„Handelt, bis ich komme!“
Lukas 19,11-27

Thomas Blackburn Baines

© CSV, online seit: 31.12.2015, aktualisiert: 18.10.2016

Leitverse: Lukas 19,11-27

Lukas 19,11-27: 11 Als sie aber dies hörten, fügte er noch ein Gleichnis hinzu, weil er nahe bei Jerusalem war und sie meinten, dass das Reich Gottes sogleich erscheinen sollte. 12 Er sprach nun: Ein gewisser hochgeborener Mann zog in ein fernes Land, um ein Reich für sich zu empfangen und wiederzukommen. 13 Er rief aber seine zehn Knechte und gab ihnen zehn Pfunde und sprach zu ihnen: Handelt, bis ich komme. 14 Seine Bürger aber hassten ihn und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche. 15 Und es geschah, als er zurückkam, nachdem er das Reich empfangen hatte, dass er diese Knechte, denen er das Geld gegeben hatte, zu sich rufen ließ, um zu erfahren, was jeder erhandelt hätte. 16 Der erste aber kam herbei und sagte: Herr, dein Pfund hat zehn Pfunde hinzugewonnen. 17 Und er sprach zu ihm: Wohl, du guter Knecht! Weil du im Geringsten treu warst, so habe Gewalt über zehn Städte. 18 Und der zweite kam und sagte: Dein Pfund, Herr, hat fünf Pfunde eingebracht. 19 Er sprach aber auch zu diesem: Und du, sei über fünf Städte. 20 Und der andere kam und sagte: Herr, siehe, hier ist dein Pfund, das ich in einem Schweißtuch verwahrt hielt; 21 denn ich fürchtete dich, weil du ein strenger Mann bist: Du nimmst, was du nicht hingelegt, und erntest, was du nicht gesät hast. 22 Er spricht zu ihm: Aus deinem Mund werde ich dich richten, du böser Knecht! Du wusstest, dass ich ein strenger Mann bin, der ich nehme, was ich nicht hingelegt, und ernte, was ich nicht gesät habe? 23 Und warum hast du mein Geld nicht auf eine Bank gegeben, und bei meinem Kommen hätte ich es mit Zinsen eingefordert? 24 Und er sprach zu den Dabeistehenden: Nehmt das Pfund von ihm weg und gebt es dem, der die zehn Pfunde hat. 25 (Und sie sprachen zu ihm: Herr, er hat zehn Pfunde!) 26 Ich sage euch: Jedem, der hat, wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst das, was er hat, weggenommen werden. 27 Doch diese meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringt her und erschlagt sie vor mir.

Wenige Abschnitte der Heiligen Schrift geben uns eine umfassendere Belehrung über die Wege Gottes in der gegenwärtigen Zeit als dieses Gleichnis. Sein Gegenstand wird aus den ersten Versen deutlich, wo uns gesagt wird, dass der Herr Jesus es sprach, „weil er nahe bei Jerusalem war, und sie meinten, dass das Reich Gottes alsbald erscheinen sollte“. Als Er kurz darauf in Jerusalem einzog, begrüßte Ihn die Menge Seiner Jünger als den König und sagte: „Gepriesen sei der König, der da kommt im Namen des Herrn!“ (Lk 19,38). Sie erwarteten, wie es die zwei Jünger auf dem Wege nach Emmaus bezeugten, dass Er der wäre, der zu jener Zeit „Israel erlösen sollte“ (Lk 24,21), und dass also das Reich Gottes aufgerichtet würde. Tatsächlich lernen wir aus Lukas 17,20.21, dass das Reich schon gekommen war, aber es kam jetzt nicht, „dass man es beobachten könne“. Damals war das Reich Gottes in der Person des Königs „mitten unter ihnen“, aber weder war es damals noch ist es heute ein sichtbares Reich, das von der Welt wahrgenommen werden kann. Die wirklichen „Kinder des Reiches“ mögen es in seiner gegenwärtigen, verborgenen Gestalt erkennen, andere in der Christenheit mögen es als ein Reich „im Wort“ (1Kor 4,20) anerkennen, ohne allerdings ein wahres Bewusstsein von der Souveränität Gottes zu haben. Die übrige Welt kann in ihm nichts anderes als ein religiöses Bekenntnis sehen, das nichts von dem Charakter eines Königreiches besitzt.

