Der Prophet Obadja (3)
Obadja 1–21

Henri Louis Rossier

© SoundWords, online seit: 25.04.2011, aktualisiert: 20.01.2018

Leitverse: Obadja

Obadja und Jeremia

Vers 1

Obad 1: Gesicht Obadjas. So spricht der Herr, HERR, über Edom: Eine Kunde haben wir von dem HERRN gehört, und ein Bote ist unter die Nationen gesandt worden: „Macht euch auf und lasst uns gegen es aufstehen zum Kampf!“

Gottes Wort sagt uns nichts über die Person des Propheten Obadja, auch nicht über den genauen Zeitpunkt seiner Prophetie; alle Vermutungen sind nutzlos und dienen auch nicht der seelischen Erbauung. Was uns Gott offenbart, daran wollen wir festhalten und nicht müde werden, diese elementare Wahrheit zu wiederholen, weil sie oft nicht verstanden wird. Wenn die Kinder Gottes dies praktizieren, werden sie davor bewahrt, ihre eigenen Gedanken in Gottes Wort zu bringen, anstatt sich von Gottes Wort belehren zu lassen. Was hielte man von einem Menschen, der meint, das Wasser in einem See zu vermehren, indem er einen Krug voll Wasser hineinleert? Wäre es nicht klüger, seinen Krug damit zu füllen? Können unsere eigenen Gedanken die Heilige Schrift etwa bereichern? Dass der Prophet Obadja, gleich wie Jeremia, am Ende des Reiches von Juda gewirkt hat, wird von den Christen nicht bezweifelt, die sich leiten lassen vom „Geist der Besonnenheit“ (2Tim 1,7).

Man vergleiche nur das Gericht an Edom in Jeremia 49,7-22, mit der Prophetie Obadjas, die die endgültige Vernichtung dieser Nation betrifft. Jeremia benutzt ungefähr dieselben Worte wie unser Prophet: „Eine Kunde habe ich vernommen von dem HERRN, und ein Bote ist unter die Nationen gesandt: Versammelt euch und kommt über es und macht euch auf zum Kampf!“ (Jer 49,14). In Bezug auf diese und ähnliche Analogien, die wir im Laufe unserer Betrachtung noch sehen werden, befleißigen sich Kommentatoren, herauszufinden, wer wen kopiert habe! Hinter solchen unnützen Fragen kann man unschwer einen kritischen Geist erkennen, der der vollkommenen Inspiration der Heiligen Schrift feindlich gegenübersteht. Zugegeben, eine Kopie ist nicht unmöglich, aber gibt es denn nur diese Alternative, um die Analogien zu erklären? Diese Kommentatoren stellen dieselbe Frage bezüglich der Synopsis der Evangelien; doch wozu haben diese Versuche geführt? Der menschliche Geist reibt sich dabei auf und wird mehr und mehr verwirrt. Der gläubige Christ hingegen ist überzeugt, dass Gott zu ihm spricht, sowohl durch Jeremia als auch durch Obadja, und dass er einfach die in den prophetischen Schriften enthaltene besondere Unterweisung annehmen kann.

Bei Jeremia gibt es ein Merkmal, das man bei Obadja nicht findet. Jeremia sagt die unmittelbar bevorstehende Zerstörung Jerusalems voraus, dann die der Nationen durch Nebukadnezar (Jer 46–49) und schließlich die Zerstörung dieses großen Königreichs durch den HERRN selbst (Jer 50). Er nennt auch die Werkzeuge, nämlich die Meder, durch die Gott das geschichtliche Ende dieser starken Macht [des babylonischen Weltreichs] herbeiführen wird (Jer 51). Der Prophet Daniel hat einen anderen Gesichtspunkt: Er beschreibt nacheinander die Geschichte der vier großen Weltreiche, solange die Macht den Nationen gegeben wird; jedoch betont er den gleichzeitigen Fall dieser Weltreiche, um dem Reich Platz zu machen, das „in Ewigkeit nicht zerstört … werden wird“ (Dan 2).

Dies ist der zweite Unterschied bei Jeremia. Für ihn ist das Los all dieser Reiche von Anfang an beschlossen durch den Fall Babylons, weil es die von Gott erhaltene Macht missbrauchte zur Selbsterhöhung und unaufhörlicher Steigerung des Götzendienstes. Aber Babylon ist es, das bis zu seinem eigenen Fall das Gericht an allen Nationen ausüben wird. Von dem Moment seines historischen Untergangs an führt uns der Prophet hinweg über alle dazwischenliegenden Jahrhunderte bis hin zu den Ereignissen der letzten Tage. So sagt uns Jeremia, nachdem er den Untergang Ägyptens durch Nebukadnezar beschreibt:„Danach aber soll es bewohnt werden wie in den Tagen der Vorzeit, spricht der HERR“ (Jer 46, 26); so fügt er noch bei, nach der Vernichtung Moabs durch denselben Monarchen: „Aber ich werde die Gefangenschaft Moabs wenden am Ende der Tage, spricht der HERR“ (Jer 48,47); ebenso für Ammon: „Und danach werde ich die Gefangenschaft der Kinder Ammon wenden“ (Jer 49,6). Und schließlich sagt Er in Bezug auf Elam, zerstört vom selben Schwert Babylons: „Und es wird geschehen am Ende der Tage, da werde ich die Gefangenschaft Elams wenden“ (Jer 49,39).

Das Endurteil über Edom

Bei Edom verhält es sich nicht so (Jer 49,7-22). Nie wird es wiederhergestellt werden; dies ist sein definitives Urteil. Indem sein Gericht beschrieben wird durch Nebukadnezar, der„… wie der Adler fliegt … und breitet seine Flügel aus über Moab“ (vgl. Jer 48,40), zeigt uns Gottes Geist die Ereignisse der Endzeit, die den Fall Edoms begleiten. Daher rührt die auffallende Analogie zwischen Jeremia und Obadja. In beiden Fällen, in der Vergangenheit wie auch in der Endzeit, wird das Ende Edoms – sein Sturz ohne Möglichkeit einer Wiederherstellung – verursacht durch seine ehemaligen Verbündeten; durch die Nationen, die sich gegen es in seinem Land vereinigt haben; durch Gott selbst, wenn ich folgende Stelle richtig interpretiere: „Siehe, er steigt herauf, wie ein Löwe von der Pracht des Jordan“ (Jer 49,19; vgl. Jer 50, 44), Aussprüche, die wir parallel bei beiden Propheten finden; und schließlich durch das Volk Israel, eine Tatsache, die wir nicht in Jeremia finden, jedoch in Obadja.

