Der Prophet Obadja (1)
Einleitung

Henri Louis Rossier

© SoundWords, online seit: 20.05.2008, aktualisiert: 24.07.2017

Glaube und Wissenschaft

Alle Christen, die sich wirklich unter Gottes Wort stellen, können sich über die religiöse Welt, die sie umgibt, nicht täuschen. Sie wissen, dass die Christenheit mit großen Schritten dem endzeitlichen Abfall und der Herrschaft des Antichristen in den letzten Tagen entgegengeht. Im Bewusstsein des Ernstes ihres Auftrages, inmitten dieses wachsenden, moralischen Verfalls Zeugen zu sein, haben sie mehr und mehr die Pflicht, als treue Seelen an der „Einfalt gegenüber dem Christus“ (2Kor 11,3) festzuhalten. Diese Lehre, die durch den Geist Gottes gelehrt wird, gilt es zu bewahren, weil sie von Gott kommt im Gegensatz zu den Lehren der Menschen.

In Bezug auf diese Lehre ist ein Kind Gottes, das keine wissenschaftliche Ausbildung hat, beim Bibelstudium bald davon überzeugt, dass der Schlüssel zum Verständnis im Text selbst liegt, dem ganzheitlichen, biblischen Text – so wie er durch den Heiligen Geist gelehrt, empfangen und verstanden wird. Übrigens verdunkelt wissenschaftliche Ausbildung beim Kind Gottes oft mehr das Verständnis der Heiligen Schrift, als dass sie es erhellt. Die Paläontologie [die Wissenschaft vom Leben in den vergangenen Erdzeitaltern; Anm. d. Red.], die Ethnografie [beschreibende Völkerkunde; Anm. d. Red.], die wissenschaftlichen Forschungen und die Entdeckungen, welche sie erbringen, die historischen Nachforschungen – mit einem Wort, alle Zweige der Wissenschaft, so interessant sie sein mögen, erklären nicht das Wort Gottes. Wenn sie auch manchmal die biblische Wahrheit bestätigen, so können sie doch nie, keinen Moment, deren Wert in den Augen eines wahren Christen entkräften. Wenn wissenschaftliche Entdeckungen manchmal Dinge, die uns mit völliger Gewissheit in der Heiligen Schrift vermittelt worden sind, bestätigen, freut sich der Gläubige, dass damit Einwände, die von Ungläubigen gegen die Heilige Schrift erhoben wurden, widerlegt sind. Trotz der Hilfe, die sie dem Gläubigen im Kampf erbringen können, sind sie dennoch nie ein zum Verständnis der Heiligen Schrift unentbehrlicher Kommentar. Im Gegenteil werden sie oft eher ein Hindernis zum richtigen Verständnis der Schrift sein. Warum? Weil Wissenschaftler dazu neigen, das Verständnis für die Wahrheit der Bibel auf das Niveau herunterzuholen, wo menschlicher Verstand sie begreifen kann. Selbst wenn sie nicht bis zum Rationalismus gehen, so kann allerdings der Theologe aufgrund seines Studiums – auch wenn er einen sehr rechtgläubigen und und ernsthaften Glauben hat – sich dem nicht ganz entziehen, rationale Elemente in seine biblischen Auslegungen einfließen zu lassen.

Wir bestreiten keineswegs die Wichtigkeit der Wissenschaft auf ihrem Gebiet. Wir verkennen nicht den Wert der Wissenschaften oder der wissenschaftlichen Fachrichtungen, die an ihrem speziellen Platz hervorragend sind. Wir wertschätzen wissenschaftliche Methoden, wenn sie sich nicht anmaßen, die Offenbarungen Gottes in der Heiligen Schrift zu kontrollieren oder zu beurteilen. Der gläubige Christ ist manchen Wissenschaftlern zu großem Dank verpflichtet, besonders jenen, die bestrebt sind, für eine gute Herausgabe der Heiligen Schrift zu sorgen, sie exakt zu übersetzen und die Sprachen, in denen sie geschrieben worden ist, immer besser zu kennen. Mit Dank nimmt der Christ manche Belehrungen an, mit denen normale biblische Auslegung dem Glauben Hilfe leisten kann. Aber er hat nur eine sichere Quelle: die Heilige Schrift, und nur ein Hilfsmittel, um sie zu verstehen: den Heiligen Geist. Für den Christen ist es einzig der Heilige Geist, der göttliche Dinge kennt, der unterweist und sie mitteilt, der hilft, sie anzunehmen und zu verstehen [1Kor 2,10-13], unabhängig von menschlicher Weisheit; Er ist es allein, der uns fähig macht, sie richtig auszulegen.

