Der Prophet Joel (4)
Kapitel 4

Henri Louis Rossier

© SoundWords, online seit: 10.07.2018, aktualisiert: 01.10.2018

Der Tag des HERRN oder das Gericht über die Nationen

Kapitel 4 zeigt uns eine neue Seite des Tages des HERRN. Dieser Tag war schon zum Voraus als nahe angezeigt worden, als die Heuschrecken einfielen (Joel 1,15). Er wird in Joel 4,31 beim Einfall des Assyrers – wovon die Heuschrecken ein Vorbild waren – in Verbindung mit vorausgehenden Zeichen als kommend und nahe dargestellt. Endlich sehen wir diesen Tag in Joel 2,11 als schon da, weil dort der Angriff des Assyrers Tatsache wird.

Dann haben wir gesehen, dass infolge der Buße Judas und Jerusalems der Assyrer vernichtet und der Heilige Geist auf den Überrest und auf alles Fleisch ausgegossen wird. Der „Tag des HERRN“ zeigt uns, dass alle gegen Jerusalem versammelten Nationen vernichtet werden müssen. Es ist der Tag ihres Gerichts ebenso wie der der Vernichtung des Assyrers. In der Tat finden die Ereignisse in Kapitel 2 und 4 miteinander statt; sie sind in Joel nur getrennt, um den Hauptgegenstand dieses Propheten – den Angriff und die Vernichtung des Assyrers – hervorzuheben. Wir haben Grund, anzunehmen, dass der Assyrer im Gericht über alle Nationen, das uns in Kapitel 4 gezeigt wird, mit inbegriffen ist; er wird aber dort wohl darum nicht genannt, weil sein besonderes Los schon in Kapitel 2 im Einzelnen behandelt ist. Wir wissen sogar schon aus dem Propheten Daniel und aus der Offenbarung des Johannes, dass sein Gericht dem der abtrünnigen Nationen, die durch das Tier und den falschen Propheten dargestellt werden, nicht vorausgehen, sondern gleich nachfolgen wird; dies würde also chronologisch Kapitel 4 vor Kapitel 2 setzen. Um den Tag des HERRN klarzumachen, werden für ihn in beiden Kapiteln dieselben Ausdrücke gebraucht. Damit wird gezeigt, dass es sich eben um ein und denselben „Tag“ handelt: „Nahe ist der Tag des HERRN im Tal der Entscheidung“ (Joel 4,14; 2,1). Was wir in Bezug auf die Übereinstimmung dieser Ereignisse dargestellt finden, wird bestätigt durch die Tatsache, dass die tausendjährige Segnung ebenso nach dem Tal Josaphat erwähnt wird wie nach der Niederlage des Assyrers (Joel 2,23-27; 4,4-7.18-21).

Somit werden die verschiedenen Ereignisse der Endzeit mit dem Namen Tag des HERRN bezeichnet; und zwar haben wir es in Kapitel 4 mit der Gesamtheit des letzten Dramas zu tun.

Verse 1.2

Joel 4,1.2: Denn siehe, in jenen Tagen und zu jener Zeit, wenn ich die Gefangenschaft Judas und Jerusalems wenden werde, dann werde ich alle Nationen versammeln und sie in die Talebene Josaphat hinabführen; und ich werde dort mit ihnen rechten über mein Volk und mein Erbteil Israel, das sie unter die Nationen zerstreut haben; und mein Land haben sie geteilt.

Infolge der Buße hat sich ein Überrest aus Juda und Jerusalem gebildet, auf den der Heilige Geist ausgegossen worden ist. Den Entronnenen ist Befreiung geworden für Juda und für die „Übriggebliebenen“ alle, die der HERR berufen hat. Das sind die Tage, wenn Gott die Gefangenschaft Judas und Jerusalems wenden wird (Joel 4,1); denn wie schon oben bemerkt, handelt es sich in Joel nur um diesen unter beschränktem Gesichtswinkel gesehenen Überrest, nicht um die gesamte „Gefangenschaft“, d.h. den Überrest Jerusalems und Judas. Damit seinem Volk eine volle Befreiung bewirkt werden kann, müssen am Tag des HERRN alle Nationen (Gojim), die Juda und Jerusalem „zertreten“ haben, demselben Gericht anheimfallen wie der Assyrer: „Ich werde alle Nationen versammeln und sie in das Tal Josaphat hinabführen“ (Joel 4,2).