Edom und andere Völker

Wir wollen nun sehen, auf welche Umstände der erste Vers in Obadja sich bezieht. Kein einziges geschichtliches Ereignis passt zu dem, was wir hier lesen. Wie wir bereits bei der Betrachtung der Zukunft Edoms sahen, spricht der Psalm 83 von einer zukünftigen Vereinigung der Völker, die das Territorium Israels umgeben, mit Edom an ihrer Spitze. Der Assyrer der Zukunft, der von den Propheten erwähnte Gog (Hes 38-39), unterstützt und begünstigt das Komplott (wenn auch nicht in eigener Person), das die Vernichtung des Volkes Gottes zum Ziel hat. „Sie sprechen: Kommt und lasst uns sie vertilgen, damit sie keine Nation mehr seien, damit nicht mehr gedacht werde des Namens Israels! … Weil sie gesagt haben: Lasst uns in Besitz nehmen die Wohnungen Gottes!“ (Ps 83,5.13). In diesen letzten Tagen wird das in sein Land zurückgekehrte Volk Israel zum Objekt der Begehrlichkeit aller Nationen werden.

Der König des Nordens, das Haupt des assyrischen Staatenbundes – mit anderen Worten Gog oder Russland –, wird sich dieser Vereinigung bedienen, um seinen Plan gegen Jerusalem auszuführen. Edom und seine Verbündeten scheinen sich dazu zu bekennen: „Sie sind den Söhnen Lots zu einem Arm geworden“ (Ps 83,9), d.h. für Ammon und Moab, die anscheinend dieselben Interessen haben und sich zu dieser gemeinsamen Aggression bekennen. Aber das von Ehrgeiz und Hass verzehrte Edom nimmt sich vor, selbst die Hand auf das Erbe des HERRN zu legen. Es sagt: „Die beiden Nationen (Juda und Israel) und die beiden Länder sollen mein sein, und wir werden es in Besitz nehmen.“ Von den Bergen Israels sagt Edom: „Sie sind verwüstet, uns sind sie zur Speise gegeben!“ (Hes 35,10.12). Die erste Belagerung Jerusalems und das teilweise Resultat (Sach 14,1.2) scheint der Sache Edoms Recht zu geben. Zu diesem Zeitpunkt reagieren die vereinten Nationen auf seine ehrgeizigen Ansprüche und entlarven sie.

„Eine Kunde haben wir von dem HERRN gehört.“ Der HERR wird, nach den Worten Sacharjas, „Jerusalem zu einer Taumelschale für alle Völker ringsum [machen]“ und „zu einem Laststein für alle Völker“ (Sach 12,2.3). Die Verbündeten Edoms senden einen „Boten unter die Nationen“, um sie anzuwerben, gegen Edom in den Krieg zu ziehen, und sichern ihnen ihre Unterstützung zu: „Macht euch auf und lasst uns gegen es aufstehen zum Kampf!“ Was für Nationen sind das? Aus den Prophetien wissen wir, dass der Assyrer der Endzeit, nachdem er Palästina erobert hat, die Absicht hat, es sich zu unterwerfen. Das abtrünnige Volk der Juden des Antichristen schließt einen Pakt mit dem Westreich – das Tier und die zehn Könige –, um dieser Invasion entgegenzutreten (Jes 28,14-22).

Inzwischen wird der Assyrer wie ein Unwetter Ägypten überfallen, jedoch zuerst in Palästina, „dem Land der Zierde“, einfallen: „Diese aber werden seiner Hand entkommen: Edom und Moab und die Vornehmsten der Kinder Ammon“ (Dan 11,41). Diese drei Nationen, die ihm entrinnen, sind genau diejenigen, die ihre eigenen Interessen verfolgen zum Nachteil des Assyrers und die seine Absichten bezüglich des heiligen Landes vereiteln wollen. Aber wie wir sehen, hält ihr Übereinkommen nicht lange. Alles kehrt sich gegen Edom, das an ihrer Spitze stand. Um der drohenden Gefahr auszuweichen, in die sein Ehrgeiz sie geführt hat, suchen sie Unterstützung bei den Nationen und bieten ihnen ihre Beteiligung an: „Macht euch auf und lasst uns gegen es aufstehen zum Kampf!“ Scheinbar gelingt dieser Plan.

Das Urteil über Edom und andere Völker

Verse 2-6

Obad 2-6: 2 Siehe, ich habe dich klein gemacht unter den Nationen, du bist sehr verachtet 3 Der Übermut deines Herzens hat dich verführt, der du in Felsenklüften, auf hohem Sitz wohnst und in deinem Herzen sprichst: Wer wird mich zu der Erde hinabstürzen? 4 Wenn du dein Nest auch hoch bautest wie der Adler und wenn es zwischen die Sterne gesetzt wäre: Ich würde dich von dort hinabstürzen, spricht der HERR. 5 Wenn Diebe über dich gekommen wären, wenn nächtliche Räuber – wie bist du vernichtet! –, würden sie nicht gestohlen haben, bis sie genug hätten? Wenn Winzer über dich gekommen wären, würden sie nicht eine Nachlese übrig gelassen haben? 6 Wie sind die von Esau durchsucht, ausgeforscht ihre verborgenen Schätze!

Ähnlich drückt sich Jeremia aus (Jer 49,9.10.15.16). Die Verwüstung ist vollständig, die Plünderung so organisiert, dass nichts übrigbleibt für diese arrogante Nation, die sich auf ihr uneinnehmbares Land verlassen hatte.

