Wenn unser Dienst für Gott vergeblich ist …
Gedanken über den Jakobusbrief

Sydney Long Jacob

© SoundWords, online seit: 12.08.2020, aktualisiert: 12.03.2021

Danken wir Gott für den Brief des Jakobus! Gewöhnlich hält man nicht allzu viel von diesem Brief. Er hat mit keiner der großen Wahrheiten und Lehren der Schrift zu tun. Wir lernen darin nicht die Tiefen Gottes kennen oder die verborgene Weisheit, die Gott vor Grundlegung der Welt zu unserer Herrlichkeit bestimmt hat. Aber wenn wir diesen Brief vernachlässigen, dann ist das ein großer Schaden für uns, denn er füllt einen sehr wichtigen Platz aus, und das gerade in der gegenwärtigen Zeit, wo so viel geredet und so wenig gehandelt wird und wo die praktische tägliche Gerechtigkeit in den Beziehungen der Menschen zu Gott und zu ihren Nächsten so wenig beachtet wird.

Jakobus hat die praktische Seite des Lebens im Hinblick auf Gott und die Menschen im Auge, und er legt Nachdruck darauf, dass, was wir auch zu halten vorgeben und sagen, alles nutzlos ist, wenn unser Leben nicht in Ordnung ist. Das Reden bedeckt nicht Fehler in unserem Handeln noch bedeckt Gesundheit in der Lehre die Untreue im täglichen Leben. Wenn das Leben eines Mannes nicht richtig ist, dann ist gar nichts bei ihm richtig. Der gerechte Herr liebt Gerechtigkeit, und Ihn können wir nicht täuschen. Wir lesen:

Jak 2,14-17: Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber keine Werke? Kann etwa der Glaube ihn erretten? Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, jemand von euch spricht aber zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht das für den Leib Notwendige – was nützt es? So ist auch der Glaube, wenn er keine Werke hat, in sich selbst tot.

Was könnte einfacher, was praktischer sein? Manche haben Mühe, Lehre zu verstehen, aber hier ist etwas, was alle verstehen können. Sage ja niemand, das sei geringe Wahrheit. Es ist unentbehrliche Wahrheit, ohne die kein Mensch auskommt. Jeder Christ bemühe sich darum, unter allen Umständen von ganzem Herzen die himmlische Wahrheit zu erfassen; dabei aber darf er durchaus nicht die einfachste irdische Seite der Dinge vernachlässigen. Gold und Diamanten sind wertvoller als Eisen und Erde, aber wenn wir die Wahl zwischen dem einen und dem anderen hätten und nicht beide haben könnten, dann sollten wir Eisen und Erde wählen, denn diese müssen wir haben oder sterben. Die anderen sind Luxus.

Himmlische Wahrheit und die Wahrheit der Versammlung wird bestenfalls von wenigen verstanden (obwohl uns der Geist in die ganze Wahrheit führen will), aber alle wahren Christen haben ein Gefühl für die Sünde und wissen, dass Christus für uns starb, um uns davon zu erlösen. Sie haben den Wunsch, von Sünde frei zu sein und die rettende Macht Christi zu erfahren, sonst sind sie überhaupt keine wirklichen Christen. Es ist möglich, ein Riese an Erkenntnis zu sein und doch, wie Bileam, sein Herz auf Begehrlichkeit gerichtet zu haben und die Gnade Gottes überhaupt nicht zu kennen; es ist möglich, in den Himmel erhoben zu sein und doch am Ende in die Hölle geworfen zu werden. Der Apostel sagt:

Jak 1,26: Wenn jemand meint, er diene Gott, und zügelt nicht seine Zunge, sondern betrügt sein Herz, dessen Gottesdienst ist nichtig[1].

Jak 3,9.10: Mit der Zunge preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Gleichnis Gottes geworden sind. Aus demselben Mund geht Segen und Fluch hervor. Dies, meine Brüder, sollte nicht so sein.

Es ist nicht genug, Gott zu preisen; wir müssen auch die Menschen segnen. Es genügt nicht, sich des Eifers für den Herrn zu rühmen (ein Jehu konnte dies, und im gewissen Sinn mit Recht, tun), während die Taten zeigen, dass das Ich an der Wurzel alles dessen ist, was wir tun. Das königliche Gesetz ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Die Person ansehen heißt, Sünde zu begehen und als Gesetzesübertreter gefunden zu werden. Gilt das nicht auch für uns heute? Sollten wir unser Haupt nicht mit Scham beugen, wenn wir an das Verleumden und die üble Nachrede denken, die ein Christ gegen den anderen führt, ohne dem Verleumdeten eine Gelegenheit zu geben, sich zu reinigen, während die Fehler derjenigen, mit denen „wir in Gemeinschaft sind“, als verhältnismäßig geringfügig übersehen werden? Sicherlich sollte das nicht so sein.

Jak 2,12.13: So redet und so tut als solche, die durch das Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen. Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der keine Barmherzigkeit geübt hat. Die Barmherzigkeit rühmt sich gegen das Gericht.

Was uns heute so sehr fehlt, sind nicht hohe Wahrheiten, die ohne Zweifel sehr schön sind, sondern die einfacheren Wahrheiten, die wir täglich in unserm Tun verleugnen, während wir nach den hohen Wahrheiten in Worten streben. Liebe Kinder Gottes, die versuchen, auf ihre schwache Weise Christus von ganzem Herzen nachzufolgen, werden oft für die Gemeinschaft irgendwelcher Christen als praktisch ungeeignet bezeichnet, weil sie ein gewisses Schibboleth (Ri 12,6) nicht aussprechen können.

