Das Buch Obadja

Harold Primrose Barker

© SoundWords, online seit: 19.06.2011, aktualisiert: 28.07.2019

Leitverse: Das Buch Obadja

Obad 1.3.4.7: 1 Gesicht Obadjas. So spricht der Herr, HERR, über Edom: … 3 Der Übermut deines Herzens hat dich verführt, der du in Felsklüften, auf hohem Sitz wohnst und in deinem Herzen sprichst: Wer wird mich zur Erde hinabstürzen? 4 Wenn du dein Nest auch hoch bautest wie der Adler und wenn es zwischen die Sterne gesetzt wäre: Ich würde dich von dort hinabstürzen, spricht der HERR … 7 Bis zur Grenze haben dich deine Bundesgenossen geschickt; betrogen, überwältigt haben dich deine Freunde …

Gott hatte sein schonungsloses Gericht über Edom angekündigt, und dies hat zu der besonderen Darstellung Christi geführt, die Gott dem Obadja für uns eingegeben hat. Jeremia hatte das Gericht schon vorhergesagt: Aus dem Kapitel 49 des Buches, das seinen Namen trägt, sind die ersten sechs Verse in Obadja zitiert. Das stolze Edom sollte erniedrigt werden. Obwohl es so hoch wie der Adler wohnte, sogar zwischen den Sternen, würde Gott selbst dieses überhebliche Volk demütigen; Er würde dessen weise Männer vernichten und seine Verbündeten zu Staub zerstieben, durch die es sich eine dauerhaft führende Position in der Welt erhofft hatte. Das, was schon Jeremia vorausgesagt hatte, wird jetzt durch Obadja wiederholt und bekräftigt.

Hat diese uralte Botschaft den modernen Menschen überhaupt noch etwas zu sagen? Im Grunde genommen repräsentiert Edom die Welt allgemein; es ist nur wie ein Stück Kohle, willkürlich aus der Grube genommen, das die Beschaffenheit dessen anzeigt, was in der Mine zurückbleibt. Hat menschlicher Stolz je einen höheren Stand erreicht als in diesem zwanzigsten Jahrhundert? Hat man je mehr nach Bündnissen gestrebt als heutzutage? Denken wir doch einen Augenblick nach über die Welt um uns her: an den Aufstieg der Zivilisation, die Errungenschaften der Wissenschaft, die Ausbreitung des Wissens. Wie doch die Menschen sich all dessen rühmen! Wahrlich, sie sagen in ihrem Herzen: „Wer wird mich zur Erde hinabstürzen?“ Erheben sie sich nicht wie Adler und bauen ihr Nest in den Sternen? Beachten wir auch, wie Zusammenschlüsse heute in der Welt hoch im Kurs stehen. Die Völker nähern sich einander durch Schließen von Verträgen und Übereinkommen. Es kommt zu Konzernen und Vereinigungen zwischen Kapitalisten und Erzeugern, Unionen und Gesellschaften und ihren Arbeitern. Es gibt Verbände für dies und jenes. All dieses wurde schon, im Ansatz, unter den Edomitern gefunden. Sie hatten ihre Gelehrten, ihre tapferen Krieger, ihre befestigten Städte. Auch sie praktizierten Zusammenschlüsse und hatten sich mit anderen Völkern verbündet, um gemeinsame Sache zu machen gegen Gott und sein Volk.

Ohne Zweifel ist diese Weissagung eine Vorschau auf die Endzeit, wenn Edom wiedererscheinen und eine führende Stellung einnehmen wird im großen Staatenbund. Derselbe wird – zusammen mit dem wiedererstandenen Assyrien – gegen Jerusalem ziehen. Einige der Völker, die den großen, feindlichen Staatenbund bilden, sind in Psalm 83 aufgeführt, und Edom erscheint als Erster auf der Liste. „Sie sprechen: Kommt und lasst uns sie vertilgen, damit sie keine Nation mehr seien, damit nicht mehr gedacht werde des Namens Israels! Denn sie haben sich mit einmütigem Herzen beraten, sie haben einen Bund gegen dich geschlossen: die Zelte Edoms und die Ismaeliter …“ (Ps 83,5-7).

Lesen wir nun die Verse 10-14 von Obadja:

Obad 10-14: 10 Wegen der an deinem Bruder Jakob verübten Gewalttat wird Schande dich bedecken, und du wirst ausgerottet werden auf ewig. 11 An dem Tag, als du gegenüber standest … und Ausländer zu seinen Toren einzogen und über Jerusalem das Los warfen, da warst auch du wie einer von ihnen. 13 … und du, auch du solltest nicht auf sein Unglück sehen am Tag seiner Not … 14 und du solltest nicht am Kreuzweg stehen, um seine Flüchtlinge zu vertilgen, und du solltest seine Entronnenen nicht ausliefern am Tag der Bedrängnis.

