Kino? In deinem Fernseher siehst du genau dasselbe! Du hast keinen Fernseher? Dein Autoradio überschwemmt dich mit den gleichen kulturellen Äußerungen. Oder hast du vielleicht kein Radio? Mit den Zeitungen, die du liest, wird dir das kulturelle Leben direkt bis an die Haustür geliefert. Aber vielleicht liest du auch keine Zeitungen? Damit bist du noch nicht am Ziel, denn alle Bücher, die du liest, sind vom Geist der heutigen Kultur durchdrungen. Du kannst Jan Wolkers und Gerard Reve ungelesen lassen, aber du machst es dir sicherlich nicht leichter, wenn du beispielsweise A.M. de Jong, Theun de Vries oder Frederik van Eeden liest.[4]

Selbst wenn du dich auf belanglose Romane beschränkst, schluckst du eine bestimmte Form von Kultur – und es ist nicht die beste Form. Also keine Bücher? Aber was ist mit den Zeitschriften, die du abonniert hast? Die meisten Zeitschriften atmen ebenfalls den Geist der Zeit, auch wenn sie keine pornographische Lektüre sind! Und wenn deine Zeitschriften dich nicht mit Kultur in Berührung bringen, dann hast du vielleicht wie Herr Jansen eine Sammlung von Schallplatten. Du hörst nur geistliche Musik? Gut, aber auch das ist eine Form von Kultur. Und vergiss nicht die Reproduktionen, die in deinem Wohnzimmer an der Wand hängen. Alles – sogar deine Möbel, deine Kleidung, die Gestaltung deines Autos – drückt, wenn auch nur im Entferntesten, etwas von der heutigen Kultur aus.

Kurz gesagt: Das Problem ist unausweichlich. Jeder von uns hat mit Kultur zu tun, und wir alle müssen unsere Haltung dazu festlegen.

Was ist Kultur?

Aus dem Vorstehenden geht hervor, dass oft große Verwirrung darüber herrscht, was Kultur eigentlich ist. Die Ansicht einiger, dass Christen jeglichen Kontakt mit der Kultur meiden sollten, beruht offenbar darauf, dass man den Begriff „Kultur“ auf Kunst und Unterhaltung beschränkt. Wer das tut, gerät jedoch in einen Nebel. Die Gestaltung eines Tisches ist ebenso ein Kulturprodukt wie die fünfte Sinfonie von Beethoven, der Schnitt eines Konfektionsanzugs ebenso wie ein Buch von Heinrich Böll.

Wir tun also gut daran, zunächst in einigen Punkten darzulegen, was Kultur eigentlich ist. „Kultur“ kommt vom lateinischen Wort colere, was „(be)bauen“ bedeutet. Wie in unserem Wort „Zivilisation“ ist darin enthalten, dass etwas bearbeitet, poliert, zivilisiert, bebaut wird.[5] Was wird dann bearbeitet? Es ist die Natur um uns herum. Wir Menschen leben nämlich nicht wie die Tiere in der unbearbeiteten Natur; wir haben uns die Natur mit Hilfe von allerhand Werkzeugen unterworfen und für unsere Zwecke nutzbar gemacht, und damit entstand die Kultur. Kultur ist bearbeitete Natur. Das bedeutet dann viererlei:

  1. Die Natur ist das Objekt dieser Bearbeitung, die Grundlage und das Material für die Kultur. Für den Hausbau braucht man zum Beispiel Steine. Kultur ist also nichts anderes als ein Weiterbauen auf dem, was in der Schöpfung gegeben ist: In diesem Sinne ist sie nichts Fremdes, nichts, was auf diese Erde nicht hingehört.

  2. Andererseits ist jedoch eine Bearbeitung notwendig. Bemerkenswert dabei ist, dass sich die Natur dazu eignet, bearbeitet zu werden. Offenbar hat Gott die Schöpfung so gestaltet, dass die Natur bearbeitbar ist. Das macht erneut deutlich, dass Kultur an sich keineswegs sündig ist. Gott hat die Möglichkeit zur Kultur in die Schöpfung hineingelegt.

  3. Die Bearbeitung erfolgt durch den menschlichen Geist. Auch hier fällt auf, wie Gott den menschlichen Geist so geschaffen hat, dass er in der Lage ist, zu analysieren, zu ordnen und, wie wir es nennen, kreativ tätig zu sein. Es war offenbar Gottes Absicht, dass wir mit der Schöpfung auf diese Weise umgehen sollten. Aus diesem Punkt folgt aber auch, dass der menschliche Geist bei der Bearbeitung der Natur immer etwas von sich selbst zum Ausdruck bringen wird. Kultur ist immer die Verwirklichung einer Idee – wie einfach sie auch sein mag – in der Natur. Kultur ist daher niemals bedeutungslos. Es wird immer etwas ausgedrückt; darauf kommen wir noch zurück.

  4. Das Ergebnis dieser Bearbeitung hat einen bestimmten Wert. Der Wert ist nicht gleichgültig; über Geschmack lässt sich durchaus streiten! Gott hat dem Menschen eine gewisse moralische Unterscheidungsfähigkeit (das Gewissen), einen ästhetischen Sinn und die Fähigkeit zu logischem Denken gegeben. Dadurch sind wir in der Lage, den moralischen, ästhetischen und logischen Wert kultureller Äußerungen zu beurteilen. Gut und Böse sind nicht dasselbe; es gibt einen moralischen Unterschied zwischen ihnen. Schön und hässlich sind auch nicht dasselbe; wir alle können das bis zu einem gewissen Grad unterscheiden. Eine wissenschaftliche Theorie kann nicht gleichzeitig wahr und falsch sein; das sagt uns unser logisches Denkvermögen.

Jabal, Jubal und Tubalkain

Was ich oben in einigen Punkten dargelegt habe, kommt bereits in den ersten Kapiteln des ersten Buches Mose zum Ausdruck. Bereits in den Anfängen der Menschheit begegnen wir den ersten Elementen der „Kultur“, und zwar in der Geschichte von Kains Nachkommen.

  • 1Mo 4,17-22: Und Kain erkannte seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Hanoch. Und er baute eine Stadt und benannte die Stadt nach dem Namen seines Sohnes Hanoch. Und dem Hanoch wurde Irad geboren; und Irad zeugte Mehujael, und Mehujael zeugte Methusael, und Methusael zeugte Lamech. Und Lamech nahm sich zwei Frauen; der Name der einen war Ada, und der Name der anderen Zilla. Und Ada gebar Jabal; dieser war der Vater der Zeltbewohner und Herdenbesitzer. Und der Name seines Bruders war Jubal; dieser war der Vater all derer, die mit der Laute und der Flöte umgehen. Und Zilla, auch sie gebar, und zwar Tubalkain, einen Hämmerer von allerlei Schneidewerkzeug aus Kupfer und Eisen. Und die Schwester Tubalkains war Naama.

Kurz gesagt finden wir hier die verschiedenen Grundelemente der Kultur:

  1. Es gibt eine Stadt: ein geordnetes System des Zusammenlebens. Kain nennt sie nach dem Namen seines Sohnes Hanoch (1Mo 4,17 „Und Kain erkannte seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Hanoch. Und er baute eine Stadt und benannte die Stadt nach dem Namen seines Sohnes Hanoch.“).
  2. In den Namen der drei Söhne Lamechs finden wir drei Aspekte des kulturellen Lebens wieder:
    • das landwirtschaftliche Leben (Jabal wurde der Vater derer, die in Zelten und bei den Herden leben; 1Mo 4,20 „Und Ada gebar Jabal; dieser war der Vater der Zeltbewohner und Herdenbesitzer.“)
    • Kunst und Musik (Jubal wurde der Vater aller, die Laute und Flöte spielen; 1Mo 4,21 „Und der Name seines Bruders war Jubal; dieser war der Vater all derer, die mit der Laute und der Flöte umgehen.“)
    • das industrielle Leben (Tubalkain war der Vater der Schmiede, aller, die Kupfer und Eisen bearbeiten; 1Mo 4,22 „Und Zilla, auch sie gebar, und zwar Tubalkain, einen Hämmerer von allerlei Schneidewerkzeug aus Kupfer und Eisen. Und die Schwester Tubalkains war Naama.“)

Welche Schlussfolgerungen können wir aus diesem Abschnitt ziehen? Wieder gibt es Anlass zu großer Vorsicht. Einerseits dürfen wir nicht vergessen, dass Kultur hier ausdrücklich in den Kontext der gottlosen, rebellischen Menschenwelt gestellt wird, die glaubt, sich über Gott hinwegsetzen zu können. Kain gründet eine Stadt, und diese Stadt ist nach dem Titel eines Buches von Harvey Cox eine „weltliche Stadt“ (engl. The Secular City[6]), die Stadt des Menschen. Gott hat in diesem kulturellen Leben keinen Platz.

Wir dürfen auch wirklich nicht glauben, dass diese Situation in unserer Zeit wesentlich anders wäre. Kunst, Industrie, Freizeit, Musik sind viele Teile des teuflischen Karussells, das Satan aufgebaut hat, um den Menschen das Leben auf Erden so angenehm wie möglich zu machen, damit sie sich nicht mit den ewigen Dingen beschäftigen. Auf der anderen Seite dürfen wir jetzt auch nicht in eine extreme Haltung verfallen. Es mag zwar eine Tatsache sein, dass Satan diese Dinge für seine Zwecke missbraucht und dass eine gottfeindliche Menschenwelt sie nur allzu gern für ihre eigenen Vergnügungen nutzt, aber das bedeutet nicht, dass sie an sich sündig wären.

Wir können uns also nicht damit begnügen, 1. Mose 4 flüssig vorzulesen und daraus die Schlussfolgerung zu ziehen: Seht ihr, jede Kultur ist schlecht! Dass niemand diese Folgerung konsequent befolgen kann, wurde bereits dargelegt. Denn dann könnten wir auch nicht mehr in der Landwirtschaft (Jabal) oder in der Industrie (Tubalkain) arbeiten, und dann könnten wir unseren Kindern auch keinen Klavierunterricht mehr geben! Die Geschichte der Nachkommen Kains lehrt uns jedoch Folgendes: Die Kultur wird von den Menschen dieser Welt missbraucht, um Gott vergessen zu können. So ist die Situation auch heute noch.