Jak 3,13.14: Wer ist weise und verständig unter euch? Er zeige aus dem guten Wandel seine Werke in Sanftmut der Weisheit. Wenn ihr aber bitteren Neid und Streitsucht in eurem Herzen habt, so rühmt euch nicht und lügt nicht gegen die Wahrheit.

Praktisch gerecht müssen wir sein, aufrichtig, liebevoll, rein, wahr, freundlich, sanftmütig, gnädig, treu, selbstlos, ehrlich, ohne Hintergedanken und mit der Furcht Gottes in unserem Herzen, wenn wir dem Bild derer entsprechen wollen, die Er erlöst hat, um „sich sich selbst ein Eigentumsvolk zu reinigen, das eifrig sei in jedem guten Werk“ (Tit 2,14).

Was ist nun reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater?

Jak 1,27: Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott und dem Vater ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten.

Nicht das Besuchen der Waisen und Witwen allein und nicht das Sich-von-der-Welt-unbefleckt-Halten allein, sondern beides gehört zusammen. Das Erstere allein wäre bloße Menschenliebe ohne Christus, und das Zweite allein wäre bloßes Mönchstum auch ohne Christus, während beide etwas von Ähnlichkeit mit Christus offenbaren: Heiligkeit verbunden mit Selbstaufopferung für das Wohl all derer, die es bedürfen.

Wenn aber nun einer von der Wahrheit abirrt, was dann? Sind wir dann mit ihm fertig? Keineswegs! Wir sollen vielmehr die neunundneunzig Guten lassen und das eine Schaf suchen, bis wir es finden. Ist das etwa Trennung vom Bösen, wenn wir uns nur mit den neunundneunzig Guten beschäftigen, von denen wir denken, dass sie richtig stehen, und das verlorene Schaf lassen? Durchaus nicht! Das ist nicht die Weise des Herrn, und die, die so handeln, werden bald mit einem Schaf, von dem sie meinen, es sei richtig, allein sein, während die neunundneunzig, zu denen der Herr sie gesandt hatte, in den finsteren Bergen zerstreut sind, und der Herr wird dann die Herde aus ihrer Hand fordern (s. Hes 34,10). Was sagt Jakobus?

Jak 5,19.20: Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt, und es führt ihn jemand zurück, so wisse er, dass der, der einen Sünder von der Verirrung seines Weges zurückführt, eine Seele vom Tod erretten und eine Menge von Sünden bedecken wird.

Wahrlich, wir würden weniger eifrig sein, die Fehler anderer zu sehen, wenn wir anerkennen würden, dass wir in einem solchen Fall verantwortlich wären, sie zurechtzubringen. Vielleicht beugten wir uns dann dem Wort:

Jak 4,11.12: Redet nicht gegeneinander, Brüder. Wer gegen seinen Bruder redet oder seinen Bruder richtet, redet gegen das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?

Lesen wir dazu auch Lukas 16,10: „Wer im Geringsten treu ist, ist auch in vielem treu, und wer im Geringsten ungerecht ist, ist auch in vielem ungerecht.“

Das Kennzeichen der letzten Tage ist, „eine Form der Gottseligkeit zu haben, deren Kraft aber zu verleugnen“ [2Tim 3,5]. Richten wir uns daher und demütigen wir uns vor Gott; bereuen wir unsere Sünden im täglichen Leben, indem wir daran denken, dass unser Herr alles wahrnimmt und dass Er jeden nach seinen Werken richten wird. Er will Wirklichkeit, und auch wir müssen auf Wirklichkeit bei uns selbst bestehen. Wir sind hier nicht als Richter, sondern als erlöste Gläubige, die in dieser Welt das praktisch darzustellen haben, wozu sie erlöst sind, das heißt Ähnlichkeit mit Gott inmitten einer sündigen Welt. Dabei sollen wir allezeit daran denken, wie armselig und wie leicht zu irren geneigt wir selbst sind. Dann wird das Gefühl für die Gnade, die uns täglich erwiesen wird, uns veranlassen, auch andern Gnade darzubringen, während wir streng gegen uns selbst sind.

Gott bewahre uns vor der Schande derer, die große Dinge reden, während „ihr Gottesdienst nichtig ist“ [Jak 1,26].


Originaltitel: „Eitler Gottesdienst“
aus Der Dienst des Wortes, Jg. 4, 1926, S. 173–178;
von SoundWords sprachlich leicht bearbeitet.
Engl. Originaltitel: „Vain Religion“ aus „Part 3: Collected Writings“ in Faithful Sayings
http://www.stempublishing.com/authors/Jacob/Jacob_Vain_Religion.html

 

Anmerkungen

[1] Anm. d. Red.: Nach dem Duden hat „nichtig“ u.a. folgende Bedeutungen: nichtssagend, ohne Gewicht, ohne Wert, ohne Substanz, trivial, eitel, bedeutungslos, belanglos, nebensächlich, nicht erwähnenswert, nicht der Rede wert, ohne Belang, unbedeutend, unerheblich, unwesentlich, unwichtig, hinfällig, unwirksam, wertlos.


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