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Eine
Betrachtung von
H.C.
Voorhoeve

(1837-1901)
Inhaltverzeichnis
Einleitung
Der Brief an die Hebräer nimmt unter den Briefen von Paulus eine besondere
und ganz eigenartige Stellung ein. Wiewohl dieser Brief den Namen des Schreibers
nicht angibt, so vermutet die christliche Kirche mit Recht den Apostel Paulus
als Schreiber dieses Briefes. Der Inhalt, die besondere Schreibart, die Grüße am
Ende des Briefes, wie auch die Stellung, die er in der Reihe der Briefe
einnimmt, beweisen diese Vermutung. Die Reihenfolge der vierzehn Briefe des
Paulus ist ein deutlicher Beweis der Eingebung und Leitung des Heiligen Geistes.
Neun dieser Briefe sind an verschiedene Versammlungen gerichtet, vier an
einzelne Personen und einer an die Gläubigen aus Israel. Von den ersten neun
Schreiben bildet der Brief an die Epheser den Mittelpunkt. Vier Briefe gehen ihm
voran und vier folgen nach. Das ist sehr beachtenswert, weil im Brief an die
Epheser die höchste Stellung beschrieben wird, die der an Christus Jesus
Gläubige durch Gottes Gnade einnimmt. Nachdem Paulus im Brief an die Römer die
Lehre des Heils dargestellt hat, behandelt er in den Briefen an die Korinther
die Einrichtung, die Ordnung und die Zucht in der Versammlung. Im Brief an die
Galater verteidigt er die Heilswahrheit gegenüber der falschen Lehre, die
gesetzlich gesinnte, jüdische Lehrer in Galatien einzuführen versuchten, um dann
im Brief an die Epheser die himmlische Stellung der Ekklesia, der Versammlung
Gottes zu beschreiben. Darauf folgt im Brief an die Philipper die Darstellung
des himmlischen Wandels des Christen, in demjenigen an die Kolosser die
Beschreibung der Größe und Herrlichkeit des Christus, der als die Hoffnung der
Herrlichkeit in den Gläubigen wohnt, damit sie, von allen menschlichen Satzungen
und Lehren befreit, an die Dinge sinnen, die droben sind, wo Christus ist. In
den Briefen an die Thessalonicher wird die Lehre betreffs der Wiederkunft des
Herrn für die Gemeinde und für die Welt dargestellt. Nach den Briefen an
Timotheus, Titus und Philemon folgt der Brief an die Hebräer, in welchem klar
und deutlich gezeigt wird, wie durch das Christentum dem Haushalt des Gesetzes
und der Schatten ein Ende gemacht ist, und wie alle die Satzungen und Opfer des
Alten Bundes ihre herrliche Erfüllung gefunden haben in Christus, der als der
oberste Führer und Vollender des Glaubens in die Herrlichkeit eingegangen ist,
um dort für alle die Seinen einen Platz zu bereiten und ihnen an Seiner
Herrlichkeit Anteil zu geben. Der Brief des Jakobus wendet sich an die
Gesamtheit des israelitischen Volkes. Das Schreiben des Petrus und das des
Paulus hingegen an die Gläubigen aus Israel, die sich in den zerstreuten
Versammlungen in Palästina und in der ganzen Welt befanden. Die große Gefahr, in
der sich die christliche Kirche befand, ihre Vorrechte preiszugeben und zum
Judentum zurückzukehren, veranlaßte Paulus zu diesem Schreiben. Die Christen aus
den Juden hatten von Anfang an unsäglich viel zu leiden. Sowohl in Palästina,
als auch an anderen Orten, standen sie dem glühenden Haß der Juden gegen Jesus
von Nazareth, ihren Herrn und Erlöser, gegenüber, und von diesen aufgestachelt
ergoß sich auch die Wut der heidnischen Völker über die gläubigen Hebräer. Die
Apostelgeschichte teilt uns solche Beispiele mit. Mit Mut und Freudigkeit des
Glaubens hatten sie diese Verfolgungen und diese Leiden ertragen. Wiewohl sie
durch Schmach und Drangsale der Welt ein Schauspiel geworden waren, blieben sie
nicht nur standhaft, sondern sie machten sich eins mit denen, die gleich
behandelt wurden. Den Raub ihrer Güter hatten sie mit Freuden ertragen, da ihr
Blick auf ein besseres, bleibendes Gut im Himmel gerichtet war (Kap. 10). Doch
die lange Dauer der Verfolgungen hatte sie mutlos gemacht. Ihre Hände waren
schlaff und ihre Knie matt geworden. Sie liefen Gefahr, in ihren Seelen zu
ermatten (Kap. 12). Von diesem Zustand der Erschlaffung hatte der Teufel auf
listige Weise Gebrauch gemacht. Er stellte ihnen vor, daß die Verfolgungen ein
Ende nehmen würden, sobald sie etwas weniger streng an ihren Grundsätzen
festhielten. Sie könnten ganz gut Christen bleiben, ohne sich von den andern
Juden zu trennen. Das Einhalten der jüdischen Satzungen, die doch von Gott
selber gegeben waren, würde ihnen nicht schaden, im Gegenteil, sie vom Haß und
Widerstand der Juden erlösen, so daß sie fortan ruhig im Besitz ihrer Freiheit
und ihrer Güter bleiben könnten. Diesen Versuchungen Satans liehen sie ihr Ohr,
ohne die große Gefahr zu sehen. Wenn sie diesen Rat befolgten, würden sie das
Christentum preisgeben, die christliche Lehre verwerfen, das Blut des Christus
unrein achten und den Geist der Gnade schmähen. Das aber bedeutete nichts
anderes, als das einzige Opfer für die Sünde zu verwerfen, so daß kein Opfer
mehr für ihre Sünden übrigblieb und ihrer also nichts anderes warten würde als
das furchtbare Gericht Gottes und die Glut des Feuers, das die Widersacher
verschlingen wird.