Vielleicht haben die vorangegangenen Bemerkungen etwas klarer gemacht, was Kultur eigentlich ist. Ich lasse hier einmal außer Acht, dass Kultur je nach Ort und Zeit auch unterschiedlich sein kann: Wir sprechen von einer ägyptischen und einer chinesischen Kultur, von einer westlichen und einer afrikanischen Kultur. Nach dieser einleitenden Bemerkung ist es jedoch höchste Zeit, dass wir uns mit dem eigentlichen Problem befassen: Wie soll der Christ zu der ihn umgebenden Kultur stehen?

Der Kulturauftrag

Aus dem calvinistischen Denken heraus wird die Fragestellung, über die wir jetzt sprechen, zurückgeführt auf die Frage nach dem Inhalt des „kulturellen Auftrags“, den Gott dem Menschen in 1. Mose 1 und 2 gegeben hat. Es ist gut, zu bedenken, dass wir eigentlich nicht von dem Kulturauftrag sprechen können. Viermal hat Gott solch einen „Kultur“-Auftrag gegeben:

  1. bei der Erschaffung des Menschen (1Mo 1,28 „Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“);
  2. dann, als der Mensch in den Garten Eden gesetzt wurde (1Mo 2,15 „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.“);
  3. drittens als er das Paradies verließ (1Mo 3,23 „Und Gott der HERR schickte ihn aus dem Garten Eden hinaus, den Erdboden zu bebauen, wovon er genommen war;“);
  4. und schließlich gab es nach der Sintflut einen ähnlichen Auftrag an Noah (1Mo 9,2.7 „und die Furcht und der Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels! Alles, was sich auf dem Erdboden regt, und alle Fische des Meeres, in eure Hand sind sie gegeben.“ „Ihr nun, seid fruchtbar und mehrt euch, wimmelt auf der Erde und mehrt euch auf ihr!“).

Vor allem den Auftrag an Noah dürfen wir nicht vergessen; denn aus der Tatsache, dass Gott diesen Auftrag erneut erteilt hat, können wir vorsichtig ableiten, dass nicht der Auftrag an Adam vor dem Sündenfall, sondern der an Noah nach dem Sündenfall und nach der Sintflut für uns maßgebend ist.

Wir stellen die vier „Kulturaufträge“ nachfolgend in einem Schema nebeneinander:

1Mo 3,23 „Und Gott der HERR schickte ihn aus dem Garten Eden hinaus, den Erdboden zu bebauen, wovon er genommen war;“ (nach dem Sündenfall)

1Mo 2,15 „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.“ (Schöpfung)
Und Gott der HERR schickte den Menschen aus dem Garten Eden hinaus, Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden,
den Erdboden zu bebauen, ihn zu bebauen
  und ihn zu bewahren.
wovon er genommen war.  

 

1Mo 1,28 „Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“ (Schöpfung)

1Mo 9,2-7 (nach der Sintflut)
Seid fruchtbar und mehrt euch Seid fruchtbar und mehrt euch (2-7)
und füllt die Erde und füllt die Erde;
und macht sie euch untertan; (6) in eure Hand sind sie gegeben
und herrscht über die (1) und die Furcht und der Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde
Fische des Meeres (5) alle Fische des Meeres,
und über die Vögel des Himmels (3) und auf allen Vögeln des Himmels
und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen! (2, 4) alles, was sich auf dem Erdboden regt,
  (7) und wimmelt auf der Erde und mehrt euch auf ihr!


In 1. Mose 9 weicht die Reihenfolge etwas ab; im Schema wurde die Reihenfolge aus 1. Mose 1,28 „Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“ beibehalten, wobei die Zahlen in Klammern die Reihenfolge in 1. Mose 9 angeben.

Es ist sehr aufschlussreich, diese Texte einmal nebeneinanderzustellen. Im Calvinismus hat man nur allzu oft unter Berufung auf „den Kulturauftrag“ diese oder jene kulturelle, gesellschaftliche oder politische Aktivität der Christen verteidigt oder sogar propagiert. Dabei hat man vergessen, dass es mindestens vier Kulturaufträge mit sehr bemerkenswerten Unterschieden gibt, die uns durchaus etwas zu sagen haben:

  1. Der Ausdruck „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde“ steht fast ohne Unterschied in 1. Mose 1,28 und 9,1 (1:28) Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“ „(9:1) Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde;“. In 1. Mose 9,7 „Ihr nun, seid fruchtbar und mehrt euch, wimmelt auf der Erde und mehrt euch auf ihr!“ wird er noch einmal wiederholt und ergänzt: „Wimmelt auf der Erde und mehrt euch auf ihr.“

    Dieser Auftrag ist im historischen Zusammenhang sehr gut zu verstehen. Adam und Eva standen zu zweit in der unberührten Schöpfung. Nun, es war keineswegs Gottes Absicht, dass dies so bleiben sollte. Er wollte aus diesem einen Menschenpaar das ganze Menschengeschlecht machen, damit die Menschen auf der gesamten Erde wohnen (Apg 17,26 „Und er hat aus einem [Blut] jede Nation der Menschen gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und hat festgesetzte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnung bestimmt,“).

    Noah und seine Familie waren zwar acht Personen, als sie aus der Arche auf die durch die Sintflut gereinigte Erde traten, doch auch sie waren eine viel zu kleine Gruppe: Gott hatte eine viel größere Menschheit im Sinn. Kein Wunder also, dass auch ihnen das Gebot erteilt wurde, fruchtbar zu sein, sich zu vermehren und die ganze Erde zu bevölkern; in Noahs Fall sogar mit besonderer Betonung.

  2. In 1. Mose 2,15 „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.“ heißt es: „Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.

    Dieser Ausdruck kommt nirgendwo sonst vor. Beachte bitte: Dieser Auftrag bezieht sich ausdrücklich auf den Garten Eden! „Wir haben es hier mit dem Beginn dessen zu tun, was wir gewöhnlich als ,Kultur‘ bezeichnen“, so der alttestamentliche Gelehrte Dr. G.Ch. Aalders[7]. Es gibt jedoch keinerlei Grundlage für die Behauptung, dieses Gebot gelte noch heute. Wenn beispielsweise [der calvinistische Theologe] Professor Schilder (1890–1952) behauptet,[8] darin liege eine konkrete Kulturarbeit – aus der Erde herauszuholen, was in ihr steckt –, dann können wir der Kritik, die der spätere Professor J. Douma (1931–2020) daran äußerte,[9] weitgehend zustimmen. Wir dürfen einfach nicht von einer Kulturaufgabe sprechen, die bereits im Paradies als Auftrag Gottes gegeben worden sei, von einem „Mandat“, das (laut Schilder) von Christus als zweitem Adam in der neuen Schöpfung an die Christen übertragen worden sei.[10]

    Wer solche Schlussfolgerungen aus 1. Mose 2,15 „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.“ herauslesen will, muss seltsame exegetische Verrenkungen machen. Dieses Gebot wurde Adam im Hinblick auf seinen Platz im Garten Eden gegeben; wir dürfen es nicht einfach auf uns selbst übertragen, um unsere Aufgabe in dieser Welt zu erfüllen.

  3. Das Gebot, zu herrschen und zu unterwerfen, wird schließlich sowohl in 1. Mose 1,28 „Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“ als auch in 1. Mose 9,2 „und die Furcht und der Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels! Alles, was sich auf dem Erdboden regt, und alle Fische des Meeres, in eure Hand sind sie gegeben.“ gegeben. Aber es gibt auffällige Unterschiede. Diese Unterschiede betreffen nicht so sehr das Herrschen. Zwar wird dieses Wort in 1. Mose 1,28 „Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“ verwendet und nicht in 1. Mose 9,2 „und die Furcht und der Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels! Alles, was sich auf dem Erdboden regt, und alle Fische des Meeres, in eure Hand sind sie gegeben.“ (dort heißt es: „in eure Hand sind sie gegeben“ und „die Furcht und der Schrecken vor euch“), aber das läuft auf dasselbe hinaus. Und die Kategorie, auf die sich dieses Herrschen bezieht, ist bis auf eine etwas abweichende Formulierung dieselbe. Der einzige Unterschied besteht darin, dass die Herrschaft, die Gott Noah anvertraut, sich auch auf seine Mitmenschen erstreckt; darüber haben wir jedoch bereits in Kapitel 6 gesprochen.

    Es gibt jedoch einen wesentlichen Unterschied in Bezug auf das „Sich-untertan-Machen“. Dieser Ausdruck steht zwar in 1. Mose 1,28 „Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!“, aber nicht in 1. Mose 9,2 „und die Furcht und der Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels! Alles, was sich auf dem Erdboden regt, und alle Fische des Meeres, in eure Hand sind sie gegeben.“. Der Auftrag, sich die Erde untertan zu machen, wurde also vor dem Sündenfall gegeben, aber nach dem Sündenfall nicht wiederholt – auch nicht bei einer Gelegenheit, bei der dies sehr passend gewesen wäre: bei Gottes Auftrag an Noah.

    Was sollten wir daraus schließen? Haben wir nicht mehr die Aufgabe, uns die Erde untertan zu machen? Ist damit beispielsweise jede wissenschaftliche Arbeit – bei der es doch gerade um die Entdeckung und Erschließung der in der Schöpfung vorhandenen Möglichkeiten geht – in Frage gestellt? Mit solchen Schlussfolgerungen müssen wir sehr vorsichtig sein. Der Auftrag Gottes, dass wir uns die Erde untertan machen sollen, ist nicht ausdrücklich widerrufen worden; und andererseits ist klar, dass wir die Möglichkeiten, die Gott in die Schöpfung gelegt hat, nicht ungenutzt lassen dürfen. Aber vielleicht können wir – noch einmal: mit großer Vorsicht! – sagen: Gott hat dem in Sünde gefallenen Menschen keinen Kulturauftrag erteilt. Gott nimmt dem Menschen nicht die Möglichkeit, die Schöpfung zu erforschen und zu nutzen, aber von einem ausdrücklichen Auftrag dazu kann keine Rede mehr sein.

    1. Mose 3,23 „Und Gott der HERR schickte ihn aus dem Garten Eden hinaus, den Erdboden zu bebauen, wovon er genommen war;“ scheint auf den ersten Blick einen solchen Auftrag zu enthalten; aber aus dem Zusammenhang geht klar hervor, dass dieser Vers ein Verweis auf den Fluch in 1. Mose 3,17-19 (17) Und zu Adam sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und gegessen hast von dem Baum, von dem ich dir geboten und gesprochen habe: Du sollst nicht davon essen! – so sei der Erdboden verflucht um deinetwillen: Mit Mühsal sollst du davon essen alle Tage deines Lebens; (18) und Dornen und Disteln wird er dir sprossen lassen, und du wirst das Kraut des Feldes essen. (19) Im Schweiß deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zur Erde, denn von ihr bist du genommen. Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren!“ ist. Statt eines segensreichen Auftrags handelt es sich hier um einen Fluch.