Vers 7

Obad 7: Bis zur Grenze haben dich alle deine Bundesgenossen geschickt; betrogen, überwältigt haben dich deine Freunde, die dein Brot aßen; sie legten eine Schlinge unter dich …

In dem Moment, als Edom fast sein Ziel erreicht hat, das Erbland Israel einzunehmen, fallen ihm seine Verbündeten in den Rücken. Sie „schicken es bis zur Grenze“; d.h., denke ich, es wird bis zur Grenze seines eigenen Landes zurückgestoßen. Edom wird dem Heer aus dem Westen begegnen, das sich offenkundig aufgemacht hat, um die Einnahme Jerusalems durch Edom zu verhindern und ebenso auch durch die Ammoniter, die Moabiter und den Assyrer. So wird sich erfüllen Sacharja 12,2: „Siehe, ich mache Jerusalem zu einer Taumelschale für alle Völker ringsum.“

Das Gebiet Edom ist in diesem Moment ein äußerst wichtiger strategischer Punkt, um sich gegen Gog (den Assyrer) zu kehren, der sich wie ein reißender Wasserfall auf Ägypten gestürzt hat (Dan11,40-43). Edom ist nicht begrenzt auf das Gebirge Seir, wie wir weiter oben bemerkt haben, sondern umfasst auch das Gebiet Idumäa. Das Heer des Westens besetzt es, um dem Assyrer in Palästina den Weg abzuschneiden auf seinem Rückweg von Ägypten, entweder dem Mittelmeer entlang oder durch die Halbinsel Sinai. Der Plan des Westheeres scheint sehr weise zu sein, aber sie haben ihn ohne den HERRN gemacht. Er ist es, der sie ohne ihr Wissen in Edom gesammelt hat, um sie zu vernichten. Jesaja 34,2-8: „Denn der Zorn des HERRN ergeht gegen alle Nationen, und sein Grimm gegen ihr ganzes Heer … mein Schwert, siehe, auf Edom fährt es herab und auf das Volk meines Bannes zum Gericht …, denn der HERR hat ein Schlachtopfer in Bozra und eine große Schlachtung im Land Edom. Denn der HERR hat einen Tag der Rache, ein Jahr der Vergeltung für die Rechtssache Zions.“ Dieses Gericht der Kriegsheere der Nationen geschieht durch den HERRN allein: „Von den Völkern [ist] niemand“ bei Ihm, wenn er „von Edom kommt, von Bozra in hochroten Kleidern“ (Jes 63,1-3).[1]

Erst nach der Vernichtung der Heere des Westreiches und dessen Anführer – des Tiers und des falschen Propheten (Off 19,19-21) – wird der HERR auf dem Gebiet Israels die ganze Armee des Assyrers vernichten, der von Ägypten herkommt, um seinerseits Jerusalem und Palästina einzunehmen (Dan 11,44.45).

Die Vernichtung der Westheere in Edom wird in der Prophetie Obadjas nicht erwähnt. Wir vernehmen nur, dass Edom nun selbst gründlich geplündert wird von seinen ehemaligen Verbündeten die früher in Frieden mit ihm lebten und dass ein großes Gemetzel stattfindet.

Die zentrale Lage von Edom

Edom hat sich also getäuscht in seinen klug erarbeiteten Plänen. Sie führen alle zu seiner Vernichtung, weil es das alte Volk Gottes und die heilige Stadt im Moment seiner Wiederherstellung angegriffen hat. Was helfen ihm jetzt seine so gerühmten Weisen?

Verse 8.9

Obad 8.9: 8 Werde ich nicht an jenem Tage, spricht der HERR, die Weisen aus Edom vertilgen und den Verstand vom Gebirge Esaus? 9 Und deine Helden, Teman, werden verzagen, damit jedermann vom Gebirge Esaus ausgerottet werde durch Ermordung.

Es mag überraschen, dass diese kleine, unbedeutende Nation, Edom, die wieder auferstehen wird, in der Endzeit solch eine große Rolle spielt, dass sie sogar zum einzigen Gegenstand der Prophetie Obadjas wird. Der Grund dazu ist, dass neben seinem ruchlosen Charakter und seinem unerbittlichen Hass gegen Gottes Volk, seinem hochmütigen Vorhaben, mit Gewalt sich anzueignen das Erbe Israels und die Stadt des großen Königs, Edom der zentrale Punkt im endzeitlichen Geschehen sein wird :

  • Kampf zwischen dem König des Nordreiches und dem König des Südreiches (dem Assyrer Gog und Ägypten)
  • Kampf um den Besitz des Erbes Gottes zwischen den an Israel angrenzenden Nationen und Edom
  • Kampf zwischen dem römischen Tier, dem Westreich und Gog, um Jerusalem zu besitzen und Ägypten zu erobern.

Mit einem Wort: Die ganze der Endzeit wird sich auf dieses Gebiet konzentrieren, wenn „Jerusalem zu einer Taumelschale für alle Völker“ geworden ist (Sach 12,2). Wenn der gordische Knoten von Edom einmal durchgeschnitten ist, wird der Messias erscheinen wie die willkommene Morgenröte, die die Sonne der Gerechtigkeit ankündigt.

Hass und Schmähungen gegenüber Israel

Alle diese Ereignisse der Endzeit lenken unsere Gedanken auf den gegenwärtigen Konflikt, der sich prinzipiell nicht unterscheidet von den oben erwähnten und der ein Wegbereiter sein könnte für die zukünftigen, ebenso furchtbaren Ereignisse.

Vers 10

Obad 10: Wegen der an deinem Bruder Jakob verübten Gewalttat wird Schande dich bedecken, und du wirst ausgerottet werden auf ewig.

„Der Übermut deines Herzens“ (Obad 3) war der erste Charakterzug Edoms. Der zweite war seine Gewalttätigkeit seinem Bruder gegenüber. Obwohl auch Israel nicht ohne Schuld ist, vergisst der HERR den Gegenstand seiner Verheißungen nicht, denn Er ist treu. Was sein Volk betrifft, betrifft Ihn selbst. Musste Er doch wegen der Untreue Israels eine gewisse Zeit sein Angesicht vor dem Hause Jakobs verbergen. Aber die Stunde wird kommen, wo Er die Sache seines Volkes öffentlich in die Hand nimmt. Wenn die letzten Tage von Edom gekommen sind und Jerusalem besetzt sein wird von den Nationen, deren Haupt Edom war, hat die Reue das Herz des Überrestes Israels erfasst. „An jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen“ (Jes 29,1-8.18). Dann wird die Vergeltung für Esau hereinbrechen, die bis dahin aufgeschoben worden war, um das Gericht am Volk Gottes zu vollziehen. Den Feinden Israels, des von Gott erwählten Volkes, kann nun nicht mehr vergeben werden. Edom wird für immer ausgelöscht sein. In der Tat, gleich welche Prophetie betreffs Edom man betrachtet, bezeugt der Geist Gottes immer, dass von Edom als Nation nichts mehr übrigbleiben wird. Sein Gebiet wird zur immerwährenden Einöde:

„Zu ewigen Wüsteneien werde ich dich machen, und deine Städte sollen nicht mehr bewohnt werden. Und ihr werdet wissen, dass ich der HERR bin. Weil du sprachst: ,Die beiden Nationen und die beiden Länder sollen mein sein, und wir werden es in Besitz nehmen‘, da doch der HERR dort war, darum, so wahr ich lebe, spricht der Herr, HERR, werde ich nach deinem Zorn und nach deiner Eifersucht handeln, wie du infolge deines Hasses gegen sie gehandelt hast; und ich werde mich unter ihnen kundtun, sobald ich dich gerichtet habe. Und du wirst wissen, dass ich, der HERR, alle deine Schmähungen gehört habe, die du gegen die Berge Israels ausgesprochen hast, indem du sagtest: Sie sind verwüstet, uns sind sie zur Speise gegeben! Und ihr habt mit eurem Mund gegen mich großgetan und eure Worte gegen mich gehäuft; ich habe es gehört. So spricht der Herr, HERR: Wenn die ganze Erde sich freut, werde ich dir Verwüstung bereiten. 15 Wie du deine Freude hattest an dem Erbteil des Hauses Israel, weil es verwüstet war, ebenso werde ich dir tun: Eine Wüste sollst du werden, Gebirge Seir und ganz Edom insgesamt! Und sie werden wissen, dass ich der HERR bin“ (Hes 35,9-15)

Gott hat die Hassschreie und die Drohungen gegen sein Volk gehört, „und der HERR war dort!“ Vollendete Blindheit Edoms! Zu der Zeit, in der Gott vor dem Haus Israel sein Gesicht verborgen hatte, konnte Edoms Hass sich voll auswirken. Jedoch wenn Gott sich seinem bußfertigen Volk wieder als Retter offenbart, kann das Gericht gegen Edom nicht mehr aufgeschoben werden, denn es kämpft gegen das Volk der Verheißung, das der HERR selbst verteidigen wird![2]

Zu dieser zukünftigen Verwüstung lese man Jesaja 34,9-17. Edom wird der Schlupfwinkel von allerlei unreinen und gefährlichen Tieren der Schöpfung sein. Wie dünn besiedelt heute diese Gegend auch sein mag, ihr jetziger Zustand gleicht nicht dem von Jesaja beschriebenen. „Forscht nach im Buch des HERRN und lest!“ (Jes 34,16), um sein definitives Geschick zu erfahren. Kein böses Tier wird darin fehlen: „Es fehlt nicht eins von diesen, keins vermisst das andere. Denn mein Mund, er hat es geboten; und sein Geist, er hat sie zusammengebracht; und er hat ihnen das Los geworfen, und seine Hand hat es ihnen zugeteilt mit der Mess-Schnur. Bis in Ewigkeit werden sie es besitzen, von Geschlecht zu Geschlecht darin wohnen“ (Jes 34,16.17).

In den Versen 11 bis 14 beschreibt Obadja die letzten Beschwerden des HERRN gegen Edom.

Verse 11-14

Obad 11-14: 11 An dem Tag, als du gegenüberstandest, an dem Tag, als Fremde sein Vermögen wegführten und Ausländer zu seinen Tore einzogen und über Jerusalem das Los warfen, da warst auch du wie einer von ihnen. 12 Und du solltest nicht auf den Tag deines Bruders sehen am Tag seines Missgeschicks und dich nicht freuen über die Kinder Juda am Tag ihres Untergangs, noch dein Maul aufsperren am Tag der Bedrängnis; 13 du solltest nicht in das Tor meines Volkes einziehen am Tag seiner Not; und du, auch solltest nicht auf sein Unglück sehen am Tag seiner Not, noch deine Hand ausstrecken nach seinem Vermögen am Tag seiner Not; 14 und du solltest nicht am Kreuzweg stehen, um seine Flüchtlinge zu vertilgen, und solltest seine Entronnenen nicht ausliefern am Tag der Bedrängnis.

Es scheint nur natürlich, diesen Abschnitt der Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar zuzuschreiben. Man hat keinen Grund, sich dieser Auslegung zu widersetzen. Gott erinnert sich an das, was man dieser ehebrecherischen Stadt angetan hat, die trotz allem immer noch die von Ihm geliebte Stadt bleibt. An diesen Tag von Jerusalem erinnern sich die Gefangenen an den Flüssen Babels, wenn sie sagen: „Gedenke, HERR, den Kindern Edom den Tag Jerusalems, die da sprachen: Entblößt, entblößt sie bis auf ihre Grundfeste!“ (Ps 137,7). Auch in Amos 1,6.11.12 ist von diesem Tag die Rede und vielleicht auch in Joel 4,6. Jedenfalls ist diese Stelle aus Obadja 11-14 anwendbar für dieselbe Wahrheit der zukünftigen Belagerung von Jerusalem, die in Psalm 83 und in Sacharja 14,1.2 erwähnt wird: „Siehe, ein Tag kommt für den HERRN, da wird deine Beute in deiner Mitte verteilt werden. Und ich werde alle Nationen nach Jerusalem zum Krieg versammeln; und die Stadt wird eingenommen und die Häuser werden geplündert und die Frauen werden vergewaltigt werden; und die Hälfte der Stadt wird in die Gefangenschaft ausziehen, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausgerottet werden.“

Wodurch zeichnet Edom sich aus während seiner ganzen Geschichte, sowohl der zukünftigen als auch der vergangenen? Dieser Ruchlose will sich das aneignen, was Gott ihm ausdrücklich verweigert hat und was Er seinem Bruder Jakob als Erbe versprochen hat. Er wendet sogar Gewalt an, um es einzunehmen. Ohne Zweifel war Jakob untreu gewesen und hatte dieses Gericht verdient. Aber Edom, das in der Vergangenheit die Zuchtrute für Israel gewesen war (2Kön 8,20), verfolgt weiterhin seine eigenen Pläne, die total anders sind als die Pläne Gottes für sein Volk. Konnte Gott seine bedingungslosen Verheißungen widerrufen? Wie viel weniger in den letzten Tagen, wenn unter dem Druck des Gerichts ein Überrest Israels Buße tut und zu dem einst von ihnen verworfenen Messias umkehrt, wie Sacharja und andere Propheten es voraussagen (Sach 12,8-14).