Paulus, der die Listen Satans und die Schwachheit des Fleisches kannte, sah
durch das Licht des Geistes die furchtbaren Folgen des Abweichens von der
Wahrheit. Er fühlte sich gedrängt, sie zu warnen und zu bitten, ihre
Freimütigkeit doch nicht wegzuwerfen, sondern viel eher die matten Knie wieder
aufzurichten und gerade Bahn für ihre Füße zu machen, damit nicht das Lahme vom
Wege abgewandt, sondern vielmehr geheilt werde.
Die Art, wie er das tut, ist ein neuer Beweis für die Eingebung und Leitung
des Heiligen Geistes. Gleichwie der Apostel im Brief an die Kolosser gegenüber
der jüdischen und heidnischen Philosophie die Schönheit und Größe des Christus,
des Herrn und des Hauptes der Herrlichkeit, vor ihre Augen stellt, zo zeigt er
auch hier die Vortrefflichkeit und Herrlichkeit des Christus gegenüber den
vielen Opfern des mosaischen Gottesdienstes. Das jüdische Priestertum nahm ein
Ende, das Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks bleibt in Ewigkeit. Irdische
Vorrechte mußten vor den himmlischen Segnungen weichen.
Fügen wir hier eine kurze Übersicht über den Inhalt dieses wichtigen Briefes
an. Die göttliche Herrlichkeit des Christus ist die Grundlage Seines
Apostelamtes; Seine leidende, aber hernach verherrlichte Menschheit, die Seines
Hohenpriestertums. Dies ist das Fundament der Lehre, die in diesem Brief
entwickelt wird. In Kapitel 1 wird die göttliche Herrlichkeit und in Kapitel 2
die verherrlichte Menschheit des Christus dargestellt, der jedoch, bevor Er
verherrlicht wurde, all das Leid und all die Versuchungen auf sich nahm, denen
die unterworfen waren, für die Er kam, um sie zu erlösen. Also ist Er Apostel
und Hohepriester Seines Volkes. An diese zwiefache Herrlichkeit schließt sich
eine dritte an. Der Messias ist als Sohn das Haupt über Sein Haus. Dieses Haus
bilden die Gläubigen, an die der Schreiber sich richtet, sofern sie die
Freimütigkeit und den Ruhm der Hoffnung bis zum Ende standhaft festhalten. Diese
Erwägung leitet über zu den Ermahnungen in Kapitel 3, 7-4, 13, wodurch sie
angespornt werden, auf die Stimme des Herrn achtzugeben und sich nicht zu
verhärten, damit sie zu der Ruhe eingehen würden, die für das Volk Gottes
übrigbleibt. Von Kapitel 4, 14-10, 18 behandelt Paulus das Hohepriestertum, als
notwendige Folge der Veränderung des Priestertums und des Bundes. Er beschreibt
den Wert und die Allgenugsamkeit des Opfers Jesu im Gegensatz zu den Schatten
des Alten Bundes. Die auf diese Lehre gegründeten Ermahnungen führen zum großen
Grundsatz des Ausharrens des Glaubens, der uns in Kapitel 11 in der Wolke von
Zeugen aus dem Alten Bund dargestellt wird. Diese Reihe von Glaubenshelden wird
durch das Vorbild von Jesus selber gekrönt, der trotz aller Hindernisse die
Laufbahn des Glaubens vollendet hat und uns sehen läßt, wohin dieser mühevolle,
aber herrliche Weg führt. Von Kapitel 12, 3 an spricht Paulus ausführlich über
die Prüfungen, die uns auf dem Weg des Glaubens begegnen, und knüpft daran
ernste Warnungen und köstliche Tröstungen für die, welche auf dem Weg des
Glaubens wandeln, und die durch Gottes Gnade in so viele herrliche Beziehungen,
aber auch Verpflichtungen gestellt sind. Im 13. Kapitel richtet Paulus
verschiedene Ermahnungen an die Gläubigen betreffs einiger besonderer Punkte und
dringt zum Schluß mit allem Ernst bei ihnen darauf, daß sie mit Entschiedenheit
den christlichen Standpunkt unter dem Kreuz einnehmen sollten, da die Christen
ausschließlich den wahren Gottesdienst besitzen, an dem alle, die im Judentum
bleiben wollen, kein Recht hatten, teilzunehmen. Mit einem Worte, der Heilige
Geist will, daß die Gläubigen sich gänzlich und für immer vom Judentum trennen
sollten, das bereits verurteilt und dem Verschwinden nahe war, und daß sie mit
Freuden die himmlische Berufung ergreifen sollten, die vor ihre Augen gestellt
war.
Inhaltverzeichnis
siehe
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