Wer diese Schriftstellen sorgfältig auslegt, kann daher unmöglich einen Kulturauftrag herleiten. Es sei denn, er vermischt alle genannten Texte! Letzteres tut beispielsweise Professor Kamphuis in seiner Besprechung der bereits zitierten Dissertation von J. Douma. Er ist nicht einverstanden damit, dass Douma den Kulturauftrag auf die Arbeit für den täglichen Lebensunterhalt beschränkt (in diesem Punkt war Doumas Dissertation in der Tat sehr einseitig), und versucht dann, anhand von 1. Mose 2,15 „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.“ zu zeigen, dass Adams Aufgabe mehr umfasste. Dabei baut er das Gebot, über die Erde zu herrschen und sie sich untertan zu machen (1Mo 1,2 „Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis war über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.“), in den Auftrag an Adam ein, den Garten zu bebauen und zu bewahren. Außerdem verliert er aus den Augen, dass in 1. Mose 9 das Gebot, sich die Erde untertan zu machen, nicht wiederholt wird.[11]

Kurz gesagt: Eine allgemeine, noch gültige Kulturaufgabe – sei es für den natürlichen Menschen (Kuyper) oder für den Menschen in Christus (Schilder) – lässt sich in der Schrift nicht finden, es sei denn auf der Grundlage einer Reihe von weit hergeholten Argumenten.

Francis Schaeffer zitiert mehrmals das bekannte Wort von Francis Bacon: „Durch den Sündenfall hat der Mensch sowohl seine Unschuld als auch die Herrschaft über die Natur verloren. Dieser doppelte Verlust kann in diesem Leben schon in einem gewissen Maße aufgehoben werden, der Erstere durch Religion und Glauben, der Letztere durch die Künste und Wissenschaften.“[12] Eine solche Schlussfolgerung ist nicht ohne Gefahr. Was will Schaeffer eigentlich? An dem Engel mit dem flackernden Schwert vorbei wieder ins Paradies schlüpfen? Unterschätzt er nicht die verheerenden Folgen des Sündenfalls? Sicher, bald wird der Fluch von der Erde genommen werden und die Segnungen der Schöpfung werden ungehindert fließen – aber das wird nicht durch die Anstrengungen des Menschen geschehen, sondern nachdem Gott unter der segensreichen Herrschaft Christi richtend eingegriffen hat.

Kunst im Alten Testament

Gibt es im Alten Testament überhaupt keine Kunst? Wir haben bereits über Tubal, Jubal und Tubalkain gesprochen – aber wird sonst nirgendwo von Kultur gesprochen? Doch, aber nie in der Form, wie wir Kultur kennen. Soweit wir wissen, hängte kein Israelit jemals ein Gemälde in seinem Haus auf, nur weil er es schön fand. Fast alle Äußerungen von Kultur werden im Alten Testament entweder direkt mit dem Gottesdienst oder mit dem Götzendienst in Verbindung gebracht.

Wir lesen von Bezaleel und Oholiab, die die „Künstler“ bei der Herstellung der Stiftshütte waren (2Mo 31,1-11; 35,30-35; 36,1-4.8). An dieser Aufgabe waren natürlich auch Israeliten beteiligt: „Weise Männer, die alles Werk des Heiligtums machten, jeder von seinem Werk, das sie machten“ (2Mo 36,4). „Alle Frauen, die weisen Herzens waren, spannen mit ihren Händen und brachten das Gespinst: den blauen und den roten Purpur, das Karmesin und den Byssus. Und alle verständigen Frauen, die ihr Herz trieb, spannen das Ziegenhaar“ (2Mo 35,25-26). Beim Bau des Tempels war das nicht anders; dort war Hiram (in 2Chr 2,12 „Und nun sende ich einen kunstverständigen, einsichtsvollen Mann, Huram-Abi,“ Huram-Abi genannt) derjenige, der, wie wir sagen würden, mit der künstlerischen Leitung betraut war; und auch damals gab es „in allem Werk solche, die bereitwillig und geschickt sind zu jedem Dienst“ (1Chr 28,21).

Andererseits wird Kunst oft im Zusammenhang mit Götzendienst erwähnt: Das Gebot, sich „kein geschnitztes Bild zu machen noch irgendein Gleichnis dessen, was oben im Himmel und was unten auf der Erde und was im Wasser unter der Erde ist“ (2Mo 20,4), war das zweite Gebot, das in direktem Zusammenhang mit dem ersten Gebot stand: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“(2Mo 20,3).[13] Es war das erste Gebot, das gebrochen wurde (2Mo 32,4 „Und er nahm es aus ihrer Hand und bildete es mit einem Meißel und machte ein gegossenes Kalb daraus. Und sie sprachen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.“), und aus der Geschichte des Volkes Israel geht hervor, dass es sehr oft gebrochen wurde (z.B. Ri 17,4 „Und er gab das Silber seiner Mutter zurück. Und seine Mutter nahm 200 Sekel Silber und gab sie dem Goldschmied, und der machte daraus ein geschnitztes Bild und ein gegossenes Bild; und es war im Haus Michas.“; 1Kön 12,28-33; Jes 46,6 „Sie, die Gold aus dem Beutel schütten und Silber mit der Waage abwiegen, stellen einen Schmelzer an, damit er einen Gott daraus mache; sie beten an, ja, sie werfen sich nieder.“; Hes 8,5-10):

  • Jes 44,9-13: Die Bildner geschnitzter Bilder sind allesamt nichtig, und ihre Lieblinge nützen nichts; und die für sie zeugen, sehen nicht und haben keine Erkenntnis, damit sie beschämt werden. Wer hat einen Gott gebildet und ein Bild gegossen, dass es nichts nützt? Siehe, alle seine Genossen werden beschämt werden; und die Künstler sind ja nur Menschen. Mögen sie sich alle versammeln, hintreten: Erschrecken sollen sie, beschämt werden allesamt! Der Eisenschmied hat ein Werkzeug und arbeitet bei Kohlenglut, und er gestaltet es mit Hämmern und verarbeitet es mit seinem kräftigen Arm. Er wird auch hungrig und kraftlos; er hat kein Wasser getrunken und ermattet. Der Holzschnitzer spannt die Schnur, zeichnet es an mit dem Stift, führt es aus mit den Hobeln und zeichnet es an mit dem Zirkel; und er macht es wie das Bildnis eines Mannes, wie die Schönheit eines Menschen, damit es in einem Haus wohne.

Das ist das Bild, das das Alte Testament vermittelt: Kunst wurde im Allgemeinen entweder für Gott oder für den Götzendienst verwendet. Das war übrigens nicht nur in Israel so. In fast allen Ländern und Zivilisationen wurde Kunst ausschließlich für den Götzendienst verwendet. Glaubst du etwa, dass die wunderschönen Wandmalereien der Höhlenmenschen, die in Südfrankreich gefunden wurden, lediglich der Verschönerung ihrer „Wohnzimmer“ dienten? Keineswegs: Diese Höhlenbewohner stellten ihre Götter dar. Die Malereien hatten eine magische, rituelle Bedeutung. Wenn du das Afrika-Museum in Nimwegen besuchst, wirst du genau dasselbe entdecken: Dort gibt es wunderschöne Beispiele afrikanischer Kunst, aber fast alle dienen dem Götzendienst.

So ist es in jeder Zivilisation. Wir werden später sehen, dass auch in unserer modernen Kunst Elemente der Götzenverehrung zu finden sind. Natürlich umfasste Kunst in der Zeit des Alten Testaments tatsächlich mehr; wir finden jedoch kaum Beispiele dafür, es sei denn, es handelte sich um Gebrauchsgegenstände wie Josephs bunten Rock (1Mo 37, vgl. Hes 27,24 „Sie handelten mit dir mit Prachtgewändern, mit Mänteln aus blauem Purpur und Buntwirkerei und mit Schätzen von gezwirnten Garnen, mit gewundenen und festen Schnüren, für deine Waren.“) und den Palast Salomos (1Kön 7,1-12; 10,16-27). Wahrscheinlich stellte der Silberschmied, der in Richter 17,4 „Und er gab das Silber seiner Mutter zurück. Und seine Mutter nahm 200 Sekel Silber und gab sie dem Goldschmied, und der machte daraus ein geschnitztes Bild und ein gegossenes Bild; und es war im Haus Michas.“ erwähnt wird, nicht nur Götzenbilder her!

Dennoch wettert der Prophet Amos gegen diejenigen, die Kunst missbrauchen: „Ihr, die ihr den Tag des Unglücks hinausschiebt und den Thron der Gewalttat nahe rückt; die auf Polstern aus Elfenbein liegen und auf ihren Ruhebetten sich strecken und Fettschafe von der Herde essen und Kälber aus dem Maststall; die zum Klang der Harfe faseln, sich wie David Musikinstrumente ersinnen; die Wein aus Schalen trinken und sich mit den besten Ölen salben und sich nicht grämen über die Wunde Josephs“ (Amos 6,3-6). War es falsch, Musikinstrumente zu erfinden? Nein, denn David tat das auch – der Prophet erwähnt das gleich zu Beginn. Es gab jedoch einen Unterschied: David tat es nicht für sich selbst, sondern für Gott. Posaunen, Harfen, Lauten, Tamburine, Reigentänze, Saiteninstrumente, Flöten, klingende und schallende Zimbeln (Ps 150) dienten David nur dazu, Jahwe zu preisen.