Man hat über das „Tal Josaphat“ schon viel geschrieben und diskutiert. Eine Überlieferung, die keine Stütze im Wort Gottes hat, will es örtlich festlegen auf das Tal des Kidron, das Jerusalem vom Ölberg trennt. Diese Überlieferung, die heute noch unter den Juden und Mulimen Geltung hat, stammt höchstens aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. Ganz allgemein wird das Jüngste Gericht in das Tal Josaphat verlegt, weil das Gericht der lebenden Nationen, wovon doch die Prophezeiung so oft redet, und hier sogar im Besonderen, den meisten verborgen ist. Diese Legende ist wohl zurückzuführen auf den Umstand, dass Jerusalem (Joel 4,16; Sach 14,1) in Verbindung mit dem Schauplatz des Gerichts steht. Jedoch soll noch kann der Schauplatz selbst örtlich festgelegt werden. Selbst das für „Tal“ gebrauchte Wort (hebr. emeq) bezeichnet niemals ein enges Tal, wie das Tal zwischen Jerusalem und dem Ölberg z.B. ein enges Tal ist.

In allererster Linie muss daran gedacht werden, dass das Wort Josaphat (= „Der HERR richtet“) in direkter Beziehung zu unserem Kapitel steht, das vom Gericht des HERRN über die Nationen redet und den Ort, wo dieses stattfindet, als Tal des Gerichtes bezeichnet (oder vielmehr: das Festbeschlossene, vgl. Jes 10,42.22.23). Somit hat dieses Wort eine symbolische Bedeutung. Andererseits bezweifeln wir nicht, dass es auf die Geschichte des Königs Josaphat in 2. Chronika 20 anspielt; denn man darf nicht vergessen, dass es sich in unserem Kapitel um das Gericht der Nationen handelt, das die Segnung des bußfertigen Überrestes herbeiführen wird. In der Geschichte Josaphats aber haben wir gerade die Geschichte der Befreiung des Überrestes, das durch das Gericht Gottes über dessen Feinde hervorgerufen wird. Der Sieg Josaphats über die große Menge der Nationen, die gegen Jerusalem heraufgezogen war, wurde erfochten am Ende der Anhöhe Ziz und des Tales (eingeschlossenes Tal, hebr. nachal), das sich gegen die Wüste von Jeruel und von Tekoa öffnet (Joel 4,12.15.16).

Josaphat war seinem Gott untreu geworden, indem er sich mit dem gottlosen Ahab, dem damaligen König von Israel, verbündet hatte (2Chr 18). In der Bedrängnis durch den Feind schrie er zu Gott, und Er kam ihm zu Hilfe (2Chr 18,31). Zum zweiten Mal untreu, hatte er sich mit Joram, Ahabs Sohn, und dem König von Edom gegen Moab verbündet; eine Schande für sein Zeugnis als Diener Gottes (2Kön 3). Die Niederlage Moabs erregte bei diesem stolzen Volk einen heftigen Hass gegen Juda. In Gemeinschaft mit den Kindern Ammon und den Maonitern von Seir (Edom) überfiel Moab das Gebiet Judas, indem er das Tote Meer umging und bei Engedi lagerte. Dies alles – die Folge der Untreue des Königs – zeichnet im Kleinen die Geschichte Judas und Jerusalems. Josaphat erkennt und bekennt seine Untreue. Bevor er den Feind angreift, ruft er ein Fasten aus und versammelt das Volk, „und ganz Juda stand vor dem HERRN, samt ihren kleinen Kindern, ihren Frauen und ihren Söhnen“ (2Chr 20,2.13). Dieses Fasten erinnert unwillkürlich an das von Joel 2,15. Dann ruft Josaphat in tiefem Bewusstsein seiner Schwachheit Gott an, dass Er ihn errette: „Unser Gott, willst du sie nicht richten? Denn in uns ist keine Kraft vor dieser großen Menge, … auf dich sind unsere Augen gerichtet“ (2Chr 20,9.12). Man hört dieselbe Bitte aus dem Schoß der Demütigung in Joel 2,17. Darauf erklärt der HERR, dass dieser Krieg nicht der ihrige, sondern Gottes Streit sei (2Chr 20,15). „Der Geist des HERRN kam mitten in der Versammlung“ (2Chr 20,14), wie dies in Joel das gesegnete Teil des Überrestes sein wird (Joel 3,1). Die Männer Josaphats steigen vor dieser Menge gerüstet hinunter in die Wüste Tekoa, aber nicht, um zu kämpfen, sondern um die Befreiung des HERRN, der mit ihnen ist, zu schauen (2Chr 20,17.21). Sie begegnen dem Feind im Tal (hebr. emeq, gleich wie in Joel 4,2.12.14). Dieses Tal des Gerichts wird für Josaphat und sein Volk das Tal Beraka, d.h. Tal der Segnung. Nach dem Sieg stimmen sie den berühmten Lobgesang des Tausendjährigen Reiches an: „Preist den HERRN, denn seine Güte währt ewig!“ (2Chr 20,20.21).