Gottes Langmut

Die Verse 11 und 14 können sich daher beziehen auf das Verhalten Edoms, in der historischen Vergangenheit wie auch in der Zukunft, so wie sie uns offenbart ist. Es scheint, dass es sich hier eher um die zukünftige Geschichte handelt. In diesem Abschnitt ist die Rede von dem Tag der Not und der Bedrängnis Jerusalems. Wir haben schon darauf aufmerksam gemacht, dass dieses letzte Wort in den Psalmen und den Propheten normalerweise, vielleicht immer, „die große Trübsal“ am Ende der Zeit bedeutet, auch „die Bedrängnis Jakobs“ genannt. Wie dem auch sei, diese Stelle handelt von einem Ereignis, das zur Zeit der Prophetie schon Vergangenheit war und das Gott nicht vergessen hatte. Dieses „Du solltest nicht!“ [„Tu n’aurais pas dû“ entspricht der Vergangenheit in der franz. Darby-Übersetzung; Anm. d. Red.] in diesen Versen berührt mich außerordentlich.[3] Wie klingt diese Ermahnung doch so barmherzig, am Tag, wo das Gericht diese verhärtete Nation trifft! „Du solltest nicht!“ Oh, wenn du dieses Gericht nicht verdient hättest, wie sehr hätte ich gewünscht, es dir zu ersparen! Nichts kann besser zeigen, dass der HERR langsam zum Zorn ist; wie sehr Er danach verlangte, bei den schlimmsten Feinden seines Volkes einen Schimmer von Mitleid und Barmherzigkeit zu finden. So ist die Geduld Gottes, so ist der Charakter Christi. Aber nein, Edom hatte seinen Hass und seine Schmähungen bis auf die Spitze getrieben. Er nahm Teil an der Plünderung und freute sich über das Unheil der Söhne Juda; er riss das Maul weit auf, um seinem Bruder zu fluchen (Ps 35, 21), die Stadt zu erobern, die Güter zu rauben, die Flüchtlinge auszurotten und die Restlichen als Gefangene zu verkaufen … Edom hätte all diese Dinge nicht tun sollen; jetzt aber ist es zu spät!

Dasselbe Erbarmen gegenüber Edom findet man auch im Ausspruch über Duma (Jes 21,11.12). In den Versen Jesaja 21,5-9.11.12 hat der HERR einen Wächter in Jerusalem bestellt, um zu sehen, was passiert. Der Wächter hat eine Vision vom Untergang Babylons, um anzuzeigen, dass das Ende der Herrschaft der Heiden nahe ist. Diese Vision wurde Israel übermittelt, für das sie auch gedacht war. Hier wird berichtet, wie Edom sich lustig macht über das, was der Geist Gottes ankündigt. Edom ruft: „Wächter, wie weit ist es in der Nacht? Wächter, wie weit in der Nacht?“ Der Wächter antwortet: „Der Morgen kommt, und auch die Nacht.“ Der Morgen, auf den das gläubige Israel wartet, wird bald erscheinen, aber auch die Nacht für den Ungläubigen und den Spötter! „Wollt ihr fragen, so fragt!“, sagt der Wächter noch; dass das Gericht kommt, steht fest. Edom ist unentschuldbar, weil es sich nicht erkundigt hat .„Kehrt wieder, kommt her!“, wird ihm gesagt. Bis zum letzten Moment lässt Gott noch eine Tür zur Umkehr offen. Sind diese Worte nicht ergreifend? Wie sie doch im Einklang stehen mit den Worten Obadjas: „Du solltest nicht … du solltest nicht!“ Da du doch um das Geschick Babylons wusstest, wie konntest du dich mit ihm verbinden? Hättest du dich nicht von ihm distanzieren sollen und begreifen, dass ich mich wieder um mein Volk kümmere? Dass der Fall des Reiches der Nationen einen neuen Zeitabschnitt des Segens eröffnet für Israel, das mich einst verworfen hatte, aber jetzt „Zweifaches empfangen hat für all ihre Sünden“? (Jes 40,2).

Dies ist der segensreiche Zeitabschnitt, der sich diesem Volk öffnet. Die Befreiung Israels kann nicht anders stattfinden als nur durch ein endgültiges und gnadenloses Gericht aller Nationen infolge der Ablehnung des Gnadenangebots Gottes:

Vers 15

Obad 15: Denn der Tag des HERRN ist nahe über alle Nationen: Wie du getan hast, wird dir getan werden; dein Tun wird auf dein Haupt zurückkehren.

Die Not und die Bedrängnis von Juda und Jerusalem zeigen, dass der Tag des HERRN nahe ist. Der Tag des HERRN bedeutet überall in den Propheten der Tag des Gerichts, der dem Aufrichten des Reiches Christi auf Erden vorangeht. Es ist der „Tag des HERRN“, der auch im Neuen Testament angekündigt wird. Zuerst bricht dieses Gericht herein über Israel und Jerusalem in der„großen Trübsalzeit“. Dann geht Gott mit den Nationen ins Gericht (mit Edom zuerst), mit denen, die das alte Volk Gottes mit Füßen getreten, versklavt, geplagt und gemartert haben. So wird Edom zum Muster des Sturzes der Nationen am „Tag des HERRN“, wie Babylon ein Bild ist für den Fall ihres Reiches, um Platz zu machen dem universellen Reich Christi: „Der Stein … wurde zu einem großen Berg und füllte die ganze Erde“ (Dan 2,35). Dieser Tag wird nicht nur Edom treffen, sondern alle Nationen. Es wird ein Tag der Vergeltung sein, wo es ihnen ergehen wird, wie sie dem Volk Gottes getan haben. Edom wird als Entgelt ein vernichtendes Urteil erhalten, aber das Urteil ist universell. Der Platz, den Edom dabei einnimmt, wird eine Illustration für den ganzen Rest sein (Jes 34, 2; Obad 15.16).