Während also das Reich Gottes in der verborgenen Gestalt, in der es jetzt besteht, bereits gekommen war, so ist es weder damals noch heute offenbart worden, und so wurde dieses Gleichnis gesprochen, um die allzu eifrigen Erwartungen der Jünger hinsichtlich des baldigen Erscheinens des Reiches zu dämpfen. In wunderbarer Weise entfaltet nun der Herr gewisse Einzelheiten, die vor der Erscheinung des Reiches, das sie erwarteten, geschehen mussten. Er selbst, vorgestellt in dem gewissen hochgeborenen Mann, würde in ein fernes Land gehen, das heißt, Er würde die Welt verlassen und in den Himmel gehen, um dort das Reich zu empfangen und, hatte Er es empfangen, zurückzukehren. In der Zwischenzeit würden jene, die Ihm Seine Rechte aberkannten (besonders die Juden, aber auch die Welt als Ganzes) und Ihn verwarfen, als Er in Person hier war, eine Gesandtschaft hinter Ihm herschicken und sagen: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche“ (Lk 19,14). Die Erfüllung hiervon finden wir in der Steinigung des Stephanus und in der beständigen Weigerung der Juden, das Zeugnis der Apostel und des Heiligen Geistes nach dem Weggang Christi zu hören und anzunehmen. Dies ist und war immer die Haltung der Welt und der Juden im Besonderen gegenüber dem Herrn Jesus, seit Er sich zur Rechten der Macht in der Höhe gesetzt hat, und dies wird ihre Haltung als Nation bleiben, bis Er kommt. Er wird wiederkommen. Gott wird Ihm die Nationen zum Erbteil und die äußersten Enden der Erde zum Besitztum geben, und jene, die nicht wollten, dass Er über sie herrschte, werden ihr gerechtes Gericht finden.

Aber in der Zeit zwischen Seinem Weggang und Seiner Wiederkunft gibt es außer den Ihn verwerfenden Bürgern noch eine andere Klasse, die Seine Knechte genannt werden. Sie bilden, obwohl sie inmitten der Bürger zurückgelassen sind, offenbar eine besondere Klasse. Sie befinden sich in der Stadt, um die ihnen anvertrauten Interessen des Herrn zu vertreten. Während Ihn die Bürger als ihren König ablehnen, erkennen sie Seine Autorität an; während die Bürger keinen Gedanken an Seine Wiederkunft verschwenden, handeln diese mit Seiner Habe, bis Er kommt. Diese Knechte stellen also die Christen vor, jene wenigstens, die die Autorität des verworfenen Herrn anerkennen. Ist es nicht äußerst lehrreich, dieses Bild der Verantwortlichkeit des christlichen Bekenners den Gedanken gegenüberzustellen, die selbst wahre Gläubige bezüglich ihres Platzes in der Welt gewöhnlich hegen? Hier wird nämlich keineswegs von einer bestimmten, begrenzten Gruppe, z.B. der der Diener des Herrn gesprochen. Die Verantwortlichkeit, auf die hier hingewiesen wird, erstreckt sich auf die ganze Christenheit, und es ist gewiss unmöglich, in dem Lichte der hier vorgestellten Verantwortlichkeit auf die Christenheit zu blicken, ohne ein tiefes Empfinden darüber zu haben, dass sie in der Erfüllung der ihr übertragenen Aufgabe völlig versagt hat. Dennoch ist und bleibt es die Verantwortlichkeit der bekennenden Christenheit, bis zur Wiederkunft Christi für Ihn tätig zu sein, und sie wird gemäß dieser Verantwortlichkeit gerichtet werden.

Von der großen Masse der Namenchristen wird der Auftrag des Herrn einfach missachtet. Wenn das Pfund nicht weggeworfen oder der Name eines Christen nicht völlig aufgegeben wird, so ist dies bereits das einzig Positive, das man erwähnen kann. Im Übrigen beherrschen harte, ungläubige Gedanken über Gott die Seele, Seine Gaben werden verachtet oder sind vergessen, Seine Vorschriften werden als unzeitgemäß abgetan. Er wird als ein „strenger Mann“ betrachtet, der nimmt, was Er nicht hingelegt, der erntet, was Er nicht gesät hat. Doch wie inkonsequent ist gewöhnlich der Mensch! Während er auf der einen Seite Gott als jemanden betrachtet, der mehr nimmt, als recht ist, erspart er sich auf der anderen Seite jede Mühe, um auch nur das Geringste für Ihn zu erwerben. Er wird daher aus seinem eigenen Munde gerichtet und als ein böser Knecht verurteilt werden.