Hier bringt Obadja einen anderen Charakterzug Edoms ans Licht, wohl mit dem Ziel, sein Zeugnis über Christus einzuleiten. Dieses Merkmal Edoms, auf das schon beim Zitat von Psalm 83 angespielt wurde, war der bittere Hass des Volkes Gottes. „Wegen der an deinem Bruder Jakob verübten Gewalttat.“ Gerade dieser Hass ist der Grund, warum Edom mit Schande bedeckt und auf ewig ausgerottet werden wird. Ein Überrest aus Ägypten, Assyrien und anderen Nationen wird verschont werden und die Segnungen von Christi Oberhoheit genießen, dagegen kein Edomiter: „Das Haus Esau wird keinen Übriggebliebenen haben“ (Obad 18). Wie wir uns erinnern, war Edom (oder Esau) Jakobs Bruder. Darum sollte der Edomiter besonders geachtet werden von den Israeliten. Er genoss auch bestimmte Vergünstigungen in Verbindung mit der „Versammlung des HERRN“, die anderen Nationen nicht vergönnt waren: „Den Edomiter sollst du nicht verabscheuen, denn er ist dein Bruder … Kinder, die ihnen im dritten Geschlecht geboren werden, mögen von ihnen in die Versammlung des HERRN kommen“ (5Mo 23,8.9). Aber schon von Anfang an hatte Edom Gehässigkeit und Feindschaft gegen Israel gezeigt, auf nationaler wie auf persönlicher Ebene. Als die Israeliten um Erlaubnis baten, auf ihrem Weg nach Kanaan durch das Land Edom zu ziehen, wurde das entschieden abgelehnt. Mose hatte eine höchst versöhnliche Botschaft vorausgeschickt, indem er sich verpflichtete, weder Felder noch Weinberge Schaden zuzufügen und selbst das Trinkwasser zu bezahlen. Doch „weigerte sich Edom, Israel zu gestatten, durch sein Gebiet zu ziehen“ und erwies sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt als ein unversöhnlicher und boshafter Feind (4Mo 20,14-21).

Einen anderen Beweis dieses fortwährenden Hasses finden wir in dem Verhalten Doegs, Edomiter in Sauls Dienst. David, der Gesalbte des Herrn, saß noch nicht auf dem Thron. Verfolgt und bedroht floh er zu dem Priester Ahimelech, der ihn freundlich empfing und ihn mit Brot versorgte. Doch der Verräter, der Edomiter, war Zeuge dieser Transaktion und informierte Saul, ohne Zeit zu verlieren. Dadurch verursachte er den Tod von 85 Männern der priesterlichen Sippe. „Ich wusste an jenem Tag“, schrie David auf, als er von der schrecklichen Tat erfuhr, „weil Doeg, der Edomiter, dort war, dass er es Saul sicher berichten würde“ (1Sam 22,22).

Obadja erwähnt noch eine andere Begebenheit, wo der unbrüderliche Hass Edoms in Erscheinung tritt. Er bezieht sich auf die Eroberung Jerusalems, als die Kinder Juda in die babylonische Gefangenschaft verschleppt wurden:

Obad 11: An dem Tag, als du gegenüberstandest … und Ausländer zu seinen Toren einzogen und über Jerusalem das Los warfen, da warst auch du wie einer von ihnen.

Dann folgt die schreckliche Beschreibung der Verhaltensweise der Edomiter. Sie jubelten über den Fall der Kinder Juda, raubten ihren Besitz und standen am Kreuzweg, um die Flüchtlinge, die um ihr Leben liefen, abzufangen und sie dann den grausamen Babyloniern auszuliefern. In dieser Verbindung erkennen wir die Spuren Christi, wenn wir zwischen den Zeilen von Obadjas ernster Anklage lesen.