Wir wiederholen: All dies erinnert auffällig an den Vorgang in Joel 4. Infolge der Untreue Israels und angesichts der daraus hervorgehenden Gerichte wird das gesamte Volk versammelt und Fasten und Buße ausgerufen; Juda und Jerusalem merken auf, und der Heilige Geist wird ausgegossen. Die Nationen ziehen in großer Menge gegen Jerusalem hinauf und kommen in das Tal, das zum Gerichtsschauplatz bestimmt ist, wo sie vernichtet werden. Das Gericht wird durch den Herrn selbst ausgeübt und nicht durch diejenigen, die Ihn begleiten. Genauso wird es sein, wenn der König der Könige mit seinen Heerscharen aus dem Himmel hervortreten und die Nationen mit dem zweischneidigen Schwert schlagen wird, das aus seinem Mund hervorgeht (Off 19). An diesem Tag wird als Folge dieses Vorgangs, der in Joel vom jüdischen Standpunkt aus gesehen wird, das Tal Josaphat zum Tal Beraka, d.h. zum Tal der tausendjährigen Segnung unter der Regierung des Christus (Joel 4,18-21).

Wenn auch die Anspielung auf den Sieg Josaphats klar erscheint, so bleibt es trotzdem durchaus unnötig, diesen Vorgang örtlich festzulegen. Der Sinn vom „Tal Josaphat“ ist wie schon gesagt der, dass „der HERR richten wird“, wie Er es in 2. Chronika 20 tat. Ob nun der Ort in Joel und in Chronika derselbe ist, ist ohne Belang, selbst dann, wenn diese Möglichkeit besteht. Jedoch kann es gefährlich werden, prophetische Ereignisse an einen Ort zu binden, wenn der symbolische Sinn der maßgebenden Ausdrücke augenscheinlich ist.

Das Tal Josaphat versinnbildlicht einen Abschnitt aus einer Gesamtheit von Ereignissen, die alle zum „großen und furchtbaren Tag des HERRN“ gehören und sich an eine Haupttatsache anschließen: die Erscheinung des Herrn. Diese Erscheinung wird erfolgen, wenn die Himmel sich öffnen werden und der Herr, wie wir es betrachtet haben, mit seinen himmlischen Heerscharen hervortreten wird. An diese Erscheinung schließen sich die verschiedenen Akte seines Kommens zum Gericht an, um sein Königreich in Zion aufzurichten. Diese Ereignisse gehen, wie wir im Propheten Sacharja sehen, nicht gleichzeitig vor sich, d.h. nicht im gleichen Augenblick, sondern sie bilden eine ununterbrochene Kette von Geschehnissen, die begleitet sind von seinen verschiedenen Offenbarungen. Sie gehören alle zu seiner „Erscheinung“ als Teile des Tages des HERRN.

Die Erscheinung des HERRN oder die „Erscheinung seiner Ankunft“ ist der zweite Akt seines Kommens. Bei dem ersten und für die Welt unsichtbaren Kommen wird Er die Seinen zu sich nehmen, um sie in die ewige Herrlichkeit einzuführen. Beim zweiten Kommen wird Er von den Seinen begleitet sein und mit ihnen das Gericht über die Nationen ausüben. Dieses wird allen sichtbar sein: „Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, die ihn durchstochen haben“ (Off 1,7). Nur von diesem zweiten Kommen, niemals aber vom ersten, redet die Prophezeiung des Alten Testaments; denn sein Kommen für die Heiligen ist ein Geheimnis, das erst im Neuen Testament offenbart wird. Aber dieser zweite Akt – die Erscheinung des Herrn zum Gericht – hat wiederum zwei Seiten, nämlich eine himmlische und eine irdische. Die himmlische Seite gehört dem Neuen, die irdische dem Alten Testament an. Indem wir dies bemerken, können wir den Unterschied zwischen den Gesichtspunkten des Alten und denen des Neuen Testaments nicht genug betonen. Wenn sich diese ganz verschiedenen, ja entgegengesetzten Offenbarungen auch niemals widersprechen, so dürfen wir sie doch nicht miteinander vermengen.