Aber diese Menschen benutzten die Musikinstrumente für sich selbst. Auch das war an sich noch nicht falsch, aber sie machten diese Dinge zu einem Götzen. Sie gaben sich so sehr der Genusssucht hin, dass sie die „Wunde Josephs“ vergaßen und nicht mehr daran dachten, in welchem erbärmlichen moralischen und geistlichen Zustand sich das Volk Israel befand. In diesem Abschnitt findet sich auch eine klare Anspielung auf 1. Mose 37,25 „Und sie setzten sich, um zu essen. Und sie erhoben ihre Augen und sahen: Und siehe, ein Zug Ismaeliter kam von Gilead her; und ihre Kamele trugen Tragant und Balsamharz und Ladanum; sie zogen hin, um es nach Ägypten hinabzubringen.“, wo wir lesen, wie die Brüder Josephs sich ruhig neben den Brunnen setzen, in den sie ihren Bruder zuvor geworfen haben, um zu essen. Das mag uns daran erinnern, dass unser Herr Jesus (von dem Joseph ein Vorbild ist) von der Welt verworfen wurde. Eine Haltung der Gleichgültigkeit diesbezüglich ist nicht zu entschuldigen. Nun, über solche gleichgültige Genusssucht empört sich der Prophet Amos.

Das Neue Testament

Aus dem Alten Testament haben wir, wie aus dem Vorstehenden hervorgeht, noch einige Grundsätze herausarbeiten können, die uns helfen, über das Verhältnis zwischen Christ und Kultur nachzudenken. Aber wenn wir dann das Neue Testament durchforsten, finden wir … nichts! Der Herr Jesus schweigt dazu, die Apostel gehen nicht darauf ein. Es herrscht eine bedrückende Stille.

Man versuche es doch einmal: „aus der Bibel heraus“ Richtlinien für die Kunst zu geben.[14]

Dennoch hat „Jesus“ keine direkten Hinweise gegeben für, sagen wir, eine Kunsttheorie, die, wie auch immer man die soeben gestellte Frage beantworten will, auf jeden Fall dort angebracht gewesen wäre. Stellt man sich den Menschen Jesus als höchsten Propheten und Lehrer vor, auch für den Menschen der Kunst – Ihn, der ohne Sünde immer bei Gott lebte –, dann wird seine „Haltung“ in dieser Frage noch „enttäuschender“, zumindest für jeden, der aus dem Mund „Jesu“ eine oder mehrere ausgearbeitete kulturelle Ethiken oder Ästhetiken hören will. Selbst die (ausgearbeiteten) Prolegomena fehlen in „seiner“ Lehre. Er gab keine „eigene“ Lehre: kein Dozent, sondern Prophet. Wie oft sagt Er nicht: „Es steht geschrieben“? Er tritt, so sprechend, nicht als Lehrer eines „eigenen“ und auf seinen Namen lautenden Systems auf, sondern nimmt seinen Platz unter allen Propheten ein; und steht Er doch über ihnen als ihre „Erfüllung“. Er ist doch nicht von ihnen zu trennen. Das ist wohl das „Enttäuschendste“: Dieser „Jesus“ legt seine Ehre darein, dass man von Ihm keine „eigenen“ normativen Lehrsätze erwarten kann.[15]

Bedeutet das, dass es nichts zu sagen gäbe? Nein, das bedeutet es nicht. Das Schweigen ist vielsagend. Das wird deutlich, wenn wir das Schweigen des Neuen Testaments mit dem Sprechen des Alten Testaments vergleichen.

Wir haben gesehen, dass im Alten Testament manchmal von Kunst im Zusammenhang mit Götzendienst gesprochen wird. Nun, im Prinzip hat sich am Götzendienst nichts geändert; vielleicht kamen in der Zeit des Neuen Testaments andere Götter hinzu, aber das bedeutet keinen wesentlichen Unterschied. Das Neue Testament hatte darüber also nichts Neues zu sagen.

Es wurde jedoch auch Kunst betrieben im Dienste Gottes, zu seiner Ehre, im Rahmen des Dienstes in der Stiftshütte und im Tempel. Auch darüber schweigt das Neue Testament, doch in dieser Hinsicht wird deutlich, warum Schweigen herrscht:

  1. Erstens ist die Botschaft des Evangeliums, die im Neuen Testament verkündet wird, geistlicher Natur. Nicht ein irdisches Volk mit irdischen Vorrechten und Vorschriften steht im Mittelpunkt, sondern ein himmlisches Volk mit einer Botschaft, die vom Himmel verkündet wird (Heb 12,25 „Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der redet! Denn wenn jene nicht entkamen, die den abwiesen, der auf der Erde die göttlichen Aussprüche gab: wie viel mehr wir nicht, wenn wir uns von dem abwenden, der von den Himmeln her redet! –“). In gewisser Weise hat Stellingwerff Recht, wenn er schreibt:

„Unsere kulturelle Aufgabe ist es, Ihn kennenzulernen, die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinem Leiden, die Gleichgestaltung mit seinem Tod, um zur Auferstehung der Toten zu gelangen.“[16]

Auch Douma hat dies in seiner bereits erwähnten Dissertation zu Recht betont. Ich zitiere aus der Zusammenfassung von Professor Kamphuis:

Nach Douma (wird) der Sinn der „Zwischenzeit“ (das ist die Zeit zwischen der Himmelfahrt und der Wiederkunft Christi) im Neuen Testament nie in der Vollendung eines Kulturprogramms gesehen, sondern darin, dass Gott in der Fortdauer der Zeit Raum für Buße und Umkehr schafft und gibt (vgl. 2Pet 2), Raum für die Verkündigung des Evangeliums (S. 347). Deshalb müssen die Gläubigen arbeiten, nicht als Teil eines Kulturprogramms, sondern um der Weiterverbreitung des Evangeliums willen (S. 349). In der Zwischenzeit sind die Gläubigen hier auf der Erde jedoch Fremdlinge und Gäste. Sie können keine großen Pläne hegen, die Welt der Kultur für Christus zu erobern. Das wäre auch ein gefährliches Unterfangen, denn es würde zu einer Eroberung der Christen durch die Welt führen (S. 353). Gottes Kinder wissen sich hier in dieser Welt in Kampf und Mühe, auch wenn es bereits einen Vorgeschmack auf die ewige Wonne gibt, wenn die „Fremdlinge“ bald auf der neuen Erde „zu Hause“ sein werden (S. 353).[17]

  1. Aber es gibt noch mehr, und das hat mit dem Unterschied zwischen Judentum und Christentum zu tun. Die unter Punkt 1 gemachte Aussage könnte jemand zu der Aussage verleiten: Ja, das ist alles schön und gut, und ich gebe auch zu, dass ein Christ Wichtigeres zu tun hat – aber wenn man nun Musik, Malerei oder Literatur im Dienst für Gott einsetzt? Ist das nicht erlaubt? Ist das nicht sogar geboten?

    Die Antwort lautet: Nein! Und noch einmal: Nein! Laute, Tamburin und Saitenspiel sind in dieser Zeit nicht die Mittel, um Gott zu preisen. In Israel war das anders: Dort gab es „ein weltliches Heiligtum“ (Heb 9,1), dessen Dienst auf „dem Gesetz eines fleischlichen Gebotes“ beruhte (Heb 7,16 „der es nicht nach dem Gesetz eines fleischlichen Gebots geworden ist, sondern nach der Kraft eines unauflöslichen Lebens.“). Nicht „weltlich“ oder „fleischlich“ im Sinne von „sündig“; es handelte sich zweifellos um göttliche Einrichtungen. Aber Gott hatte diesen Gottesdienst an den natürlichen Menschen angepasst. Alles, was uns von Natur aus anspricht – prächtige Gebäude, prächtige Gewänder, feierliche Musik –, war dort vorhanden. Man musste nicht „geistlich gesinnt“ sein, um daran Freude zu haben. Israel wurde von Gott auf diese Weise als lebendiger, unwiderlegbarer Beweis dafür benutzt, dass der Mensch in seiner besten Form – der religiöse Mensch, der über alle menschlich-religiösen Einrichtungen verfügt – nicht in der Lage ist, Gott in würdiger Weise zu dienen.

Das ist nun alles verschwunden. Dieser „Schatten der zukünftigen Güter“ (Heb 10,1) – denn das war auch der israelitische Stiftshütten- und Tempeldienst: ein Abbild der kommenden Wirklichkeit – ist nun beiseitegeschoben. Der zerrissene Vorhang bestätigt dies: Dieses ganze System hat ein Ende gefunden! Der Herr Jesus erklärte dies bereits der Samariterin, als sie ihn fragte, wo man Gott anbeten solle: „Es kommt die Stunde, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Ihr betet an und wisst nicht, was; wir beten an und wissen, was; denn das Heil ist aus den Juden. Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahrhaftigen Anbeter den Vater in Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist ein Geist, und die ihn anbeten, müssen in Geist und Wahrheit anbeten“ (Joh 4,21-24).

Es gibt keinen geographisch festgelegten Ort mehr, an dem wir anbeten müssen. Alle kulturellen Hilfsmittel unserer Anbetung verschleiern die Wirklichkeit, nämlich dass wir zu Gott gebracht worden sind, in Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Es ist traurig, feststellen zu müssen, dass im Christentum weitgehend eine Rückkehr zu diesen judaisierenden Bräuchen stattgefunden hat: prächtige Gewänder, feierliche Zeremonien, beeindruckende Liturgien, wunderschönes Orgelspiel und schöner Chorgesang. Das Urteil über die Christenheit (das große Babylon der Zukunft) umfasst laut Offenbarung 18,22 „Und die Stimme der Harfensänger und Musiker und Flötenspieler und Trompeter wird nie mehr in dir gehört werden, und nie mehr wird ein Künstler irgendwelcher Kunst in dir gefunden werden, und das Geräusch der Mühle wird nie mehr in dir gehört werden,“ auch das Urteil über die Kultur, die das Christentum in sich aufgenommen hat: „Und die Stimme der Harfensänger und Musiker und Flötenspieler und Trompeter wird nie mehr in dir gehört werden, und nie mehr wird ein Künstler irgendwelcher Kunst in dir gefunden werden, und das Geräusch der Mühle wird nie mehr in dir gehört werden.“

Sind Harfenspiel, Gesang, Flötenspiel und Trompetenschall dann sündig? Natürlich nicht – ebenso wenig wie „das Geräusch der Mühle“ (was auf industrielle Betätigung hinweist) oder „das Licht einer Lampe“ oder „die Stimme des Bräutigams und der Braut“ (siehe auch Off 18,23 „und das Licht einer Lampe wird nie mehr in dir scheinen, und die Stimme des Bräutigams und der Braut wird nie mehr in dir gehört werden; denn deine Kaufleute waren die Großen der Erde; denn durch deine Zauberei sind alle Nationen verführt worden.“). Aber die Tatsache, dass diese Dinge in der Christenheit an die Stelle des wahren Gottesdienstes getreten sind, das ist Sünde. Es ist geistliche Hurerei, und auch deshalb wird Gottes Gericht über die Christenheit kommen.