Bei der Betrachtung von Hosea sehen wir, wie Christus den Platz des wahren Israels vor Gott einnimmt. Er war der Sohn, der aus Ägypten gerufen wurde. Aus Gnade machte Er sich eins mit dem gottesfürchtigen Überrest: Er nahm teil an ihren Leiden, fühlte den bitteren Schmerz ihres Kummers, litt wegen ihrer Not und stöhnte unter der Last, die sie niederdrückte. Das ist etwas völlig anderes als sein sühnendes Leiden. Zweifellos galt sein Erlösungswerk sowohl Israel als auch uns. Doch in Obadja geht es weder um Christi sühnendes Leiden noch um sein Leiden um der Gerechtigkeit willen. Er nahm tatsächlich die Not und die Unterdrückung auf sich, unter der sein Volk stöhnte, und fühlte die furchtbaren Schmerzen davon tief in seiner Seele. Wenn wir darüber nachdenken, können wir nicht anders, als Ihn umso lieber zu haben!

Bei einem Vergleich Obadjas mit dem Schluss des Lukasevangeliums (Lk 23), findet man unschwer Christus in dem Bericht über die Leiden seines Volkes durch die Edomiter. Herodes war der erbarmungslose Fürst mit Edomiterblut. Sein Hass entflammte gegen den Einen, der aus Gnaden als Befreier zu seinem Volk gekommen war. Seit Christi Geburt hatte der Edomiter versucht, Ihn zu töten. Sogar während der letzten Ereignisse, die nicht lange danach auf Golgatha ihren Höhepunkt erreichten, war der Edomiter zur Stelle, um die Leiden dieses Heiligen noch zu verschlimmern. Wie Obadja prophezeit, vereint sich Edom mit den Unterdrückern aus den Nationen. Deshalb lesen wir, dass Herodes und Pilatus – der Edomiter und der Römer – Freunde wurden durch ihre gemeinsame Christusfeindlichkeit. Edom freute sich über den Untergang der Kinder Juda und sperrte sein Maul weit auf [war schadenfroh] am Tag ihrer Bedrängnis (Obad 12). Auch Herodes „freute … sich sehr“, als er Jesus erblickte und merkte, dass dieser in seiner Gewalt war; mit Hilfe seiner Kriegsleute behandelte er Ihn voller Verachtung und verspottete Ihn (Lk 23,8.11).

Edom stand am Tag von Judas Bedrängnis triumphierend im Tor von Jerusalem. Bezeichnenderweise wird das Gleiche gesagt von Herodes, dem Edomiter, zurzeit des Leidens Christi: „Herodes war auch selbst in diesen Tagen in Jerusalem“ (Lk 23,7). Er war zur Stelle, um den schon vollen Becher des schwer Leidenden zum Überlaufen zu bringen. Schlimmer noch: Edom lieferte die Entronnenen aus. Und der Evangelist berichtet über Jesus: „Herodes … sandte ihn zu Pilatus zurück“ (Lk 23,11). So niederträchtig war dieser Edomiter! In der Endzeit, wenn der Staatenbund gegen das auserwählte Volk Krief führen wird, wird es für die Gottesfürchtigen ein enormer Trost sein, dass Er mitfühlt und sie stärkt, Er, der selbst den bitteren Hass des Edomiters erfuhr. Ihre bekümmerten Herzen werden seine Gegenwart erfahren. Er, der so gut Bescheid weiß über jede Phase in ihrer Bedrängnis – hat Er doch selbst dies alles durchlitten –, wird ihnen auf wunderbare Weise Trost und Kraft spenden können.

Obad 15: Denn der Tag des HERRN ist nahe über alle Nationen: Wie du getan hast, wird dir getan werden …

Nicht nur Edom wird der Feindschaft Christus gegenüber für schuldig befunden, sondern alle Nationen; alle haben sich zum Kampf geordnet gegen Ihn, sowohl gegen Ihn selbst zur Zeit seines Erdendaseins als auch gegen Israel, das Ihn repräsentiert. Daher erwartet alle Nationen ein Gericht (Obad 15.16), weniger für ihre Sünden als für die Art und Weise, mit der sie Christus behandelt haben – Christus und seine jüdischen Brüder. Das große weltliche System in seiner Gesamtheit wird gerichtet werden, einschließlich seines Stolzes, seines Hasses Christi und seiner Bundesgenossen.

Obad 17.21: 17 Aber auf dem Berg Zion wird Errettung sein und er wird heilig sein … 21 Und es werden Retter auf den Berg Zion ziehen, um das Gebirge Esaus zu richten; und das Reich wird dem HERRN gehören.