Diese Bemerkung ist gerade für unseren Gegenstand sehr wichtig. Im Neuen Testament zeigen uns die prophetischen Stellen in 2. Thessalonicher 1 und Offenbarung 19 betreffend der Erscheinung des Herrn sein Offenbarwerden vom Himmel her mit den Engeln seiner Macht und allen Heiligen, um die Rache an den namenchristlichen Nationen auszuüben, die dem westlichen Teil des Reiches des Tieres, d.h. dem am Ende der Zeiten wiedererstandenen Römischen Reich angehören. Dabei wird das Gericht am Assyrer gar nicht erwähnt. Das Tier und der falsche Prophet werden gerichtet und in den Feuersee geworfen. Die Prophezeiung des Alten Testaments dagegen zeigt uns die Dinge nicht von diesem Gesichtspunkt aus; dort wird der Herr auf der Erde offenbart. Ohne Zweifel kommt Er aus dem Himmel; aber so, wie Ihn die Jünger einst zum Himmel auffahren sahen (Apg 1,11), wird Er wiederkommen, und seine Füße werden auf dem Ölberg stehen. Er kommt hier nicht wie in der Offenbarung, um seine Anrechte auf sein allgemeines Königreich geltend zu machen und die Erde in Besitz zu nehmen, indem Er alle seine Feinde vernichtet, sondern hier kommt Er, um sein Königreich über Israel aufzurichten, um in Zion, dem heiligen Berg Gottes, zum König gesalbt zu werden (Ps 2,6).

Aber um dies zu ermöglichen, muss das Gericht stattfinden über alle Nationen, die Israel geknechtet und misshandelt haben. Dazu wird der Herr sie sammeln und ins Tal Josaphat bringen. Er wird sie richten wegen seines Volkes, seines Erbteils, das sie unter die Nationen zerstreut haben. Der Anklagegegenstand wird einzig und allein aus den Untaten, die sie an dem Volk Gottes vollbracht haben, bestehen.

Verse 2b.3

Joel 4,2b.3: und mein Land haben sie geteilt und über mein Volk das Los geworfen; und den Knaben haben sie für eine Hure gegeben und das Mädchen für Wein verkauft, den sie getrunken haben.

Tyrus, Sidon und Philistäa (später auch Ägypten und Edom; Joel 4,19) werden im Gericht unterschieden, denn wir haben hier das allgemeine Gericht aller Nationen, die das Land unter sich verteilt und „Jerusalem zertreten“ haben (Lk 21,24).

Verse 4-6

Joel 4,4-8: Und auch ihr, was wollt ihr mir, Tyrus und Sidon und alle ihr Bezirke Philistäas? Wollt ihr mir eine Tat vergelten, oder wollt ihr mir etwas antun? Schnell, unverzüglich werde ich euer Tun auf euren Kopf zurückbringen, dass ihr mein Silber und mein Gold weggenommen und meine besten Kleinode in eure Tempel gebracht und die Kinder Judas und die Kinder Jerusalems den Kindern der Griechen verkauft habt, um sie weit von ihrer Grenze zu entfernen. Siehe, ich will sie erwecken von dem Ort, wohin ihr sie verkauft habt, und will euer Tun auf euren Kopf zurückbringen. Und ich werde eure Söhne und eure Töchter in die Hand der Kinder Judas verkaufen; und diese werden sie an die Sabäer verkaufen, an eine ferne Nation; denn der HERR hat geredet.

Die oben genannten Völker hatten geraubt und das Erbteil Gottes bestohlen und die Kinder Judas nach Griechenland verkauft[1], um sich ihres Landes zu bemächtigen, des Landes, das dem HERRN gehört. Sie werden ein von den übrigen verschiedenes Schicksal erleiden: Die Kinder Judas werden sie den Sabäern verkaufen.

Es ist von Interesse, diese Stelle mit der eines Buches zu vergleichen, das nichts mit einer inspirierten Schrift gemein hat, aber den Wert eines historischen Dokuments besitzt. Man liest im ersten Buch der Makkabäer (3,38-41):

Lysias erwählte Ptolemäus, Dorimenes Sohn, Nikanor und Gorgias, tüchtige Hauptleute und Freunde des Königs, und er sandte mit ihnen 40.000 Männer zu Fuß und 7000 Reiter, um das Land Juda einzunehmen und es zu zerstören nach den Geboten des Königs. Sie machten sich auf den Weg mit allen ihren Truppen, und als sie ins Land Juda kamen, lagerten sie sich bei Emmaus in der Ebene. Als die Kaufleute des Landes von ihrer Ankunft hörten, nahmen sie mit sich viel Silber und Gold, und Fesseln, und sie kamen in das Lager der Syrer, um die Kinder Israel als Sklaven zu kaufen. Zu diesem Heer kamen die Truppen von Syrien und Philistäa hinzu.

