Der Vater liebt den Sohn
Die Liebe des Vaters im Johannesevangelium

Velten Berger

© V. Berger, online seit: 01.01.2001, aktualisiert: 29.09.2018

Leitverse: Johannes 3,35; 5,20; 10,17; 15,9; 17,23-26

Das Evangelium nach Johannes zeigt uns den Herrn Jesus Christus als Sohn Gottes. Und wie kein anderer Evangeliumsbericht spricht er von der Liebe des Vaters zum Sohn. Hierin bleiben die anderen Berichte zurück. Jede der sieben Stellen berichtet von dieser Liebe in einem besonderen Charakter. Das wird durch den jeweiligen Anhang und durch den Textzusammenhang zum Ausdruck gebracht.

Joh 3,35: Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.

Diese erste Stelle zeigt uns die Liebe des Vaters zum Sohn, unabhängig von Zeit und Raum, von Ewigkeit her. Und so, wie Gott ist, so ist Er Liebe, die sich unergründlich und vollkommen auf den Sohn ergießt. Der Vater liebt den Sohn, den Sohn seiner Liebe, den Geliebten. Diese Liebe will sich offenbaren: in dem Sohn. Deshalb heißt es: „und hat alles in seine Hand gegeben“. Alles übergibt der Vater dem Sohn, dem Geliebten. Die Liebe Gottes kann und will nichts für sich behalten. So sehen wir auf den Sohn, den Träger der göttlichen Liebe, sehen Ihn auf großartigste Weise vor uns. Wir möchten das vergleichen mit dem Bild aus dem Alten Testament: Joseph. Er bekommt von seinem Vater den langen Leibrock, weil er den Sohn liebte und er der Sohn seines Alters (1Mo 38,3) war und wie lieb hat sein Vater den Sohn gehabt? Er beweinte den Verlust seines Sohnes (1Mo 37,35b). Später bekommt er vom Pharao alles bis auf den Thron übergeben. 

Aber die Bilder, die doch nur immer auf diese Erde bezogen bleiben, weichen zurück vor dem, auf den sie hinweisen. Er ist der Erstgeborene aller Schöpfung und der, der in allem den Vorrang hat. Dies sehen wir in Kolosser 1,15-19 sehr deutlich: „… welcher das Bild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn durch ihn {w. in ihm, d.h. in der Kraft seiner Person} sind alle Dinge geschaffen worden, die in den Himmeln und die auf der Erde, die sichtbaren und die unsichtbaren, es seien Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: Alle Dinge sind durch ihn und für ihn geschaffen. Und er ist vor allen, und alle Dinge bestehen zusammen durch ihn. Und er ist das Haupt des Leibes, der Versammlung, welcher der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, auf dass er in allem den Vorrang habe; denn es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle {vgl. Kol 2,9}, in ihm zu wohnen.“

Ja, so liebt der Vater den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Es ist dieses Band der Liebe zwischen Vater und Sohn, diese vollkommene, ewige göttliche Beziehung. Hierin muss alles weichen. Hierin bleiben auch wir zurück.

Joh 5,20: Denn der Vater hat den Sohn lieb und zeigt ihm alles, was er selbst tut; und er wird ihm größere Werke als diese zeigen, auf dass ihr euch verwundert.

Auch bei der zweiten Stelle im Johannesevangelium sehen wir ausschließlich diese Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn. Hier bekommt die Liebe als Kennzeichen dieser Gemeinschaft einen weiteren Charakter. Das wird schon deutlich, wenn wir bemerken, dass auch ein anderes Wort im griechischen Urtext benutzt wird. Das hier benutzte Wort phileo (anstatt agapao) kennzeichnet eine Liebe zwischen Freunden. Es ist die unterweisende Liebe des Vaters zum Sohn, der als Mensch hier auf der Erde den Vater offenbart. Der Herr Jesus hatte den Lahmen am Teich Bethesda geheilt. Er hatte sich als der Herr offenbart. Aber Er würde sich auch als Herr über Leben und Tod offenbaren. Sah Er nicht hier schon Lazarus, den er aus Toten auferwecken würde? Die Liebe sollte geoffenbart werden, eine Liebe, die stärker als der Tod ist. Und es ist die Liebe des Vaters, die Ihm die Werke zeigt und die Ihn leitet, diese Werke zu tun. Was für eine Abhängigkeit, was für eine Gemeinschaft! Im Bewusstsein dieser Liebe hören wir Ihn sagen: „Er weckt mir das Ohr, damit ich höre“ (Jes 50,4). Wie verstehen wir dann auch, wenn Er sagt: „Ich tue allezeit das ihm Wohlgefällige“ (Joh 8,29). Wieder steht der Herr Jesus einzigartig vor uns.