Wenn wir nun das traurige Bild des bloßen Bekenners verlassen, so wollen wir uns fragen, inwieweit wir der hier vorgestellten Verantwortlichkeit des Gläubigen entsprechen. Ist dieser Gedanke in unserer Seele: „Ich bin hier für Christus, um Seine Interessen in einer Szene zu vertreten und auszuführen, wo Er verworfen ist“? Welchen Charakter würde die Welt für den bekommen, der in dieser Weise den Schauplatz betrachtet, wo er zu handeln hat! Natürlich wird das Kreuz von allen wahren Gläubigen als das Mittel dafür angesehen und wertgeschätzt, durch welches ihre Sünde hinweggetan worden ist, und in diesem Sinn können sie sich dessen rühmen und tun es auch. Aber Paulus rühmte sich des Kreuzes Christi in einem anderen Sinn und sah den Tod Christi unter einem anderen Gesichtspunkt. Für ihn war der Tod nicht nur Befreiung von Sünden, sondern Befreiung „von dem gegenwärtigen bösen Zeitlauf“. Für ihn war das Kreuz nicht nur der Ort, wo die Sünde gerichtet worden ist, sondern auch das Mittel, durch welches ihm die Welt und er der Welt gekreuzigt worden ist. Er sah in dem Tod Christi den Tod aller Gläubigen: „Er ist für alle gestorben, auf dass die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und ist auferweckt worden“ (2Kor 5,15). Was für eine vollständige Trennung von der Welt, welch eine vollständige Hingabe an Christus sehen wir hier! Aber dies sollte die Haltung eines jeden sein, der berufen ist, in einer Welt, die Christus verwarf, zu handeln. Muss es nicht zwischen dem Herzen und Empfinden des Knechtes, der wirklich hier für seinen Herrn tätig ist, und der Welt, die ihn verwirft, eine vollständige Trennung geben? „Denn welche Genossenschaft hat Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis?“ (2Kor 6,14).

Es mag eingewandt werden, dass die Bürger hier nicht das Namenchristentum darstellen, das die Welt um uns her bildet. Das ist wahr. Wenn aber das Namenchristentum ebenso sehr „von der Welt“ ist wie die Nationen, wenn von ihm die Herrschaft Christi ebenso wenig praktisch anerkannt wird wie von dem Rest der Welt, ist dann eine Absonderung davon weniger notwendig? Kann man die Welt deswegen zulassen, weil sie den Namen Christi trägt, aber in Praxis und Lehre Ihn verwirft und ablehnt? Wenn nach der Schrift eine Absonderung besonders notwendig ist, dann ist es die Absonderung von jenen, die, während sie den Namen Christi tragen, in Gottlosigkeit vorangehen. Wenn es einen Schauplatz gibt, über den das Gericht Gottes mehr als über einen anderen ausgegossen wird, so ist es gerade diese Christenheit, die sich mancher Vorrechte erfreut und dennoch einen so traurigen Gebrauch davon gemacht hat und deshalb in den Gedanken Gottes besonders schuldig ist. Der Grundsatz der Absonderung findet daher bei dem Gläubigen, der von einer christlichen Welt umgeben ist, eher eine noch tiefere Anwendung als bei dem Gläubigen, der sich inmitten der Juden oder Heiden befindet.

Was der Herr von Seinem Volke begehrt, ist Herzenshingabe an Ihn. Damit soll nicht gesagt werden, dass wir die gewöhnlichen Beschäftigungen der Welt nicht ausüben sollen; die Frage ist vielmehr: Verstricken diese Beschäftigungen unser Herz, und werden sie unser Gegenstand? Oder ist das Herz, während wir diesen Beschäftigungen nachgehen, für Christus frei? Füllt unser Vorwärtskommen in dieser Welt unsere Gedanken aus? Oder sind wir solche, die – besorgt für das, was ehrbar ist vor allen Menschen – inmitten der Menschen und vor den Menschen Dem leben, der uns um einen so hohen Preis erkauft hat? Es sind gewiss nur wenige berufen, Christus zu predigen, alle aber sind berufen, Christus zu leben. Und das Leben Christi zu leben beinhaltet, Seinen Platz in Beziehung zur Welt einzunehmen. „Sie sind nicht von der Welt“, hatte Er gesagt, „so wie ich nicht von der Welt bin.“