Dieses Gericht ist ein kriegerisches Gericht von besonderem Charakter und erinnert, wie schon oben gesagt, an den Sieg Josaphats. Wie der HERR seine Stimme vor seinem Heer, dem Assyrer her, erschallen ließ, als es sich um die Züchtigung seines Volkes (Joel 2,11) handelte, so lässt Er jetzt seine Stimme in den Ohren der Nationen hören, um ihre ganze Macht zu vernichten. Die Weltmächte glauben, ihre Pläne und politischen Ziele zu verfolgen, und ahnen nicht, dass sie ihrer endgültigen Vernichtung entgegeneilen. Alle Arbeiten des Friedens werden liegengelassen und die landwirtschaftlichen Geräte werden in Kriegswaffen umgeschmiedet:

Verse 9-11

Joel 4,9-11: Ruft dies aus unter den Nationen, heiligt einen Krieg, erweckt die Helden; alle Kriegsmänner sollen herankommen und heraufziehen! Schmiedet eure Pflugscharen zu Schwertern und eure Winzermesser zu Lanzen; der Schwache sage: Ich bin ein Held! Eilt und kommt her, alle ihr Nationen ringsum, und versammelt euch! Dahin, HERR, sende deine Helden hinab!

Sie kommen zum Kampf herauf, um sich mit dem schwachen Überrest Judas auseinanderzusetzen, in Wirklichkeit aber, um gegen seinen König, der seine Herrlichkeit seinen Heiligen auf dem Ölberg gezeigt hat, zu kämpfen. Dies ist in der Tat die Schlussszene. Welches auch die politischen Ziele der Völker sein mögen, sie versammeln sich alle – die Heere des Römischen Reiches im Westen, dann die Reiche des Nordens und des Ostens –, um Jerusalem in Besitz zu nehmen. Dies ist der große Streit, der durch die „Orientfrage“ hervorgerufen wird.

Was wird das Ergebnis davon sein? „Dahin, HERR, sende deine Helden hinab!“ (Joel 4,11). Man hat in diesen Helden die himmlischen Heerscharen sehen wollen. Dies heißt wiederum, die Vorgänge in der Offenbarung (Off 19) mit der Prophezeiung des Alten Testaments zu verknüpfen, während es sich hier, wie wir nicht zweifeln, um den schwachen Überrest Judas handelt, der seinen König umgibt wie einst die Helden Davids oder wie die Handvoll Helden des Königs Josaphat am Tag der Schlacht. Jesaja 13,3 enthüllt uns, wer sie sind, und gibt uns Aufschluss über ihren Charakter: „Ich habe meine Geheiligten entboten, auch meine Helden zu meinem Zorn gerufen, meine stolz Frohlockenden.“ Aber sie sind ebenso wenig zum Kampf aufgerufen wie seinerzeit Josaphat mit seinem Gefolge. Sie werden einfach dem Gericht beiwohnen, das der HERR ausführen wird. Es verhält sich ganz gleich mit den himmlischen Heerscharen in Offenbarung 19, nur werden die Helden des Sohnes Davids die Nationen plündern und ihnen ihre Beute rauben (2Chr 20,25) oder nach Jesaja 11,14: „Sie werden den Philistern auf die Schultern fliegen nach Westen, werden miteinander plündern die Söhne des Ostens; an Edom und Moab werden sie ihre Hand legen, und die Kinder Ammon werden ihnen gehorsam sein.“ Diese Nationen sind in Daniel 11,41 dem Assyrer entgangen. Dasselbe wird in Hesekiel 25,14 von Edom gesagt: „Ich werde meine Rache über Edom bringen durch die Hand meines Volkes Israel“, ebenso in Obadja 15: „Denn der Tag des HERRN ist nahe über alle Nationen: Wie du [Edom] getan hast, wird dir getan werden; dein Tun wird auf dein Haupt zurückkehren.“

Vers 12

Joel 4,12: Die Nationen sollen sich aufmachen und hinabziehen in die Talebene Josaphat; denn dort werde ich sitzen, um alle Nationen ringsum zu richten.

Wenn nun auch das Gericht über die Nationen kriegerischen Charakter hat, so wird es doch nicht ein eigentlicher Kampf sein: „Die Nationen sollen sich aufmachen und hinabziehen in das Tal Josaphat; denn dort werde ich sitzen, um alle Nationen ringsum zu richten“ (Joel 4,12). Diese Szene ist ganz verschieden im Aussehen vom Auszug des Herrn auf dem weißen Pferd in Begleitung der Heerscharen im Himmel, um in Gerechtigkeit zu richten und zu kämpfen (Off 19,11-14).