Doch dem Geschlecht Jakobs stehen Rettung und Segen in Aussicht; Gott wird dann klarstellen, dass das alles mit dem Berg Zion verknüpft ist: „Auf dem Berg Zion wird Errettung sein.“ Außerdem wird eine universale Regierung errichtet werden. Auch diese Tatsache ist verbunden mit dem Berg, den Gott sich auserwählt hat, denn „es werden Retter auf den Berg Zion ziehen, um das Gebirge Esaus zu richten; und das Reich wird dem HERRN gehören“. (Das Wort „richten“ wird hier nicht gebraucht im Sinn von „verurteilen“ oder „bestrafen“, sondern „regieren“, „verwalten“).

Der Berg Zion symbolisiert das Prinzip der Regierung Gottes, den zukünftigen Segen über die Erde. Den Ort erwählte Er sich (Ps 132,13), als alles gescheitert war, was Er den Menschen übergeben hatte. Er weist hin auf Christus, den Auferstandenen, den Einen, in dem sich alle Segnungen Gottes, die den Menschen verheißen sind, erfüllen. Geistlich gesehen, sind wir Gläubige schon zum Berg Zion gekommen, so wie Hebräer 12 besagt; und wir werden Nutznießer sein von den zwei Dingen in Obadja, die mit dem eigentlichen Berg Zion verbunden sind: Rettung und Herrschaft. Befreiung von den Mächten der Welt und allem Irdischen erfährt die Seele, wenn sie in dem gegründet ist, was dieser Berg versinnbildlicht. Dies geschieht, wenn wir bewusst Gottes Ratschluss ergründen wollen und erkennen, dass alles in Christus seinen Ursprung hat und Er das Zentrum ist. Wir werden auch in den Genuss seiner segensreichen Herrschaft kommen. Durch Ihn fällt das himmlische Licht auf uns und lenkt und leitet uns, wenn wir es in seinem Angesicht leuchten sehen. Die Herrlichkeit, die im Universum erstrahlen wird, leuchtet schon jetzt in Christi Angesicht; der Segen, der über die ganze Welt ausgeschüttet werden wird, ist zur Freude der Seinen heute schon jetzt in Ihm offenbart.

Die „Retter“ aus Obadja 21 sind zweifellos diejenigen, die den Ruf Zions weltweit bekannt machen. Sie sind – im Zusammenhang mit der Verwaltung des Königreichs des HERRN – dazu bestimmt, nach Norden, Süden, Osten und Westen zu gehen und die Nachricht über den reichen Segen zu verbreiten, der von diesem heiligen Berg ausgeht. Diese Prophetie ist zwar für die Zukunft, aber, Gott sei gedankt, gibt es derartige „Retter“ schon heute. Es gibt solche, deren Augen geöffnet worden sind, um die Herrlichkeit in Christi Angesicht zu sehen. Und da diese Herrlichkeit durch den Heiligen Geist in ihre Herzen geschrieben ist, sind sie fähig, Christus Jesus zu verkünden und andere zu erleuchten, damit auch sie sich zu Ihm wenden. Ihr Dienst zieht die Menschen immer zu Christus selbst und führt auch unsere Herzen weg vom menschlichen Versagen und lenkt sie so, dass sie mit Gottes Plan übereinstimmen. Damit wird Gottes Heiligen ein nicht geringer Dienst erwiesen. Könnten wir in diesem Punkt einander doch mehr helfen!

Obadjas Ziel war so ähnlich; sein Name bedeutet: „Diener des Herrn“. Er hatte das Vorrecht, seinen Zeitgenossen einen überaus wichtigen Dienst zu erweisen: Er entlarvte den wirklichen Charakter der Menschen auf Erden, die durch Edom verkörpert werden. Auch führte Obadja die Herzen des Volkes Gottes zu dieser wunderbaren Welt, die Gott mit Zion als Zentrum einführen wird. Dort hat Edom keinen Zugang; dagegen wird Christus uneingeschränkt herrschen. Obadja beschreibt zwar die irdische Seite dieser Segen bringenden Welt. Wir Gläubige haben jedoch teil an den himmlischen Segnungen und haben eine Beziehung zu Gott und eine Kenntnis seiner, die die des Volkes Israel weit übertrifft. In vieler Hinsicht ist die irdische Seite ein Sinnbild der himmlischen. Obwohl wir in Obadja nicht die Grundlagen des Christentums finden, können wir doch in diesem kleinen Propheten Hinweise auf Christus entdecken, zum einen auf sein Leiden und seine Erniedrigung und zum anderen auf seine Verherrlichung als der eigentliche Berg Zion, auf dem nach Gottes ewigen Ratschluss sein voller Segen ruht.


Übersetzt aus: „Christ in the Minor Prophets“
in Scripture Truth, Jg. 1, 1909, S. 24–28

Übersetzung: Christel Schmidt


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