Die Tassen und Untertassen von Professor Waterink

Was sollen wir nun tun? Den Mut aufgeben? Die Angaben aus der Schrift sind ja erschöpft, und wir haben keine klaren Vorschriften entdecken können. Heißt das, dass es über Kultur nichts Sinnvolles zu sagen gebe? Dass Kultur neutral sei, nicht an sich böse, nicht an sich gut, sondern entweder gut oder böse, je nachdem wie man sie verwendet? Diese Meinung vertrat damals Professor Waterink.[18] Seiner Meinung nach sei Kultur neutral. So wie man eine Tasse und eine Untertasse auf sündige oder christliche Weise benutzen könne, ohne dass dieses Geschirr selbst sündig oder christlich werde, könne man mit Kultur, Wissenschaft und Kunst sündige oder christliche Ziele verfolgen, ohne dass diese geistigen Produkte selbst sündig oder christlich würden.

Aber warum sollten wir Professor Waterink zitieren und eine dreißig Jahre alte Diskussion wieder aufgreifen? So weit müssen wir leider nicht suchen. Zahlreiche Menschen, darunter auch Christen, sagen heute, wenn sie über Kunst oder Musik sprechen: „Mach dir doch nicht so viele Gedanken darüber! Kunst ist Kunst! Sie kann schön sein oder weniger schön, aber das ist auch schon alles. Bleib mit deiner Messlatte deiner christlichen Werturteile weg von meinen Kunstbüchern, meiner Plattensammlung (usw.)!“ Mit anderen Worten: Kunst sei neutral. Kunst habe keine inhaltliche Botschaft und dürfe auch keine haben.

Kunst um der Kunst willen; l’art pour l’art. Wo haben wir das schon einmal gehört? Genau: bei einigen unserer niederländischen Dichter, bei den „Achtzigern“ im 19. Jahrhundert! Wie Willem Kloos (einer der 1880er) es ausdrückte: „Kunst ist naive, sinnlose Darstellung, sei es des Lebens in der Seele, sei es des Lebens in der uns umgebenden Außenwelt; eine Darstellung, die allein von Wahrheit und Schönheit und Genauigkeit geleitet wird, immer und immer wieder.“ Wunderschön, nicht wahr? Aber ist Kunst neutral? Kann sie neutral sein? Verrät nicht gerade die Dichtkunst der 1880er, wie unmöglich es war, diese Theorie in die Praxis umzusetzen? Ich zitiere aus einem bekannten Gedicht von Willem Kloos (1859–1938):

Ich bin ein Gott in der Tiefe meiner Gedanken,
Und sitze im Innersten meiner Seele auf dem Thron
Über mich selbst und alles, nach königlichem Gebot
Aus eigenem Kampf und Sieg, aus eigener Kraft.

Und wenn eine Heerschar dunkler, wilder Mächte
Mich anbrüllt und zurückfällt, geflohen
Vor meiner erhobenen Hand und meiner strahlenden Krone:
Ich bin ein Gott in der Tiefe meiner Gedanken.[19]

Sollte die Kunst keine Botschaft mehr enthalten? Keinen religiösen Inhalt mehr haben? Wenn der eine Gott nicht angebetet wird, erscheint ein anderer: das Ich! Erinnern wir uns daran, was wir im Alten Testament gefunden haben: Kunst wurde entweder im Dienst des einzigen Gottes oder für den Götzendienst verwendet. Ist es schwierig, dieses Bild hier wiederzuerkennen? Nein,

Kunst ist nicht neutral. Nichts ist neutral. Kunst ist eine Schöpfung des Menschen und als solche eng mit der Persönlichkeit eines bestimmten Menschen verflochten. Deshalb wird das Kunstwerk seinen Geist, seine Einsicht, seine Gefühle und sein Schönheitsbewusstsein, seine Vorstellungskraft und seine Subjektivität zeigen.[20]

Aber, so wird jemand sagen, ist abstrakte Kunst denn neutral? Nichtfigurative Kunst kann doch nichts darstellen, sie kann doch nur schön (oder hässlich!) sein! W.L. Meijer hat zu Recht darauf hingewiesen, dass diese Argumentation nicht stimmt. Kunst sagt immer etwas aus, sonst wäre sie keine Kunst. Nehmen wir zum Beispiel die völlig „autonome“ Verwendung eines Wortes, „ein Bild, das nichts mehr suggeriert und nur noch da ist – als poetisches Ding“[21], oder das Beispiel, das Meijer anführt: das Gemälde „Schwarzes Quadrat“[22] von Kasimir Malewitsch.

Was bleibt übrig, wenn wir die Ansprüche weglassen? Diese Frage zu stellen, bedeutet zu fragen, was einen Menschen dazu bewegen kann, ein schwarzes Quadrat auf einem größeren weißen als Kunst sehen zu wollen. Dazu braucht es keinen Künstler. Das Ganze kann maschinell hergestellt werden, und zwar von jedem und zu jeder Zeit. Es gibt nichts Künstlerisches, nichts Einzigartiges, nicht einmal etwas Interessantes an dieser Geste. Man ist geneigt zu sagen: Es hat keine Bedeutung. Das ist richtig, aber das Werk hat dennoch eine Botschaft. Wie ist das möglich? Alles, was man in einem Kunstwerk zu suchen gewohnt ist, fehlt doch? Nun, das ist die Botschaft: Alles, was die Menschen immer gesucht haben, fehlt. Und diese Abwesenheit wird wie in einer Demonstration sichtbar gemacht. Wo jeder Sinn, jeder Wert, jede Bedeutung fehlt, kann der Mensch aus seiner Präsenz heraus die Dinge neu benennen und ihnen einen neuen Platz zuweisen.[23]

Siehst du, was die Botschaft ist? Der Mensch wird vergöttert. Der Mensch ist der moderne Götze, auf den sich die Kunst konzentriert. Dies ist nicht der Ort, um eine ganze Theorie aus der Kunstgeschichte aufzubauen. Wem die hier genannten Beispiele nicht ausreichen, den möchte ich auf die beiden ausgezeichneten Bücher von Willem L. Meijer verweisen: Kunst en revolutie („Kunst und Revolution“) und Kunst en maatschappij („Kunst und Gesellschaft“); ebenso auf das bereits erwähnte Buch von Professor Rookmaker Modern Art and the Death of a Culture.[24] Ich zitiere einige Beispiele aus diesen Büchern, um die Vergötterung des Menschen zu veranschaulichen; ich hoffe, dass der Leser selbst weiter nachforscht.

1. Bereits im Jahr 1857 schrieb Castagnary:

Neben dem göttlichen Garten, aus dem man mich vertrieben hat …, werde ich ein neues Eden schaffen. Am Eingang werde ich den Fortschritt aufstellen … Ich werde ihm ein flammendes Schwert in die Hand geben … und er wird zu Gott sagen: Du trittst hier nicht ein …[25]

2. Von Pablo Picasso stammen die Worte:

Ich bin erstaunt über den irreführenden Gebrauch, den man von dem Wort „Entwicklung“ macht. Ich entwickle mich nicht, ich bin. In der Kunst gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft. Die Kunst der Griechen oder Ägypter ist keine Vergangenheit; sie ist heute lebendiger denn je. Veränderung bedeutet nicht Entwicklung. Wenn ein Künstler seine Ausdrucksweise ändert, bedeutet dies, dass er sich in seinem Denken verändert hat – was einem Menschen, selbst einem Künstler, immer erlaubt ist.

Meijer fügt dazu an: „Es ist, als würde Gott sprechen: ,Ich entwickle mich nicht, ich bin.‘[26]

3. Von Gauguin stammen die Worte:

Ich unterwerfe mich, und wie die ganze Welt sage ich: „Zwei und zwei ist vier“…, aber … das langweilt mich, und das stört mich sehr in meinem Gedankengang.[27]

Zähneknirschend unterwirft sich Gauguin den Gesetzen der Schöpfung. Wäre er doch Gott! Dann könnte er die Gesetze nach Belieben ändern!

Aber eine nachfolgende Generation unterwirft sich nicht mehr, auch nicht zähneknirschend. Ich überlasse Meijer das Wort:

So sehen wir nach der gegenseitigen Durchdringung von Staat und Gesellschaft, wie die Kirche beginnt, die Welt zu durchdringen, und die Welt die Kirche. Ebenso wenig wie der Museumsbesucher muss der Kirchenbesucher „suchen“. Beide müssen sich in den Erfahrungen der Diskontinuität und in der Diskontinuität ihrer Erfahrungen wiederfinden können. So kann es geschehen, dass nicht nur Kunsttheoretiker, sondern auch Theologen von „kreativer Diskontinuität“ sprechen. Ein Beispiel liefert Harvey Cox. Wenn dieser Theologe die Gedanken von Peckham zusammenfasst, schreibt er, dass der Mensch dazu neige, die Welt zu ordnen und zu organisieren. Zu Recht, könnte man meinen. Eine ganz natürliche Sache, könnte man meinen. Aber nein, auch diese durch und durch menschliche Gegebenheit wird in ihren Koordinaten verschoben. Dieses Ordnen und Organisieren, so heißt es, entspringe dem Unwillen, sich selbst zu verändern. Cox schreibt über einen solchen Unwilligen:

„Er will nicht als wandernder Pilger leben, er will die Sicherheit eines geschlossenen Systems. Aber ,wir haben hier keinen festen Wohnsitz‘. Gott tritt dem Menschen als Störer seines Friedens entgegen, als derjenige, der ihm nicht erlaubt, sich für immer niederzulassen. Die religiöse Erfahrung ist, ebenso wie die ästhetische, auf einer Ebene eine Erfahrung der Unordnung.“

Hier erhalten wir die letzte Rechtfertigung für die Unordnung: Gott will es so! Der Theologe, dessen Aufgabe es ist, auf die Stimme Gottes zu hören, kommt in Kontakt mit der Stimme des modernen Künstlers und glaubt, sie zu erkennen. Was in der Kunst vor sich geht, fasst er prägnant zusammen:  

„Heute ist die Kunst zu einem Instrument geworden, um das Bewusstsein zu verändern und neue Formen der Sensibilität zu entwerfen. Kunst ist nicht nur ein Vehikel für Ideen. Sie ist vielmehr ein Instrument, um das Bewusstsein zu verändern und die Zusammensetzung zu verändern … des Humus, der alle spezifischen Ideen und Gefühle nährt.“