Prophetie, die die Zukunft betrifft

Die Gefahr, dazu zu neigen, alles nur mit dem Verstand verstehen zu wollen, wird augenfällig, wenn es um Prophetie geht. Diejenigen, die sich vom menschlichen Verstand leiten lassen, müssen wohl oder übel zugeben, dass Propheten historische Ereignisse lange vor ihrer Erfüllung angekündigt haben. Diese Tatsache bedeutet für sie der erstaunlichste Ausdruck dessen, was sie Inspiration nennen. Sie haben Mühe damit und argwöhnen prophetische Visionen, dass sie die Endzeit betreffen können. Wenn sie diese anerkennen, dann um den Propheten eine gewisse, mehr oder weniger deutliche messianische Erwartung – je nach der Zeit, in der sie lebten – oder die Vorhersage eines vagen Reiches Gottes zuzuschreiben, ein allmähliches Ergebnis und Endtriumph des Christentums über das Heidentum in der Welt. So interpretieren sie für gewöhnlich die Herrschaft Gottes. Sie sind nicht bereit anzunehmen, dass die Bibel genau das Gegenteil lehrt, indem sie uns zeigt, dass die Wiederkunft des HERRN, damit Er seine Gemeinde in den Himmel aufnehme, dem Christentum auf der Erde ein Ende bereiten wird, und dass die abgefallene Christenheit, die auf der Erde zurückgelassen wird, das große Babylon sein wird, die Mutter eines Götzenkultes, der umso scheußlicher sein wird, weil er aus dem Stumpf des Christentums erwachsen ist. Die heidnischen Nationen werden sich durch das Christentum nicht bekehren: Jedoch wird eine Vielzahl von ihnen das Evangelium des Reiches Gottes (das nicht das Evangelium der Gnade ist) annehmen, der durch den Dienst des zukünftigen jüdischen Überrestes verkündet wird.

Dieselben Menschen betrachten die alttestamentlichen Prophezeiungen als bereits jetzt erfüllte Geschichte, so dass für sie die Geschichte die Prophetie erklärt. Das ist ein großer Irrtum. Wir verkennen nie, dass es im Alten Testament keine Prophezeiungen gibt, die nicht teilweise schon in Erfüllung gegangen sind (und dies unterscheidet sie von denen im Neuen Testament, die uns ohne Weiteres in die Endzeit einführen). Aber die teilweise Erfüllung ist niemals das letzte Wort der Prophetie, denn dies würde bedeuten, ihr – wie der Apostel sagt – eine eigene Auslegung beizulegen (2Pet 1,19.20). Es ist ein wesentlicher Grundsatz beim Studium der Prophetie, dass sie sich nicht selbst auslegt, auch wenn sich manchmal in der Vergangenheit Prophetie zum Teil schon erfüllt hat. Man findet in einem einzelnen Abschnitt nicht seine eigene Auslegung, d.h. die Erklärung dessen, was er bedeutet. Die Prophetie kann nur durch den Heiligen Geist verstanden werden, der „heiligen Menschen Gottes“ eingegeben hat, was sie reden sollten. Wenn die Schrift von dem redet, was heute Vergangenheit ist, bleibt sie nicht dort stehen, sondern verkündet uns in den nächsten Ereignissen Analogien zukünftiger Ereignisse. Welchen Ausblick sie uns auch immer öffnet, die Prophetie führt immer zu Christus und verkündet uns „die Macht und Ankunft unseres Herrn“ (2Pet1,16), indem sie die „Leiden, die auf Christus kommen sollten“, sowie die Herrlichkeit, die darauf folgt, vorhersagt [1Pet 1,11]. So wie die Gerichte zu den Herrlichkeiten Christi gehören, so offenbart uns auch die Prophetie seine Herrlichkeiten: „Denn wenn deine Gerichte die Erde treffen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit“ (Jes 26,9).

Wenn wir so argumentieren, dann behaupten wir nicht, das Gebiet der Prophetie völlig erklärt zu haben, aber wir haben doch aufgezeigt, worauf Prophetie immer hinausläuft. Tatsächlich beginnen die Propheten damit, den moralischen Zustand Israels (im NT der Gemeinde) aufzudecken. Sein Ruin war völlig und unheilbar, trotz der dringlichen Appelle, die Israel zur Buße führen sollten. Sie künden diesem Volk das kommende Gericht für Gegenwart und Zukunft an sowie die völlige Wiederherstellung eines treuen Überrestes unter der glorreichen Herrschaft Jesus Christi. Was die Nationen betrifft, denen Gott wegen des Versagens seines Volkes die Herrschaft übergeben hat und die Er nun als Rute für sein ungehorsames Volk benutzt, so zeigen die Propheten auch deren zukünftiges Gericht an, um die Getreuen zu ermutigen und ihren Glauben zu stärken. Doch da Israel erst dann wiederhergestellt werden wird, wenn der Messias die Herrschaft antreten wird, so wird sich das Gericht über die Nationen erst bei der Festigung seiner Herrschaft völlig erfüllen.

Die Königsherrschaft Christi

Wie bereits erwähnt, muss alle Prophetie auf die Macht und auf die Ankunft Christi in seinem Königreich hinweisen. Dieses Reich ist tatsächlich ihr spezielles Ziel. Die Prophetie ist nicht, wie im Christentum, die Offenbarung himmlischer Ratschlüsse Gottes bezüglich der Gemeinde, sondern die Offenbarung seines Reiches hier auf Erden und der Wege, auf denen Er alles einführen wird.