Vers 16

Obad 16: Denn wie ihr getrunken habt auf meinem heiligen Berg, so werden beständig trinken alle Nationen; ja, sie werden trinken und schlürfen und werden sein wie solche, die nie gewesen sind (vgl. Jer 49,12).

Diese Nationen hatten sich schon gefreut über den Sieg über Jerusalem, aber vergessen, dass sie sich auf dem heiligen Berg des HERRN befanden. Der HERR hat seine Verheißungen nie aufgegeben, trotz des Ungehorsams seines Volkes. Für Gott ist Zion immer sein heiliger Berg gewesen. Hätte Er ihn vergessen können, Er, der seinen König auf dem heiligen Berg Zion salben wollte Ps 2,6)? Welcher Frevel, auf diesem heiligen Berg sich zu betrinken, wo der König der Herrlichkeit sich offenbaren wird, wenn die Tore ihre Häupter erheben und die ewigen Pforten sich erheben, damit der König der Herrlichkeit einziehe (Ps 24,7)!. Edom und Babylon hatten dort getrunken, aber Gott hat ihnen ein Getränk bereitet, das sie unaufhörlich werden trinken müssen. Und sie werden trinken und schlucken, trinken und schlucken – den Kelch des Zornes Gottes. Dann werden sie verschwunden sein, sind vernichtet, als hätten sie nie existiert. Der Psalmist hat es begriffen, als er „in die Heiligtümer Gottes [hineinging] und jener Ende gewahrte“. Dann sagt er weiter: „Gewiss, auf schlüpfrigen Grund stellst du sie, stürzt sie hin zu Trümmern. Wie sind sie so plötzlich verwüstet, haben ein Ende genommen, sind umgekommen durch Schrecknisse! Wie einen Traum nach dem Erwachen wirst du, Herr, beim Aufwachen ihr Bild verachten“ (Ps 73,17-20).

Die Befreiung Israels

Vers 17

Obad 17: Aber auf dem Berg Zion wird Errettung sein, und er wird heilig sein; und die vom Haus Jakob werden ihre Besitztümer wieder in Besitz nehmen.

Dieser Berg, der von den Nationen und speziell von dem gottlosen Edom entweiht worden war, wird nicht mehr ein Ort sein der Versklavung und Gefangenschaft, sondern ein Ort der Befreiung. Dann wird man sehen, dass Gott diesen Berg mit Heiligkeit schmücken kann, trotz aller eigenen Verschmutzung und der durch die Heiden. Und wie kann denn Jerusalem, dieser unreine Ort, geheiligt werden? Durch das Sühneblut Jesu, gleich wie jeder Einzelne von uns. Das wahre Israel wird für immer erkauft sein durch das Blut des Lammes, wie sinnbildlich damals das Volk beim Auszug aus Ägypten erkauft wurde. Es geschieht auch kraft des vergossenen Blutes auf dem Berg der Gnade, auf Zion, dass in Jerusalem die Königsherrschaft errichtet wird. Sodann wird das Haus Jakob (ganz Israel repräsentiert durch Juda) seinen Besitz einnehmen. Auf diese Weise wird das Wort in Erfüllung gehen, das David in den Munde Jesu und Israels legt: „Auf Edom will ich meine Sandale werfen … wer wird mich bis nach Edom leiten? Nicht du, Gott, der du uns verworfen hast und nicht auszogest, o Gott, mit unseren Heeren?“ (Ps 108,10-12). Zu dieser Zeit wird Israel seinen Besitz einnehmen und völlig in sein Erbteil einziehen, bis zu den äußersten Grenzen, die der HERR ihm bestimmt hatte seit ewigen Zeiten (Jos 1,4).

Gemeinsames Auftreten von Juda und Ephraim gegen Edom

Vers 18

Obad 18: Und das Haus Jakob wird ein Feuer sein und das Haus Joseph eine Flamme, und das Haus Esau wird zu Stoppeln werden; und sie werden unter ihnen brennen und sie verzehren. Und das Haus Esau wird keinen Übriggebliebenen haben, denn der HERR hat geredet.

Hier findet man die Vereinigung der beiden Königreiche – bereits vorhergesagt in vielen Schriftstellen –, die damals infolge Salomos Untreue getrennt wurden. Das Stück Holz von Juda und das Stück Holz von Joseph, früher getrennt, sind jetzt nur noch ein Holz in der Hand des HERRN (Hes 37,15-17; Sach 11,7-14). Das Haus Jakob (Israel durch Juda repräsentiert) und das Haus Joseph (Israel durch Ephraim repräsentiert) haben dann einen gemeinsamen Auftrag. Sie werden Edom verschlingen und keinen Einzigen übriglassen. Das ist die Verordnung des HERRN gegen dieses ruchlose Volk, das Ihn verachtet hatte. Dieses gewalttätige Volk, das aus Hass gegen seinen Bruder Jakob das Erbgut an sich reißen wollte – obwohl es ihm verwehrt worden war –, widersetzte sich der Entscheidung Gottes, der Jakob aus Gnaden erwählt hatte. Dieser Sieg der Kinder Israel über Edom wird uns in Jesaja 11,13.14 beschrieben. Alle Nationen werden durch das Volk des HERRN geplündert, Edom als Erstes. In Jeremia 49 können wir lesen, dass die Gefangenen von Ammon und Moab wiederhergestellt werden – aber nichts dergleichen wird mit Edom geschehen. Genauso wird es auch den Philistern ergehen, wenn auch vielleicht in etwas kleinerem Umfang (Amos 1,8; Sach 9,6.7).