Ein Versuch, die Mentalität zu verändern – darauf läuft die Entwicklung der modernen Kunst hinaus. Nicht neue Ideen vermitteln, sondern eine neue Geisteshaltung, das heißt einen „neuen Menschen“ schaffen. Nicht neben dem Bestehenden eine neue Blume, sondern einen neuen Boden. Und darauf eine „alternative“ Flora! Der Gärtner wird zum Bodenkundler. „Colere“ wird zu „recreare“. Der Landwirt baut das Land auf. Zunächst einmal das Land, denn ein anderer Boden bringt von selbst die begehrten Früchte hervor. Wenn nur der Humus umgewandelt ist, folgt der Rest von selbst.[28]

Ist es wirklich noch schwer, zu erkennen, welcher Geist dahintersteckt? Es ist der Geist der modernen Götzenverehrung, der alles in Frage stellt, alles verändert, alles verschiebt – alles, sogar Gott; alles, außer dem Ich. Es ist die Götzenverehrung des Ichs. Nein, Professor Waterink kann seine Tassen und Untertassen wegpacken. Pastor Spier hatte Recht:

Es gibt keine Kulturtotalität, die alles, was Kultur ist, in sich vereint. Die eine Kultur ist ein Märchen, eine Spekulation, eine unwirkliche Abstraktion. Es gibt ZWEI KULTUREN, die sich diametral gegenüberstehen, getrennt durch die religiöse Antithese. Sie bekämpfen sich auf Leben und Tod wie das Reich Gottes und das Reich der Welt, das einst wie Babylon aus dem Buch der Offenbarung zerstört werden wird.[29]

Wir müssen uns entscheiden

Ja, wir müssen uns entscheiden. Als Christen dürfen wir nicht mit der großen Masse mitlaufen. Wir müssen uns jedes Mal kritisch fragen: Kann ich dies oder jenes in meinem Haus zulassen? Was in der Welt „in“ ist, darf dabei kein Kriterium sein. Was A. Roland Holst 1958 über aktive Künstler dichtete, sollte auch uns als Kulturkonsumenten ansprechen:

Picasso achterna en net als Klee doen 
dier sterke drank in hun te slappe thee doen; 
onder de lange zwepen van de zwang 
vervoegen, ploegsgewijs, zij ’t werkwoord meedoen.

Picasso folgen und wie Klee handeln,
jene starke Spirituose in ihren zu schwachen Tee mischen;
unter den langen Peitschen der Schwangeren
konjugieren sie, im Pflugverband, das Verb ‚mitmachen‘.[30]

Mitläufer dürfen wir nicht sein – das sei noch einmal betont, und es dürfte eigentlich jedem klar sein. Andererseits: Wir sind auch nicht angekommen, wenn wir einfach jede moderne Kunst ablehnen und jede „klassische“ Kunst akzeptieren oder beispielsweise nur die leichtere Musikgattung verachten und die ernste Musik akzeptieren. In Mozarts „Zauberflöte“ heißt zum Beispiel eine Arie: „In diesen heiligen Hallen“. Das ist klassische Musik, sicher – aber es ist ein typisch humanistisches Glaubensbekenntnis. Übrigens muss man von der gesamten Komposition sagen, dass sie einen sehr bedenklichen Hintergrund hat. Sollen wir das dann einfach kritiklos schlucken?

Aber welche Kriterien haben wir dann? Wir tun gut daran, noch einmal über das nachzudenken, was wir in den Kapiteln 2 bis 5 untersucht haben; es kann als erster Leitfaden dienen.

  1. Als Christen haben wir eine himmlische Stellung: Wir sind mit Christus in die himmlischen Örtern versetzt (siehe Kapitel 2: „Versetzt in die himmlischen Örter“). Unsere Aufmerksamkeit muss daher in erster Linie auf die himmlischen Dinge gerichtet sein, auf Christus, der zur Rechten Gottes sitzt. Zwar können wir uns dem Kulturproblem nicht entziehen – das habe ich oben bereits dargelegt –, aber es darf nicht unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

  2. Wir haben das große Vorrecht, Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn zu haben, Teil der Familie Gottes zu sein (siehe Kapitel 3: „Die Familie Gottes“). In diesem Zusammenhang lautet der Aufruf an uns: „Liebt nicht die Welt.“ Wenn wir uns ganz und gar der Kunst, der Musik oder der Literatur hingeben (auch wenn es sich um „klassische“ Kunst handelt), wenn wir sozusagen davon „besessen“ sind, dann stimmt etwas nicht!

  3. Während die ganze Welt um uns herum die Autorität Christi ablehnt, erkennen wir Ihn als Herrn an. Wir sind in das Reich des Sohnes der Liebe Gottes versetzt (siehe Kapitel 4: „Das Königreich Gottes“). Das bedeutet, dass wir nicht mehr selbst bestimmen. Nicht das, was wir schön oder gut finden, ist wichtig, sondern das, was der Herr uns sagt. Das bedeutet oft, in betender Abhängigkeit nach seinem Willen zu suchen.

  4. In dieser Welt sind wir nicht zu Hause; wir sind grundlegend anders: Fremdlinge und Pilger in dieser Welt (siehe Kapitel 5: „Fremdlinge und Beisassen“). Die Konsequenz daraus: Wir dürfen uns nicht an die kulturellen Muster der Welt anpassen. Wir sind anders, und das muss sich auch in unserem Verhalten zeigen.

Die Gefahr der Gesetzlichkeit

Jetzt höre ich jemand sagen: Ja, das hast du jetzt alles schön gesagt, aber es ist letztlich doch sehr vage. Was darf ich nun genau und was nicht? Darf ich ein Konzert besuchen? Ein Museum? Eine Theateraufführung? Ein Kino? Darf ich ein Radio und einen Fernseher haben? Und wenn ich so ein Gerät habe, wann muss ich dann den Schalter umlegen?

Wie einfach wäre es, auf all diese Fragen fertige Antworten zu haben! Einfach, ja, aber auch gefährlich. Wir müssten nie wieder bewusst darüber nachdenken und beten, was wir tun sollen: Wir hätten ja unsere Regeln. Die Notwendigkeit, vom Herrn abhängig zu sein, wäre dann völlig verschwunden. Natürlich: Sünde ist und bleibt Sünde. Hurerei ist Sünde, daran gibt es nichts zu rütteln. Aber es gibt viele Dinge im christlichen Leben, für die Gott uns keine Regeln gegeben hat – aus dem einfachen Grund, weil Er unser Gewissen zum Arbeiten bringen will.

Wir haben zuvor gesehen, dass die Gefahr der (modernen) Kunst gerade darin liegt, dass sie ein Instrument für die Götzenverehrung unserer Zeit ist. Genau zu diesem Punkt hat uns das Neue Testament etwas zu sagen. Genau dieses Thema – nämlich den Konsum von etwas, was den Götzen geweiht war, ohne dass jemand selbst diesen Götzen dient – wird von dem Apostel Paulus mehrfach ausführlich behandelt:

  • 1Kor 8,1-13: Was aber die Götzenopfer betrifft, so wissen wir (denn wir alle haben Erkenntnis; die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber erbaut. Wenn jemand meint, etwas erkannt zu haben, so hat er noch nicht erkannt, wie man erkennen soll; wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt) – was nun das Essen der Götzenopfer betrifft, so wissen wir, dass ein Götzenbild nichts ist in der Welt und dass keiner Gott ist als nur einer. Denn wenn es nämlich solche gibt, die Götter genannt werden, sei es im Himmel oder auf der Erde (wie es ja viele Götter und viele Herren gibt), so ist doch für uns ein Gott, der Vater, von dem alle Dinge sind, und wir für ihn, und ein Herr, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind, und wir durch ihn. Aber nicht in allen ist die Erkenntnis, sondern einige essen, infolge des Gewissens, das sie bis jetzt vom Götzenbild haben, als von einem Götzenopfer, und ihr Gewissen, da es schwach ist, wird befleckt. Speise aber macht uns vor Gott nicht angenehm; weder haben wir, wenn wir nicht essen, einen Nachteil, noch haben wir, wenn wir essen, einen Vorteil. Gebt aber acht, dass nicht etwa dieses euer Recht den Schwachen zum Anstoß wird. Denn wenn jemand dich, der du Erkenntnis hast, in einem Götzentempel zu Tisch liegen sieht, wird nicht sein Gewissen, da er schwach ist, bestärkt werden, die Götzenopfer zu essen? Und durch deine Erkenntnis kommt der Schwache um, der Bruder, um dessentwillen Christus gestorben ist. Wenn ihr aber so gegen die Brüder sündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, so sündigt ihr gegen Christus. Darum, wenn eine Speise meinem Bruder Anstoß gibt, so will ich für immer kein Fleisch essen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben.

  • 1Kor 10,23-33: Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich; alles ist erlaubt, aber nicht alles erbaut. Niemand suche das Seine, sondern das des anderen. Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, esst, ohne zu untersuchen um des Gewissens willen. Denn „die Erde ist des Herrn und ihre Fülle.“ Wenn jemand von den Ungläubigen euch einlädt und ihr wollt hingehen, so esst alles, was euch vorgesetzt wird, ohne zu untersuchen um des Gewissens willen. Wenn aber jemand zu euch sagt: Dies ist als Opfer dargebracht worden, so esst nicht, um dessentwillen, der es anzeigt, und um des Gewissens willen, des Gewissens aber, sage ich, nicht deines eigenen, sondern desjenigen des anderen; denn warum wird meine Freiheit von einem anderen Gewissen beurteilt? Wenn ich mit Danksagung teilhabe, warum werde ich gelästert für das, wofür ich danksage? Ob ihr nun esst oder trinkt oder irgendetwas tut, tut alles zur Ehre Gottes. Seid ohne Anstoß, sowohl Juden als Griechen als auch der Versammlung Gottes; wie auch ich mich in allen Dingen allen gefällig mache, indem ich nicht meinen Vorteil suche, sondern den der Vielen, damit sie errettet werden.