Joh 10,17: Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, auf dass ich es wiedernehme.

Sahen wir in der vorherigen Stelle noch die Liebe des Vaters zu dem Sohn, die Ihn größere Werke zeigen würde, so sehen wir jetzt, dass die Liebe des Vaters auf dem Sohn ruht, weil Er bereit war, das Werk, welches der Vater Ihm gab, zu vollbringen: „weil ich mein Leben lasse“. Der Herr über Leben und Tod, Er, der von sich sagen konnte: „Ich bin … das Leben“, war bereit, sein Leben zu lassen. Er hatte das Gebot von dem Vater empfangen. Aber Er war bereit, diesen Weg freiwillig zu gehen: „Ich lasse es von mir selbst.“ Niemand von uns könnte Ihm hierin nachfolgen. Wir bleiben zurück. Nein, es ist uns selbst nicht möglich, dies nur annähernd zu verstehen, was für Ihn dieser Weg bedeutete. Er kannte vollkommen die Gemeinschaft der Liebe mit seinem Vater, und daraus schöpfte Er die Kraft, das Gebot des Vaters freiwillig und hingebungsvoll auszuführen. Der Vater liebt den Sohn, weil dieser sein Leben lässt, um es dann wiederzunehmen. Wir wollen hier einfügen, dass auch wir deshalb unseren Herrn lieben. Er starb auch für uns – Er ließ auch für uns sein Leben, um es dann wiederzunehmen. So haben wir hierin mit dem Vater ein gemeinsames Teil: „Und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohne Jesus Christus“ (1Joh 1,3). Wenn wir unsere Freude an dem Herrn Jesus zu unserem Vater bringen, dann haben wir Gemeinschaft mit dem Vater, denn einst öffnete sich der Himmel, und der Vater brachte seine ganze Freude über seinen Sohn zum Ausdruck: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.“

Joh 15,9: Gleichwie der Vater mich geliebt hat, habe auch ich euch geliebt; bleibet in meiner Liebe.

Wir kommen nun zu den letzten vier Stellen, die über die Liebe des Vaters zum Sohn sprechen. Zeigten uns die ersten drei Stellen die Einzigartigkeit und Ausschließlichkeit dieser Liebe – eine Liebe nur zwischen Vater und Sohn –, so werden wir jetzt vier Verse betrachten, wo die Liebe überströmt zu denen, die der Sohn als „Frucht der Mühsal seiner Seele“ dem Vater erworben hat.

Er ist der Geliebte, der Sohn seiner Liebe, und jetzt sehen wir Ihn, wie Er uns diese Liebe mitteilt. Der Herr Jesus empfing als der eingeborene Sohn die volle Liebe des Vaters. Dieses Vollmaß an Liebe – und der Herr hält nichts zurück – teilt Er nun den Seinen mit. Der Vater liebt den Sohn, an dem alles wohlgefällig ist. Der Sohn liebte uns, obwohl nichts wohlgefällig an uns war. Nein, an uns war nichts Liebenswürdiges. Er hat uns zuerst geliebt mit dem gleichen Maß an Liebe, mit der Er vom Vater geliebt ist. Anbetungswürdiger Herr!

Und nun ruft Er den Seinen zu: „Bleibet in meiner Liebe.“ Der Herr zeigte uns die Liebe des Vaters, die Er empfing, und nun wünscht Er sich, dass auch wir in diesem Vollmaß an Liebe, seiner Liebe, ruhen, daraus Kraft schöpfen für unsere Nachfolge. Nur der Genuss an dieser Liebe gibt uns die Freiheit, seine Gebote mit glücklichen Herzen zu tun.

Joh 17,23: … ich in ihnen und du in mir, auf dass sie in eins vollendet seien, [und] auf dass die Welt erkenne, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, gleichwie du mich geliebt hast.