Der Sitz dieses Gerichts, der Ort, wo der HERR richten wird, ist Jerusalem und Zion: „Der HERR brüllt aus Zion und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen, und Himmel und Erde erbeben“ (Joel 4,16). Trotz gewisser Übereinstimmungen hat das hier entwickelte Bild nichts gemeinsam mit dem Gericht in Matthäus 25,31-46, das später erfolgt. Dort wird „der Sohn des Menschen kommen in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm; dann wird er auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen; und alle Nationen werden vor ihm versammelt werden“. Er wird auch dort alle Nationen versammeln, und wenn es auch ein nationales Gericht sein wird, so wird doch auch jeder Einzelne sich zu verantworten haben. Er wird die Guten und die Bösen voneinander scheiden. Sie werden als gut oder böse unterschieden, je nachdem sie einzeln oder als Volk die Brüder des Sohnes des Menschen aufgenommen und behandelt haben. Unter den „Brüdern“ haben wir hier die jüdischen Boten zu verstehen, die Gott gesandt hat, um ihnen das Evangelium des Königreiches zu verkündigen und die Nationen einzuladen, sich dem Zepter des wahren David, Jesus Christus, zu unterwerfen. Als Folge des Urteilsspruches werden die einen in die ewige Pein, die andern ins ewige Leben eingehen.

Vers 13-15

Joel 4,13-15: Legt die Sichel an, denn die Ernte ist reif; kommt, stampft, denn die Kelter ist voll, die Fässer fließen über! Denn groß ist ihre Bosheit. Getümmel, Getümmel im Tal der Entscheidung; denn nahe ist der Tag des HERRN im Tal der Entscheidung. Die Sonne und der Mond verfinstern sich, und die Sterne verhalten ihren Glanz.

Ganz anders aber verhält es sich in Joel. Dieses Buch endet mit der Ernte und Weinlese: „Legt die Sichel an, denn die Ernte ist reif; kommt, stampft, denn die Kelter ist voll, die Fässer fließen über! Denn groß ist ihre Bosheit“ (Joel 4,13). Diese Bilder werden auch in manchen anderen Stellen der Schrift angewandt. Offenbarung 14,14-20 hat viel Gemeinsames mit dem hier Gesagten, ist aber von merklich größerer Tragweite. Dort sehen wir einen gleich dem Sohn des Menschen sitzen, aber auf der Wolke, der im gottgewollten Augenblick die Ernte einsammelt, die dort die Bevölkerung der ganzen Erde umfasst. Hier aber sehen wir Ihn in Jerusalem sitzen, und zwar auf seinem Thron, wohin Er die Volksmengen strömen lässt, in das Tal des Gerichtes (hebr. charuts), dessen Urteilsspruch zum Voraus bestimmt ist. Die Nationen rücken zum Kampf heran und legen dadurch die Einstellung ihrer Herzen gegen Christus und sein Volk an den Tag; denn was sein Volk berührt, berührt Ihn selbst. Damit die Nationen auf frischer Tat ergriffen werden können, müssen sie vor dem unausweichlichen Gericht unter Waffen gefunden werden, sie, die alle Werkzeuge des Friedens und Gedeihens zur Vorbereitung des Krieges verwendet haben. Haben wir nicht schon selbst erlebt, wie man in ungezügeltem Missbrauch alles der Kriegsaufrüstung opfert?

In Offenbarung 14 werden die Ernte und die Weinlese deutlich von einander unterschieden; die Enrte hat die Nationen, die Weinlese das abtrünnige Israel zum Gegenstand. Hier in Joel finden wir nichts dergleichen, obwohl wir glauben, dass die abtrünnigen Juden, das Volk des Antichristen, das sich mit den Nationen einsmachen wird, in deren Gericht mit inbegriffen sein werden. Ernte und Weinlese sind in unserer Stelle vereinigt (die Ernte ist reif, die Fässer fließen über), weil sich diese Stelle nicht mit der Beziehung der Völker zu den ungläubigen Juden, sondern zu dem Überrest Judas und Jerusalems beschäftigt, wann deren Gefangene befreit sein werden. Die Ernte ist hier das Gericht über die Feinde Israels, wobei die Spreu vom Weizen getrennt wird; die Weinlese dagegen bedeutet deren erbarmungslose Vernichtung.

Es mögen noch ein paar Stellen folgen, die denselben Vorgang behandeln. Psalm 18,30-45 feiert das dem Sohn des Menschen übergebene Gericht der Nationen. Es endet mit einer anscheinenden Unterwerfung unter sein eisernes Zepter. Psalm 78,65.66 beschreibt ebenfalls diese Szene: Derjenige, der den Stamm Juda und den Berg Zion zum Sitz seiner Macht erwählt hat, „schlägt seine Feinde von hinten, gibt ihnen ewige Schmach“. Sacharja 14,3 scheint außer dem Gericht über den Assyrer auch das über die Nationen mit einzuschließen, die übereingekommen waren, Israel zu unterdrücken; denn der Kampf wird dort vom „Tag der Schlacht“ unterschieden. Man könnte diese Anführungen vervielfältigen, wir beschränken uns aber auf diese wenigen hier.