Römer 14 behandelt dasselbe Thema, und auch dort steht es im Zusammenhang mit dem Essen von Opferfleisch. Darf man davon essen? (Natürlich ohne selbst am heidnischen Götzendienst teilzunehmen!) Die Gläubigen in Rom und Korinth wollten endlich wissen, woran sie waren. War es nun erlaubt oder nicht? Der Apostel gibt jedoch keine festen Regeln, sondern entwickelt vier Grundsätze:

  1. Unsere Entscheidung darüber, was wir noch tun dürfen und was nicht mehr, darf nicht von unseren Interessen motiviert sein, sondern von der Ehre Gottes: „Ob ihr nun esst oder trinkt, tut alles zur Ehre Gottes“ (1Kor 10,31). „Wer isst, isst dem Herrn, denn er danksagt Gott; und wer nicht isst, isst dem Herrn nicht und danksagt Gott“ (Röm 14,6). Damit fallen schon eine ganze Reihe von Dingen weg.

  2. Kann man aus dem Vorstehenden keine allgemeine Regel ableiten? Nein, sagt der Apostel, das geht nicht, und zwar aus dem einfachen Grund, dass wir nicht alle gleich sind. Es kann vorkommen, dass beim Lesen der Zeitung ein bestimmter Artikel meine erotische Phantasie auf sündige Weise anregt; dann muss ich die Zeitung weglegen. Aber es ist durchaus möglich, dass ein anderer Leser denselben Artikel liest und sich daran überhaupt nicht stört. Ich zitiere hier mit Zustimmung ein Beispiel von Professor Rookmaker aus dem Jahr 1962. Und vielleicht müsste er heute [1980] statt von einer Radiosendung von einer Fernsehsendung sprechen, aber im Prinzip spielt das keine Rolle. Das Beispiel macht jedoch deutlich, dass es „Starke“ und „Schwache“ gibt und dass der eine etwas gut ertragen kann und der andere entschieden nicht.

Stellen Sie sich eine Straße vor, in der gläubige Menschen leben, die alle zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Hörspiel im Radio hören. Das Stück ist ein seltsamer Fall, eine Art existentialistische Geschichte, in der Zustände beschrieben und Visionen dargelegt werden, die alles andere als ideal sind. Was wird nun passieren?

Nummer Eins schaltet das Stück nach kurzer Zeit aus – Kommentar: „Bah, was für ein widerlicher Quatsch!“ Nummer Zwei hört sich das Stück mit großem Interesse bis zum Ende an – für ihn ist es ein spannendes Ganzes, und er fragt sich immer wieder, welche Lösung für das im Stück aufgeworfene Problem auf der Grundlage dieser bestimmten Lebenseinstellung gefunden werden wird, zumal er einen Freund hat, der mit einer ähnlichen Frage ringt und dem er vielleicht helfen kann, wenn er durch dieses Stück die Situation besser versteht. Nummer Drei schaltet das Stück schnell aus – er hat keine Lust, sich mit den schwierigen Problemen anderer auseinanderzusetzen, denn er hat selbst genug Sorgen. Nummer Vier hingegen hört wieder mit großer Freude bis zum Ende zu – er ist kein Überflieger und weiß kaum, worum es in diesem Stück geht; er fand es zwar etwas schwer, aber man kann schließlich nicht immer nur leichte Kost verdauen. Nummer Fünf hört fasziniert zu, weil er sich in seinem Studium gerade mit ähnlichen Fragen beschäftigt, legt es aber schließlich doch beiseite, weil er in diesem Moment die Äußerungen in diesem Sinne nicht verarbeiten kann; die Härte und Lieblosigkeit stoßen ihn ab. Nummer Sechs schaltet das Stück ebenfalls an einer bestimmten Stelle aus, weil etwas darin vorkommt, das ihn an ein Ereignis erinnert, das nicht allzu lange zurückliegt und an das er lieber nicht mehr denken möchte. Nummer Sieben schaltet kurz vor Ende um – etwas regt seine Phantasie auf ungesunde Weise an, und er möchte sofort mit offenem Herzen mit seiner täglichen Bibellese beginnen. Und so könnte man weitermachen. Der eine hat das Radio ausgeschaltet und hat gut daran getan, und der andere hat es angelassen und auch er hat gut daran getan, und dazwischen gibt es viele Möglichkeiten. Wir können unser Beispiel noch weiterdenken und diese Menschen am nächsten Tag zu einem Besuch zusammenkommen lassen, um über das Gehörte zu diskutieren. Dann wird sich natürlich zeigen, dass es Nuancen in der Beurteilung gibt, aber dass dennoch eine gewisse Übereinstimmung besteht.

Denn die unterschiedlichen Reaktionen ergeben sich nicht aus einem unterschiedlichen Verständnis des Hörspiels oder aus einer großen Differenz in der Sichtweise der geltenden Normen, sondern aus den unterschiedlichen Situationen und Umständen, in denen sich diese Menschen befinden. Mit diesem Beispiel wollte ich zeigen, dass es nicht zu Chaos kommen muss, wenn wir dem Herrn gehorsam sind und die christliche Freiheit verteidigen.[31]

  1. Das Beispiel von Professor Rookmaker ist auch eine gute Illustration für den dritten Grundsatz. Dieser Grundsatz lässt sich am besten mit den Worten aus Römer 14,22 „Hast du Glauben? Habe ihn für dich selbst vor Gott. Glückselig, wer sich selbst nicht richtet in dem, was er gutheißt!“ beschreiben: „Glückselig, wer sich selbst nicht richtet in dem, was er gutheißt! Wer aber zweifelt, wenn er isst, ist verurteilt, weil er es nicht aus Glauben tut. Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde.“ Zweifelst du? Fragst du dich, ob du einen Fernseher kaufen sollst oder nicht? Oder, wenn du bereits einen hast, ob du eine bestimmte Sendung sehen darfst oder nicht? Wenn du zweifelst, tu es nicht! Wer zweifelt, ist von vornherein verurteilt. Gott will, dass wir im Glauben handeln und klar und deutlich erkennen, was Er von uns will.

  2. Der vierte Grundsatz lautet … nein, eigentlich ist das kein Grundsatz; es ist die Liebe, die kein trockener Grundsatz sein darf, sondern eine lebendige Wirklichkeit in unserem Herzen. Wir dürfen nicht nur daran denken, was wir selbst bewältigen können! Wir müssen auch Rücksicht nehmen auf diejenigen, die vielleicht weniger geistliche Unterscheidungskraft besitzen als wir. Ist es an sich sündig, Fußball zu spielen? Nein, natürlich nicht. Aber wenn ich jemand treffe, der neu zum Glauben gekommen ist und früher von Fußball besessen war, dann sollte ich ihn besser nicht zu so einer Veranstaltung mitnehmen (auch nicht am Samstag). Der Fußball gehörte zu seinem alten Leben, das er bei seiner Bekehrung radikal verurteilt hat. Wenn ich ihn wieder zu einem Fußballspiel mitnähme, würde er vielleicht wieder von der Begeisterung seiner ehemaligen Kollegen angesteckt werden. Für mich ist es keine Sünde, dorthin zu gehen, für ihn aber schon. Und das muss ich berücksichtigen. „Denn wenn dein Bruder wegen einer Speise betrübt wird, so wandelst du nicht mehr nach der Liebe. Verdirb nicht mit deiner Speise den, für den Christus gestorben ist. Lasst nun euer Gut nicht verlästert werden“ (Röm 14,15-16). „Wenn ihr aber so gegen die Brüder sündigt und ihr schwaches Gewissen verletzt, so sündigt ihr gegen Christus. Darum, wenn eine Speise meinem Bruder Anstoß gibt, so will ich für immer kein Fleisch essen, um meinem Bruder keinen Anstoß zu geben“ (1Kor 8,12-13).

So sind wir schließlich zu einer sehr ernsten Gefahr gelangt: der Gefahr der Gesetzlichkeit, die an sich nicht weniger schlimm ist als die der Weltförmigkeit. Und als solche ist dies nicht nur ein notwendiger Abschluss dieses achten Kapitels, sondern auch eine nützliche Warnung am Ende des ganzen Buches. Wer über die Stellung des Christen in der Welt spricht oder schreibt, begibt sich auf kontroverses Terrain.

Es ist nicht leicht, als Christ in dieser Welt zu leben, und gerade deshalb neigen wir vielleicht alle dazu, nach festen Mustern, nach vertrauten Regeln zu suchen, auf die wir uns stützen können. Das birgt eine große Gefahr. Nicht durch Gesetze, nicht durch Regeln, nicht durch Vorschriften wird das echte christliche Glaubensleben bestimmt, sondern durch betende Abhängigkeit, durch eine lebendige Beziehung zu dem lebendigen Gott, den wir in Jesus Christus kennengelernt haben. Die Gesinnung, nicht das Wissen ist dabei der Schlüssel. Deshalb möchte ich mit einigen Zitaten aus dem Brief des Paulus an die Philipper schließen:

  • Phil 1,9-11: Um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überströme in Erkenntnis und aller Einsicht, damit ihr prüfen mögt, was das Vorzüglichere ist, damit ihr lauter und ohne Anstoß seid auf den Tag Christi, erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus ist, zur Herrlichkeit und zum Preise Gottes.

  • Phil 2,3-5: Nichts aus Streitsucht oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst; ein jeder nicht auf das Seine sehend, sondern ein jeder auch auf das der anderen. Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war.

  • Phil 2,14-16a: Tut alles ohne Murren …, damit ihr untadelig und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter dem ihr scheint wie Lichter in der Welt, darstellend das Wort des Lebens.

  • Phil 3,14-21: Eins aber tue ich: Vergessend, was dahinten, und mich ausstreckend nach dem, was vorn ist, jage ich, das Ziel anschauend, hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes nach oben in Christus Jesus. So viele nun vollkommen sind, lasst uns so gesinnt sein; und wenn ihr etwas anders gesinnt seid, so wird euch Gott auch dies offenbaren. Doch wozu wir gelangt sind, lasst uns in denselben Fußstapfen wandeln. Seid zusammen meine Nachahmer, Brüder, und seht hin auf die, die so wandeln, wie ihr uns zum Vorbild habt. Denn viele wandeln, von denen ich euch oft gesagt habe, nun aber auch mit Weinen sage, dass sie die Feinde des Kreuzes des Christus sind: deren Ende Verderben, deren Gott der Bauch und deren Ehre in ihrer Schande ist, die auf das Irdische sinnen. Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten, der unseren Leib der Niedrigkeit umgestalten wird zur Gleichförmigkeit mit seinem Leib der Herrlichkeit, nach der wirksamen Kraft, mit der er vermag, auch alle Dinge sich zu unterwerfen.