Wenn uns die vorherige Stelle die Liebe des Sohnes zu uns zeigte, so sehen wir jetzt, dass es die Liebe des Vaters ist. Es ist die gleiche Liebe! Hätten wir das jemals erwartet? Sahen wir nicht gerade in den ersten drei Bibelstellen die Ausschließlichkeit dieser Liebe? Der Vater liebt den Sohn, weil alles an Ihm liebenswürdig, den Gedanken des Vaters entsprechend wohlgefällig ist. Und nun sieht der Vater nach vollbrachtem Werk in dem Sohn die große Schar der Erlösten, die Frucht seiner Leiden des Kreuzes. Und so fließt die Liebe des Vaters über Ihn auf die Gläubigen über. Wir sind von dem Vater geliebt mit der gleichen Liebe, wie der Vater den Sohn liebt. Diese Liebe des Vaters leitet uns zur Herrlichkeit, und der Vater will, dass diese Liebe allen sichtbar wird. Jetzt in dieser gegenwärtigen Zeit erkennt die Welt diese Liebe des Vaters zu seinen Kindern nicht, weil die Welt den Sohn nicht erkennt, sondern Ihn ablehnt. Aber wenn der Herr Jesus Christus in großer Macht und Herrlichkeit kommen wird, wenn die Welt erkennen wird, dass der Sohn vom Vater gesandt ist und jedes Knie vor Ihm sich beugen wird, dann wird sie auch erkennen, dass die Gläubigen von dem Vater geliebt sind.

Joh 17,24: Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, auf dass sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt.

Die Bibelstelle zuvor zeigte uns, dass die Liebe des Vaters über den Sohn zu den Heiligen von der ganzen Welt erkannt werden soll. Nun verbindet der Sohn selbst diese Liebe mit seiner Herrlichkeit im Vaterhaus. Es ist die Herrlichkeit der Liebe des Vaters zum Sohn vor Grundlegung der Welt. Diese Seite der Liebe sahen wir in unserer ersten Stelle. Nun erkennen wir, wie durch diese beiden letzen der sieben Stellen sich der Kreis schließt. An dieser Liebe des Vaters zum Sohn, die unabhängig von Zeit und Raum und Erde vollkommen besteht, sollen die Gläubigen Anteil haben. Das ist der ausdrückliche Wunsch unseres Herrn: „Vater, ich will.“ Er will, dass wir bei Ihm sein sollen, um seine Herrlichkeit zu sehen: die Herrlichkeit der Liebe.

Joh 17,26: Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, auf dass die Liebe, womit du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen.

Bei unserer letzten Bibelstelle, die im Johannesevangelium von der Liebe des Vaters zum Sohn spricht, wollen wir zurückkehren zu den ersten Gedanken unseres Themas. Das Johannesevangelium zeigt uns den Herrn Jesus Christus als den Sohn Gottes. Und in diesem Evangelium spricht der Sohn Gottes wie in keinem anderen Evangelium zu unseren Herzen, um uns den Vater zu zeigen. Wie tut Er das: „Der eingeborene Sohn, der in des Vaters Schoß ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Wer könnte besser das Vaterherz Gottes offenbaren als der, welcher in seinem Schoß ist? Er hat uns durch das Kreuz zum Vater gebracht und zeigte uns durch sein Leben das Vaterherz Gottes. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater“, sagte einst der Herr Jesus. Er öffnet unsere Herzen für diese Dimension, für die Liebe des Vaters, damit diese Liebe in uns sei und Er in uns. So zündet Er unsere Herzen an, und wir haben mit und in Ihm das gemeinsame Teil: die Liebe des Vaters.

Lasst uns noch einmal auf das Bild aus dem Alten Testament schauen: Der Vater, Israel (Jakob), liebte Joseph. Die Brüder des Joseph hatten ihn aus Hass und Neid in die Grube geworfen und dann nach Ägypten verkauft. Nein, sie kannten die Liebe des Vaters zu seinem Sohn nicht. Wenn sie etwas von dieser Liebe verstanden hätten, so hätten sie auch Joseph geliebt. Nun war Joseph als Vizekönig über Ägypten gestellt. Die Brüder kommen zu Joseph und sie erkennen ihn nicht. Nun beginnt Joseph ein wunderbares Werk: Er wirkt an den Herzen seiner Brüder, die er liebte, und fachte diese Liebe für den Vater an, in dem er sie mehr als einmal fragt: „Lebt euer Vater noch?“ Als die Brüder diese Liebe verstehen lernen und sie sogar bereit sind, für diese Liebe alles zu opfern (Juda), kann sich Joseph, der seinen Vater und seine Brüder liebt, nicht länger vor ihnen verbergen und gibt sich ihnen zu erkennen. Ihre Herzen haben ein gemeinsames Teil: die Liebe des Vaters.

„Vor dem Fest des Passah aber, als Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt zu dem Vater hingehen sollte, da er die Seinigen, die in der Welt waren, geliebt hatte, liebte er sie bis ans Ende“ (Joh 13,1).


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