Vollstreckung des Urteils durch den HERRN selbst

Die Zerstörung Edoms durch Israel muss unterschieden werden von der Vollstreckung des Urteils durch den HERRN selbst. In Jesaja 34,1-8 ergießt der HERR seinen Zorn im Land Edom über das ganze Heer der Nationen, obwohl auch Edom seinen Teil abbekommt (Jes 34,5): „Denn der HERR hat einen Tag der Rache, ein Jahr der Vergeltungen für die Rechtssache Zions“ (Jes 34,8). In Jesaja 63,1-6 handelt es sich um die Vernichtung der Heere der Nationen in Edom, durch Ihn allein: „Denn der Tag der Rache war in meinem Herzen, und das Jahr meiner Erlösung war gekommen“ (Jes 63,4). Nach Offenbarung 19,11-16 kommt Er vom offenen Himmel, gefolgt von den himmlischen Heerscharen. Er allein wird die Nationen schlagen mit dem zweischneidigen Schwert, das aus seinem Munde kommt. In Offenbarung 14,19.20 ist von derselben Vergeltung die Rede, die auf das abgefallene Volk der Juden in Palästina fällt. All diese Gerichte werden allein vom HERRN ausgeübt. Dem Sieg über die Armee der Völker folgt das Gericht im Tal Josaphat, allein von Ihm ausgeübt, Ernte und Weinlese zusammen (Joel 3; vgl. Off 14,14-20). In Matthäus 25,31-46 schließlich steht, dass alle Nationen versammelt sein werden vor dem Menschensohn, der auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzt. Auch hier ist es wieder Er allein, der sie ganz individuell richtet, je nachdem wie sie seine jüdischen Brüder behandelt haben, Botschafter des Evangeliums vom Königreich.

Juda besitzt Edom

Das Gericht über Edom durch Israel ist viel eingeschränkter. Davon wird gesagt in Hesekiel 25,12-14: „So spricht der Herr, HERR: Weil Edom mit Rachsucht gegen das Haus Juda gehandelt hat und sie sich sehr schuldig gemacht haben, indem sie sich an ihnen rächten, darum, so spricht der Herr, HERR, werde ich meine Hand gegen Edom ausstrecken und Menschen und Vieh aus ihm ausrotten; und ich werde es von Teman an zur Einöde machen, und bis nach Dedan hin werden sie durchs Schwert fallen. Und ich werde meine Rache über Edom bringen durch die Hand meines Volkes Israel“ (Hes 25,12-14). Bei Obadja geschieht dieses Gericht einzig in Bezug auf das Erbgut Israels, das Edom sich aneignen wollte. Alle so oft wiederholten Anspielungen auf die Makkabäer durch Kommentatoren, die das Ziel und die Reichweite der Prophetie verkennen, sind bei diesen Tatsachen hinfällig. Bei der Vergeltung am Tag des HERRN, wenn der Messias für sein wiederhergestelltes Volk streitet, wird ganz Israel sein Erbe wiedererhalten. So erfüllt sich die Aussage in Obadja 17: „Und die vom Haus Jakob werden ihre Besitzungen wieder in Besitz nehmen.“

Vers 19

Obad 19: … und die vom Süden werden das Gebirge Esaus, und die von der Niederung die Philister in Besitz nehmen; und sie werden das Gebiet Ephraims und das Gebiet Samarias in Besitz nehmen, und Benjamin wird Gilead in Besitz nehmen.

Edom hatte sich beim Unheil, das über Juda gekommen war, des Südens bemächtigt, der Teil des Gebiets Juda war. Jetzt ist es Juda – „die vom Süden“ –, das den Berg Esaus besitzt. Den Berg Seir durfte einst Israel auf Gottes Befehl nicht anrühren, als Edom diesem den Durchzug durch sein Land verwehrt hatte (4Mo 20,21). Zu jener Zeit war die Geduld Gottes noch nicht am Ende. Der HERR hatte damals prophetisch gewisse Segnungen für die Edomiter aussprechen lassen durch den Mund Isaaks. Jedoch ist der HERR jetzt am Ende seiner Geduld. Edom, ein zweifellos für immer verwüstetes Gebiet, gehört nun Juda und bleibt damit ein Zeugnis des göttlichen Gerichts seiner Feinde. Auch andere Nationen werden des Segens Israels teilhaftig, so wie es heißt:„Gesegnet sei mein Volk Ägypten, und Assyrien, meiner Hände Werk, und Israel, mein Erbteil!“ (Jes 19,25).

Edom wird nie mehr gesegnet werden. Das gleiche Los wird auch den Philistern zufallen. Dieser immerwährende Feind Israels, der auf dessen Gebiet wohnte und dessen Grenzen besetzte, wird nicht fortbestehen. Das Philisterland gehört zu dem Gebiet, das Gott einst Josua versprochen und das dieser nicht ganz eingenommen hatte (Jos 11,16.17). „Die von der Niederung [werden] die Philister in Besitz nehmen.“ Dieser Ausspruch betrifft scheinbar auch Benjamin und nicht nur Juda; denn nach der Aufteilung des Landes in Hesekiel 47 und 48 wird das Philisterland den beiden Stämmen als Erbe zufallen. Andererseits wird sich Benjamin über den Jordan ausbreiten bis zum Gebiet Gilead. Eigentlich ist in diesen Versen nicht die Rede von Aufteilung, sondern es wird aufgezeigt, dass alles, was sich der Einnahme des Landes widersetzte, nun verschwunden ist. Es geht darum, dass Israel nun eine ununterbrochene Einheit darstellt, da es im Besitz der Gebiete seiner Feinde ist. Israel ist jetzt verbunden mit den vorher von ihm getrennten Stämmen auf der anderen Seite des Jordan, deren Lage oft ein Hindernis für die Bekundung der Einheit des Volkes war.

Wiederherstellen der alten Grenzen

Vers 20

Obad 20: Und die Weggeführten dieses Heeres der Kinder Israel werden in Besitz nehmen, was den Kanaanitern gehört bis nach Zarpat hin; und die Weggeführten von Jerusalem, die in Sepharad sind, die Städte des Südens.

Der Prophet fährt fort und beschreibt die Einnahme des Landes innerhalb der von Gott damals verordneten Grenzen. Die Armee der zehn Stämme, die aus der Gefangenschaft zurückgekehrt sind, wird nun das Gebiet Sidonien bis Sarepta im Norden einnehmen. Dieses Gebiet gehörte früher den Kanaanitern und umfasste Tyrus und den Libanon. So spricht der Prophet Sacharja über die Rückkehr des Heeres von Juda und Ephraim: „Und ich werde sie zurückführen aus dem Land Ägypten und sie sammeln aus Assyrien und sie ins Land Gilead und auf den Libanon bringen; und es wird nicht Raum genug für sie gefunden werden“ (Sach 10,10). Nun werden endlich die Gefangenen Jerusalems, die in Sepharad (Sardes?) waren, die Städte des Südens besitzen. Diese Rückkehr wird in Sacharja 9,11.12 beschrieben: „Und du – um des Blutes deines Bundes willen entlasse ich auch deine Gefangenen aus der Grube, in der kein Wasser ist. Kehrt zur Festung zurück, ihr Gefangenen der Hoffnung!“ Vom selben Propheten erfahren wir, dass der HERR aus diesen Deportierten sein Heer der Helden bildet, die wie ein Streitross mit Ihm in den Kampf ziehen und Ruhm ernten werden.