Originaltitel: „8 – Christen en cultuur“ 
in Hemelburgers op Aarde: De levenspraktijk van christenen in deze wereld,  
Vaasen: Medema, 1980, S. 175–215.

Übersetzung: Stephan Winterhoff

Partea anterioară

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Der US-Amerikaner Samuel Wagstaff Jr. (1921–1987) war Kurator für zeitgenössische Kunst in einem Detroiter Museum und ein bekannter Kunstsammler.

[2] Anm. d. Red. : Das Bild kann man sich auch online ansehen: https://www.library.fordham.edu/digital/item/collection/artHistoryDB/id/1148.

[3] Beispiel entnommen aus W.L. Meijer, Kunst en Maatschappij, Goes: Oosterbaan & Le Cointre, 1977, S. 200.

[4] Anm. d. Red.: Jan Wolkers (1925–2007) und Gerard Reve (1923–2006) waren bekannte niederländische Autoren der Nachkriegsliteratur. A.M. de Jong (1888–1943) und Theun de Vries (1907–2005) wandten sich als Schriftsteller gegen den Faschismus, und Frederik van Eeden (1860–1932) war Schriftsteller und Sozialreformer.

[5] Anm. d. Red.: Der vorige Satz bezieht sich auf das niederländische Wort beschaving, das mit „Zivilisation“ übersetzt wird. Es stammt von dem Verb beschaven, das „glätten“, „verfeinern“, „abschleifen“ bedeutet. Im Deutschen könnte man „Kultur“ und „kultivieren“ zusammenbringen.

[6] Anm. d. Red.: Im Deutschen 1965 erschienen unter dem Titel Stadt ohne Gott?

[7] G.Ch. Aalders, Het boek Genesis. Korte Verklaring der Heilige Schrift, Teil I, Kampen: J.H. Kok, 1987, S. 122.

[8] Prof. Dr. K. Schilder, Christus en cultuur, Franeker: T. Wever, 1948, S. 53.

[9] Dr. J. Bouma, Algemene Genade, Dissertation, Kampen 1966, S. 344–349.

[10] Professor Schilder hatte seinerseits in dem oben genannten Buch gerade das Kulturkonzept von Abraham Kuyper kritisiert: Demnach sei die Kultur Teil der allgemeinen Gnade („gemeene gratie“) die Gott der Welt schenkt, wenn Er seine Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt und es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt (Mt 4,45.

[11] J. Kamphuis, „Het ,cultuurmandaat‘ in discussie“ in Onderweg aangesproken, Groningen: De Vuurbaak, 1968, S. 244. Siehe auch Kamphuis, „Het ‚cultuurmandaat‘ in discussie“ in De Reformatie, Jg. 42, 1961, S. 233, 241, 257.

[12] F.A. Schaeffer, Art and the Bible, Downers Grove: InterVarsity Press, 1979 S. 10. Dieses Büchlein enthält zwar auch gute Dinge, ist aber leider nicht frei von nachlässiger und falscher Argumentation. Siehe zum Beispiel Seite 7 und 8: „In Christus ist der ganze Mensch erlöst. … In der Zukunft wird der ganze Mensch eine vollständige Erlösung haben.“ Schaeffer hat keinen Blick für den Unterschied zwischen dem jüdischen und dem christlichen Gottesdienst (S. 15/16); er vergisst den symbolischen Charakter der Offenbarung (S. 30) usw.

[13] Ich zitiere hier zustimmend Professor Gispen:

Aus 2. Mose 20,5a „Du sollst dich nicht vor ihnen niederbeugen und ihnen nicht dienen; denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und an der vierten Generation derer, die mich hassen;“ geht hervor, dass es verboten ist, solchen Bildern und Abbildungen Ehre und Dienst zu erweisen. Daraus lässt sich ableiten, dass im zweiten Gebot die Anfertigung von Bildern Gottes verboten ist, nicht die Anfertigung von Bildern und Abbildungen von Vögeln, Rindern, Fischen usw. im Allgemeinen“ (wie im Islam; HPM) (W.H. Gispen, Korte Verklaring der Heilige Schrift, Exodus II, Kampen: J.H. Kok, 1939, S. 65).

[14] W.L. Meijer, Kunst en Maatschappij, Goes: Oosterbaan & Le Cointre, 1977, S. 215.

[15] Prof. Dr. K. Schilder, Christus en cultuur, Franeker: T. Wever, 1948, S. 33. Professor Schilder lässt leider seiner Phantasie freien Lauf, wenn er (ebenda, S. 32) schreibt:

Als der Rabbi von Nazareth auf Erden war, hatte – um nur ein Beispiel zu nennen – das Judentum so gut wie keine Bedeutung für die bildende Kunst. Der Hintergrund dieses bereits mehrfach erwähnten Phänomens kann für sein Bewusstsein nicht in allem lobenswert gewesen sein, denn Er zeigt sich mehr als einmal als Seher und Prophet. Der Seher weiß, was im Menschen ist, der Prophet bezieht es unablässig auf die in der Schrift gegebenen Normen. So machten Ihm sein scharfer Blick und seine prophetische Einsicht viel deutlicher, als es uns möglich wäre, dass all dies zumindest auch eine Folge einer falschen Auslegung des zweiten Gebots war, das der Vater Jesu Christi seinem Volk Israel und allen Völkern in den Zehn Geboten gegeben hatte. Wir würden uns doch sehr irren, wenn wir die (An-)Klage Christi, dass die jüdischen Führer Gottes Gebot durch ihre menschlichen Einsetzungen kraftlos gemacht hätten, nur auf jene wenigen ethischen Maxime beziehen, über die der durchschnittliche Kirchenleser von heute seinen Fragebox-Redakteur um Aufklärung bittet: ob er Blutwurst essen, sonntags Fahrrad fahren, eine Cousine heiraten darf und was es noch alles sein mag. Die Unproduktivität, die das Judentum in Bezug auf die bildende Kunst von fast allen damaligen und späteren Kulturvölkern unterschied, musste, insofern als darin eine falsche Auslegung des zweiten Gebots berücksichtigt war, dem wahren und vom Geist erfüllten Gesetzesausleger als Lücke erschienen sein und ihm als solche sehr wehgetan haben.

[16] Dr. Ir.J. Stellingwerff, „Cultuuropdracht“ in Vier glazen. Gedenkboek 1886–1961 der Societas Studiosorum Reformatorum, Delft: Meinema, 1961, S. 189. Dennoch unterscheidet der Verfasser nicht genau: „Der alte Auftrag an den Menschen, die Welt zu beherrschen, die Erde zu unterwerfen, muss bis zum Ende ausgeführt werden, und das Evangelium muss immer mehr überall bekannt werden“ (ebenda, S. 188).

[17] J. Kamphuis ebenda; die Zahlen beziehen sich auf die Seiten des Buches von Douma; Hervorhebung von mir (HPM).

[18] Siehe die Diskussion zwischen Professor Dr. J. Waterink und Pastor J.M. Spier in „Bezinning“ 5 (1950), S. 9, 10, 12; 6 (1951) Nr. 10; 7 (1952) Nr. 5, 6; 8 (1953) Nr. 2, 3.

[19] Anm. d. Red.: Übersetzt aus dem Gedicht „Ik ben een God in ’t diepst van mijn gedachten“ in Verzen, 1894.

[20] Prof. Dr. H.R. Rookmaker, Modern Art and the Death of a Culture, London/Downers Grove: InterVarsity, 31973 S. 229.

[21] Paul Rodenko, Nieuwe griffels / schone leien, een bloemlezing uit poëzie der avantgarde, Damen: Bert Bakker, 71966, S. 12. Siehe beispielsweise Antony Kok, Nachtkroeg, ebenda S. 46

[22] Anm. d. Red.: Das Bild kann man hier sehen: https://www.parnass.at/news/das-schwarze-quadrat.

[23] W.L. Meijer, Kunst en Maatschappij, Goes: Oosterbaan & Le Cointre, 1977, S. 184.

[24] Siehe zu Letzterem auch: H.R. Rookmaaker, Kunst … spreekt vanzelf, Goes: Osterbaan & Le Cointre, 1978.

[25] W.L. Meijer, Kunst en revolutie, S. 61.

[26] W.L. Meijer, Kunst en revolutie, S. 218.

[27] W.L. Meijer, Kunst en revolutie, S. 193.

[28] W.L. Meijer, Kunst en revolutie, S. 242.

[29] „Bezinning“ 6 (1951) S. 237.

[30] Anm. d. Red.: Einige Gedanken zur Interpretation:

„Picasso achterna en net als Klee doen“: Die Sprecher folgen Picasso und handeln wie Klee – zwei Künstler, die für ihre kreative Freiheit und Stilbrüche bekannt sind. 
„Sterke drank in hun te slappe thee doen“: Sie mischen starke Getränke in ihren zu schwachen Tee – ein Bild für das Aufpeppen von etwas Langweiligem oder Konventionellem mit etwas Kraftvollem oder Provokantem. 
„Onder de lange zwepen van de zwang“:
Diese Zeile ist besonders kryptisch. „Zwang“ könnte hier metaphorisch für gesellschaftlichen Druck oder kreative Triebe stehen, und die „langen Peitschen“ für intensive Impulse oder Zwänge. 
„Vervoegen, ploegsgewijs, zij ’t werkwoord meedoen“: Das Verb „meedoen“ (mitmachen) wird „ploegsgewijs“ (im Pflugverband, also gemeinsam, geordnet) konjugiert – ein Bild für kollektives Handeln oder kreative Zusammenarbeit.

Das Ganze wirkt wie ein Manifest für künstlerische Rebellion und gemeinschaftliches Schaffen unter innerem oder äußerem Druck.

[31] H.R. Rookmaker, Kunst en Amusement, Kampen: J.H. Kok, 1962, S. 157.

Mai multe articole despre cuvântul cheie Decădere culturală (1)


Nota redacţiei:

Redacţia SoundWords este răspunzătoare pentru publicarea articolului de mai sus. Aceasta nu înseamnă că neapărat ea este de acord cu toate celelalte gânduri ale autorului publicate (desigur cu excepţia articolelor publicate de redacţie) şi doreşte să atragă atenţia, să se ţină seama de toate gândurile şi practicile autorului, pe care el le face cunoscut în alte locuri. „Cercetaţi toate lucrurile, şi păstraţi ce este bun” (1 Tesaloniceni 5.21).

Bibeltexte im Artikel anzeigen