Wenn wir alle die berührten Stellen zusammenfassen, können wir vier Ereignisse als Teilabschnitte des großen Ganzen, d.h. des Tages des HERRN, der Erscheinung des HERRN oder der „Erscheinung seiner Ankunft“, feststellen. Diese sind folgende:

  1. Die Vernichtung der Heerscharen des Tieres (des römischen Weltreiches) und des falschen Propheten (des Antichristen) durch die Erscheinung des Sohnes des Menschen, der mit seinem Heer aus dem Himmel kommt (Off 19).
  2. Die Folge davon ist die Erscheinung des Messias Jesus Christus auf dem Ölberg, um den Überrest zu befreien und den Assyrer zu vernichten (Jes 31,4-9; Sach 14,3.4).
  3. Das kriegerische Gesamtgericht über die Völker, die das Land Israel umgeben und die Unterdrücker des Volkes Gottes sind. An diesem kriegerischen Gericht nimmt auch der Überrest Judas teil. (Da es ein allgemeines Gericht ist, umfasst es auch alle oben aufgeführten Nationen, jedoch alles vom jüdischen Standpunkt aus gesehen; Joel 3; Obadja usw.)
  4. Das Gericht über die Nationen zur Scheidung von Schafen und Böcken, wenn der Sohn des Menschen, von seinen Engeln umgeben, sich auf seinen Thron der Herrlichkeit setzen wird. Dieses Gericht wird diejenigen von den Nationen erfassen, die die Boten des Herrn verworfen haben, die ihnen das Evangelium des Königreiches verkündigten (Mt 25,31-46).

Ebenso wie dem Tag des Herrn schreckliche Zeichen vorangehen werden, werden ähnliche dieses Gericht im Tal Josaphat begleiten: „Die Sonne und der Mond verfinstern sich, und die Sterne verhalten ihren Glanz“ (Joel 4,15).

Verse 16.17

Joel 4,16.17: Und der HERR brüllt aus Zion und lässt aus Jerusalem seine Stimme erschallen, und Himmel und Erde erbeben. Und der HERR ist eine Zuflucht für sein Volk und eine Festung für die Kinder Israel. Und ihr werdet erkennen, dass ich, der HERR, euer Gott bin, der auf Zion wohnt, meinem heiligen Berg. Und Jerusalem wird heilig sein, und Fremde werden es nicht mehr durchziehen.

Nach dem Gericht wird der HERR „eine Zuflucht für sein Volk und eine Festung für die Kinder Israel“ sein. Dann werden sie Ihn an den Segnungen des neuen Bundes erkennen: „Ihr werdet erkennen, dass ich, der HERR, euer Gott bin.“ Er wird von da an in ihrer Mitte wohnen: „Ich wohne auf Zion, meinem heiligen Berg.“ „Jerusalem wird heilig sein“, für immer von aller Befleckung gereinigt und dem HERRN geweiht, und die Fremden, die bis dahin Gottes Gerichtsruten gegen sein untreues Volk waren, werden die geliebte Stadt hinfort nicht mehr zertreten (Joel 4,16.17).

Vers 18

Joel 4,18: Und es wird geschehen, an jenem Tag werden die Berge von Most triefen und die Hügel von Milch fließen, und alle Bäche Judas werden von Wasser fließen; und eine Quelle wird aus dem Haus des HERRN hervorbrechen und das Tal Sittim bewässern.

Jetzt kann der Segnung freien Lauf gelassen werden. Das Tal Josaphat ist zum Tal Beraka (Preis- und Segenstal) geworden (2Chr 20,26). Überall im Land Israel werden Freude, Erquickung und geistliche Segnung ausgeschüttet werden. Das Volk des HERRN wird keinerlei Mangel mehr haben. Das Land wird dann wieder zu dem geworden sein, was es nach den Gedanken Gottes sein sollte, als seine Gnade den zwölf Stämmen dessen Grenzen öffnete (5Mo 8,7-10).