Es ist einfach, sich irgendwelche Fälle vorzustellen und zu fragen, wo man die Linie ziehen muss. Das mit dem Herrn in Gemeinschaft befindliche Herz wird schnell genug unterscheiden, was Ihm gefällig ist und was Seinen Geist betrüben würde. Tatsächlich haben nur jene Christen in dieser Angelegenheit Schwierigkeiten, die ohnehin schon zur Welt tendieren. Die Welt aber unterscheidet rasch genug, was für einen Christen vereinbar und was nicht vereinbar ist, und ohne Schwierigkeiten misst sie dem Zeugnis eines weltlichen Gläubigen die wahre Bedeutung bei. Wenn das Herz wirklich für Christus und wahr vor Ihm ist, wird es ganz unbewusst für Ihn ein Zeugnis sein und sich von der Welt trennen, die Ihn nicht kennt. In der Seele dessen, der mit Christus erfüllt ist, können der Geist und die Gegenstände und Ziele dieser Welt keinen Platz haben. Die Erfolge und Reichtümer der Welt werden dem wertlos erscheinen, dessen Zuneigungen auf die Dinge droben gerichtet sind.

Indessen wird sich der Charakter des wahren Dieners in verschiedener Weise offenbaren. Ist wirklich Christus zu dienen das Ziel, so werden Sein Wort und Seine Anweisungen die Regel und der Maßstab für den Dienst sein. Wer könnte sich vorstellen, dass sich die Knechte des abwesenden Herrn mit den Bürgern zusammensetzten, die Ihn hinausgeworfen haben, um miteinander zu beraten, auf welche Weise sie am besten für Seine Interessen tätig sein könnten? Ist es irgendetwas anderes oder besseres, wenn heute Gläubige in der Hoffnung, die Sache Christi zu fördern, mit der Welt gehen oder zu weltlichen Grundsätzen, weltlicher Weisheit und zu weltlichen Verbindungen ihre Zuflucht nehmen? Die Kraft ist und kommt von Gott, der bezüglich der Ausführung Seines eigenen Werkes nicht unserer Weisheit bedarf, sondern vielmehr unseren Gehorsam als Knechte verlangt. Zum gegenwärtigen Augenblick benötigen wir keine Wahrheit mehr als die, dass das Wort Gottes völlig genügend ist. Was immer – auch und gerade unter dem Anspruch des Dienstes – nicht auf dieser Grundlage gebaut wird, ist nicht Dienst, den der Herr anerkennt. Natürlich mag das Herz wahrhaftig und mit Ernst erfüllt sein, und dies wird der Herr selbst dann anerkennen, wenn manches hinzugefügt wird, was Er nicht billigen kann; aber in diesen Fällen ruht Sein Segen auf dem, was von Ihm selbst kommt, nicht auf dem, was von dem Fleisch oder der Welt kommt.

Aber es gibt noch etwas anderes, was den wahren Diener kennzeichnet. Er wird auf die Wiederkunft seines Herrn warten. Wenn das Herz wirklich von der Welt getrennt und auf die himmlischen Dinge gerichtet ist, welche Erwartung könnte dann die Seele mehr erfreuen als der Gedanke der Wiederkunft des Herrn? Der böse Knecht, dessen Herz voll harter Gedanken über seinen Herrn war, konnte natürlich keine guten Gefühle in Verbindung mit seinem Wiederkommen haben. Ihm musste notwendigerweise der Gedanke an sein Wiederkommen unbequem sein. Aber welche Freude erweckt die Aussicht auf das Wiederkommen des Herrn in dem Herzen des treuen Knechtes, der während Seiner Abwesenheit für Ihn gelebt und gearbeitet hat! Warten unsere Herzen auf Ihn und sehnen sie sich nach Ihm? Sind wir während Seiner Abwesenheit für Christus tätig; suchen wir, in Gehorsam gegenüber Seinem Wort zu handeln, indem wir Seiner Wiederkunft mit Freuden entgegensehen?


Originaltitel: „Occupy till I come“, in The Christian′s Friend and Instructor, Bd. 8, 1881, S. 29-32
auf Deutsch übersetzt in Ermunterung und Ermahnung, 1985, S. 45-53


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