Der Prophet Amos spricht mehr als alle andern nur von nahen Ereignissen, die bald in Erfüllung gehen sollten. Sein Thema sind die aktuellen Regierungswege Gottes mit den Menschen. Sogar seine Prophetien weisen letztendlich alle auf den Tag des HERRN hin (Amos 9,11-15). Ohne Zweifel erwähnt er in wenigen Versen kurz dieses Ereignis, doch dies genügt, um festzustellen, dass die Propheten das herrliche Reich Jesu Christi als Endziel aller Wege Gottes sehen.

So ist es auch beim Propheten Obadja. Die letzten Worte seiner kurzen Prophetie sind: „Und das Reich wird dem HERRN gehören.“ Außerdem zeigt Obadja eine Eigentümlichkeit, die den meisten Propheten bis auf Amos gemeinsam ist. Ein bereits geschehenes Ereignis ist wie ein Bild und Auftakt kommender Ereignisse. Um sich davon zu überzeugen, genügt die Betrachtung und der Vergleich Edoms in den beiden ersten Kapiteln von Amos und Obadja. Amos verkündet Ereignisse (Amos 1,11.12), die weniger als zwei Jahrhunderte nach seiner Prophezeiung eintraten. Darüber geht er nicht hinaus. Obadja dagegen betrachtet ein Ereignis, das gerade stattgefunden hatte. In der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar sieht er eine Ähnlichkeit mit der Rolle, die Edom bei den Ereignissen in den letzten Tagen spielen wird. Diese Ereignisse werden dann zur endgültigen Herrschaft Jesu Christi führen.

Dies nun wird von den Bibelauslegern, von denen wir sprachen, vollständig geleugnet. Ihr Verstand weigert sich zu akzeptieren, dass Völker, die heute völlig ausgelöscht sind, wieder auf der Bildfläche erscheinen. Deshalb – wir wiederholen es – sind die Gedanken Gottes in seinem Wort und in der Prophetie im Besonderen dem menschlichen Verstand unerklärlich. So werden in Psalm 119,130 die Einfältigen gerühmt: „Die Eröffnung deiner Worte erleuchtet, gibt Einsicht den Einfältigen.“ Sie sind solche, die sich durch Gottes Wort unterrichten lassen und die ausschließlich im Wort Gottes das Licht suchen, um die Prophetie zu verstehen: „In deinem Licht werden wir das Licht sehen“ (Ps 36,9). Sie werden nicht mit der Wissenschaft die vermeintlichen Lücken in Gottes Wort zu füllen suchen oder Dinge ergänzen, über die sich die Bibel in Schweigen hüllt. Wenn Gott spricht, sagen sie wie Samuel: „Rede, HERR, denn dein Knecht hört“ (1Sam 3,9), und wenn Gott schweigt, sagen sie wie der Psalmist: „Setze, HERR, meinem Mund eine Wache, behüte die Tür meiner Lippen“ (Ps 141,3). Vielleicht wird Gott ihnen den Grund seines Schweigens offenbaren, wenn ihr Vertrauen zu Ihm auf die Probe gestellt worden ist, und sie werden in der Stille neue Erkenntnisse finden.

Wir sollten nicht versuchen, alles auf einmal verstehen und erklären zu wollen. Die Reichtümer Christi werden uns nach und nach durch den Heiligen Geist in Gottes Wort mitgeteilt. Der Goldsucher, der der Goldader nachgeht, wird nach und nach zum ganzen Fund gelangen. Um viel zu gewinnen, darf er die kostbare Erzader nicht durch einen Moment der Unaufmerksamkeit aus den Augen verlieren. Es kann sein, dass die Ernte des einen Tages gering ist und an einem anderen Tag reichlich, was den Goldsucher natürlich hoch erfreuen wird; aber ob er viel oder wenig findet, es ist immer dasselbe edle Metall. Wenn die Arbeit beendet ist, wird man seinen großen Wert erkennen.

Für uns ist es dasselbe, wenn wir Gottes Wort unter der Leitung des Heiligen Geistes studieren. Wenn wir Christus nie aus den Augen verlieren, werden wir uns nicht verirren. Immer wieder werden wir neue Entdeckungen seiner Herrlichkeiten machen; einige werden größer und andere kleiner sein, sie können Himmlisches oder Irdisches betreffen, aber sie werden so oder so dazu dienen, dass Gott die unvergleichliche Krone dann seinem geliebten Sohn aufs Haupt setzen wird, wenn Er als der Menschensohn, der König Israels, der König der Nationen und König der Herrlichkeit seine Herrschaft antreten wird.

H. Rossier
Der Prophet Obadja
Daniel-Verlag
4,00 €
Taschenbuch
96 Seiten

Nächster Teil


Originaltitel: „Le Prophète Abdias“, 1915
Quelle: www.bibliquest.org

Übersetzung: Heidy Seitzinger


Hinweis der Redaktion:

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