„Eine Quelle wird aus dem Haus des HERRN hervorbrechen und das Tal Sittim bewässern“ (Joel 4,18). Dies ist ein Naturvorgang, ebenso gleichzeitig ein Symbol (vgl. Hes 47,1-12; Sach 14,8; Off 22,1.2). Die göttliche Segnung wird überall, wohin sie kommt, Leben verbreiten. Sittim ist nahe beim Jordan von Jericho, in den Ebenen Moabs (4Mo 26,3; 31,12; 33,48.49). Dort hatte Israel gelagert, als es die Sünde mit den Töchtern Moabs beging (4Mo 25,1). Von dort aus hatte Josua die Kundschafter gesandt, um Jericho zu erforschen (Jos 2,1). Von dort aus auch brach Israel auf, um den Jordan zu überschreiten. Die Wasser werden von Jerusalem nach der Araba oder das Tal Sittim hinabfließen, wo auch der Jordan dahinzieht, und werden das Tote Meer erreichen. In Sacharja geht die Quelle von Jerusalem aus, um einerseits ins Mittelmeer, andererseits ins Tote Meer zu fließen. Hier geht sie vom Tempel auf dem Berg Zion aus und bewässert Sittim, das unfruchtbare Jordantal oberhalb des Toten Meeres. In Hesekiel fließen die Wasser in die Ebene (Sittim) hinab nach Osten und gelangen zum Toten Meer, das sie gesund machen. Der Berg Seir im Gebiet Edoms, der dieses ehemals wüste Gelände beherrscht, wird Zeuge dieser Fülle von Segnungen sein, die über dieses Volk ausgegossen werden, dessen Blut Edom in seinem heftigen Hass und seiner Zerstörungswut vergossen hat. Alle Propheten bezeugen, dass Edom am Tag der Rache keine Wiederherstellung erlangen wird (vgl. Obadja).

Verse 19-21

Joel 4,19-21: Ägypten wird zur Einöde und Edom zu einer öden Wüste werden wegen der Gewalttat an den Kindern Judas, weil sie in ihrem Land unschuldiges Blut vergossen haben. Aber Juda soll in Ewigkeit bewohnt werden und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht. Und ich werde sie von ihrem Blut reinigen, von dem ich sie nicht gereinigt hatte. Und der HERR wird in Zion wohnen.

Von da an wird der Zustand der Segnung für immer bestehen, umfasst aber in unserem Propheten, wie schon oft gesagt, nur Juda und Jerusalem. „Juda [im Gegensatz zu Edom, das eine „öde Wüste“ sein wird] soll in Ewigkeit bewohnt werden und Jerusalem von Geschlecht zu Geschlecht.“ Und Gott fügt hinzu: „Und ich werde sie von ihrem Blut reinigen, von dem ich sie nicht gereinigt hatte. Und der HERR wird in Zion wohnen“ (Joel 4,21).

Diese „Reinigung vom Blut“ wird ohne Zweifel deshalb erwähnt, weil sich hier der Vorgang auf Juda und Jerusalem beschränkt, denn man muss annehmen, dass es sich hier um das Blut des Christus handelt, dessen Juda und Jerusalem schuldig ist, wie das unschuldige Blut des Volkes auf Edom gefallen ist, das es vergossen hat (Joel 4,19). Nun aber ist das Volk Gottes von seiner Blutschuld gereinigt, und der HERR kann jetzt in Frieden in seiner Mitte wohnen auf dem Berg der königlichen Gnade. Das Blut, dessen Jerusalem sich schuldig gemacht hatte, indem es den Heiligen und Gerechten tötete, ist zum Sühnungsblut geworden, durch das ihr Vergehen für immer ausgelöscht ist und das sie mit Gott versöhnt hat. Aufgrund dieser vollbrachten Sühnung lagern sie nun von Geschlecht zu Geschlecht um ihren herrlichen König, der Zion erwählt und als seine Wohnung begehrt hat. „Dies ist meine Ruhe auf ewig; hier will ich wohnen, denn ich habe es begehrt“ (Ps 132,13.14).

Ist es nun nicht bemerkenswert, dass mit dem letzten Wort dieses Buches der Beweggrund aller Wege Gottes mit seinem Volk enthüllt wird? Die Schmach seines eingeborenen Sohnes, der herabgekommen war, um die Sünde der Welt hinwegzunehmen, die Kreuzigung ihres Königs, ist die Ursache der schrecklichen Gerichte, die Gott über sie verhängt hat – aber gerade ihre Schuld, das Verbrechen, das Blut des Lammes vergossen zu haben, ist das Mittel geworden, das Gott angewandt hat, um sein Volk zu reinigen und sich zu erkaufen, um alle Dinge mit Gott zu versöhnen und auf Erden ein Königreich der Gerechtigkeit und des Friedens aufzurichten. Welch wunderbare Gnade! Gott bedient sich des Hasses Satans und des Verbrechens des Menschen, um die Herrschaft des Christus und unsere ewige Segnung einzuführen! Ihm sei die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit!

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Anmerkungen

[1] Siehe auch Amos 1,6-9, wo die Kinder Israel durch die Tyrer und die Philister an Edom verkauft werden.


Französischer Originaltitel: Le Livre du prophète Joël

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