All dies ist nicht, wie in Hesekiel, eine detaillierte Beschreibung der jedem Stamm zugeteilten Gebiete. In Obadja geht es um die Ausbreitung des Volkes. Die früheren, nach göttlicher Verordnung verheißenen Grenzen, die Israel allerdings aufgrund seiner Untreue nie erreicht hatte, werden ihnen nun durch die Gnade Gottes definitiv zugesichert. Diese erneute Eroberung des Erbes Gottes durch sein Volk Israel scheint der Aufteilung des Gebietes unter die Stämme vorauszugehen. Wie wir in Obadja lesen, wird das Gebiet sich ausdehnen nach Süden, nach Westen, nach Norden und nach Osten.

Jerusalem und sein König

Vers 21a

Obad 21a: Und es werden Retter auf den Berg Zion ziehen, um das Gebirge Esaus zu richten; …

Wer sind diese Retter? Sacharja 12,6-8 gibt uns darüber Auskunft. Es sind die Fürsten von Juda, die, zu Richtern und Gesetzgebern der Nationen werden, nachdem sie rechts und links alle die sie umgebenden Völker verschlungen haben (vgl. Mich 5,5): „An jenem Tag wird der HERR die Bewohner von Jerusalem beschirmen; und der Strauchelnde unter ihnen wird an jenem Tag wie David sein und das Haus David wie Gott, wie der Engel des HERRN vor ihnen her“ (Sach 12,8). Nach der Schlacht wird Juda als Gesetzgeber unter der glorreichen Herrschaft Christi über die Nationen auf Erden herrschen, sowie auch Jerusalem, das Haus Davids und „der Fürst“ (Hes 48,21). Diese Retter, deren Regierungszentrum Jerusalem sein wird, werden „das Gebirge Esaus richten“. Edom [Esau], das einzige Thema im Propheten Obadja, wird hier nur alleine erwähnt. Wie wir schon gesehen haben, betrachtet der Prophet das Gebirge Esaus als Zentrum und Vertreter aller Nationen. Am Ende der Tage werden die Völker sich dort zusammenfinden zum Gericht. Nachdem das Gericht vollzogen ist, wird das Regierungszentrum in Jerusalem errichtet, in der Stadt von der Edom gesagt hatte: „Entblößt, entblößt sie bis auf ihre Grundfeste!“ (Ps 137,7)

Vers 21b

Obad 21b: … Und das Reich wird dem HERRN gehören.

Die folgenden Ereignisse, die in dieser Prophetie behandelt werden, gehen der Errichtung der Königsherrschaft des HERRN vorauf:

  1. Edom verraten durch seine kurzzeitigen Verbündeten, die er zu Werkzeugen seines Ehrgeizes machen wollte
  2. seine Vernichtung durch eben diese Bundesgenossen, die die Heere des Westens zu ihrer Hilfe rufen
  3. die Vergeltung Edoms, ausgeübt durch die dann wieder vereinten Königshäuser Juda und Israel
  4. die Inbesitznahme des ganzen Erbteils durch das Volk Gottes und die Heere der ehemals Verschleppten
  5. das Aufrichten der Herrschaft über die Nationen in der Stadt des großen Königs.

Alles ist jetzt bereit, Ihn zu empfangen. Das Königreich Christi wird nicht plötzlich und unerwartet aufgerichtet, sondern schrittweise, durch eine Folge von Handlungen, zuvorbestimmt durch die Weisheit, die Gerechtigkeit und das Erbarmen Gottes. Durch diese Taten erreicht der HERR sein Ziel: Umkehr und Wiederherstellung seines Volkes, das Gericht über die Nationen, ein letzter Ruf an ihr Gewissen. Das alles wird geschehen, nachdem Gottes Geduld erschöpft ist, weil all seine Bemühungen bei diesen verhärteten Herzen erfolglos geblieben waren.

Die Morgenröte wird bald erscheinen; die letzten Nebel am Horizont lösen sich auf. Dann wird die Sonne der Gerechtigkeit über den ewigen Bergen aufgehen und ihr strahlendes Licht werfen über eine endlose Landschaft, wo alles nach dem Herzen Gottes geordnet ist unter dem Herrscherstab des Sohnes seiner Rechten. Das Böse wird unterdrückt werden, sobald es sich zeigt. Das herrliche Tausendjährige Reich, erfüllt von der Gegenwart des HERRN, wird dem Tag Gottes vorausgehen, dem Tag der neuen Himmel und der neuen Erde, wo Gerechtigkeit wohnt!

H. Rossier
Der Prophet Obadja
Daniel-Verlag
4,00 €
Taschenbuch
96 Seiten

Vorheriger Teil

 

Anmerkungen

[1] Die Vernichtung des Westheeres in Edom, allein durch den Messias, beleuchtet die Tatsache aus jüdischer Sicht. In Offenbarung 19,11-16 sehen wir, wie Er mit den Heiligen vom Himmel kommt und eben diese Armeen zerstört mit dem zweischneidigen Schwert, das aus seinem Mund kommt. Diese beiden Ansichten stimmen gänzlich überein mit den Kennzeichen der Prophetie, sei es im Alten oder im Neuen Testament.

[2] Heute verhält es sich noch nicht so, denn Gott hat die Befreiung Israels noch nicht eingeleitet. Gibt es eine Nation, deren Sache heute der HERR vertritt? Er kann, in seiner Souveränität, der einen oder anderen kämpfenden Nation eine momentane Vormachtstellung gewähren, aber keine hat seine Gunst. Alle sind unentschuldbar, und die Schuldigsten sind die, die sich am lautesten auf Gott berufen, um ihre ungerechten Taten zu verbergen.

[3] Wie sehr ist diese Version früherer Bibelübersetzer derjenigen von manchen modernen vorzuziehen!


Originaltitel: „Le Prophète Abdias“, 1915
www.bibliquest.org

Übersetzung: Heidy Seitzinger


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